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Sie holen es sich zurück! Digitale Initiativen gegen Propaganda und Lügen

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„Es ist eine verdammt miese Zeit - und eine gute zugleich." Sagt die Social Media-Expertin und Politologin Christa Goede, die auch zu Deutschlands Gesichtern der Nachhaltigkeit gehört.

An den schlechten Tagen müssen wir lesen, dass ein Politiker das Holocaust-Denkmal als "Mahnmal der Schande" gerne getilgt wüsste.

Oder wir erleben einen ehemals bekannten Autor, der in einem Tweet Flüchtlinge als Ficklinge bezeichnet. Und wir hören von Menschen, die mit dem Tod bedroht werden, weil sie sich gegen eben diese Dinge engagieren.

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Christa Goede (Rebecca Hammer)

An den guten Tagen aber gründet sich wieder eine Initiative mit der Absicht, diesem Wahnsinn entgegenzutreten. Diese Projekte bemühen sich, Propaganda und Lügen zu finden und zu korrigieren, konstruktive Debatten zu fördern, zu deeskalieren oder positive Gegen-Kampagnen zu initiieren.

Sie wollen das Netz nicht den Populisten überlassen, sondern es auch weiterhin als Instrument für konstruktiven, demokratischen Diskurs nutzen. Sie wollen es sich zurückholen. Solche Tage werden häufiger.

Viele neue Initiativen sind in den letzten Monaten entstanden, und die Menschen beginnen sich untereinander zu vernetzen - so wie Carsten Rossi (48, Geschäftsführer einer Kölner Kommunikationsagentur) und Christa Goede (47, freiberufliche Texterin und Konzeptionerin), die sich erst Anfang des Jahres auf Facebook getroffen haben und nun zusammenarbeiten.

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Carsten Rossi (Kammann Rossi GmbH)

_ Carsten, was war der Auslöser dafür, dass Du "Die Bessere Achse" gegründet hast? Gibt es ein persönliches Erlebnis? Und was treibt dich an?

Carsten: Der Auslöser war die Gerald-Hensel-Story, die schnell zu einer Scholz & Friends-Story wurde.

Die berufliche Nähe war der Auslöser für eine intensivere Beschäftigung mit dem Thema. Was mich grundsätzlich aber antreibt, ist das Folgende: Ich habe meine Kinder für eine offene Gesellschaft ohne Vorurteile erzogen. Also muss ich auch dafür sorgen, dass diese Gesellschaft so bleibt.

_ Christa, Du bist ja schon wesentlich länger als ich in diesem Umfeld aktiv. Was bringt Dich dazu, so viel Zeit Deines Lebens in dieses Thema zu investieren - und was hat sich über die Jahre bis heute verändert?

Christa: Ich habe mich schon als Kind für Politik und Geschichte interessiert, deswegen habe ich auch Politikwissenschaften studiert. Nach der Maueröffnung kam es zu einer ersten Stärkung der rechtsextremen Szene - inklusive der Ausschreitungen in Rostock-Lichtenhagen und der entsetzlichen Brandanschläge in Hünxe, Mölln und Solingen.

In dieser Zeit habe ich Konzerte organisiert, in der wir Geld für die Opfer und für antifaschistische Initiativen gesammelt haben, und ich habe zum Beispiel in Schulen Vorträge für Eltern gehalten über die Codes der rechtsextremen Szene. Seit dieser Zeit engagiere ich mich gegen Vorurteile und Hass.

Heute ist es so, dass diese "gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit" (vgl. Wikipedia) überall sichtbar wird: in den sozialen Netzwerken, in den Kommentarspalten und Foren der großen Zeitungen, in Diskussionen auf der Straße - überall blanker Hass! Argumente sucht man über weite Strecken vergeblich, stattdessen wird beleidigt und bedroht, was das Zeug hält.

Ja, es gibt Probleme in diesem Land, in Europa, auf der ganzen Welt. Aber diese Probleme können wir nicht lösen, in dem wir Menschen hassen oder bedrohen! Wir müssen endlich gemeinsam über diese Probleme sprechen und Lösungen finden - aber keine einfachen Parolen wie "Grenzen dicht!" oder "Alle abschieben!", sondern Lösungen, die zu dieser komplizierten, globalisierten Welt passen.

_ Carsten, was denkst du: Was kann ein breites Bündnis wie "Die Bessere Achse" bewirken? In dieser Initiative sind ja Menschen mit ganz verschiedenen politischen Hintergründen versammelt... das klingt erstmal ziemlich kompliziert!

Carsten: Aber das ist es gar nicht. Denn auch wenn das erst mal negativ klingt: Wir sind zuallererst einmal nicht für etwas - eine bestimmte politische Richtung -, sondern gemeinsam gegen etwas: Propaganda und Lügen als Mittel des politischen Diskurses.

Auf diesen kleinsten gemeinsamen Nenner oder (positiver ausgedrückt) Konsens können sich immer noch die meisten politischen Akteure in diesem Land einigen. Er ist die Basis, auf der jeder von uns seine individuellen Ziele verfolgen kann. In der Gruppe selber wird dann schlicht und einfach nach den üblichen demokratischen Prinzipien entschieden.

8 Initiativen, die Christa Goede und Carsten Rossi erwähnenswert finden

Correctiv - wir decken Missstände auf

Das Correctiv ist das erste gemeinnützige Recherchezentrum im deutschsprachigen Raum - es möchte jedem Bürger Zugang zu Informationen geben.

Facebook hat das Recherchebüro Correctiv Mitte Januar 2017 damit beauftragt, Falschmeldungen zu entlarven und diese auch gleich richtigzustellen. Diese Fakenews bekommen einen Warnhinweis: „Von Dritten als unglaubwürdig eingestuft" oder „Von Faktenprüfern außerhalb von Facebook angezweifelt".

Mitmachen: In Zukunft sollen Fakenews bei Facebook schneller von den Usern gemeldet werden können - im Anschluss werden diese Postings dann vom Correktiv auf den Wahrheitsgehalt hin überprüft. Wichtig ist auch, dass die Warnhinweise an den Fake-Postings beachtet werden, denn Facebook wird diese gefälschten Nachrichten nicht löschen.


Die offene Gesellschaft

Die Initiative bietet eine offene Bühne, fördert, vernetzt und berät - erstmal in der Zeit bis zur Bundestagswahl im September 2017. Die Initiative besteht aus 2.000 Einzelpersonen und vielen Stiftungen wie die Robert-Bosch-Stiftung, die Open-Society-Fundation oder die Bertelsmann-Stiftung. Mit dabei sind zum Beispiel auch die Deutsche Filmakademie und das Deutsche Theater.

Mitmachen: Eine der zahlreichen Veranstaltungen besuchen, sich dort vernetzen und aktiv werden, Ideen einbringen, die von der Initiative unterstützt werden könnten, Veranstaltungstermine für den Kalender mitteilen.

#ichbinhier - Deeskalation und konstruktives Mitmischen

Dies ist eine geschlossene Facebook-Gruppe, deren Mitglieder sich aktiv einmischen in die Kommentare unter den Beiträgen großer Medienunternehmen wie Fokus oder Stern und dort konstruktiv mitreden.

Mitmachen: Sich in die Gruppe aufnehmen lassen, konstruktiv in die Debatten unterhalb der Postings einmischen und klar den eigenen Standpunkt beziehen. Mit dem Hashtag #ichbinhier werden diese Postings recherchierbar - die anderen Gruppenteilnehmer können unterstützend liken oder selbst auf hohem gepflegten Niveau mitdiskutieren. Zusätzlich werden einzelne Postings in der Gruppe sichtbar gemacht, damit die Unterstützung noch leichter fällt.

Netzwerk First Draft Coalition - Leitfaden für Augenzeugen-Medien

Das Netzwerk besteht aus mehr als 40 internationalen Medien - mit dabei sind dpa, Facebook, Zeit Online, Google News Lab oder auch The Guardian.

Mitmachen: Die praktischen Leitfäden sind für alle interessant - gerade für die, die viele Inhalte in Social Media teilen. Denn mit diesen Werkzeugen können Links und Fotos auf ihren Wahrheitsgehalt hin überprüft werden.

Die Bessere Achse - Kampagnen gegen Lügen und Propaganda

Bisher 80 Mitglieder aus vielen politischen Lagern möchten Populisten jeglicher Couleur durch effektive und nachhaltige Kommunikationskampagnen 2017 die Lufthoheit im meinungsbildenden, digitalen Raum nehmen.

Es ist das erklärte Ziel, populistischen Thesen, Positionen und Fake News durch positive Kommunikation und professionelles Campaigning zu widersprechen, um ihnen den Weg in den Mainstream abzuschneiden. Dazu soll die "unentschiedene Mitte" sensibilisiert werden.

Mitmachen: Sich in die (geschlossene) Facebook-Gruppe aufnehmen lassen. In der Gruppe kann man sich mit anderen Engagierten vernetzen, auf Basis eines gemeinsamen Redaktionsplans Beiträge zu diversen Themen schreiben und mit anderen Beiträgen verlinken. Erstes Ziel sind Synergien in Sachen Reichweite und Sichtbarkeit.

hoaxmap.org - Gerüchte über Geflüchtete überprüfen

Eine Website mit integrierter Google-Karte, in der mittlerweile mehr als 400 Gerüchte gesammelt sind.

Mitmachen: Hier kann man Inhalte überprüfen, bevor man sie in Social Media teilt - es könnte ja sein, dass diese Nachricht bereits als Hoax enttarnt wurde.

Save Democracy - mitmachen für eine starke, offene, lebendige Demokratie

Eine Initiative aus ursprünglich acht Freunden: Die überparteiliche Plattform fördert politische Projekte und politische Teilhabe und vernetzt Menschen und Ideen.

Mitmachen: Zu einem der regelmäßig stattfindenden Hackdays gehen. Dort vernetzen sich die Aktiven, neue Ideen werden gemeinsam umsetzt, denn auf dem Hackday gibt es methodische Unterstützung und Ressourcen.

Schmalbart - die faire, offene und transparente Antwort auf Breitbart

Website mit intensiver Vernetzung in Social Media - das Gründungs-Camp fand Mitte Januar in Berlin statt. Weitere Informationen hier.

Mitmachen: Zum Beispiel Artikel schreiben - die Website dient in Zukunft als Sammelpunkt für Beiträge, die sich mit dem Blog Breitbart beschäftigen. Die Tonalität sollte humorvoll, intelligent, überraschend und pointenreich sein.

Literatur:

Alexandra Hildebrandt: Kleine Handlungen, große Wirkung. Ganz nah! Wo die Kraft der Gemeinschaft am besten gedeiht. Amazon Media EU S.à r.l. Kindle Edition 2017.

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