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Echter Kunstgenuss: Andy Warhol und die süßen Seiten des Lebens

06/12/2017 15:50 CET | Aktualisiert 06/12/2017 15:50 CET

Die Kunst ist in der Welt der Algorithmen, in der Träume schlimmstenfalls als geistiger Müll gelten, unser letzter Zufluchtsort. Bücher helfen uns, ihn zu erschließen und die Hauptmotive kreativer Menschen besser zu verstehen: Das Gefühl, nicht geliebt zu werden, mangelndes Selbstwertgefühl, Zweifel, Frustration oder eine Krankheit bringen sie dazu, schöpferisch tätig zu sein. So war es auch bei Andy Warhol, dem wohl bedeutendsten Vertreter der Pop Art, der 1987 unter ungeklärten Umständen in New York verstarb. Geboren 1928 in Pittsburgh (Pennsylvania) als Andrew Warhola, wuchs er als jüngster von drei Kindern in einer ärmlichen Bauernfamilie auf.

Im Alter von acht Jahren erkrankte er an einer Pigmentstörung ("Chorea Minor"). Aufgrund seiner Hautfarbe und der hellen Haare wurde er für einen Albino gehalten. Um sich von seiner Krankheit abzulenken, begann er zu zeichnen und Comics zu lesen.

Im New York der 1950-er Jahre, bevor er zu einem der bekanntesten Künstler des 20. Jahrhunderts wurde, arbeitete Warhol als Gebrauchsgrafiker und Dekorateur. Der Kunst widmete er sich damals nur nebenbei: Er nutzte Tinte und Tusche, um Motive und Porträts von Engeln oder Schmetterlingen zu zeichnen. Mit Löschpapier übertrug er diese Malerei im Anschluss auf ein neues Blatt. Um Kunden zu gewinnen, Freundschaften und Netzwerke aufzubauen, gestaltete er sieben handgefertigte Bücher mit eigenen Zeichnungen und skurrilen Texten in Kleinstauflage, die u. a. sein Faible für Katzen, Essen, Kuchen, Kinder, Schuhe und junge Frauen und Männer erkennen lassen: Love Is a Pink Cake, 25 Cats Named Sam und À la recherche du shoe perdu.

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Copyright: TASCHEN

Die Bücher betonen die Macht und Magie, die den Dingen eigen sind oder durch ihren Gebrauch entstehen, heute sind sie unerschwingliche Sammlerstücke. Die Reprints dieser Bücher im TASCHEN Verlag gleichen Warhols Originalen im Detail - bis hin zum ursprünglichen Format und Papier.

In seinen Werbebüchlein („Promotionals"), die sich dem Geist der Vielfalt verdanken, spielt er mit Stilen und Gattungen, mit Design, Materialien und Formaten. Dabei geht es nicht um die Frage, wer oder was er ist, sondern was er machen kann: aus sich selbst und den Möglichkeiten, die sich ihm boten. Nicht das Sein stand im Vordergrund, sondern das Können, das nur in Kooperation mit anderen Künstlern zur vollen Entfaltung kam: Autoren schrieben Originaltexte, Fotografen lieferten Bilder zum Nachzeichnen, Freunde und Bekannte kolorierten seine Bilder auf „Ausmalpartys", oder Warhol nutzte vorgefundenes Material und beschaffte sich Bilder aus Zeitschriften, Büchern und dem Bildarchiv aus der New York Public Library.

In den 1950-er Jahren schenkte er die Büchlein, die sich in Aussehen, Inhalt, Farbgebung, Größe und Papierqualität unterscheiden, an Freunde und Geschäftspartner. Einige Exemplare enthalten handschriftliche Widmungen, andere wurden mit einer fiktiven niedrigen Auftragsnummer versehen, die er zur Wertsteigerung zufügte.

Das Steindruckalbum A Is for Alphabet widmet jedem Buchstaben des Alphabets eine eigene Seite, während die Illustrationen von Dreizeilern über außergewöhnliche Begegnungen zwischen Mensch und Tier begleitet werden. In the Bottom of My Garden ist eine Art Kinderbuch, aber auch ein Bekenntnis zur homoerotischen Liebe. Bei Wild Raspberries parodiert er mit einem Füllhorn abenteuerlicher Rezepte ein Kochbuch.

Der Herausgeber Reuel Golden ist ehemaliger Chefredakteur des British Journal of Photography. Für TASCHEN hat er unter anderem die Titel Capitol Records, Mick Rock: The Rise of David Bowie, die Bände zu London und New York aus der Reihe Portrait of a City, Andy Warhol. Polaroids, The Rolling Stones, Her Majesty, Fußball in den 1970ern und die Bildbände zu National Geographic herausgegeben. Die Koautorin Nina Schleif ist eine deutsche Kunsthistorikerin, Amerikanistin und Kuratorin. 2013 initiierte und kuratierte sie die weltweit erste Ausstellung zu Andy Warhols Werk in Büchern im Münchner Museum Brandhorst. Sie war zudem Herausgeberin und Koautorin des Ausstellungskatalogs Reading Andy Warhol. Mit Unterstützung eines Smithsonian-Stipendiums verfasste sie kürzlich eine Monografie zu Warhols Zeichnungen aus den 1950er-Jahren, die 2017 erscheinen wird.

1962 fasste Warhol alle Werke in einer Ausstellung zusammen. Er gründete daraufhin die "Factory", einzelne Ateliers in New York. Auf 100 mal 100 Zentimeter großen Leinwände bildete er Prominente, aber auch aufsehenerregende Unfälle ab. 1968 verübte die Amerikanerin Valerie Solanas ein Attentat auf ihn, das er nur knapp überlebte. Danach zog er sich zurück, startete Fotografie-, Kunst- und Malereiprojekte und schrieb ein Theaterstück.

Sein letztes Werk bildet das Abendmahl von Leonardo da Vinci ab - dem Mann, der sich bereits Mitte des 15. Jahrhunderts mit vernetztem Denken und technischen Innovationen beschäftigte. Wie Warhol bewahrte er sich bis ins Alter etwas Kindliches, ohne das der amerikanische Künstler und Filmemacher die "süßen Seiten des Lebens" (übrigens auch das Motto des österreichischen Chocolatiers Josef Zotter!) nie kennengelernt hätte: Andy Warhol verschenkte sie in Buchform zu Weihnachten.

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Nina Schleif, Reuel Golden: Andy Warhol. Seven Illustrated Books 1952-1959. Portfolio mit 7 Faksimiles und 56-seitigem Begleitheft. TASCHEN Verlag, Köln 2017 (Deutsch, Englisch, Französisch).

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