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Digitalisierung und Nachhaltigkeit: Warum wir neue Strukturen und Geschäftsmodelle brauchen

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Martin Oldeland, Mitglied des Vorstands des Bundesdeutschen Arbeitskreises für Umweltbewusstes Management (B.A.U.M.) e. V., stand im Interview der N-Kompass Redaktion rund um das Themenfeld "Digitalisierung und Nachhaltigkeit" Rede und Antwort. Er ist davon überzeugt, dass es dabei um weit mehr geht, als nur bestehende Strukturen zu digitalisieren.

Das Interview führte Chefredakteurin Marie-Lucie Linde. Es erschien zuerst unter dem Titel "Die Betrachtung der Digitalisierung unter Nachhaltigkeitsaspekten schärft den Blick für neue Strukturen und Geschäftsmodelle." Der Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.

_ Herr Oldeland, Sie widmen Ihre diesjährige B.A.U.M.-Jahrestagung dem Themenkomplex „Digitalisierung und Nachhaltigkeit". Beide Themen werden in der Öffentlichkeit als Megatrends wahrgenommen. Doch steht eine fortschreitende Digitalisierung, die durchaus ressourcenintensiv sein kann, nicht in einem kritischen Spannungsfeld zur Nachhaltigkeit?

Genau das gilt es ja zu diskutieren. Diese Betrachtungsweise fehlt nämlich bisher. Wenn wir uns mit der Digitalisierung auseinandersetzen, geht es oftmals um die Bereiche der Industrie 4.0, um Big Data, Robotertechnik. Das hat möglicherweise in Deutschland mit der starken Fokussierung auf Industrie und Produktionsstrukturen zu tun. Aber spätestens bei der Shared Economy, die ja ganz entscheidend von der Digitalisierung befeuert wird, sind wir doch schon beim Thema Nachhaltigkeit.

Hier zeigt sich, dass Digitalisierung möglicherweise eben nicht zu mehr Ressourceneffizienz führt, sondern ggf. Rebound-Effekte auftreten. Wir von B.A.U.M. möchten mit einer intensiveren Auseinandersetzung dazu beitragen, dass Unternehmen sich eben nicht nur mit dem technologischen Blick für ihre bestehenden Geschäftsprozesse interessierten, sondern weiter denken.

_ Warum sollten sich nachhaltig orientierte Unternehmen Ihrer Meinung nach intensiver mit dem Zusammenspiel von Digitalisierung und Nachhaltigkeit beschäftigen?

Zum einen bieten sich ja erhebliche Chancen. Mit dem Begriff der Smart Factory etwa werden hohe Effizienzgewinne verbunden. Wenn ich hier z. B. über ein intelligentes Beleuchtungskonzept eine ganze Menge Strom spare, ist das gut für mein unternehmerisches Portemonnaie, gleichzeitig aber auch gut für das Klima.

Doch vielleicht noch entscheidender ist: Die Betrachtung der Digitalisierung unter Nachhaltigkeitsaspekten schärft den Blick für neue Strukturen und Geschäftsmodelle. Wenn ich mich als Unternehmer erst einmal losgelöst von der Technik mit den aktuellen Herausforderungen beschäftige, komme ich auf ganz andere Ideen. Durch diese kreative Denkweise sind schon eine ganze Reihe spannender Modelle entwickelt worden, z. B. aus dem gesamten Bereich der Shared Economy. Der Grundgedanke ist, dass Teilen ressourcenschonender und effizienter ist. Die Technik ist bei diesen Angeboten grundsätzlich immer nur Mittel zum Zweck.

Ein dritter wichtiger Grund: Zur Nachhaltigkeit gehört ja auch eine soziale Komponente. Unternehmen stehen hier vor der Aufgabe, sich - auch im Sinne ihrer Mitarbeiter - für die Zukunft aufzustellen und auf die Arbeitsmärkte der Zukunft vorzubereiten. Wissenschaftler verweisen darauf, dass eine große Anzahl von Jobs durch die Digitalisierung in Gefahr sei - manche sprechen sogar von 50 Prozent. Ein Blick in die Geschichte lehrt uns aber, dass Transformationen, wie wir derzeit eine erleben, durchaus ein großes Potenzial haben, neue Jobs und ganz neue Berufsbilder zu schaffen. Doch das gelingt nur, wenn die Unternehmen diesen Aspekt rechtzeitig in den Fokus nehmen. Auch diesen Prozess möchte B.A.U.M. begleiten.

_ Was sind Ihrer Meinung nach die größten Potenziale, die vor allem für eine nachhaltigere Wirtschaft in der Digitalisierung stecken?

Dabei müssen wir sicherlich zwischen kurzfristigen und längerfristigen Effekten unterscheiden. Schon heute ist durch die intelligente Vernetzung, das Internet der Dinge viel mehr Effizienz möglich. Das beginnt zu Hause durch das sogenannte Smart Metering, also etwa intelligente Heizungstechnik, geht aber in den heutigen Unternehmen noch viel weiter. Allein eine intelligente Logistik spart bereits viele Ressourcen ein.

Auf lange Sicht müssen wir aber noch viel stärker darüber nachdenken, wie wir die Technik wirklich nutzenbringend, z. B. für den Klimaschutz, einsetzen. Wenn wir die Ziele des Pariser Klimaabkommens auf nationaler Ebene ernst nehmen, dann müssen wir bis 2050 unseren CO2-Ausstoss um 95 Prozent senken. Dafür sind enorme Anstrengungen notwendig. Insofern ist natürlich auch die Wirtschaft gefordert, auf innovative Weise technologische Neuerungen in Prozesse einzubinden oder Prozesse neu zu denken, um immer stärker in Richtung Klimaneutralität zu kommen. Dafür müssen wir aber heute den Grundstein legen.

_ Welche Rolle spielen Geschäftstransformationen im Zusammenhang mit der Digitalisierung, und welche Herausforderungen sehen Sie hier vor allem für mittelständische Unternehmen?

Wir brauchen dazu ja nur einmal in die USA zu schauen. Der Erfolg im Silicon Valley - unabhängig davon, wie man nun das Geschäftsgebaren in Sachen Datenschutz usw. bewertet - basiert vor allem darauf, dass die Start-ups dort auf kreative Art neue Geschäftsmodelle entwickeln. In Deutschland sind wir da leider noch nicht soweit. Bei uns geht es noch zu sehr um die Digitalisierung der bestehenden Strukturen. Nehmen wir als Beispiel die Automobilwirtschaft. Das Geschäftsmodell lautet hier: Produktion eines Autos. Demzufolge werden Roboter usw. eingesetzt, um möglichst effizient ein hochwertiges Fahrzeug herzustellen. Der Grundgedanke sollte allerdings ein anderer sein: Autohersteller produzieren kein Auto, sie stellen Mobilität her.

Nur durch diese kleine Veränderung muss ein Hersteller nun in ganz anderen Kategorien denken und sich vor allem auch mit ganz anderen Wettbewerbern auseinandersetzen. Autohersteller denken schon zunehmend so. Bei kleinen und mittelständischen Unternehmen fehlt es für solche strategischen Überlegungen aber oft an Kapazitäten, sei es in einer Strategieabteilung oder im Bereich der Forschung und Entwicklung. Diese Unternehmen wollen wir besonders unterstützen, indem wir in Projekten und Veranstaltungen Kompetenzen bündeln, die richtigen Informationen für die Unternehmen aufbereiten und verbreiten sowie persönliche Netzwerke etablieren.

_ Welche konkreten Impulse haben die Teilnehmer der diesjährigen B.A.U.M.-Jahrestagung am 14./15. November in Bonn in Bezug auf den Themenkomplex „Digitalisierung und Nachhaltigkeit" zu erwarten?

Uns als Unternehmensverband geht es ganz besonders um den Dialog zwischen den Unternehmen. Wir setzen dabei bewusst auf interaktive Formate und weniger auf Frontalvorträge, und zwar in sechs Themenkomplexen: Im Bereich der Intelligent Cities beschäftigen wir uns mit der Stadt der Zukunft, vor allem mit der Frage, wie nachhaltige Stadtentwicklung aussieht. Natürlich müssen wir auch den gesamten Bereich der Automatisierung und der Robotertechnik angehen, da insbesondere für produzierende Unternehmen hier viel Potenzial steckt. Der dritte Bereich ist die bereits angesprochene soziale Komponente der Nachhaltigkeit, nämlich die Auswirkungen auf Arbeitswelt und Mitarbeiter. Bei den Fragen rund um Energie und Ressourcen geht es vor allem darum, wie wir mit Hilfe der technologischen Entwicklung intelligente Prozesse schaffen können.

Und schließlich ist auch die moderne Mobilität in ihrer ganzen Bandbreite wichtig, von der Geschäftsreise bis zu moderner Logistik. Zur Diskussion dieser Themen nutzen wir das Format der World-Cafés. Gleichzeitig bieten wir in den sechs Themenkomplexen einen Fast-Track in Design Thinking an. Gerade dadurch wollen wir die kreative und innovative Denkweise der Unternehmen fördern. Kurzum: Nach dieser Tagung wird jeder Teilnehmer verstanden haben, wie wichtig die Kombination von Digitalisierung und Nachhaltigkeit ist.

_ Wo würden Sie als Privatperson „Martin Oldeland" sagen, hat der technische Fortschritt in Ihrem Leben zu mehr Nachhaltigkeit oder einem nachhaltigeren Verhalten geführt?

Ich bin schon seit Anfang der 1990er Jahre bei B.A.U.M. Insofern gehört für mich ein nachhaltiges Verhalten zu meinen Leben ganz einfach dazu. Aber ich bin auch ein sehr neugieriger und technikbegeisterter Mensch. Gerade verfolge ich mit großem Interesse die ganzen Entwicklungen rund um das Internet der Dinge. Noch finde ich den Gedanken, dass mein Kühlschrank mir meine Milch bestellt, etwas befremdlich. Aber wer weiß: wenn wir uns in zehn Jahren wieder zu einem Interview treffen, spreche ich vielleicht schon mit meinen Küchengeräten.

Zur Person:

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© B.A.U.M. e.V.

Martin Oldeland (Dipl.-Kfm.), Jahrgang 1961, ist nach seiner Ausbildung und Tätigkeit in der Grundstücks- und Wohnungswirtschaft sowie einem anschließendem BWL-Studium seit 1992 beim Bundesdeutschen Arbeitskreis für Umweltbewusstes Management in Hamburg tätig. Seit 2004 gehört er dem Vorstand an. B.A.U.M. e. V. wurde 1984 von Unternehmern als erste Umweltinitiative der Wirtschaft in Europa gegründet und ist mittlerweile mit über 550 Mitgliedern der verschiedensten Branchen und Größen das größte Informations- und Kontaktnetzwerk für Umweltmanagement und nachhaltige Entwicklung dieser Art in Europa. Er ist verheiratet und ist Vater zweier Töchter.

Weitere Informationen:

Warum wir der Digitalisierung nicht blind vertrauen sollten

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