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Die reife Generation Y: Wie Philipp Riederle den Horizont unserer Hand-Habungen erweitert

15/04/2017 19:45 CEST | Aktualisiert 15/04/2017 19:45 CEST
pixelfit via Getty Images

Als Philipp Riederle 2013 mit dem SPIEGEL Bestseller „Wer wir sind und was wir wollen" als „Aufklärer" der Generation Y berühmt wurde, war noch nicht abzusehen, dass die vielen von ihm gelegten Samen wirklich aufgehen würden.

Er hat die Wirklichkeit seiner Generation damals wie kaum jemand sonst erfasst und als Autor und Speaker breit gestreut. Nicht immer zur Freude der älteren Generationen. Zu selbstbewusst sei Riederle, ein Selbstvermarkter, einer, der nur die Bühne sucht.

Doch wer so urteilt, tut ihm Unrecht, und vielleicht spricht aus diesen Worten auch ein wenig Neid. Da kommt jemand, der sich traut, Dinge beim Namen zu nennen und alte Gewissheiten in Frage zu stellen. Wer nichts damit anfangen konnte, dem war nicht zu helfen, und dem wird auch sein neues Buch verschlossen bleiben.

Es ist allerdings nicht nur ein intellektueller, sondern vor allem ein praktischer Gewinn, ihn Zeile für Zeile beim Erwachsenwerden zu begleiten, denn es geht neben den fundamentalen Veränderungen der Arbeitswelt auch um die digitale Reifwerdung der Leser.

Gewiss widmen sich viele Teile dem Arbeits-, Konsum- und Kommunikationsverhalten der Generation Y, aber viel wichtiger ist der Brückenschlag zum Leser und zu den anderen Generationen.

Die Digitalisierungsdebatte in Deutschland ist ohne dieses Buch nicht möglich, denn es zeigt nicht nur, was wir im Digitalisierungszeitalter alles wissen sollten, sondern vor allem, was wir können (!) müssen, um die aktuellen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Herausforderungen zu meistern.

Begriffe wie Könnensgesellschaft und Handwerk prägen dieses Buch. Der am meisten genannte Begriff ist „Handwerk" - und das aus gutem Grund, denn es geht darum, unser Alltagsgeschäft buchstäblich wieder „in den Griff" zu bekommen.

Dazu müssen wir - wie viele Vertreter der Generation Y - imstande sein, immer wieder unterschiedliche Rollen einzunehmen und abzugeben und unser Know-how einzusetzen: schnell, praktisch und direkt. Dabei gehören greifen und begreifen zusammen.

Eine der wichtigsten Aussagen des Buches lautet: Um Digitalreife zu erlangen ist es wichtig, sich nicht allein auf die Augenversessenheit zu verlassen, sondern auch auf haptische Erfahrungen und die Gestaltung durch die Hände zu bauen, auf die echte Beziehung von Mensch und Welt.

Gewiss räumt er auch ein, dass nicht jeder den professionellen Umgang mit Kunden beherrscht, besonderes Geschick bei filigranen Arbeiten oder ein Talent zur Organisation etc. hat - doch wer sie hat, „kann ebenso in Handwerksbetrieben Verantwortung für ein Projekt übernehmen wie in Konzernabteilungen oder auf Klinikstationen".

Ohne die werkende und gestaltende Hand ist digitales Denken nicht möglich. Was reif werden soll, braucht nachhaltige Bildung und entsprechende Werkzeuge als Organon der Erkenntnis. Die wichtigsten sind und bleiben im Zeitalter der Digitalisierung die Hände.

Warum das Handwerk im Digitalisierungszeitalter überleben wird

Zu Recht kritisiert Riederle, dass Handwerk und Industrie in den sozialen Medien bislang viel zu selten auftauchen - und er fragt: „Sind diese Branchen nicht sozial? Haben sie nichts zu erzählen?" Er ist davon überzeugt, dass es überall gute Geschichten gibt, die authentisch in den Social Media-Kanälen abgebildet werden können.

Das enorme Verdienst seines Buches besteht darin, eine greifbare Brücke zwischen Handwerk und Digitalisierung zu bauen, denn das eine ist nicht tragfähig ohne das andere:

„Digitalisierte Strukturen beispielsweise in Baugewerbe, Handwerk oder Pflege sind uns größtenteils noch gar nicht bekannt (aber in den Startlöchern). Auch hier wird geschlafen und gleichzeitig händeringend nach Nachwuchs gesucht (Stellen aber eben nicht vornehmlich abgebaut)."

Er ist davon überzeugt, dass die Digitalisierung Handwerker nicht so schnell ins Hintertreffen bringen wird, denn etliche Berufe und Berufungen können Computer, Roboter und Algorithmen nicht vollständig übernehmen. Es sind jene, die Kreativität, Empathie und persönliche Interaktion erfordern:

„Ärzte, Pfleger, Psychologen, alle sozialen und kreativen Berufe, Servicekräfte - und Denker, Menschen, die die Computer programmieren, sie kontrollieren (und eben nicht umgekehrt)."

Das Buch ist eines der schönsten Plädoyers für das Handwerk von einem jungen Menschen. Aus dem Mund von Unternehmensvertretern, die plötzlich ihre Krawatten ablegen, das Du auf allen Unternehmensebenen anbieten und Sneakers tragen, kommen zwar viele neue Begriffe der Digitalisierung, aber keine Sätze wie diese von Riederle: „Nicht auszudenken, wenn niemand mehr wüsste, wie Straßen gebaut, wie streikende Heizungen wieder zum Laufen gebracht und Bremsen im Auto gewechselt werden. Wenn niemand mehr pflegt, in Restaurants kocht oder unsere Lebensmittel produziert."

Denn was nützen Manager und Führungskräfte im Arbeitsleben 2.0, wenn es an Handwerkern, Metzgern oder Klempnern mangelt und wir im Alltag aufgeschmissen sind?

Im quellenreichen Buch findet sich auch der wichtige Hinweis, dass Restaurantfachleute, Fleischer, Fachverkäufer im Lebensmittelhandwerk, Klempner, Fachleute für Systemgastronomie, Bäcker und Gerüstbauer bis zu 35 Prozent ihrer Plätze nicht besetzen können.

Vor diesem Hintergrund verweist Riederle auf die Notwendigkeit, die duale Ausbildung und die damit verbundenen Berufe dringend den aktuellen Gegebenheiten anzupassen und stärker zu fördern, ja nicht zuletzt „sollte den entsprechenden Berufen ein angemessener gesellschaftlicher Status zugesprochen werden".

In Zukunft kommt es darauf an, Handwerk und digitales Arbeiten richtig zu verbinden, denn schon jetzt muss ein Elektriker in der Lage sein, „vernetzte Systeme zu installieren, und ein Heizungstechniker muss nicht wie früher nur Heizungsrohre verlegen, sondern auch die Software des Heizungskessels updaten" (FOCUS 14/2017).

Früher kümmerte er sich vor allem um Stromanschlüsse, Hausverteilung, Dimmer oder Bewegungsmelder, heute geht es um Smart Homes - „und die Kundenwünsche hinsichtlich Funktionalität, Sicherheit, Schnelligkeit".

Digital- und Lebensreife durch „hineinschrauben"

Philipp Riederle, Jahrgang 1994, schreibt das nicht nur aus innerer Überzeugung, sondern auch aus persönlicher Erfahrung: Mit 15 Jahren gründete seine eigene Firma Phipz Media.

Als Deutschlands jüngster Unternehmensberater arbeitete er bereits mit über 300 Unternehmen an deren digitaler Kompetenz. 2014 wurde Riederle von der Bundesregierung als führender „Digitaler Kopf Deutschlands" ausgezeichnet.

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Das hat nichts mit mit Spitzenleistungen eines jungen Genies zu tun, sondern mit einem lehr- und lernbaren Handwerk:

Die Freude an IT verdankt er seinem Großvater, einem Elektriker, der sein Handwerk verstand und dem Enkel vermittelte. Schon im Alter von zwei Jahren baute Philipp Riederle im Hobbykeller Schaltkreise und schraubte bald Computer auseinander.

Zum Star der Internetszene wurde der damals 14-Jährige mit seinem Podcast „Mein iPhone und ich". Interessant ist, dass Riederle sogar handwerkliches Vokabular nutzt, um seine Beratungstätigkeit zu beschreiben. So heißt es an einer Stelle im Buch, dass er sich in die Unternehmen „hineinschraubt" statt hineinarbeitet.

Der Begriff verweist auch auf seine besondere Form des Denkens: sich in etwas hineinbegeben und es von innen heraus begreifen. Vielleicht hat das auch damit zu tun, dass er sich gern philosophischen Fragen stellt.

Er studiert Soziologie, Politik- und Ökonomiewissenschaften und möchte sich ein fundiertes Grundverständnis von Gesellschaft und Politik erarbeiten. Das ist nicht nur digitalreif, sondern lebensreif.

Philipp Riederle: Wie wir arbeiten und was wir fordern. Die digitale Generation revolutioniert die Berufswelt. Verlagsgruppe Droemer Knaur GmbH & Co. KG, München 2017.

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