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Digitalisierung braucht Bildung in Generationen und universale Grundkompetenzen

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Die Digitalisierung wird künftig den Arbeitsmarkt nachhaltig verändern. Jede Generation ist von unterschiedlichen Werten und Normen geprägt, die typisch für die jeweilige Epoche sind und das Denken und Handeln maßgeblich beeinflussen. Um den digitalen Wandel meisterlich zu gestalten und uns in die gesellschaftlichen und technologischen Entwicklungen einzubringen, braucht es die Kompetenzen und Erfahrungen aller Generationen, erläutert Univ.-Prof. Dr. Marion A. Weissenberger-Eibl im folgenden Interview. Sie ist Inhaberin des Lehrstuhls Innovations- und TechnologieManagement iTM am Karlsruher Institut für Technologie KIT und Leiterin des Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung ISI in Karlsruhe.

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Univ.-Prof. Dr. Marion A. Weissenberger-Eibl 2014 auf der Dienstleistungstagung des BMBF (Foto: BMBF)

Was unterscheidet die geburtenschwache Generation der Jahrgänge 1965 bis 1980 (Generation X) von den Nachfolge-Generationen Y und Z?

Während etwa die Babyboomer sehr viel stärker lokal verankert sind und Kollektivismus oder das kollektive „Wir" eine große Rolle spielen, fallen bei ihren Nachfolgern Werte wie internationale und globale Verankerung und Individualisierung viel mehr ins Gewicht. Das zeigt sich auch bei ganz banalen Dingen wie etwa der Art und Dauer der jeweiligen Mediennutzung: Jede Generation hat ihr eigenes, präferiertes Medium, weil es die Zeit, in der sie lebt, entscheidend geprägt hat.

Die Babyboomer-Jahrgänge haben in einer Zeit ungekannten wirtschaftlichen Aufschwunges mit nahezu Vollbeschäftigung gelebt, hatten milieuunabhängig große Aufstiegs- und Bildungschancen und sind heute meist sozial gut abgesichert. Diese Lebensvoraussetzungen unterscheiden die Babyboomer-Generation grundlegend von allen nachfolgenden Generationen.

Sicherlich werden die Generation Y und Z die Gesellschaft und deren Subsysteme verändern, jedoch betrachte ich die Entwicklungen eher umgekehrt: Beide Generationen werden sich stark an die äußeren Rahmenbedingungen anpassen müssen, die sie vorfinden, und sich wiederum stark danach ausrichten.

Welche Rolle spielt dabei die Digitalisierung?

Sie wird die gesamte Funktionsweise der Gesellschaft grundlegend verändern. So wird zum Beispiel die digitale Arbeitswelt der Zukunft von deutlich flexibleren Arbeitsverhältnissen geprägt sein und der Anteil selbstständiger Arbeit könnte stark zunehmen. Viele Tätigkeiten an der Mensch-Maschine-Schnittstelle könnten sich stärker ähneln, was quer über Branchen hinweg mehr fachunabhängige Qualifizierungsanforderungen erforderlich macht.

Das wiederum erfordert eine Anpassung der Bildung, die aktuell stark auf Spezialisierung und Fachwissen ausgerichtet ist. Und um dies zu erreichen, braucht es Impulse, die von der Ebene der Gesamtgesellschaft und der Politik kommen. Nur wenn in der schulischen, beruflichen und akademischen Ausbildung frühzeitig die richtigen Rahmenbedingungen gesetzt werden, kann es auch gelingen, die sich bietenden Chancen der Digitalisierung zu nutzen. Nur wenn Menschen zusehends mit universalen digitalen Grundkompetenzen ausgestattet werden, lässt sich auch ein massiver Arbeitsplatzverlust aufgrund nicht vorhandener Digitalkompetenzen verhindern.

Inwiefern unterstĂĽtzt die Fraunhofer-Gesellschaft diese Entwicklung?

Sie verknüpft wie keine andere Einrichtung wissenschaftliche Forschung mit ihrer Anwendung und ist die größte Organisation für anwendungsorientierte Forschung in Europa. Das erfolgreiche Fraunhofer-Modell regte sogar Ex-US-Präsident Obama zur Aussage an, dass den USA eine Einrichtung wie Fraunhofer fehle, die auf nationaler wie internationaler Ebene Forschung und Anwendung miteinander verzahnt.

Wir führen am Fraunhofer ISI zusammen mit dem Mannheimer ZEW und im Auftrag des Bundesverbands der deutschen Industrie (BDI) und acatech in regelmäßigen Abständen den sogenannten Innovationsindikator durch, der in diesem Jahr 35 Volkswirtschaften hinsichtlich ihrer Innovationsfähigkeit untersuchte. Dabei landet Deutschland international auf Rang vier - hinter der Schweiz, Singapur und Belgien, die das Ranking anführen. Von daher wäre es nicht überraschend, wenn aus diesen Ländern in den nächsten Jahren starke Innovationsimpulse kämen. Dies gilt aber auch für Länder wie Finnland, Großbritannien oder Dänemark, die sich im Innovationsindikator 2017 unmittelbar hinter Deutschland einreihen.

Wie der Innovationsindikator 2017 unterstreicht, ist Deutschland im internationalen Innovationsgeschehen derzeit zwar gut aufgestellt, doch fördert der Innovationsindikator auch deutliche Schwächen zutage...

Ja, und diese sind durchaus besorgniserregend: So landet Deutschland bei der Digitalisierung international nur auf einem enttäuschenden 17. Platz. In vielen Digitalbereichen wie der digitalen Wirtschaft, der Bildung im Hinblick auf die Digitalisierung oder bei der digitalen Forschung und digitalen Technologien liegt Deutschland im Vergleich zu anderen Industrienationen wie Großbritannien oder den USA weit zurück. Hier müssen wird dringend aufholen, wenn wir international nicht den Anschluss verlieren wollen. Gut ausgebildete Fachkräfte, innovative Unternehmen und vergleichsweise viele Patentanmeldungen je Einwohner gehören dagegen zu den Stärken Deutschlands, die natürlich auch in Zukunft gebraucht werden.

Was muss sich im Arbeitsleben ändern, um mit den digitalen Herausforderungen richtig umzugehen?

Arbeitnehmer sollten beispielsweise gezielte Weiterbildungen absolvieren, die ihre Digitalkompetenz stärken. Arbeitgeber sollten dies nicht nur ermöglichen, sondern ihr Weiterbildungsangebot selbst aktiv in diese Richtung lenken, was ihnen sogar helfen kann, künftige Probleme durch den Fachkräftemangel zu umgehen. Unsere Studien zeigen aber auch, dass der Einsatz digitaler Tools wie etwa von Robotern in der Industrie nicht unbedingt zum Abbau von Arbeitsplätzen führt. Vielmehr lässt sich dadurch die Effizienz und Produktivität von Arbeits- und Produktionsprozessen steigern - und mit ihr die Wettbewerbsfähigkeit von Unternehmen.

Auch kann der Robotereinsatz sogar neue Jobs mit den entsprechenden Qualifikationsanforderungen schaffen und verhindern, dass Unternehmen Produktionskapazitäten ins Ausland auslagern, weil dort die Lohnkosten niedriger sind. Eine weitere Herausforderung besteht im Datenschutz und dem Schutz unserer Privatsphäre, die natürlich im digitalen und datengetriebenen Zeitalter von besonderer Priorität sein muss.

Weshalb wird der intelligenten DatenverknĂĽpfung ein groĂźes Wachstumspotenzial bescheinigt?

... gerade weil immer mehr Prozesse in Wirtschaft und Industrie datenbezogen ablaufen, die virtuelle Abbilder physischer Vorgänge in Form von Daten erzeugen. Dieses gilt aufgrund der Datengetriebenheit aber ebenso für Bereiche wie den Schutz der Privatsphäre und IT-Sicherheit, deren Bedeutung künftig wachsen wird.

Was bedeutet das fĂĽr die Startup- und die Mittelstandskultur?

Hier müssen wir in Zukunft noch mehr darauf achten, dass interne und externe Impulsquellen für Innovationen noch besser aufeinander abgestimmt werden. So befragten wir für eine Studie zum Thema „Open Innovation" etwa 1600 Unternehmen und kamen zu dem Schluss, dass bei der erfolgreichen Entwicklung von Marktneuheiten mit hohem Innovationsgrad interne Innovationsquellen und -ideen nach wie vor eine herausragende Rolle spielen. Entscheidend ist jedoch, dass sich die Unternehmen im Sinne der „Open Innovation"-Idee auch gegenüber externen Impulsen öffnen und diese wiederum mit internen Impulsen zusammenbringen.

Oder anders formuliert: Die richtige Balance aus internen und externen Ideen- und Erfahrungsaustausch verspricht den größten Innovationserfolg. Der Unternehmenserfolg nimmt jedenfalls nicht proportional mit der Anzahl externer Impulsquellen zu - im schlimmsten Fall kann sich der durch externes Innovationswissen entstandene positive Effekt sogar in eine Abhängigkeit der Betriebe gegenüber bestimmten Ideengebern wie zum Beispiel Schlüsselkunden umkehren.

Welche Rolle spielt der stark boomende Fintech-Bereich?

Auch hier sind viele Start-ups aktiv, und die Digitalisierung nimmt eine zentrale Rolle ein, denn viele der Start-ups spezialisieren sich zusehends darauf, Geldströme zu digitalisieren. Damit greifen sie traditionelle Banken an, die gerade erst das Potenzial der Digitalisierung erkennen und die sich bietenden Möglichkeiten zusehends in ihre etablierten Geschäftsmodelle einbauen. Daher bleibt abzuwarten, wie die doch sehr finanzkräftigen Player aus der Bankenbranche mit den Neuerungen am Markt und den Angriffen aus der Start-up-Szene umgehen. Die Entwicklungen bürgen daher sowohl Chancen als auch Risiken.

Vielen Dank für das Gespräch.

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