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Warum wir Dritte Orte brauchen

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Gesellschaft - Wo wir uns heute finden

Dritte Orte gewinnen in einer globalisierten und vernetzten Welt immer mehr an Bedeutung, denn wir brauchen eine stabile Verankerung im persönlichen und lokalen Bereich, um uns nicht zu verlieren. Das erklärt auch die zunehmenden Trends zum Wandern und Flanieren, zum Selfmade oder zum Gärtnern.

Der Dritte Ort ist ein Fachausdruck der Soziologie. Ray Oldenburg führt in „The Great Good Place" (1999) den Begriff Third Place ein, der neben dem eigenen Heim ("Erster Ort") und dem Arbeitsplatz ("Zweiter Ort") von großer Bedeutung ist für das Funktionieren einer Gesellschaft.

Darunter werden städtische Begegnungsräume (gathering spaces) verstanden, in denen sich Menschen sowohl versammeln als auch trennen können - und in denen Öffentlichkeit hergestellt wird, z.B. Cafés, Restaurants, Kneipen, Galerien, Bibliotheken, Museen, Theater, Buchläden oder Kirchen.

Auf der Internetseite von „Les Flâneurs - Städte. Menschen. Geschichten." findet sich eine interessante Selbstbeschreibung. Sie beginnt mit der Wertschätzung der Großstadt, zu denen auch Dritte Orte gehören: „Die Clubs. Die Museen. Das Multikulturelle. Vor allem: eine andere Art, sich zu bewegen, eine Bewegung, wie man sie nicht überall kennt."

In Großstädten, wie sie die Betreiber der Seite verstehen, „kann man sich durch die Straßen treiben lassen, man schaut hier, man hört dort, man küsst drüben, und an der Ecke verfällt man in einen Smalltalk." Der Blog soll ein Flanieren sein, „eine Wanderung durch die Großstadt, ein Besuch im Club, im Atelier, im Theater und im Stadtpark."

Auch die „REVUE. Magazine fort he Next Society" versteht sich als Dritter Ort, an dem überraschende Nachbarschaften das Potenzial bergen, Antworten zu finden, um über die bloße Verbesserung bestehender Verhältnisse hinauszugehen.

Dritte Orte gehören heute zu den wenigen Oasen, die uns die Möglichkeit bieten, uns aus der Dauererreichbarkeit auszuklinken und das Gefühl der Überraschung, des Staunens und der Selbstvergessenheit zu erleben.

„Museen suchen wir auf, um mit dem in Verbindung zu treten, was von Dauer, nicht materiell und nicht quantifizierbar ist. Das ist in unserem von Technik beherrschten Leben eine besonders seltene und damit kostbare Erfahrung", schreibt Arianna Huffington in ihrem Buch „Die Neuerfindung des Erfolgs" (2014).

Darin zitiert sie auch Maxwell Anderson, den Leiter des Indianapolis Museum of Art, der den Auftrag seines Museums darin sieht, den Besuchern „Resonanz und Staunen", ein Erbauungsgefühl, zu bieten. Oder, wie es Aristoteles gesagt hat: „Katharsis".

Erschwert wird diese Erfahrung durch das ständige Bedürfnis, alles sofort fotografieren zu müssen, bevor etwas wirklich angeschaut wurde. Museen sollten deshalb darauf achten, dass soziale Medien nicht so eingesetzt werden, dass sie tiefe und einmalige Kunsterlebnisse nicht auf noch mehr Apps reduzieren.

Das Theater, bestätigt auch Regisseur Thomas Ostermeier, werde von der neuen Sehnsucht junger Zuschauer nach „dreidimensional sinnlichen Erlebnissen" (DER SPIEGEL, 39/2014) sehr profitieren. Der Aufschwung der Museen hat ähnliche Gründe: „mehr Unternehmergeist der Kunstbetriebe, die weltweit wachsende Mittelschicht und das stärkere Bedürfnis nach authentischen Erlebnissen im Zeitalter der Digitalisierung" (WirtschaftsWoche, 22.12.2014)

Silvio Neubauer beispielsweise betreibt in Berlin eine der größten privaten Filmsammlungen (23.000 Filme), die er öffentlich zugänglich macht. Exponate, die man ansehen und anfassen kann, leiht er gegen Gebühr aus. Seine Kunstwerke werden auf VHS-Kassetten und DVD-Scheiben gesammelt und in seiner Galerie 451, die zu den meistbesuchten der Stadt gehört, ausgestellt.

Die „Musealisierung von allem und jedem in der Hauptstadt" Berlin beobachten auch Werbeexperten wie Marianne Heiß, Finanzchefin der Agentur BBDO Germany (Handelsblatt, 30.3.2015). Susanne Gaensheimer, die seit 2009 das Museum für Moderne Kunst (MKK) in Frankfurt leitet, sieht ein Haus wie das MKK ebenfalls immer stärker als einen „Ort der Anbindung, der Integration, der Kommunikation. Das Museum wird künftig vielleicht der letzte Freiraum sein, in dem wir völlig unabhängig von wirtschaftlichen und politischen Zwängen über uns selbst und unsere Zeit nachdenken können." (VOGUE, August 2014)

Warum wir mehr Analog brauchen

Die vorangestellten Beispiele verstärken die Aussagen von Andre Wilkens: „Analog ist das neue Bio." Sein beeindruckendes gleichnamiges Buch, das im Metrolit Verlag erschien, ist ein Aufruf, Dritte Orte (er verwendet das Wort nicht und spricht von „analogen Gemeinschaftsgütern") wieder mehr wertzuschätzen und zu schützen.

Mit Analog verbindet er aktives Weiter- und Andersmachen. Dabei orientiert er sich an der Bio-Bewegung. Im Zeitalter der Digitalisierung wird Analog zur Nische.

Physische Orte mit Dingen, „die man anfassen kann und an dem man anderen Menschen physisch begegnet und mit ihnen ins Gespräch kommt, ist eben anders als ein virtueller, wenn auch unendlich großer Ort, an dem man allein ist".

Apple-Stores führt er als ein Beispiel dafür an, dass wir Dinge anfassen möchten, „dass es eine Verbindung von Hirn und Hand gibt, die über die Bedienung von Keyboards und Touchscreen hinausgeht und die für unsere Entscheidungen wichtig sind".

Er folgt mit diesen Gedanken dem Soziologen Richard Sennett, der sich dieser Beziehung in seinem Buch „Handwerk" (2008) widmet. Die Entwicklung von Hirn und Hand bildet für ihn eine untrennbare Einheit. Er behauptet sogar, dass das Hirn verlieren wird, wenn sie nicht mehr funktioniert. Ohne Materialbewusstsein und ohne Kenntnis vom Machen der Dinge seien Menschen nicht urteilsfähig.

Freundschaft als Dritter Ort

Dass auch Freundschaft
ein Dritter Ort ist, zeigt die Autorin Katja Kraus in ihrem aktuellen Buch „Freundschaft. Geschichten von Nähe und Distanz" (Fischer Verlag, 2015) auf wunderbare Weise.

Sie reiste zu Menschen, die sie im Zusammenhang mit Freundschaft interessierten: zu Schriftstellern, zu Politikern, zu Sportlern, „die Kameraden sein sollen und doch häufiger Rivalen sind. Zu Rivalinnen, die um ihre Freundschaft ringen. Zu Menschen, die sich in der Beziehung zu anderen schöpferisch bereichern; zu solchen, für die sich die Tugenden der Freundschaft in Notsituationen auf eine besondere Weise bewährt haben. Oder auch nicht. Zu Repräsentanten unterschiedlicher Generationen, zu Kulturschaffenden und Wirtschaftsmanagern, zu Menschen, die uns in ihren Rollen und Funktionen allgegenwärtig sind und uns als Freunde oder Liebende zumeist verborgen bleiben."

Die Gespräche fanden meistens an Dritten Orten statt: im Restaurant (Bettina Böttinger) oder in Cafés in Münster (Marina Weisband), Hamburg (Christoph Metzelder, Jean-Remy von Matt, Manfred Bissinger), Berlin (Sahra Wagenknecht) und in Turin (Roger Willemsen).

Im Kapitel über den Schriftsteller Benjamin Lebert offenbart sich am unmittelbarsten, dass Freundschaft ein Dritter Ort ist: Menschen müssen für ihn berührbar sein, wenn sie da sind. „Alle Grenzen verschwimmen in der heutigen Zeit, alles ist scheinbar nah, erreichbar." Umso wichtiger sei es, „unberührte Räume" aufrechtzuerhalten.

Von seinen Freunden erwartet er, dass sie diejenigen Zonen akzeptieren, die er auch im Zusammensein nur allein betritt. „Das größte, was Freundschaft bieten kann, ist dieser kurze Moment des Aufgehobenseins."

Der Freund ist auch eine Behausung - ob er sie selbst bieten kann, weiß er nicht genau: „Manchmal bin ich da, manchmal fern, da gibt es keine Regelmäßigkeit."

Die Greifbarkeit, die mit Dritten Orten verbunden ist, ist auch Bestandteil des Gesprächs mit Claudia Roth: „Ich fasse einfach gerne an", sagt sie zu Katja Kraus. Sich anlehnen zu können ist für sie eine ganz wesentliche Voraussetzung für intensive Bindung. Mit ihrem Mitarbeiter Ali Mahdjoubi, dem im Buch ein eigenes Kapitel gewidmet ist, diskutiert sie häufig darüber. Er ist eher Buddhist und sehr reduziert - sie ist das Gegenteil.

Der ausgeprägte Wunsch von Claudia Roth, Dinge zu besitzen, hat auch damit zu tun, Momente bewahren zu wollen und die sinnlich sinnhaften Spuren der Dritten Orte nicht zu verwischen.

Dass das Freundschaftsbuch von Katja Kraus selbst ein Dritter Ort ist - analog statt digital -, zeigt auch die Aura, die ihm und dem Papier anhaftet. Denn es ist ein bewahrender Raum voll von inspirierenden Gedanken, Geschichten und Reflexionen.

Das Analoge erhält hier eine zusätzliche Bedeutungsdimension, wenn beispielsweise erzählt wird, dass der Publizist Manfred Bissinger manchmal zwanzig Kopien von Themen verschickt („Aufmerksamkeitssendungen"), die er besonders ansprechend findet. Dann wünscht er sich, dass seine Freunde es mit ihm teilen.

Katja Kraus ist inzwischen selbst eine glückliche Empfängerin derselben geworden. Sie mag den Weg zu ihrem Briefkasten nun noch ein bisschen lieber, da sie dort regelmäßig „ein Konvolut aus Zeitungsartikeln oder eine literarische Leseempfehlung erwartet. Am schönsten finde ich die dazugehörigen Briefe, die mir in bemerkenswerter Schönschrift erklären, warum diese Geschichte, jenes Buch lesenswert für mich sind."

Briefe und Bücher sind vielleicht die letzten Dritten Orte, die wir in den Händen halten. Umso wichtiger ist es, sie zu bewahren.


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