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Die neue Mitmach-Revolution: Wo Handfertigkeiten und soziale Tugenden heute greifbar werden

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Europa muss sich aktiv dafür einsetzen, Reparieren als Alternative zum Wegwerfen und Neukaufen zu fördern. Dafür plädierte Umweltministerin Barbara Hendricks auf dem Europäischen Forum für Öko-Innovation 2016 in Hannover. Sie verwies dabei auch auf die besondere Rolle von Repair Cafés: Es brauche vor allem solche Paradebeispiele, um eine Kreislaufwirtschaft zu entwickeln.

Hier werden Handfertigkeiten (Können) und soziale Tugenden buchstäblich „greifbar". Bereits 2009 gründete die niederländische Journalistin Martine Postma 2009 in Amsterdam ein Repair Café, um etwas gegen das Wegwerfen zu tun. Ihr Manifest dazu veröffentlichte sie im Internet. In Köln eröffnete 2012 der erste deutsche Ableger - mittlerweile gibt es Repair Cafés in vielen Städten.

Studenten, Rentner, Laien und Profis reparieren gemeinsam defekte Gebrauchsgüter und suchen nach Fehlerquellen und Ursachen. Zugleich haben sie Freude am analytischen und konzentrierten Denken. All das bindet Zeit und Aufmerksamkeit. Wer repariert, dessen Körper ist räumlich für diese Momente an einen Ort gebunden. Das Endprodukt ist ein sichtbares Zeugnis über diesen nachhaltigen Zeitgebrauch.

An über 600 Orten treffen sich Menschen, um in Repair-Cafés, Elektroniksprechstunden, Reparier-Bars oder Ganz-Mach-Läden defekte Alltagsgegenstände wieder funktionstüchtig zu machen. Bei durchschnittlich zehn jährlichen Veranstaltungen einer Initiative mit rund 20 Gästen pro Treffen macht das nahezu 150.000 Reparatur-Versuche, in denen Dinge in drei Vierteln der Fälle vor dem Wegwerfen bewahrt werden - zudem stärkt das häufig den nachbarschaftlichen Zusammenhalt.

Um eine Reparatur-Initiative auf die Beine zu stellen, gibt hier Informationsmaterialien des Netzwerks Reparatur-Initiativen.

Diese Beispiele zeigen, dass jenseits von Markt und Staat neue und nachhaltige Formen des kollaborativen Produzierens, Reparierens und Teilens entstehens, die den industriellen Kapitalismus herausfordern und überschreiten.

Dieser Praxis widmet sich das Buch „Die Welt reparieren" von Andrea Baier, Tom Hansing, Christa Müller und Karin Werner. Zugleich bietet es eine gesellschaftliche Einordnung der neuen „Labore" postkapitalistischen Fabrizierens. Auch die Dingfabrik in Köln hat das Konzept der FabLabs umgesetzt:

Durch den Ansatz des Reparierens von Vorhandenem wird der Versuch unternommen, der gesteigerten Geschwindigkeit von Produktzyklen entgegenzuwirken, „in denen KonsumentInnen fast nur noch als Relaisstation zwischen Produktion und Entsorgung fungieren", schreibt Christian Schönholz im Herausgeberband „Selber machen" von Nikola Langreiter und Klara Löffler.

Das Buch versammelt Beiträge verschiedenen Disziplinen und AutorInnen, die sich wissenschaftliche und allgemein den Erscheinungen des Handarbeitens, Selberbauens und Konstruierens sowie den Wechselbeziehungen zwischen kulturellen Techniken und Ordnungen und sozialen Lebenswelten widmen. Das Thema DIY erfährt durch diese Formen des Hinterfragens und der Zusammenschau eine wichtige Erweiterung und inhaltliche Vertiefung.

Gezeigt werden Ansätze, die weit über die etablierten Formen des DIY oder des früheren Heimwerkens hinausgehen und nachhaltig sind. Konkrete Praxisbeispiele dazu finden sich in der Kindle Edition „Circular thinking":

Seit Dezember 2016 stellt VAUDE als erste europäische Outdoor-Marke Reparaturanleitungen auf der internationalen Online-Plattform iFixit zur Verfügung. So können Kunden einfache Reparaturen an VAUDE Produkten selbst vornehmen und bei Bedarf auch die dafür notwendigen Ersatzteile und Werkzeuge bestellen. Damit ergänzt das Unternehmen den hauseigenen Reparaturservice und erweitert sein Nachhaltigkeitskonzept um einen weiteren Baustein.

Ein defektes Produkt bedeutet hier noch lange nicht, dass damit sein Lebensende besiegelt ist. Der eigene Reparaturservice behebt seit vielen Jahren kleine und größere Schäden, tauscht defekte Teile aus und verlängert damit die Lebensdauer von geliebten Produkten. Etliche Reparaturen lassen sich auch einfach selbst erledigen.

Praktische Unterstützung sind in den neuen „Do-it-yourself"-Reparaturanleitungen zu finden. Falls dafür Ersatzteile benötigt werden, können diese über den Kooperationspartner iFixit online direkt nach Hause bestellt oder nach wie vor beim Fachhandel bezogen werden. Der Kunde erspart sich zudem Aufwand und Zeit, wenn er ein defektes Produkt nicht an den Hersteller einschicken muss.

Anhand von Fotos und kurzen Videos wird jede Reparatur Schritt für Schritt anschaulich erklärt. Die Ideologie des Do it yourself (DIY) richtet sich gegen Handwerksgeheimnisse auf und propagiert das Teilen von Ressourcen. „Wir finden den Do-it-yourself-Gedanken klasse - deshalb haben wir zusammen mit iFixit Reparaturanleitungen für viele VAUDE Produkte erstellt. Es würde uns sehr freuen, wenn unsere Produkte dadurch noch länger im Einsatz bleiben", sagt Hilke Patzwall, CSR-Managerin bei VAUDE.

Wer dennoch Anleitungen Hilfe bei der Reparatur braucht, kann sich weiterhin über den Fachhandel an den VAUDE Reparaturservice wenden. Am Firmensitz in Tettnang kümmert sich ein 15-köpfiges Team, das auf ein umfangreiches Ersatzteillager zugreift, um Reparaturen aller Art. Bereits in der Produktentwicklung wird hier darauf geachtet, dass Verschleißteile austauschbar und mögliche Defekte einfach reparierbar sind. Denn je länger eine Jacke oder ein Zelt im Einsatz bleibt, desto besser wird die Ökobilanz.

iFixit wurde 2003 in Kalifornien von Luke Soules und Kyle Wiens gegründet. Der europäische Ableger existiert seit 2013 und unterstützt seitdem die deutsche Community und die Fans in anderen EU-Ländern vom Firmensitz in Stuttgart aus. Von hier werden Ersatzteile und Werkzeuge in 30 europäische Länder verschickt. Derzeit nutzen weltweit ca. 2 Millionen registrierte Nutzer iFixit. In Deutschland besuchen monatlich über 200.000 User die Website.

Momentan sind über 20.000 Anleitungen zu beinahe 7.000 individuellen Produkten verfügbar. iFixit schreibt und veröffentlicht Reparaturanleitungen für Dinge vom Computer bis zum Auto, so dass Menschen auf der ganzen Welt ihr Hab und Gut reparieren können, anstatt es wegzuwerfen.

Aber auch andere Branchen reagieren: so können Verbraucher, deren Handy nicht mehr funktioniert, auf der Online-Plattform des Berliner Unternehmens kaputt.de. ein Ersatzteil oder den Reparaturdienst bestellen. Zudem finden sie hier eine Anleitung zum Selberreparieren.

Wer repariert, baut nicht nur Erinnerungen um, sondern schafft auch Sinn und trägt mit seiner handwerklichen Intelligenz zu einer begreifbaren und nachhaltigen Welt bei.

Quellen und weiterführende Literatur:

Andrea Baier, Tom Hansing, Christa Müller, Karin Werner (Hg.): Die Welt reparieren. Open Source und Selbermachen als postkapitalistische Praxis. Transcript-Verlag, Bielefeld 2016.

Nikola Langreiter, Klara Löffler (Hg.): Selber machen. Diskurse und Praktiken des „Do it yourself". Transcript Verlag, Bielefeld 2017.

Claudia Silber, Alexandra Hildebrandt: Circular Thinking 21.0: Wie wir die Welt wieder rund machen von Amazon Media EU S.à r.l.