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Die neuen Gesetze der Wertschöpfungsnetze: Wie die Digitalisierung unsere Arbeitswelt beeinflusst

15/06/2017 14:45 CEST | Aktualisiert 15/06/2017 14:45 CEST
Franz Wamhof

Industrie 4.0, E-Commerce, das Internet der Dinge und Crowd-Working sind nur einige von vielen Schlagworten, die unsere Arbeitswelt langfristig prägen. Die Digitalisierung verändert ihre Prozesse, standardisiert sie und strukturiert sie neu.

Die damit verbundenen Herausforderungen erfordern von Unternehmen Agilität, die sich durch kurze Planungszyklen, schnelle Entscheidungswege und hohe Flexibilität auszeichnet.

„Die digitale Revolution bietet die Chance einer Transformation in Richtung ökonomischer, sozialer und ökologischer Nachhaltigkeit", sagt Univ.-Prof. Dr. Marion A. Weissenberger-Eibl, die im folgenden Interview erläutert, wie sich in der Wirtschaft aufgrund der Digitalisierung neue Wertschöpfungsnetze ausbilden, wie sich eine industriell-kollaborative Wirtschaft etabliert, wie die Digitalisierung auf sozialer Ebene neue Arbeitsformen fördert und wie sie als Taktgeber für systemische Innovationen genutzt werden kann.

Sie leitet das Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung ISI in Karlsruhe, zudem ist sie Inhaberin des Lehrstuhls Innovations- und TechnologieManagement iTM am Karlsruher Institut für Technologie KIT. Die Innovationsforscherin gehört zu Deutschlands Gesichtern der Nachhaltigkeit, unter anderem leitete sie die Arbeitsgruppe Innovationskultur beim Zukunftsdialog der Bundeskanzlerin 2011 bis 2012.

Aus dem Zukunftsdialog der Bundeskanzlerin entstand auch die Idee zum Internationalen Deutschlandforum (IDF), einem Format für den interdisziplinären Austausch über weltweit relevante Zukunftsfragen. Beim IDF 2015 moderierte sie die Themengruppe "Die Zukunft braucht ganzheitliche Lösungen".

Im April 2017 wurde Weissenberger-Eibl in den Lenkungskreis der Sustainable Development Goals (SDG)-Wissenschaftsplattform "Nachhaltigkeit 2030" der Bundesregierung berufen. Diese Plattform ist Teil der deutschen Nachhaltigkeitsstrategie.

Ihre Hauptaufgabe ist, die Umsetzung der Agenda 2030 der Vereinten Nationen wissenschaftlich zu begleiten und Handlungsempfehlungen zu entwickeln. Am 9. November 2017 referiert sie im Rahmen des 3. Handelsblatt Industriegipfels zum Thema „Digitalisierung, Nachhaltigkeit und Gesellschaft - ein Spannungsfeld aus systemischer Innovationsperspektive".

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Univ.-Prof. Dr. Marion A. Weissenberger-Eibl (Copyright: Franz Wamhof)

Frau Prof. Weissenberger-Eibl, in welchem Umfang sind Arbeitsplätze in Deutschland durch die Automatisierung bedroht?

Es können nur Arbeitsplätze mit sehr geringen Qualifizierungsanforderungen von Maschinen ersetzt werden. Nach bisherigem Stand betrifft das etwa zwölf Prozent der Beschäftigten in Deutschland.

Andererseits zeigen Erfahrungen aus der Vergangenheit, dass der Einsatz von Industrierobotern im verarbeitenden Gewerbe keineswegs Arbeitsplätze vernichtet hat: In einer Studie für die EU-Kommission hat das Fraunhofer ISI zusammen mit der Hochschule Karlsruhe Technik und Wirtschaft dazu Daten aus mehr als 3000 Betrieben des verarbeitenden Gewerbes in sieben europäischen Ländern ausgewertet, die im Rahmen der Betriebsbefragung European Manufacturing Survey erhoben wurden.

Was war die zentrale Erkenntnis?

Betriebe mit Robotiksystemen investieren nicht weniger in Menschen. Zudem führt der Einsatz von Industrierobotern zu mehr Effizienz und Produktivität bei Arbeits- und Produktionsprozessen und kann die Wettbewerbsfähigkeit der Firmen steigern. Dies hängt teilweise mit den veränderten Arbeits- und Qualifikationsanforderungen zusammen, die durch den Robotereinsatz entstehen.

Darüber hinaus tendieren Unternehmen mit Industrierobotern weitaus seltener dazu, Produktionskapazitäten auszulagern - Automatisierung und Digitalisierung können also dazu beitragen, Produktionskapazitäten sowie Kompetenzen und damit Arbeitsplätze in Deutschland oder Europa zu halten.

Inwiefern fördert die Digitalisierung atypische Beschäftigungsmodelle wie flexible Teilzeitarbeit, Intrapreneurship sowie neue Arbeitsformen wie Crowdsourcing und Clickworking?

Unternehmen könnten beispielsweise zunehmend mit freien Kreativen in häufig wechselnden Teams und Projekten zusammenarbeiten. Das in der Studie zum digitalen Wandel entwickelte Zukunftsbild sieht für das Jahr 2030 einen massiven Anstieg der „Ad-hoc- Clickworker" - und zwar bei den Hoch- wie bei den Geringqualifizierten, die sich und ihre Arbeitskraft womöglich besser vermarkten müssen, um auf dem Arbeitsmarkt der Zukunft bei potenziell interessierten Unternehmen unterzukommen.

Was wird neben einer guten Selbstvermarktung noch gebraucht?

Dazu gehören eine effiziente Selbstorganisation, Reputation, Praxiserfahrungen und die Fähigkeit zur Vernetzung. Entwickelt sich die Arbeitswelt in diese Richtung, müssen die eigenen Kompetenzen in Zukunft vermehrt durch Zertifikate nachgewiesen und diese zusammen mit anderen Lern-, Leistungs- und möglicherweise auch Gesundheitsdaten über Apps in Online-Berufsnetzwerken für Unternehmen zur Verfügung zu stellen.

Was unterscheidet die digitale von der Arbeitswelt, wie wir sie bislang kennen?

Die gegenwärtige Arbeitswelt ist durch feste Berufsstrukturen und eine fachspezifische Aus- und Weiterbildung gekennzeichnet. In der neuen, durch die Digitalisierung geprägte Arbeitswelt ist das Erlernen und die Ausübung eines Berufs (womöglich bei nur einem einzigen Arbeitgeber) immer seltener anzutreffen.

Zudem könnten sich viele Tätigkeitsprofile an der Mensch-Maschine-Schnittstelle stärker ähneln.

Diese Annäherung ist ein wesentliches Merkmal der Digitalisierung und hat zur Folge, dass es quer über Branchen hinweg mehr fachübergreifende beziehungsweise fachunabhängige Anforderungen geben wird - fachbezogenes Wissen könnte damit zusehends in den Hintergrund rücken, allgemeine digitale Grundkompetenzen und universelle Fähigkeiten könnten stark aufgewertet werden.

Was bedeutet der Trend zur Dienstleistungsorientierung für die Mitarbeiter?

Die Anforderungen an ihre räumliche und zeitliche Flexibilität werden zunehmen. Insbesondere bei zeitkritischen Dienstleistungen werden sich die Arbeitszeiten zunehmend an Kundenbedürfnissen orientieren. Das kann dazu führen, dass Arbeitszeiten am Abend oder am Wochenende oder Rufbereitschaften rund um die Uhr häufiger werden.

Aufgrund dieser Entwicklung kann davon ausgegangen werden, dass sich Berufsbilder immer stärker von Branchengrenzen lösen. Welche Chancen sind für Arbeitnehmer damit verbunden?

Jobwechsel zwischen einzelnen Branchen werden einfacher, und die Möglichkeiten beruflicher Mobilität nehmen zu. Auf diese Entwicklung müssen die Ausbildungsinstitutionen reagieren. Bislang liegt der Fokus noch stark auf der fachspezifischen Ausbildung und weniger auf dem Erlernen universeller Fähigkeiten und digitalen Kompetenzen. Künftig wird es wichtig, dass in der Schule wie in der Berufsausbildung auf diese veränderten Anforderungen hingewiesen wird.

Was folgt daraus?

Wenn zum Beispiel Wertschöpfungsprozesse aufgrund der digitalen Vernetzung der einzelnen Stufen und dank immer genauerer Big-Data-Analysen tatsächlich immer kleinteiliger und feingliedriger werden, könnte dies eine starke Gründungsdynamik auslösen - begünstigt durch den Trend zur Individualisierung und die Entwicklung hin zu flexibler Teilzeitarbeit.

Was bedeutet das für Bildungseinrichtungen?

Sie müssen bereits in der Schule und mehr noch in der späteren Berufsausbildung frühzeitig und intensiv auf die Möglichkeiten, Chancen und Risiken einer beruflichen Selbstständigkeit vorbereiten.

Benötigt werden auch neue Möglichkeiten der Anschubfinanzierung für Gründer und der Beratung bei Gründungs- und Selbstmanagement - unabhängig vom Qualifizierungsniveau der Gründer. Das wird hohe Investitionen erfordern, die aber die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wirtschaft absichern und sich langfristig rechnen.

Gleichzeitig wird es notwendig werden, den Trend zu mehr Selbstorganisation und Selbstvermarktung durch neue Möglichkeiten der Qualifizierung zu unterstützen und zentrale Zertifizierungsinstanzen aufzubauen, die für eine branchenübergreifende Gültigkeit von Zertifikaten sorgen.

Was würde passieren, wenn die notwendigen Impulse aus der Bildungspolitik und von den Bildungsinstitutionen zu spät kommen?

Dann könnte die Digitalisierung der Arbeitswelt das Risiko der Ungleichheit erhöhen. Die gesellschaftliche Spaltung wird dann zunehmend entlang der Trennungslinie zwischen Akteuren mit und ohne digitale Kompetenzen erfolgen.

Was muss getan werden, um dies zu verhindern?

Dafür wird es nicht nur notwendig sein, allgemeine IT-Kompetenzen auf allen Qualifizierungsstufen zu vermitteln, sondern auch die bessere Verfügbarkeit von Endgeräten sowie ein Zugang zum schnellen Breitband-Internet gehören zum Umbauprojekt.

Wird das nicht konsequent vorangetrieben, würden die heute schon ungleich verteilten Bildungschancen noch ungleicher verteilt, weil die soziale Herkunft in Zukunft für den zunehmend privat finanzierten oder selbstständig organisierten Bildungserfolg noch ausschlaggebender sein wird.

Entwickelt sich der gesellschaftliche Wertewandel bis zum Jahr 2030 weiter in Richtung Selbstverwirklichung, Selbstbestimmung, Kreativität und die Schaffung von Freiräumen, sollten Politik und Arbeitgeber dies gleichermaßen berücksichtigen.

Gerade auch vor dem Hintergrund des Fachkräftemangels und der hierdurch bedingten Notwendigkeit, qualifizierte Fachkräfte stärker und länger an sich zu binden, sollten Unternehmen ausschöpfen, was es an technischen Flexibilisierungsmöglichkeiten wie etwa dem Arbeiten im Homeoffice gibt.

Denn es ist sicher davon auszugehen, dass feste Arbeitszeiten und -orte in Zukunft immer unattraktiver werden - dagegen spricht allein schon der gleichzeitige und sich weiter verstärkende Trend zu individualisierten Lebensstilen und neuen Familienstrukturen.

Weitere Informationen:

Marion A. Weissenberger-Eibl, Daniel Jeffrey Koch (2013): Innovation - Technologie - Entrepreneurship. Gestaltungssystem der frühen Phase. 1. Auflage. Cactus Group Verlag, Karlsruhe 2013.

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