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Die Kraft in uns: Über Sinnfindung in Krisenzeiten

06/06/2016 17:15 CEST | Aktualisiert 07/06/2017 11:12 CEST
Dejan Patic via Getty Images

Innen beginnen

Wer Nachhaltigkeit im Kern verstehen will, kommt am aktuellen Buch von Tamara Dietl „Die Kraft liegt in mir" nicht vorbei. Denn es beschäftigt sich mit den inneren menschlichen Ressourcen, die in der Nachhaltigkeitsdebatte leider oft vernachlässigt werden, weil sie nicht sichtbar sind, einen kritischen Blick auf uns selbst erfordern und dort verortet sind, wo es zuweilen auch wehtut.

Auch im Managementkontext ist dieses Buch unverzichtbar, weil es Ansätze und Themen verbindet, die zuweilen wie Knochen ohne Fleisch wirken, die dringlich sind, aber in ihrer Dringlichkeit nicht wahrgenommen werden, weil die Verbindung zum einzelnen Menschen fehlt, der sich wiederfinden muss, wenn er „erreicht" werden soll.

Abstraktes berührt Menschen nicht - es braucht immer das Konkrete. Das bestätigen auch die Beiträge in diesem HuffBlog über den Ansatz des Managementvordenkers Prof. Fredmund Malik.

Was sich in theoretischen Ansätzen verliert, kann nicht vom Leser „gehoben" werden. Was es wirklich braucht, ist eine Brücke und einen Lotsen, der Menschen darin unterstützt, zuerst das eigene innere Potenzial zu heben, um dann die Welt zu verändern.

Aktuelle Bücher wie „Navigieren in Zeiten des Umbruchs" von Fredmund Malik und „Die Kunst der Transformation" von Stefan Brunnhuber beschäftigen sich mit dem Übergang von der Alten zur Neuen Welt, die durch Angst und Unsicherheit geprägt ist.

Aber es braucht auch hier eine Art Anschlusslektüre, die diese Ansätze „ganz" macht, weil das Innere mit dem Äußeren verbunden werden muss.

Anders ist auch der Um-Gang mit Nachhaltigkeit nicht wirklich zu verstehen und schon gar nicht gestaltbar, weil der abstrakte Ansatz von der Dringlichkeit des Tuns abhält.

Die Sinnstifterin: Tamara Dietl

Tamara Dietl bezeichnet sich selbst als Verfechterin eines effektiven und effizienten Pragmatismus. So lässt sie wie viele großartige Denkerinnen und Denker, die in der Praxis genauso wie in der Theorie zuhause sind, nur das in sich ein, was sich ins Leben übertragen und nutzen lässt.

Sie konzentriert sich auf das Jetzt und das Machbare. Ihr Lieblingswort, das zugleich eine Bereicherung der Initiative der Schauspielerin Valerie Niehaus („AUF EIN WORT") ist, heißt TUN.

Ihre journalistische Laufbahn begann sie als Gerichtsreporterin bei der Hamburger Morgenpost. 1988 wechselte sie zu „SPIEGEL TV", produzierte dort über zehn Jahre lang u.a. Portraits über Willy Brandt, Romy Schneider und Marlene Dietrich. Daneben war sie als freie Autorin und Beraterin tätig, u. a. für ARD, DIE ZEIT, SÜDDEUTSCHE ZEITUNG und unterrichtete als Dozentin an Journalisten- und Filmhochschulen.

Heute arbeitet Tamara Dietl als Consultant und Business-Coach mit Verantwortlichen aus Wirtschaft, Politik und Medien. Sie absolvierte eine Zusatzausbildung zum Sinn- und Wertecoach nach Viktor Frankl.

Ihr Mann, der Filmemacher Helmut Dietl, war lange schwer krank und verstarb im März 2015. Die Autorin lebt mit ihrer Tochter in München.

In ihrem Buch erzählt sie über Schwierigkeiten als Herausforderung für ein erfülltes Leben. Beruflich seit Jahren damit beschäftigt, andere Menschen in Krisensituationen zu unterstützen, geriet sie durch die schwere Krankheit ihres Mannes selbst in eine Lebenskrise.

Der im HuffBlog oft zitierte Satz von Friedrich Nietzsche „Wer ein Wozu im Leben hat, erträgt fast jedes Wie!" ist auch ein Leitsatz im Buch von Tamara Dietl.

Darin beschreibt sie, dass sie auf die Welt gekommen sei, um etwas Sinnvolles aus ihrem Leben zu machen: im Denken und vor allem im Handeln:

„Und so kann es durchaus Sinn machen, das Beste aus einer Krise zu machen, wenn man sie schon hat. Für mich stellt sich aus diesem Grunde auch nicht die allgemeine Frage nach dem Sinn des Lebens. Sondern sehr konkret nach dem Sinn meines Lebens."

Krisen gehören zum Leben

Tamara Dietl war schon immer der Meinung, dass Krisen zum Leben gehören. Ihre Erfahrungen lehrten sie, dass ein gelingendes Leben nur dann möglich ist, wenn sie das Leben in seiner ganzen Bandbreite annimmt.

Ein wichtiges Werkzeug der Lebensführung besteht für sie darin, die eigenen Gefühle zu steuern. Im Buch unterscheidet sie z. B. zwischen "Gefühl" und "Leiden":

"Ein Gefühl wie Trauer ist einfach da, Leiden kann ich steuern. Deshalb finde ich Mitgefühl gut, Mitleid mag ich nicht."

Sich in Gefühle hineinzusteigern ist für sie genauso unsinnig wie sie zu unterdrücken. Die Gefühle wie einen Muskel zu trainieren hilft ihr dabei, sich diese Gefühle genau anzusehen und sich zu fragen, wo sie Sinn machen.

Tamara Dietl liebt die Klarheit des Denkens, das von der Sprache geformt wird. Deshalb ist ihr ein präziser Umgang damit so wichtig.

Der Krieg zwischen Bauch und Kopf hat ihr nie eingeleuchtet, denn für sie gehört beides zusammen: klarer Verstand und intensive Gefühle. Sie spricht damit auch ein Thema der Generation Y an, das der Sänger und Songwriter Mark Forster (Jahrgang 1984) in seinem Lied „Bauch und Kopf" verarbeitet hat:

„Bauch sagt zu Kopf ja, doch Kopf sagt zu Bauch nein / und zwischen den Beiden steh ich". Dann „schüttelt er sich", heißt es weiter, „und weiß nicht".

Ihr Lieblingssatz, der im Buch immer wieder aufgegriffen wird, ist von Viktor Frankl: "Ich muss mir von mir selbst nicht alles gefallen lassen."

Werte(volles) Leben

Die persönlichen Erfahrungen und Erkenntnisse von Tamara Dietl decken sich mit den Ergebnissen des Werte-Index 2016, der von der Trendforschungsagentur Trendbüro und des Marktforschungsunternehmens TNS Infratest Anfang 2016 veröffentlicht wurde. Seit 2009 ist der Werte-Index ein Kompass für die Bedeutung von Werten der deutschen Web-User.

Es gibt einen deutlichen Zusammenhang zwischen Gesundheit (Platz 1) und den Folgewerten „Freiheit" (Platz 2) und "Erfolg" (Platz 3): Krankheit wird als Einschränkung der Freiheit und der Selbstbestimmtheit gefürchtet.

Das sind Kernthemen von Tamara Dietl, die in diesem Zusammenhang Viktor Frankl zitiert:

„Die Freiheit des Menschen ist selbstverständlich nicht eine Freiheit von Bedingungen... sie ist überhaupt nicht eine Freiheit von etwas, sondern eine Freiheit zu etwas, nämlich die Freiheit zu einer Stellungnahme gegenüber all den Bedingungen."

Sich diese Freiheit zu bewahren, bedeutet, sie täglich im praktischen Handeln zu leben. Daraus entsteht Erfahrung, die zu wirklicher Erkenntnis führt. Mit Theorie allein ist das nicht zu schaffen.

Nachhaltigkeit braucht Dringlichkeit

Im Buch von Tamara Dietl nehmen auch die Begriffe Individuum und Institution (z.B. im Zusammenhang der Krankenhausaufenthalte ihres Mannes) eine wichtige Rolle ein. Sie spiegeln zugleich die beiden Seiten der Dringlichkeit: eine emotionale und sachliche.

Wer das Thema Nachhaltigkeit nur auf der institutionellen Ebene sieht und nicht an die individuelle koppelt, wird persönliche und gesellschaftliche Veränderungen nicht wirksam mittragen können.

Wird Nachhaltigkeit rein emotional betrachtet ohne sachliche Identifikation, wird das Thema ebenfalls nicht wirksam sein.

Tamara Dietl zeigt das auf einfühlsame und kluge Weise, indem sie zugleich vermittelt, dass die Sinnfrage nicht nur relevant für Philosophen und Psychologen ist - wir alle benötigen sie für ein gelingendes Leben.

Für Manager ist sie dringlich, um sich ihren Aufgaben im Komplexitätszeitalter richtig zu widmen:

So sagte METRO-Chef Olaf Koch kürzlich in der Süddeutschen Zeitung, dass der Konzern jahrzehntelang weltweit expandierte mithilfe von „sehr erfolgreichen Formeln". Das ist heute nicht mehr möglich. Das neue Geschäftsmodell beruht deshalb auf Fokussierung und auf der Sinnfrage „Wozu sind wir da? Was ist unsere Existenzberechtigung?"

Bei der Beantwortung dieser Fragen, die jeder auch ins eigene Leben übertragen kann, hilft nicht nur emotionale Intelligenz, sondern existenzielle Intelligenz, der sich Tamara Dietl in ihrem Buch widmet und auf die wir gerade jetzt nicht verzichten können.

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