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Vernetzte Wertschöpfung: Warum wir Digitalisierung als soziales Phänomen betrachten müssen

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Interview mit André Reichel, Professor für Critical Management & Sustainable Development an der privaten, stiftungsgetragenen Karlshochschule International University in Karlsruhe

Herr Prof. Reichel, warum kommt in aktuellen Diskussionen über die Weiterentwicklung von NACHHALTIGKEIT und CSR Digitalisierung als Phänomen oder als eigenständige Kategorie so selten vor?

Das ist eine gute Frage! Vermutlich weil zum einen die Digitalisierung als technisches Phänomen gesehen wird und sie damit im Nachhaltigkeits- und CSR-Diskurs in so eine Enabler-Funktion gerückt wird. Digitalisierung und Nachhaltigkeit erschöpft sich dann schnell in so Dingen wie Smart Metering und Energieeffizienz.

Ich bin überzeugt davon, dass wir Digitalisierung nicht als technisches Phänomen, sondern als soziales Phänomen betrachten müssen: als neues Paradigma vernetzter Wertschöpfung jenseits organisationaler und sektoraler Grenzen. So verstanden kommen auf einmal Themen wie Prosumerismus, kollaborative Produktion und gemeinschaftlicher Konsum, die Sharing Economy und die Vorstellung einer auf Gemeingüter basierten Wirtschaft in den Blick.

Ich selbst arbeite an dieser Verschmelzung noch Nachhaltigkeit und Digitalisierung zu einer ‚Sustainability 4.0', bei der es um die Selbstermächtigung ko-kreativer Prosumenten zur Transformation wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Verhältnisse in Richtung sozialer Inklusion, Demokratisierung des Wirtschaftens und ökologischer Nachhaltigkeit geht.

Weshalb wird digitale KOMPETENZ künftig eine Schlüsselqualifikation für Arbeit und Teilnahme am gesellschaftlichen Leben sein?

Da muss man zunächst klarstellen, was als digitale Kompetenz gelten soll. Die Bedienung eines Smartphones oder das Navigieren sozialer Netzwerke im Internet ist sicherlich so eine Art Basiskompetenz. Aber das reicht bei Weitem nicht aus.

Wenn Digitalisierung wirklich organisationale, personelle und gesellschaftliche Vernetzung bedeutet, also ein soziales Phänomen ist, dann ist digitale Kompetenz ebenso eine soziale Kompetenz. Und sie verweist nicht auf ein immer besseres Multitasking, ein immer effektiveres Verständnis von Hypertext, sondern das Gegenteil: wie man im permanenten Strom ganz unterschiedlicher Signale, die zeitgleich um unsere Aufmerksamkeit heischen, einen Schritt zurück treten kann.

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Im Terror der Synchronie kann nämlich kein tieferer Gedanke gedacht, kein tieferes Verständnis für eine Sache gewonnen werden. Die Komplexität der Welt mag immer total und gleichzeitig sein, aber unser Verständnis ist diachron, nacheinander, benötigt Zeit um in die Tiefe vorzudringen.

Es geht also um die Fähigkeit des ‚Omline', wie es Matthias Horx nennt, dem kreativen Spiel aus Gleichzeitigkeit und Schwimmen im Strom auf der einen Seite und dem Unterbrechen des Stroms, dem Heraustreten ins eigene Denken auf der anderen Seite. Also in der Tat alles andere als eine technische Kompetenz, sondern eher eine Art Grundausbildung in Philosophie und striktem Denken.

Welche Anforderungen stellt der DISRUPTIVE WANDEL, der in vielen Branchen durch die Digitalisierung entsteht, an Manager und Führungskräfte?

Was als Disruption erscheint, wirkt ja vielerorts als Destruktion, als Zerstörung bestehender Wertschöpfungslogiken, auch von Führungsphilosophien. Hier gilt vielleicht das, was ich oben gesagt habe: die Fähigkeit zum Heraustreten, zum Hineingehen in die eigenen Gedanken.

Letztlich kommen Führungskräfte mit diesem Wandel, der auch durch die Digitalisierung ausgelöst und verstärkt wird, nicht dadurch klar, in dem sie alles noch mehr zu beschleunigen versuchen. Das Einzige, was hier hilft, ist mehr Zeit. Nicht um sich auszuruhen, sondern um den nötigen Bewegungsraum zu bekommen, die Veränderungen zu gestalten.

Unternehmen müssen ihren Führungskräften mehr Zeit geben und sie von den klassischen Managementaufgaben entlasten, die ja meinst aus Koordinations- und Kommunikationsaufgaben bestehen - und die durchaus durch digitale Werkzeuge und Algorithmen übernommen werden können.

Zeit ist die alles entscheidende Ressource in der digitalen Wirtschaft, wer sie schaffen kann, gewinnt. Das Paradoxe dabei ist ja: Zeit kann man nicht schaffen. Man nimmt sie sich oder nicht.

Wie werden sich Unternehmen, Management und FÜHRUNG im Zeitalter der Digitalisierung verändern (müssen)?

Neben der Frage der Zeit, die ich oben beschrieben habe, wird Führung in der digitalen Ökonomie anders laufen müssen. Wenn wir es hier mit einer Selbstermächtigungswirtschaft zu tun bekommen, an deren Grunde ko-kreative Wertschöpfung steht und auch die Grenze zwischen Produzenten und Konsumenten nicht mehr unverrückbar ist, dann funktioniert ein ‚Scientific Management' aus command & control einfach nicht mehr.

Selbst Motivation funktioniert dann anders. Die Leute sind schon motiviert, wenn sie mitmachen, da kann eine Führungskraft gar nichts mehr tun. Auch der Begriff der Führungskraft wird ein anderer sein: nicht mehr personal, sondern eher ‚physikalisch'.

Es geht um Kräfte, die führend wirken in einem Gesamtzusammenhang. Führung ist damit nur noch dezentriert und unpersönlich zu denken. Das heißt nicht, dass es nicht mehr auf die Einzelnen ankommt.

Ganz im Gegenteil, es wird vollständig auf jeden Einzelnen ankommen. Management im Zeitalter der Digitalisierung ist dann ein Bereitstellen von Kontexten, von Arbeitszusammenhängen, die dann von allen Führungskräften verändert wird. Eine solide systemtheoretische und auch philosophisch fundierte Managementausbildung wird dabei unerlässlich.

Warum brauchen Informatiker ETHIK?

Gegenfrage: wer braucht sie nicht? Wenn Digitalisierung ein soziales Phänomen ist, das in alle Lebensbereiche eingreift, dann braucht es auch eine solide ethische Ausbildung. Ein Informatiker, also der Proletarier der digitalen Wirtschaft, muss dabei kein Philosoph sein. Wohl aber muss er den Austausch mit Philosophen pflegen, muss die Grundbegriffe und Fragestellungen der praktischen Philosophie kennen.

Er muss also ethisch ‚musikalisch' sein. Aus meiner Erfahrung mit jungen Menschen weiß ich, dass sie das eigentlich sehr gerne sind und auch gerne mehr darüber erfahren. Je früher ethische Fragestellungen in die Ausbildung eingebaut werden, umso einfacher ist es später.

Weshalb ist die Frage nach dem GUTEN LEBEN heute von besonderer Bedeutung?

Diese Frage ist ja sehr alt. Sie steht am Anfang der klassischen Ökonomie bei Aristoteles. Das gute Leben war damals, vielleicht auch heute, das Ergebnis einer wirtschaftenden Tätigkeit, die auf die Aufrechterhaltung des Haushalts zielte. Wirtschaften um dauerhaft Leben zu können, ohne übermäßige Verschwendung und ohne Gier.

So gesehen geht es um die Antwort auf die Frage nach dem, was genug ist. Und erst wenn diese Antwort gefunden ist, wenn man ein genügsames Leben führen kann, dann ist es auch ein gutes und erfülltes Leben. In unserer heutigen Überflussgesellschaft scheint die Frage nach dem guten Leben aktueller denn je und offensichtlich ist dieser Überfluss nur ein scheinbarer Überfluss, der unseren inneren Mangel wie eine dünne Decke verschleiert.

Die Frage nach dem rechten Maß lässt sich im Konsumentenkapitalismus nicht beantworten, dort ist mehr immer besser, er kennt kein Menschenrecht auf Suffizienz: ich will nicht mehr haben wollen müssen als ich selbst will. Hinter der Suche nach dem guten Leben versteckt sich also etwas sehr Modernes, nämlich die Frage nach einem selbstbestimmten Leben, frei von fremden Zwängen.

Warum können wir im digitalen Zeitalter auf den GESUNDEN MENSCHENVERSTAND nicht verzichten?

Weil es immer noch um die Entscheidung prinzipiell unentscheidbarer Fragen geht, wie Heinz von Foerster es genannt hat. Das kann kein Algorithmus und auch keine künstliche Intelligenz leisten. Hier ist der fehlerhafte, prinzipiell begrenzte gesunde Menschenverstand notwendig.

Umso mehr kommt es auf das an, was Immanuel Kant als Urteilskraft beschreibt. Und die ist durch und durch moralisch und von tiefen ethischen Gefühlen durchdrungen. Ich würde soweit gehen und behaupten, dass eine jede strategische Entscheidung in dieser neuen Zeit zuallererst eine ethische Entscheidung ist. Wollen wir hoffen, dass noch genug Verstand in der Welt ist!

Vielen Dank für das Gespräch.

Zur Person:

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Foto und Copyright: André Reichel

André Reichel ist seit 2014 Professor für Critical Management & Sustainable Development an der privaten, stiftungsgetragenen Karlshochschule International University in Karlsruhe. Er hat technisch orientierte Betriebswirtschaftslehre an der Universität Stuttgart studiert und 2002 als Diplom-Kaufmann abgeschlossen.

Am dortigen Institut für Volkswirtschaftslehre und Recht forschte er bis 2006 über Lernprozesse in regionalen Nachhaltigkeitsnetzwerken und schrieb seine Doktorarbeit bei Helge Majer und Ortwin Renn.

Im Anschluss daran arbeitete er als Postdoktorand an der DFG-geförderten Graduiertenschule für advanced Manufacturing Engineering im Bereich ‚Nachhaltigkeit in der Produktion' sowie als Projektleiter für die Dialogik gGmbH im Rahmen eines EU-Forschungsprojektes zu ‚Zivilgesellschaft und Nachhaltigkeit'.

Von 2011 bis 2014 war er als Research Fellow am European Center for Sustainability Research an der Zeppelin Universität bei Nico Stehr und Manfred Moldaschl tätig.

Seine Forschungsinteressen liegen im Bereich einer Nachhaltigen Entwicklung in Wirtschaft und Gesellschaft, der betriebswirtschaftlichen Implikationen einer Postwachstumsökonomie, der Verschmelzung von Nachhaltigkeit und Digitalisierung sowie einer systemtheoretischen Betrachtung gesellschaftlicher Transformationsprozesse.

Seine Lehrtätigkeiten führten ihn an das Environmental Change Institute der University of Oxford und an die Chalmers University of Technology in Göteborg.

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