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Digitale Wirtschaft: Wie aus Industrie 4.0 neues und nachhaltiges Wachstum entstehen kann

05/05/2017 12:56 CEST | Aktualisiert 05/05/2017 12:56 CEST
Franz Wamhof

Interview mit Prof. Dr. Marion A. Weisselberger-Eibl, Leiterin des Fraunhofer-Instituts für System- und Innovationsforschung ISI sowie Inhaberin des Lehrstuhls für Innovationsmanagement am Karlsruher Institut für Technologie (KIT)

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Prof. Dr. Marion Weissenberger-Eibl (Copyright: Franz Wamhof)

Frau Prof. Weissenberger-Eibl, welche Technologien werden die kommenden Jahrzehnte prägen?

Das werden unter anderem die Informations- und Kommunikationstechnologien (IKT) sein oder auch die Biotechnologien, die meiner Meinung nach noch immer unterschätzt werden. Interessant sind vor allem die Chancen der Querschnitttechnologien, wie zum Beispiel die Nanotechnologie oder die Materialwissenschaften. Deren Anwendungsgebiete sind überaus vielfältig und könnten unser Leben massiv verändern - sowohl im persönlichen Alltag als auch im Arbeitsleben. Schon heute prägen Fragen nach barrierefreien öffentlichen Verkehrssystemen und veränderten Anforderungen an Infrastrukturnetze die Wissenschaft. Ähnliches gilt für die Bereiche Ernährung und Landwirtschaft.

Worauf sollten neue Technologien untersucht werden?

Auf ihre Chancen, aber auch in Hinsicht auf ihre Risiken. Sie können Teil zur Lösung der Probleme sein, die Megatrends wie beispielsweise der Klimawandel oder der demografische Wandel mit sich bringen. Zugleich haben sie entscheidenden Einfluss auf die Wettbewerbsfähigkeit und wirtschaftliche Entwicklung ganzer Industriezweige.

Welche Aspekte sind im Sinne der nachfrageorientierten Innovationspolitik relevant?

Um technische Machbarkeiten nachzuweisen und neue Anwendungspotenziale zu erschließen, wäre ein diskriminierungsfreier Zugang zu Pilotanlagen und Demonstratoren von Industrie 4.0 vor allem für KMU wichtig. Empfehlenswert sind auch die Stärkung eines branchen- und technologieübergreifenden Austausches sowie das gegenseitige Lernen von Unternehmen, quasi außerhalb der Komfortzone. Zudem sollten Verwertungspotenziale hinsichtlich von Geschäftsmodellen und industriellen Services und bei der Industrie 4.0-Technologieentwicklung sowie den dafür notwendigen organisatorischen Rahmenbedingungen und Kompetenzen frühzeitig berücksichtigt werden. Es sollten Lösungen entwickelt werden, die dem unterschiedlichen Bedarf von KMU Rechnung tragen - das heißt robuste, skalier- und modularisierbare Lösungen, um die Einstiegsschwelle in Industrie 4.0 für KMU möglichst niedrig zu halten.

Mit welchen Aspekten beschäftigt sich das Fraunhofer ISI im Kontext der digitalen Wirtschaft?

Wir setzen uns intensiv mit Zukunftstechnologien wie generativen Fertigungsverfahren sowie intelligenten Produktionsanlagen und -prozessen auseinander. Zur „digitalen Wirtschaft" gehört außerdem, dass Unternehmen in Echtzeit Informationen zur eigenen Innovations- und Leistungsfähigkeit erhalten können. Am Fraunhofer ISI haben wir deshalb ein Industrie-Benchmarking-Portal entwickelt, auf dem sich Betriebe online mit etwa 1.600 Unternehmen des Verarbeitenden Gewerbes hinsichtlich ihrer Innovations- und Modernisierungsstrategie vergleichen und Optimierungsbedarfe sowie Wege zu deren Umsetzung offenlegen können.

Was ist der Sinn solcher Instrumente?

Sie unterstützen Unternehmen darin, sich an schnell wechselnde Marktbedingungen und Kundenansprüche anzupassen und ihre Produktion nach energie- und rohstoffeffzienten Gesichtspunkten auszurichten, wodurch sie auch künftig wettbewerbsfähig bleiben.

Welche Rolle spielt das politische Handeln bei der Digitalisierung und Industrie 4.0 als gesellschaftliche Herausforderung?

Hier gilt es, frühzeitig die damit verbundenen Chancen und Potenziale, aber auch mögliche Risiken und Fehlentwicklungen zu erkennen und entsprechende Maßnahmen einzuleiten. Nur so können die erwarteten positiven Effekte auch eintreten. Wenn Deutschland im internationalen Wettbewerb eine Vorreiterrolle in der Industrie 4.0 einnehmen und sich als Leitmarkt etablieren will, dann wird es zudem wichtig sein, eine rasche Diffusion von Industrie 4.0-Technologien in der Breite der Industrie, das heißt bei Herstellern und bei Anwendern, zu erreichen.

Vor allem wird es wichtig sein, nicht nur bestehende Produktionsverfahren durch Industrie 4.0 zu optimieren (mitunter zu ersetzen), sondern auch neue Märkte, Geschäftsmodelle, Produktionsverfahren und Wertschöpfungsprozesse sowie völlig neuartige Produkte zu entwickeln. Nur dadurch kann aus Industrie 4.0 wirklich neues und nachhaltiges Wachstum in der Zukunft entstehen.

Welche Hürden sind damit verbunden?

Innovationen dieser Reichweite sind immer mit bestimmten Markthemmnissen beziehungsweise -barrieren verbunden, etwa hohe Investitionskosten, fehlende Kompetenzen auf dem Arbeitsmarkt, hohe Unsicherheit bei Technologieentwicklung und der Entwicklung neuer Verfahren und Produkte. Diese machen es vor allem kleinen und mittelständischen Betrieben (KMU) schwer, die damit verbundenen Risiken und Kosten zu schultern. Aktuell ist der Wissenstransfer bei Industrie 4.0 noch stark technologiegetrieben. Im Fokus steht die technische Machbarkeit. Für eine Diffusion von Industrie 4.0 in der Breite der deutschen Industrie, vor allem in KMU und im Mittelstand, wird es jedoch wichtig sein, die Wissenstransferangebote stärker auf mögliche Anwendungspotenziale auszurichten.

Welche Rolle spielen Aus- und Weiterbildung für Innovationen bei Industrie und Dienstleistung 4.0?

Die Digitalisierung der Gesellschaft im Allgemeinen sowie Industrie 4.0 im Speziellen haben das Potenzial, die Art und Weise, wie wir in Deutschland konsumieren und produzieren, grundlegend zu verändern. Aufgrund dieser Reichweite ist davon auszugehen, dass bestimmte bestehende Fertigkeiten und Kompetenzen in Industrie und Dienstleistungen zukünftig noch wichtiger werden. Gleichzeitig werden aber auch völlig neue Tätigkeits- und Kompetenzprofile entstehen.

Vor welcher Herausforderung steht die Hochschulausbildung?

Hier geht es vor allem um die Herausforderung, Personal für Entwicklung, Management und Überwachung von Industrie 4.0-Systemen auszubilden und die betriebliche Ausbildung vor allem auf die Schaffung weitergehender IT-Kompetenzen auf Facharbeiterebene hin auszurichten.

Weshalb brauchen wir digitale Bildung?

Bildung ist die wichtigste Säule von Innovation und Chancengleichheit. Auch hier werden wir in den kommenden Jahrzehnten gewaltige Fortschritte erleben, denn die zunehmende Vernetzung wird herkömmliche Routinen aufbrechen und neue Lernchancen eröffnen. Die meisten Schüler werden zu Meistern im Umgang mit Technik, denn Schulen werden Technologie in den Lehrplan aufnehmen und in vielen Fällen den herkömmlichen Unterricht durch interaktive Workshops ersetzen. Bildung wird flexibler und passt sich an die Bedürfnisse und das Lerntempo der Kinder an, nicht umgekehrt. Auch für Kinder in armen Ländern bedeutet die künftige Vernetzung einen deutlich verbesserten Zugang zu Lernmitteln, wenn auch nicht auf dem eben beschriebenen Niveau.

Vielen Dank für das Gespräch.

2015 gab das Fraunhofer ISI die Publikation „Industrie 4.0. Zehn Thesen aus Sicht der Innovationsforschung" heraus.

Die Thesen im Überblick

These 1: Die Digitalisierung eröffnet viele neue Geschäftsfelder und umfasst mehr als die Effizienzsteigerung von bestehenden Prozessen.

These 2: Für kleine und mittlere Industrieunternehmen ist die schrittweise Annäherung an Industrie 4.0 der Schlüssel.

These 3: Durch Industrie 4.0 wird die klassische Facharbeiter-Kompetenz neu definiert.

These 4: Sicherheitsaspekte für die vernetzte Produktion sind zentral.

These 5: Eine kritische Reflexion des Themas verbessert den Umsetzungserfolg von Industrie 4.0

These 6: Additive Fertigungsverfahren und Industrie 4.0 verfügen über hohe Synergiepotenziale in der Umsetzung.

These 7: Eine vorausschauende Umsetzung von Industrie 4.0 braucht Klarheit über mögliche Effekte für den Standort Deutschland.

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These 8: Heutige Marktnischen und Geschäftsmodelle vieler kleiner und mittlerer Unternehmen werden sich durch Industrie 4.0 wandeln.

These 9: Industrie 4.0 geht weit über den Produktionskontext hinaus und wird viele Aspekte des gesellschaftlichen Lebens verändern.

These 10: Die Rolle des Menschen in einer vollständig digitalisierten Umwelt muss neu betrachtet werden.

Weiterführende Informationen:

„Soziale Innovationen gewinnen an Bedeutung". Interview mit Univ.-Prof. Dr. Marion A. Weissenberger-Eibl. In: Der Betriebswirt 2 (2015), S. 33-35.

Persönlichen Gestaltungsspielraum ausbauen. Interview mit Fraunhofer ISI-Chefin Prof. Dr. Marion A. Weissenberger-Eibl von Ruth Lemmer. In: PERSONALquarterly 1 (2016), S. 6-9.

Prof. Dr. Marion A. Weissenberger-Eibl in der Huffington Post

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