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Ein typischer Tag im Unternehmen 2030

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Gastbeitrag von Dipl.-Psych. Tanja Schwarzmüller, Dr. Prisca Brosi und Prof. Dr. Isabell M. Welpe

Die Digitalisierung wird die Arbeit und Zusammenarbeit von Morgen grundlegend verändern - dies zeigt eine aktuelle Befragung von ExpertInnen aus Wirtschaft, Wissenschaft, Politik und Verbänden, die wir kürzlich an der Technischen Universität München durchgeführt haben. Wie die Arbeit der Zukunft aussehen wird möchten wir im Folgenden skizzieren und eine kleine Zeitreise ins Unternehmen 2030 unternehmen.

Wir werden sehr kompetent sein (müssen)

Lars ist Mitarbeiter im prototypischen Unternehmen 2030. Schon von klein auf kam Lars mit IT in Berührung; Informatik und neue Technologien waren wichtige Querschnittsfächer in Schule wie Studium und begleiten ihn auch im Beruf weiter. Seine Aufgabe im Unternehmen fordert ihm eine hohe Veränderungsbereitschaft ab. Er mag es jedoch, sich immer wieder aufs Neue auf veränderte Anforderungen einzustellen - Agilität ist für ihn kein notwendiges Übel, sondern die Möglichkeit, über sich selbst hinaus zu wachsen. Obwohl Lars hoch qualifiziert ist, weiß er, dass lebenslanges Lernen ein wichtiger Bestandteil seiner Arbeit ist. Seine Weiterentwicklungsmaßnahmen organisiert er daher eigenständig mit individualisierter, auf seine Bedürfnisse abgestimmter Unterstützung der Personalentwicklung.

Unsere Arbeit wird sich weiter intensivieren

Immer weiter zu lernen ist für Lars vor allem deshalb wichtig, weil er einen in vielen Dimensionen intensiven Beruf hat. Da ein Computer seit Langem alle Routinetätigkeiten übernimmt sind die Themen, mit denen Lars tagtäglich zu tun hat, komplex. Lars muss basierend auf einer kontinuierlichen Informationsflut die richtigen Entscheidungen treffen und Probleme lösen. Das muss er zudem schnell tun, denn sein Unternehmen arbeitet wie fast alle Unternehmen in einem sehr kompetitiven und schnellen Wettbewerbsumfeld. In Folge steht Lars vor der Anforderung eines konstant hohen Arbeitspensums, das nötig ist, um überhaupt all seine Aufgaben erledigen zu können.

Wir werden hochtechnologisiert sein

Bei der Bewältigung dieses enormen Arbeitspensums ist Lars jedoch nicht auf sich alleine gestellt. Lars wird bei nahezu allen Aufgaben durch Maschinen, Tools und IT unterstützt.

Informationsverarbeitungssoftware bündelt die große Masse an eintreffenden Informationen in überschaubare Einheiten. Simulationssoftware spielt basierend auf diesen Informationen verschiedenste Szenarien für die Zukunft durch und macht Lars einen Entscheidungsvorschlag für das weitere Vorgehen. Lars arbeitet aber auch direkt mit Maschinen zusammen: Systeme mit künstlicher Intelligenz setzen seine Sprachanweisungen unmittelbar und eigenständig um.

Wir werden nahezu ununterbrochen in (neuen Arten von) Teams arbeiten

Natürlich hat Lars nicht nur maschinelle Kollegen. Die Zusammenarbeit mit menschlichen Kollegen bestimmt einen Großteil seiner Arbeit. Daher wird Teamarbeit durch Arbeitsplätze, die auf Zusammenarbeit und kurze Abstimmungswege ausgelegt sind, unterstützt. Jedoch unterscheidet sich Lars' Verständnis von Teamarbeit grundlegend von unserem heutigen. Er arbeitet flexibel in ständig wechselnden, oft global agierenden Teams. Feste Abteilungsstrukturen kennt Lars nicht. Die Teams sind häufig unternehmensübergreifend aufgestellt, um die hohen Anforderungen, die das Wettbewerbsumfeld an sein Unternehmen stellt, erfüllen zu können. Für Lars ist es daher selbstverständlich, in diversen Teams mit unterschiedlichsten fachlichen Hintergründen zu arbeiten - offline genauso wie virtuell.

Kommunikation wird eine Schlüsselrolle bei unserer Arbeit einnehmen

Aufgrund der hohen Bedeutung von Kollaboration ist effektive Kommunikation für Lars essentiell. Er kommuniziert regelmäßig über Schnittstellen, also Fach- und Organisationsgrenzen, hinweg. Er muss sich flexibel auf unterschiedliche Gesprächspartner und ihren spezifischen „Fachjargon" einstellen. Für den Austausch mit anderen nutzt er kaum mehr Emails - stattdessen schreibt er Kollegen per Chat oder über das social network seines Arbeitgebers an. Das ist informeller und führt zu schnelleren Antworten.

Wir werden unter erhöhter Unsicherheit arbeiten

Lars kann selten vorhersagen, an welchen Inhalten er am nächsten Tag arbeiten wird - er arbeitet sozusagen immer „real time". Zudem sind die Konsequenzen seines Handelns oft ungewiss. Durch die Schnelllebigkeit der Märkte und das kontinuierliche Entstehen disruptiver Geschäftsmodelle ist Lars mit vielen Unbekannten konfrontiert. Das macht Lars' Tätigkeit überaus abwechslungsreich und vielfältig, denn er ist ständig dabei, sich neue Konzepte zu überlegen und Probleme zu lösen.

Wir werden sehr flexibel sein

Die Tatsache, dass Lars neuen Anforderungen stets mit Agilität begegnen muss, fordert eine hohe zeitliche Flexibilität von ihm. Im Gegenzug dafür kann jedoch auch er flexibel agieren, sei es, wenn es darum geht, mittags zwei Stunden Tennis zu spielen oder die Kinder am Nachmittag von der Schule abzuholen. Lars arbeitet einfach abends im Homeoffice weiter. Insgesamt heißt das, dass Lars den Großteil seines Tages über für seinen Arbeitgeber erreichbar ist. Dringende Anfragen erreichen ihn auch nachts per Smartphone und erfordern seine Reaktion - irgendwo auf der Welt sind seine Kunden und Kollegen immer am Arbeiten. Dabei ist es kein Wunder, dass für Lars die Grenzen zwischen Beruf und Privatleben verschwimmen. Eine klare Trennung dieser beiden Lebensbereiche ist kaum möglich.

Wir alle werden Entscheider sein

Für seinen hohen Einsatz wird Lars jedoch belohnt: Seine Vorgesetzte lässt ihn weitestgehend eigenständig arbeiten, auf welchem Weg er seine Ziele erreicht ist vollständig ihm selbst überlassen.

Seine Vorgesetzte legt außerdem großen Wert auf Lars' Urteil und bindet ihn laufend in strategische Entscheidungen ein. Partizipation ist ihr Leitprinzip. Nur in Ausnahmefällen werden wichtige Entscheidungen von oben nach unten getroffen - über die meisten Dinge wird demokratisch im Team abgestimmt.

Über die Autorinnen:

Tanja Schwarzmüller ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Strategie und Organisation der Technischen Universität München. Im vom Bundesministerium für Bildung und Forschung geförderten Projekt „Digital Work Design - Turning Risks Into Chances" forscht sie zu den Themen Arbeitsgestaltung, Führung und Geschäftsmodelle in der digitalisierten Welt.

Dr. Prisca Brosi ist Habilitandin und Post-Doc am Lehrstuhl für Strategie und Organisation der Technischen Universität München. Im Projekt „Digital Work Design - Turning Risks Into Chances" konzentriert sich ihre Forschung auf die Themen Arbeitsgestaltung und Führung in der digitalisierten Welt. Außerdem beschäftigt sie sich mit Führungs- und Managementsystemen in Unternehmen und richtet dabei einen besonderen Fokus auf Emotionen.

Prof. Dr. Isabell M. Welpe ist Inhaberin des Lehrstuhls für Strategie und Organisation an der Technischen Universität München und Direktorin des Bayerischen Staatinstituts für Hochschulforschung und Hochschulplanung (IHF) . Ihre Forschungsschwerpunkte liegen in den Bereichen Strategie, Führung und Innovation sowie der Digitalisierung von Wirtschaft und Gesellschaft.

Aktuelle Projekte von Isabell M. Welpe beschäftigen sich vor allem mit dem digitalen Wandel von Unternehmen und der Zukunft von Führung, Arbeits- und Organisationskonzepten. Sie ist wiederholte Speakerin auf der Digital Life Design (DLD) Konferenz und durch die Zeitschrift Capital als Top 40 unter 40 der „digitalen Elite" gelistet.
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Für das Standardwerk „CSR und Digitalisierung" (hg. von Alexandra Hildebrandt und Werner Landhäußer), das Anfang 2017 im Fachverlag SpringerGabler erscheint, haben die Autorinnen den Beitrag „Führung 4.0 - Wie die Digitalisierung Führung verändert" geschrieben.