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Wie werden wir morgen arbeiten - und was?

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Der Wandel der Arbeitswelt beginnt nicht erst morgen. „Wir sind schon mitten im Wandel der Wertschöpfung begriffen", ist Univ.-Prof. Dr. Marion A. Weissenberger-Eibl, Leiterin des Fraunhofer-Instituts für System- und Innovationsforschung ISI und Inhaberin des Lehrstuhls Innovations- und TechnologieManagement iTM am Karlsruher Institut für Technologie KIT, überzeugt. Die Digitalisierung bietet nach Ansicht der Wissenschaftlerin viele nachhaltige Chancen für vernetztes und selbstbestimmtes Arbeiten - wenn sie richtig genutzt werden.

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Univ.-Prof. Dr. Marion A. Weissenberger-Eibl (Foto: Franz Wamhof)

Frau Prof. Weissenberger-Eibl, neue arbeits- und Organisationsformen wie Coworking, Crowdworking und Share Economy brechen traditionelle Strukturen in der Arbeitswelt auf, Kompetenzen von gestern sind morgen schon nicht mehr relevant. Was bedeutet diese Entwicklung im Spannungsfeld der Digitalisierung?

Die gegenwärtige Arbeitswelt ist durch feste Berufsstrukturen und eine fachspezifische Aus- und Weiterbildung gekennzeichnet. Früher diente die Ausbildung der Wissensvermittlung. Gerade die Wissenschaft muss sich in zunehmendem Maße fragen, was individuelles Fachwissen in Zeiten von Wikipedia und Co. noch wert ist.

Wissen wird nämlich nicht mehr vorgehalten, sondern abgerufen. In der neuen, durch die Digitalisierung geprägten Arbeitswelt sind das Erlernen und die Ausübung eines Berufs immer seltener anzutreffen.

Die klassische Festanstellung wird es in Zukunft immer weniger geben. Vielmehr werden Click-Worker zur schnellen Einsatztruppe des Internets werden. Auch das Crowd-Sourcing wird deutlich zunehmen, bei dem Firmen je nach Fragestellung ihre Projektteams aus externen Kräften zusammenstellen. Diese sogenannten „atypischen Beschäftigungsmodelle" werden die Hochqualifizierten ebenso betreffen wie die Geringqualifizierten.

Aber auch die Mensch-Technik-Interaktion wird sich wandeln...

Technische Agenten werden die Arbeitskräfte nicht ersetzen, sondern entlasten und so können die Menschen ihre Leistungsfähigkeit steigern. Dies hat zur Folge, dass es quer über Branchen hinweg mehr fachübergreifende beziehungsweise fachunabhängige Anforderungen geben wird - fachbezogenes Wissen könnte damit zusehends in den Hintergrund rücken, allgemeine digitale Grundkompetenzen und universelle Fähigkeiten könnten stark aufgewertet werden.

Ist davon auszugehen, dass die Beschäftigung nicht abnimmt, sondern dass sich der Zuschnitt der Arbeit selbst stark verändern wird?

Ja, nehmen Sie die Produktion: Normale Roboter dürfen heute nur hinter Gittern betrieben werden. In Zukunft werden Roboter zum Standard, die sich frei bewegen können und adaptiv den Menschen bei seiner Tätigkeit zur Hand gehen - zum Beispiel wenn die Arbeit gefährlich ist oder wenn Bewegungen im Mikromaßstab notwendig sind. Damit sind effizientere aber auch völlig neue Tätigkeiten möglich und das schafft wiederum Arbeitsplätze - wie Studien bestätigen.

Werden die Anforderungen an die räumliche und zeitliche Flexibilität der Mitarbeiter zunehmen?

Auf jeden Fall. Insbesondere bei zeitkritischen Dienstleistungen werden sich die Arbeitszeiten zunehmend an Kundenbedürfnissen orientieren. Das kann dazu führen, dass Arbeitszeiten am Abend oder am Wochenende oder Rufbereitschaften rund um die Uhr häufiger werden.

Aufgrund dieser Entwicklung kann davon ausgegangen werden, dass sich Berufsbilder immer stärker von Branchengrenzen lösen. Welche Chancen sind für Arbeitnehmer damit verbunden?

Jobwechsel zwischen einzelnen Branchen werden einfacher, und die Möglichkeiten beruflicher Mobilität nehmen zu. Auf diese Entwicklung müssen die Ausbildungsinstitutionen reagieren. Bislang liegt der Fokus noch stark auf der fachspezifischen Ausbildung und weniger auf dem Erlernen universeller Fähigkeiten und digitalen Kompetenzen. Künftig wird von Relevanz sein, dass in der Schule wie in der Berufsausbildung auf diese veränderten Anforderungen hingewiesen wird.

Umfangreich und kontrovers wurde in der Wissenschaft diskutiert, welche Auswirkungen die Digitalisierung auf die Beschäftigung insgesamt haben wird. Weshalb hat in diesem Zusammenhang eine Studie von Frey und Osborne 2013 für Aufsehen gesorgt?

In dieser sogenannten Oxford-Studie postulierten die Autoren, dass in den USA 47 % der Beschäftigten in Berufen arbeiten, die in den kommenden 15-20 Jahren automatisiert werden können. Ganz praktisch gesehen kann man sich vorstellen, dass beispielsweise autonome LKWs über kurz oder lang eine der größten Berufsgruppen in Deutschland gegebenenfalls überflüssig machen werden.

Neu an der Erkenntnis der Oxford-Studie war allerdings, dass erstmals auch kognitive Fähigkeiten von der Automatisierungstendenz betroffen sind. Diese Annahme zog Kreise bis beispielsweise in die Berufsgruppe der Juristen hinein, die sich besorgt fragten, ob Bots in Zukunft ihre Arbeit übernehmen.

In der Zwischenzeit wurden die Ergebnisse und Aussagen der Studie allerdings deutlich relativiert. Unter anderem haben wir in einer Foresight-Studie ermittelt, dass in Deutschland 12 % der Beschäftigten mit einem hohen Automatisierungsrisiko rechnen müssen. In besonderem Maße sind dabei nach wie vor Berufe mit sehr geringen Qualifikationsanforderungen betroffen.

Vielen Dank für das Gespräch.

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