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Die Kraft in uns: Über Sinnfindung in Krisenzeiten

Veröffentlicht: Aktualisiert:
HAPPINESS
Dejan Patic via Getty Images
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Innen beginnen

Wer Nachhaltigkeit im Kern verstehen will, kommt am aktuellen Buch von Tamara Dietl „Die Kraft liegt in mir" nicht vorbei. Denn es beschĂ€ftigt sich mit den inneren menschlichen Ressourcen, die in der Nachhaltigkeitsdebatte leider oft vernachlĂ€ssigt werden, weil sie nicht sichtbar sind, einen kritischen Blick auf uns selbst erfordern und dort verortet sind, wo es zuweilen auch wehtut.

Auch im Managementkontext ist dieses Buch unverzichtbar, weil es AnsĂ€tze und Themen verbindet, die zuweilen wie Knochen ohne Fleisch wirken, die dringlich sind, aber in ihrer Dringlichkeit nicht wahrgenommen werden, weil die Verbindung zum einzelnen Menschen fehlt, der sich wiederfinden muss, wenn er „erreicht" werden soll.

Abstraktes berĂŒhrt Menschen nicht - es braucht immer das Konkrete. Das bestĂ€tigen auch die BeitrĂ€ge in diesem HuffBlog ĂŒber den Ansatz des Managementvordenkers Prof. Fredmund Malik.

Was sich in theoretischen AnsĂ€tzen verliert, kann nicht vom Leser „gehoben" werden. Was es wirklich braucht, ist eine BrĂŒcke und einen Lotsen, der Menschen darin unterstĂŒtzt, zuerst das eigene innere Potenzial zu heben, um dann die Welt zu verĂ€ndern.

Aktuelle BĂŒcher wie „Navigieren in Zeiten des Umbruchs" von Fredmund Malik und „Die Kunst der Transformation" von Stefan Brunnhuber beschĂ€ftigen sich mit dem Übergang von der Alten zur Neuen Welt, die durch Angst und Unsicherheit geprĂ€gt ist.

Aber es braucht auch hier eine Art AnschlusslektĂŒre, die diese AnsĂ€tze „ganz" macht, weil das Innere mit dem Äußeren verbunden werden muss.

Anders ist auch der Um-Gang mit Nachhaltigkeit nicht wirklich zu verstehen und schon gar nicht gestaltbar, weil der abstrakte Ansatz von der Dringlichkeit des Tuns abhÀlt.

Die Sinnstifterin: Tamara Dietl

Tamara Dietl bezeichnet sich selbst als Verfechterin eines effektiven und effizienten Pragmatismus. So lĂ€sst sie wie viele großartige Denkerinnen und Denker, die in der Praxis genauso wie in der Theorie zuhause sind, nur das in sich ein, was sich ins Leben ĂŒbertragen und nutzen lĂ€sst.

Sie konzentriert sich auf das Jetzt und das Machbare. Ihr Lieblingswort, das zugleich eine Bereicherung der Initiative der Schauspielerin Valerie Niehaus („AUF EIN WORT") ist, heißt TUN.

Ihre journalistische Laufbahn begann sie als Gerichtsreporterin bei der Hamburger Morgenpost. 1988 wechselte sie zu „SPIEGEL TV", produzierte dort ĂŒber zehn Jahre lang u.a. Portraits ĂŒber Willy Brandt, Romy Schneider und Marlene Dietrich. Daneben war sie als freie Autorin und Beraterin tĂ€tig, u. a. fĂŒr ARD, DIE ZEIT, SÜDDEUTSCHE ZEITUNG und unterrichtete als Dozentin an Journalisten- und Filmhochschulen.

Heute arbeitet Tamara Dietl als Consultant und Business-Coach mit Verantwortlichen aus Wirtschaft, Politik und Medien. Sie absolvierte eine Zusatzausbildung zum Sinn- und Wertecoach nach Viktor Frankl.

Ihr Mann, der Filmemacher Helmut Dietl, war lange schwer krank und verstarb im MĂ€rz 2015. Die Autorin lebt mit ihrer Tochter in MĂŒnchen.

In ihrem Buch erzĂ€hlt sie ĂŒber Schwierigkeiten als Herausforderung fĂŒr ein erfĂŒlltes Leben. Beruflich seit Jahren damit beschĂ€ftigt, andere Menschen in Krisensituationen zu unterstĂŒtzen, geriet sie durch die schwere Krankheit ihres Mannes selbst in eine Lebenskrise.

Der im HuffBlog oft zitierte Satz von Friedrich Nietzsche „Wer ein Wozu im Leben hat, ertrĂ€gt fast jedes Wie!" ist auch ein Leitsatz im Buch von Tamara Dietl.

Darin beschreibt sie, dass sie auf die Welt gekommen sei, um etwas Sinnvolles aus ihrem Leben zu machen: im Denken und vor allem im Handeln:

„Und so kann es durchaus Sinn machen, das Beste aus einer Krise zu machen, wenn man sie schon hat. FĂŒr mich stellt sich aus diesem Grunde auch nicht die allgemeine Frage nach dem Sinn des Lebens. Sondern sehr konkret nach dem Sinn meines Lebens."

Krisen gehören zum Leben

Tamara Dietl war schon immer der Meinung, dass Krisen zum Leben gehören. Ihre Erfahrungen lehrten sie, dass ein gelingendes Leben nur dann möglich ist, wenn sie das Leben in seiner ganzen Bandbreite annimmt.

Ein wichtiges Werkzeug der LebensfĂŒhrung besteht fĂŒr sie darin, die eigenen GefĂŒhle zu steuern. Im Buch unterscheidet sie z. B. zwischen "GefĂŒhl" und "Leiden":

"Ein GefĂŒhl wie Trauer ist einfach da, Leiden kann ich steuern. Deshalb finde ich MitgefĂŒhl gut, Mitleid mag ich nicht."

Sich in GefĂŒhle hineinzusteigern ist fĂŒr sie genauso unsinnig wie sie zu unterdrĂŒcken. Die GefĂŒhle wie einen Muskel zu trainieren hilft ihr dabei, sich diese GefĂŒhle genau anzusehen und sich zu fragen, wo sie Sinn machen.

Tamara Dietl liebt die Klarheit des Denkens, das von der Sprache geformt wird. Deshalb ist ihr ein prÀziser Umgang damit so wichtig.

Der Krieg zwischen Bauch und Kopf hat ihr nie eingeleuchtet, denn fĂŒr sie gehört beides zusammen: klarer Verstand und intensive GefĂŒhle. Sie spricht damit auch ein Thema der Generation Y an, das der SĂ€nger und Songwriter Mark Forster (Jahrgang 1984) in seinem Lied „Bauch und Kopf" verarbeitet hat:

„Bauch sagt zu Kopf ja, doch Kopf sagt zu Bauch nein / und zwischen den Beiden steh ich". Dann „schĂŒttelt er sich", heißt es weiter, „und weiß nicht".

Ihr Lieblingssatz, der im Buch immer wieder aufgegriffen wird, ist von Viktor Frankl: "Ich muss mir von mir selbst nicht alles gefallen lassen."

Werte(volles) Leben

Die persönlichen Erfahrungen und Erkenntnisse von Tamara Dietl decken sich mit den Ergebnissen des Werte-Index 2016, der von der Trendforschungsagentur TrendbĂŒro und des Marktforschungsunternehmens TNS Infratest Anfang 2016 veröffentlicht wurde. Seit 2009 ist der Werte-Index ein Kompass fĂŒr die Bedeutung von Werten der deutschen Web-User.

Es gibt einen deutlichen Zusammenhang zwischen Gesundheit (Platz 1) und den Folgewerten „Freiheit" (Platz 2) und "Erfolg" (Platz 3): Krankheit wird als EinschrĂ€nkung der Freiheit und der Selbstbestimmtheit gefĂŒrchtet.

Das sind Kernthemen von Tamara Dietl, die in diesem Zusammenhang Viktor Frankl zitiert:

„Die Freiheit des Menschen ist selbstverstĂ€ndlich nicht eine Freiheit von Bedingungen... sie ist ĂŒberhaupt nicht eine Freiheit von etwas, sondern eine Freiheit zu etwas, nĂ€mlich die Freiheit zu einer Stellungnahme gegenĂŒber all den Bedingungen."

Sich diese Freiheit zu bewahren, bedeutet, sie tĂ€glich im praktischen Handeln zu leben. Daraus entsteht Erfahrung, die zu wirklicher Erkenntnis fĂŒhrt. Mit Theorie allein ist das nicht zu schaffen.

Nachhaltigkeit braucht Dringlichkeit

Im Buch von Tamara Dietl nehmen auch die Begriffe Individuum und Institution (z.B. im Zusammenhang der Krankenhausaufenthalte ihres Mannes) eine wichtige Rolle ein. Sie spiegeln zugleich die beiden Seiten der Dringlichkeit: eine emotionale und sachliche.

Wer das Thema Nachhaltigkeit nur auf der institutionellen Ebene sieht und nicht an die individuelle koppelt, wird persönliche und gesellschaftliche VerÀnderungen nicht wirksam mittragen können.

Wird Nachhaltigkeit rein emotional betrachtet ohne sachliche Identifikation, wird das Thema ebenfalls nicht wirksam sein.

Tamara Dietl zeigt das auf einfĂŒhlsame und kluge Weise, indem sie zugleich vermittelt, dass die Sinnfrage nicht nur relevant fĂŒr Philosophen und Psychologen ist - wir alle benötigen sie fĂŒr ein gelingendes Leben.

FĂŒr Manager ist sie dringlich, um sich ihren Aufgaben im KomplexitĂ€tszeitalter richtig zu widmen:

So sagte METRO-Chef Olaf Koch kĂŒrzlich in der SĂŒddeutschen Zeitung, dass der Konzern jahrzehntelang weltweit expandierte mithilfe von „sehr erfolgreichen Formeln". Das ist heute nicht mehr möglich. Das neue GeschĂ€ftsmodell beruht deshalb auf Fokussierung und auf der Sinnfrage „Wozu sind wir da? Was ist unsere Existenzberechtigung?"

Bei der Beantwortung dieser Fragen, die jeder auch ins eigene Leben ĂŒbertragen kann, hilft nicht nur emotionale Intelligenz, sondern existenzielle Intelligenz, der sich Tamara Dietl in ihrem Buch widmet und auf die wir gerade jetzt nicht verzichten können.

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