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Digital Health: Das Gesundheitswesen der Zukunft

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DIGITAL HEALTH
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Digitale Selbstvermessung: Herausforderungen und Chancen

Die weltweit zunehmende Nutzung der Informations- und Kommunikationstechnologien (IKT) führt dazu, dass die Bestände an personen- und sachbezogenen Daten immer mehr wachsen. Das gesellschaftliche und wirtschaftliche Potenzial dieser Entwicklung sowie die damit verbundenen Chancen und Herausforderungen beeinflussen auch das traditionelle Gesundheitssystem. „Hier verlaufen die Prozesse häufig noch träge im Vergleich zur Businesswelt, jedoch können auch Arztpraxen und Krankenhäuser von neuen Technologien und Systemen deutlich profitieren", schreibt die Neurologin und Gründerin von Stressfighter Experts, Dr. Miriam Miriam Goos, in ihrem Beitrag „Gesundheit im Zeitalter der digitalen Wirtschaft - Stress und Burn-out als Reaktion auf Veränderung" im Herausgeberband „CSR und Digitalisierung" (SpringerGabler, 2017).

Geräte und Technologien zur Selbstvermessung gehören mittlerweile zum Alltag vieler Menschen. Atemfrequenz, Herzfrequenz, Gewicht, Blutdruck, Schrittzähler, Kalorienmessungen, Zuckerwerte, mentale Zustände, Stimmungen bei depressiven Patienten - alles kann heutzutage in Eigenregie und ohne Aufwand gemessen und über lange Zeiträume gespeichert werden. Wearables, E-Health, M-Health, Health Games & Apps sind nur einige Schlagworte dieser Entwicklung: „Während die einen sich über die neuen Möglichkeiten für Prävention, Behandlung und auch Inklusion freuen, sehen die anderen den überwachten ‚gläsernen Patienten' und die Robotermedizin als große Gefahren, die dahinter lauern", so Goos. Es wird in Zukunft die größte Herausforderung sein, die richtige Balance zwischen Technologie und Menschlichkeit zu finden.

Wissenstransfer 2.0

Das Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung ISI hat im Rahmen des vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) geförderten Verbundprojekts "Wissenstransfer 2.0" eine explorative Folgenabschätzung durchgeführt, die sich mit den Auswirkungen von und Herausforderungen durch Quantified-Self-Technologien befasst.

Es wurde untersucht, welche Potenziale und Risiken digitale Geräte und Technologien zur Selbstvermessung wie Gesundheits-Apps oder Fitness-Armbänder mit sich bringen, die sowohl gelegentliche als auch professionelle Sportler immer stärker nutzen.

Das Ergebnis: Es gibt bislang keine konkreten wissenschaftlichen Belege dafür, welche Vorteile die Wearables für die Gesundheit bringen. Doch könnte die Medizin auch von Selbstvermessungstechnologien profitieren und diese künftig stärker für Diagnostik und Therapien einsetzen, sofern hinreichende Qualitäts- und Datenschutzstandards gewährleistet sind.

Die Ärzteschaft müsste dazu jedoch in ihrer Datenkompetenz gestärkt werden und sich auf einen neuen Patiententypus einstellen, der durch seine Selbstvermessung eine hohe Selbstexpertise und neue Daten mitbringt. Generell sollten Ärzte ihren Patientinnen und Patienten „bei der Interpretation der gesammelten Daten helfen, um daraus für den Alltag die richtigen Schlüsse zu ziehen."

Andererseits wird häufig verkannt, „dass digitale Technologien zur Selbstvermessung auch Risiken wie Überwachungs- oder Diskriminierungspotenziale haben, etwa, wenn Institutionen wie Versicherungen, Arbeitgeber oder Banken Zugriff auf sensible personenbezogene Körper- oder Gesundheitsdaten bekämen und dies ausnutzen würden", sagt Univ.-Prof. Dr. Marion A. Weissenberger-Eibl, Inhaberin des Lehrstuhls Innovations- und TechnologieManagement iTM am Karlsruher Institut für Technologie KIT und Leiterin des Fraunhofer-Instituts für System- und Innovationsforschung ISI in Karlsruhe.

Selbst wenn personenbezogene Daten aus Apps anonymisiert werden würden, könnten sie mit Daten kombiniert werden, die an anderer Stelle über die Nutzer frei verfügbar sind, und so zu einer Re-Identifizierung der Nutzer führen.

Dadurch ließen sich umfassende Gesundheitsprofile erstellen und im Geschäftsverkehr, im Versicherungswesen oder in anderen Zusammenhängen ohne Nutzerwissen gegen die Kunden verwenden. Sie müssten deshalb umfassend über die Erhebungs- und Verarbeitungszwecke sowie bestehende Risiken aufgeklärt werden und jederzeit Auskunft darüber erhalten können, welche Daten von ihnen gespeichert werden.

Dr. Nils B. Heyen, der das "Quantified Self"-Projekt am Fraunhofer ISI leitet, ergänzt, dass weitere Gefahren aus der mangelnden Qualität von Geräten resultieren, Fehlinterpretationen der erhobenen Daten, einer verzerrten Körperwahrnehmung sowie aus Datenmissbrauch. Damit die Medizin von den neuen Selbstvermessungstechnologien profitieren kann, müssten auch die Ärzte in ihrer Daten- und Medienkompetenz gestärkt werden. Zudem müssten sie sich auf einen neuen Patiententypus einstellen, der durch seine Selbstvermessung eine hohe Selbstexpertise und neue Daten mitbringt. Die Mediziner sollten ihren Patienten dabei helfen, die richtigen Schlüsse aus den erhobenen Daten zu ziehen.

Aus den Erkenntnissen wurden Handlungsfelder für Politik, Wissenschaft und Medizin abgeleitet, die ausführlich im Policy Paper "Digitale Selbstvermessung und QuantifiedSelf - Potenziale, Risiken und Handlungsoptionen" beschrieben (und hier zusammengefasst) sind:

• Die Politik sollte vor allem die Auswirkungen von Selbstvermessungstechnologien wissenschaftlich erforschen lassen, um den etwaigen Nutzen für die individuelle Gesundheit und die möglicherweise unerwünschten Implikationen für die Gesellschaft zu ermitteln.

• Politik und Wissenschaft sollten dafür sorgen, dass bei der Sammlung der Selbstvermessungsdaten bestehende Datenschutzregeln eingehalten, Standards für eine hohe Datenqualität geschaffen und entsprechende Zertifizierungsverfahren eingerichtet werden.

• Die Politik sollte die Gesundheits- und Datenkompetenz in der Bevölkerung stärken und einen gesellschaftlichen Diskurs zur Klärung von Fragen der Gesundheitsverantwortung des Einzelnen anregen.

Das Gesundheitssystem wird auch in Zukunft auf den selbstbestimmten, engagierten und urteilsfähigen Menschen nicht verzichten können.

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