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Die Wegbegleiter des Gelingens: Üben, Verbessern und Wachsen

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Cecilie_Arcurs via Getty Images
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Interview mit Karin Helle und Claus-Peter Niem (Coaching for Coaches), die mit zahlreichen prominenten Sportlern, unter ihnen Jürgen Klinsmann, Joachim Löw, Stefan Kuntz und Sebastian Kehl, arbeiten.

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Karin Helle (l.) mit Stefan Kuntz, Trainer der deutschen U21-Nationalmannschaft, und Claus-Peter Niem (r.)

Copyright: Coching for Coaches


Frau Helle, Herr Niem, haben selbstbestimmte Menschen mehr Freude an ihrem Tun als andere?

Ja! Weil sie etwas tun, das ihnen wichtig ist und Sinn macht. Selbstbestimmtes Handeln macht Spaß, weil man es selbst in der Hand hat, sein eigener Chef ist. Und es hat sehr viel mit Selbstverantwortung für das eigene Leben zu tun. Man kann etwas tun, das den eigenen Werten und Vorstellungen entspricht. Wer selbstbestimmt und sinnstiftend arbeitet, leistet mehr. Selbstbestimmung gehört auch zu den Grundbedürfnissen des Menschen - mehr davon bedeutet: Lebensfreude, Erfolg, glücklich sein, Freiräume, Unabhängigkeit.

In Ihrem Buch „One touch" zitieren Sie Hod Lipson, Prof. of Engineering von der Columbia University: „Alle Dinge, die mich interessieren, beinhalten das Wort ‚Selbst'." Weshalb nimmt es in Ihren Publikationen eine so bedeutende Rolle ein?

Weil sportliche Höchstleistungen das Ergebnis maximaler Selbstentwicklung sind. Weil das eigene Selbstbild entscheidend für die Entwicklung eines Menschen ist. Es geht um Selbstmanagement, um die „Ich-Firma" als zentrale Methode, um sich selbst zu einem Höchstleister zu entwickeln. Geht es mir gut, geht es auch meinem Umfeld gut. Es umfasst also den ganzheitlichen Menschen - Körper, Geist und Seele. Sportliche Höchstleistungen stellen sich ein, wenn Kopf, Bauch und Tun als „Eines" erlebt wird. Es ist das Zusammenspiel von Denken, Fühlen und Handeln, das die Selbstentwicklung in Gang setzt. Es geht um die gesamte Persönlichkeit.

Was steckt für Sie im Können und im Gelingen einer sportlichen Bewegung?

Der ideale Leistungszustand psychologischer und physiologischer Aktivierung, der Höchstleistungen ermöglicht. Der Zustand, in dem man am besten seien Leistungen voll abrufen kann. „Im Flow sein", alles gelingt, man steckt voll im Moment. Der absolute Wille zum Siegen, man sprüht vor Kampfgeist. Hohe Frustrationstoleranz, der Ärger wird unterdrückt und nicht gezeigt. Gelassenheit und Lockerheit, alle Gedanken, die nicht zum aktuellen Spielgeschehen gehörten, sind ausgeblendet - fokussiertes, diszipliniertes Denken.

Technisches Können genügt nicht, um sportlich erfolgreich zu sein. Entscheidend ist vor allem die mentale, emotionale und psychische Stärke eines Sportlers.


Warum lassen sich Leistungen abrufen, aber Gelingen nicht?

Wer seine maximale Leistung abrufen will, muss sich perfekt vorbereiten, den Rhythmus finden, sich auf das Spiel mental und körperlich vorbereiten - einen mentalen Fahrplan haben. Leistung ist planbar, und es gibt dafür extrem wirkungsvolle und einfache Methoden. Ob du in den wichtigen Momenten deine Leistung abrufen kannst, ist kein Zufall. Es ist lernbar und trainierbar. Du hast es selbst in der Hand.

Mehr zum Thema: Wertewandel: Warum wir Experten für ein sinnvolles und gelingendes Leben brauchen

Das eine ist die Handlung, die ausgeübte Praxis der Fähigkeiten, die man besitzt. Gelingt die Übung oder das Spiel, wird gewonnen, so ist das die Folge meines Tuns. Es passiert einfach. Gelingen oder Erfolg folgt auf das, was ich tue. Erfolg/Gelingen folgt... der Vorstellung, dem klaren Ziel und dann dem Tun.


Was steckt für Sie im Können und im Gelingen einer sportlichen Bewegung?

Der ideale Leistungszustand psychologischer und physiologischer Aktivierung, der Höchstleistungen ermöglicht. Der Zustand, in dem man am besten seine Leistungen voll abrufen kann. „Im Flow sein" - alles gelingt, man steckt voll im Moment. Der absolute Wille zum Siegen, man sprüht vor Kampfgeist. Hohe Frustrationstoleranz, der Ärger wird unterdrückt und nicht gezeigt. Gelassenheit und Lockerheit, alle Gedanken, die nicht zum aktuellen Spielgeschehen gehören, sind ausgeblendet - fokussiertes, diszipliniertes Denken.

Technisches Können genügt nicht, um sportlich erfolgreich zu sein. Entscheidend ist vor allem die mentale, emotionale und psychische Stärke eines Sportlers.


Kennen Sie Beispiele dafür, dass im Können ein befreiender Genuss und im Gelingen eine Erfüllung steckt?

Ja, genau so ist es. Es ist letztlich der Unterschied zwischen Trainings- und Spielzeit, zwischen Üben und auf der Bühne darstellen. Und es ist in der Tat ein befreiendes Gefühl, wenn man merkt, man hat alles dafür getan, fleißig trainiert, ist dabei an seine Grenzen gegangen oder sogar über sich hinaus gewachsen - ob beim Üben in der Schule oder an der Universität, beim gemeinsamen Einpauken eines neuen Songs oder eben auf dem Fußballplatz.

In anderen Worten: Trainingszeit voll genutzt, alles sitzt, „prepared for the moment"! Die Kopfarbeit ist abgeschlossen. Man verfügt über die nötige Sicherheit, das nötige Know-how. Das Gelernte sitzt wie eine gut passende, ausgetragene Jeans, in der man sich einfach nur wohl fühlt. Nun heißt es, den Hebel umzulegen, vom Kopf auf das Gefühl zu stellen. Wir nennen es „die Tiere rauslassen".

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Dann kann der Moment kommen, ob auf der Bühne, in der Prüfung oder dem Feld. Die Hochform: Durch Automatismen im Flow sein, Freude und Stärke ausstrahlen, Präsenz zeigen. Das ist die Erfüllung. Genauso wie der abschließende Applaus. Und eine tiefe, innere Zufriedenheit, alles gegeben zu haben.

Macht Gelingen süchtig?

Ja! Es kann süchtig machen. Weil Profisportler immer gewinnen wollen. Dieser Druck gehört zum Geschäft dazu. Und Erfolg und Gelingen entschädigt für viele Qualen. Wenn Spitzensportler einmal Sieger oder sogar Weltmeister geworden sind, möchten sie dieses Gefühl schon bald wieder erleben. Diese Euphorie und Glücksgefühle, wenn etwas, was man mit viel Anstrengung und harter Arbeit angestrebt hat, dann auch gelingt. Es ist wie bei jeder anderen Sucht: Man will immer mehr von diesem Hochgefühl und ist bereit, fast alles dafür zu geben. Problematisch wird es erst dann, wenn man bei gleicher Anstrengung und harter Arbeit eine Niederlage wegstecken muss.

Was ist der wichtigste Schritt vom Üben zum Gelingen?

Das Üben, Verbessern und Wachsen sind die Wegbegleiter des Gelingens. Dranbleiben, in kleinen Schritten seine Fähigkeiten verbessern, mit Geduld, Disziplin, Leidenschaft und Ausdauer. „Übung macht den Meister!" Wenn man gezielt etwas erreichen will, dann muss man es sich auch vorstellen können, denn nichts kann gelingen, wenn man keine Vorstellung davon hat. Dazu fällt mir der Spruch von George Bernhard Shaw ein: „Die Vorstellungskraft ist der Anfang der Schöpfung. Man stellt sich vor, was man will, man will, was man sich vorstellt; und am Ende erschafft man, was man will."

Wann ist für Sie der Begriff der Wiederholung positiv und wann negativ konnotiert?

Wiederholung ist ein entscheidender Faktor beim Training und der Schlüssel zum Erfolg. Denn nur durch die ständige Wiederholung bekommt der Sportler den perfekten „Touch", um auch in stressigen Situationen das Tor zu treffen. So wiederholen erfolgreiche Spitzensportler viele Male und beinahe täglich Übungen, die sie eigentlich schon perfekt beherrschen. Es gilt dabei genau die Schwerpunkte auszuwählen, die den größten Erfolg bringen.

Sport treiben heißt: Beharrlich auf die gleiche Bewegung, das gleiche Timing, den gleichen Kraftaufwand zu setzen und aus der minimalen Differenz in der Wiederholung, d.h. der Variation, den größten Leistungs-/Lustgewinn zu erzielen.

Eine Wiederholung ist dann negativ, wenn kein Wert in den Aktivitäten zu erkennen ist. Wenn man einfach drauf los wiederholt, ohne Ziel und Sinn und ohne sich Stück und Stück immer mehr zu verbessern. Wenn man seine Leistungsgrenze nicht erweitert, nicht motiviert ist, keine Lust hat, sich anzustrengen, keine neuen Herausforderungen sucht. Wenn man glaubt, schon alles zu können und der Ansicht ist, dass Anstrengung das Talent in Frage stellt.

Der ehemalige Skispringer Sven Hannawald zitiert häufig den Satz einer österreichischen Skilegende: „Gute Sprünge macht man, perfekte passieren." Was bedeutet Ihnen diese Aussage?

Perfektion sollte niemals das Ziel sein. Perfektion passiert, wenn man sie lässt und sich ihr nicht in den Weg stellt. Es geht darum, sein Bestes zu geben, 100 Prozent zu geben, aber auch gelassener zu werden. Zu schauen, dass man sich nicht überfordert und durch seine hohen (unrealistischen) Ansprüche unter Druck setzt. Vielleicht getreu dem Motto: „Ich mache alles so gut ich kann - vor allem mit Freude." Man muss immer das Selbstwertgefühl aufrechterhalten und sich selbst vertrauen mit all seinen Stärken und Schwächen.

Welche Rolle spielen Emotionen im Spitzensport? Inwiefern beeinflussen beispielsweise negative Gefühle den Energiefluss zwischen Körper und Können?

Emotionen sind der ausschlaggebende Faktor im Sport. Einige verleihen Kraft und setzen ihr Talent und Können frei. Andere rauben ihnen ihre Kraft und verhindern die Entfaltung ihres Potentials. Kraftspendende Emotionen sind mit Selbstvertrauen, positiver Einstellung, Kampfgeist, Herausforderung Energie, Durchhaltevermögen und Spaß verbunden. Kraftraubende Emotionen sind Gefühle von Selbstzweifel, Erschöpfung, geringer Energie, Schwäche, Hilflosigkeit, Angst, Wut, Unbeherrschtheit.

Emotionen sind deshalb so wichtig, weil sie mit Erregungszuständen verbunden sind. Sie laufen als biochemische Prozesse im Gehirn ab, die im Körper gewaltige Veränderungen hervorrufen können. Diese Veränderungen bringen sie entweder näher an ihren idealen Leistungszustand heran oder entfernen sie von ihnen. „Erschöpfung macht uns alle zu Feiglingen."

Vielen Dank für das Gespräch.

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