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Die Diktatur der Alten

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OLD VOTERS
Dan Kitwood via Getty Images
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Brexit: Die ├älteren haben entschieden, aus der EU auszusteigen, die J├╝ngeren w├Ąren lieber dringeblieben. Von den Briten im Alter 65plus stimmten 58% von den 50plus: 49% f├╝r den EU-Austritt. Aber: Die J├╝ngeren (25plus) bef├╝rworteten diesen nur zu 39%, die ganz Jungen (18plus) sogar nur zu 24%.

Bedeutet: Die Generation der Nachkriegsprofiteure und Babyboomer hat ihren Neigungen des "fr├╝her war alles besser", der sp├Ąten Nostalgie einer "splendid isolation" nachgegeben. Noch einmal, zum letzten Mal, tr├Ąumt Great Britain den Traum der alten Kolonialmacht. Und verkennt dabei, dass auch der britische Wohlstand nur Ergebnis eines zusammenwachsenden Europas und seiner integrierten Binnenm├Ąrkte ist - Resultat der l├Ąngsten Friedenszeit des Kontinents ├╝berhaupt.

Schade, dass diejenigen, die nach 1945 geboren sind, solches nicht mehr zu sch├Ątzen wissen. Wer nur Frieden kennt, wer Wachstum als gegeben und Sicherheit der Person und des Besitzes als selbstverst├Ąndlich versteht, wer Reisefreiheit f├╝r ein Grundrecht h├Ąlt, der verkennt die historische Einzigartigkeit des europ├Ąischen Projektes und seiner Leistungen. Leichtfertig werden beide auf den Misthaufen der Geschichte geworfen.

Zugunsten einer Alternative - ja, zu welcher Alternative eigentlich? Ausgerechnet im Zeitalter des dynamischen Globalismus, einer zunehmend vernetzten Welt voten Briten f├╝r die Kleinstaaterei. F├╝r eine mittelgro├če Nation, erstmal ausgeschlossen von fusionierenden M├Ąrkten.

Vor allem aber: BestAger mit einer Noch-Lebenszeit von vielleicht 30 Jahren entscheiden mal mal eben l├Ąssig ├╝ber die Zukunft ihrer Kinder, die noch deutlich l├Ąnger auf dem regnerischen Eiland ausharren m├╝ssen.

Die Deutschen sollten sich dar├╝ber nicht zu sehr echauffieren. Auch hierzulande blicken nachkriegsverw├Âhnte 50plus verkl├Ąrt ins vergangene Jahrhundert und tr├Ąumen die Vervollkommnung ihrer Vollkaskorepublik. Mar will gar nicht daran denken, wie eine Dexit-Abstimmung hierzulande ausgegangen w├Ąre.

Sicher ist schon mal: die Jungen h├Ątte auch hier niemand gefragt

Wozu auch. Alles nur Loser. Die Jungen, das ist doch diese Generation Y, die kaum in der Lage ist, eine Beziehung zu f├╝hren, schon gar nicht f├Ąhig, ausreichend Kinder in die Welt zu setzen, von der Planung der Altersvorsorge ganz zu schweigen. Generation Y, das sind diese Work-Life-Balance-Jammerlappen, am liebsten nesthocken bei Mutti, dabei Karriere verweigern, Verantwortung sowieso und null Bock auf Freiwillige Feuerwehr.

Und die sollen jetzt mitreden?

Na eben. Wer sich also die Agenda des politischen Deutschland betrachtet, dazu noch die geh├Ârenden L├Âsungsvorschl├Ąge der politischen Klasse - der erkennt ganz schnell: Die Zukunft der Republik tr├Ągt graue Haare.

Ob bei der Rente, bei der Energieversorgung, bei der Ern├Ąhrungs- und bei der Gesundheitspolitik sowieso. Das Kabinett um Bundeskanzlerin Merkel (1954), Kanzleramtsminister Altmeier (geboren Jahrgang 1958) Au├čenminister Steinmeier (1956), Innenminister de Maiziere (1954), Wirtschaftsminister Gabriel (1959), Verteidigungsministerin von der Leyen (1958), Umweltministerin Hendricks (1952) hantiert mit L├Âsungen, die vor allem eines im Sinn haben: kurzfristiges Schulterklopfen der senioren W├Ąhlerschaft und Befriedigung deren gesellschaftlichen und versorgungstechnischen Wohlf├╝hlfaktors.

Es kommt nicht von ungef├Ąhr, dass man im Zeitalter der Industrie 4.0, der Arbeit 4.0 und des Internet of Things dauernd das Gef├╝hl hat, der politische Diskurs bewegt sich unver├Ąndert auf dem inhaltlichen Stand der 70er Jahre. Erblickt man dann Gr├╝nen-Fraktionschef Anton Hofreiter (ok, Jahrgang1970, hilft aber nichts) sonnt├Ąglich bei Annette Will (1966) f├╝hlt man sich optisch best├Ątigt. Um politisch ausgewogen zu bleiben: Horst Seehofer (1949) kann diesen Eindruck nicht wirklich korrigieren.

Und sie haben ja recht: Wer zahlt, schafft an. Best Ager halten rund 70 Prozent des Verm├Âgens, besitzen 50 Prozent der Kaufkraft. 30 Prozent der Stimmb├╝rger bei der Bundestagswahl 2009 waren 60plus.

Die Augen werden schlechter, das Gehen f├Ąllt schwerer, das Eigenheim ist abbezahlt

Also bestimmen auch in Deutschland ergraute Parteigremien ergraute Kandidaten f├╝r ergraute Stadt und Ortsr├Ąte, die sich dann von Altersgenossen aus Seniorenbeir├Ąten beraten lassen. Dieses Kukident-Kartell arbeitet einvernehmlich. Schon allein deswegen, weil - egal ob links oder rechts - 50plus die gleichen Interessen hat: Die Augen werden schlechter, das Gehen f├Ąllt schwerer, das Eigenheim ist abbezahlt und - ├╝berhaupt - alles muss doch nicht sein.

So fordert man dann in trauter Einigkeit quer ├╝ber alle Parteigrenzen hinweg ausgewiesene Parkpl├Ątze f├╝r Silver Consumer, keine F├╝hrerschein├╝berpr├╝fungen f├╝r 75plus, die Alters-Befreiung von Geb├╝hren aller Art und die Einf├╝hrung von Seniorentickets im Besonderen.

Wie das funktioniert? Beispiel M├╝nchen: Dort reklamierte der Seniorenbeirat k├╝rzlich die Befreiung von Sparkassengeb├╝hren f├╝r bed├╝rftige Alte. Die Rathaus-CSU sprang inhaltlich bei. Oberb├╝rgermeister Dieter Reiter(SPD) forderte, die Stadtsparkasse m├╝sse ihre neue, teure Geb├╝hrenregelung ├╝berarbeiten. Die Gr├╝nen: sprachen sich gegen jede Art von ÔÇ×Altersdiskriminierung" aus.

Wer die folgenden Einnahmenausf├Ąlle gegenfinanzieren soll, dar├╝ber verloren die Damen und Herren kein Wort. Eh klar, machen die anderen. Also, die J├╝ngeren.

Und wenn es herk├Âmmlich mal nicht funktioniert. Der Wutb├╝rger, der an den Toren der Gro├čbaustellen r├╝ttelt oder plakatbewaffnet durch die Innenst├Ądte schlurft, ist jung auch nur nach Selbsteinsch├Ątzung, nicht an Jahren. Seine Protesttechniken hat er den siebziger Jahren gelernt und frisch entmottet. Stamokap f├╝r Rentner, Protestromantik f├╝r Sp├Ąsp├Ątsp├Ąt68er.

Alles nat├╝rlich stets im Namen der Darbenden und Bed├╝rftigen, f├╝r eine selige bessere Welt und f├╝r das gerechte Miteinander. Gerecht und miteinander aber eben vor allem f├╝r jene eine Generation.

Der Philosoph John Rawls bemerkte einst, dass es ethische Pflicht der Alten sei, die Ressourcen f├╝r die nachfolgende Generation zu bewahren und zu mehren. Guter, alter Rawls. Vielleicht liegt es daran, dass er US-B├╝rger war, da man ihn hierzulande bis heute hartn├Ąckig ignoriert.

In Summe droht die gutorganisierte Meinungsmacht der Best Ager die Republik zum B├╝ttel ihrer kurzfristigen Interessen zu machen. Nochmal Spa├č haben und dann tsch├╝ss. Bezahlen d├╝rfen die Party die Nachfolger.

Man darf es ihnen nicht einmal nur zum Vorwurf machen. Das Lebensgef├╝hl der Best Ager ist einfach anders. Wer zu Udo Lindenberg Konzerten pilgert und mit Konstantin Wecker einmal mehr den ÔÇ×Willy" auferstehen l├Ąsst, der tut sich eben schwer mit Justin Timberlake und dieser amerikanischen "Wirsindsocoolglitzer-Welt". Wer mit W├Ąhlscheiben-Telefon aufgewachsen ist, eher m├╝hsam zum Silver Surfer mutiert, abends datensicherheitsbesorgt gen Osten zum heiligen Snowden betet, der versteht nicht die Faszination von ÔÇ×World of Warcraft" und die soziale Notwendigkeit von Whatsapp.

Die Dominanz der Alten wurde in Deutschland schon oft beschworen

Nat├╝rlich, die drohende Dominanz der Alten wurde in diese Republik schon ├Âfter mal beschworen, meist von jungen oder sich jung gebenden Karrierepolitikern aus dem sp├Ąrlichen Nachwuchs irgendeiner sogenannten Volkspartei. Doch diese selbsternannten ÔÇ×Anw├Ąlte der Jugend" wirkten dabei so glaubw├╝rdig wie jetzt Volkswagen mit seiner E-Mobil-Initiative.

Nat├╝rlich kann man es sich leicht machen, wie die FAZ, die meinte, die Phlegmaten der Generation Y sollten halt mehr w├Ąhlen gehen, dann werde das schon. Oder mit Martin Sorrel, Chef der WPP-Werbegruppe, einfach die Wahlpflicht fordern. Oder Kinder ÔÇ×an die Macht" und zur Wahlurne schicken.

Aber das l├Âst das Problem nicht wirklich.

In M├╝nchen gab es k├╝rzlich ein interessantes Experiment: Im Maximilianeum, dem Sitz des Bayerischen Landtags, probierten 140 Bayern im Alter von 16 bis 83 Jahren das ÔÇ×Parlament der Generationen". Der Clou: der eine Teil der Teilnehmer spiegelte die gegenw├Ąrtige Bev├Âlkerungsstruktur Deutschlands, der andere repr├Ąsentierte hinsichtlich Alter, Geschlecht und Migrationshintergrund die Gesellschaft des Jahres 2050.

Diskutiert wurden in beiden Parlamenten unabh├Ąngig voneinander die gleichen politischen Inhalte: Ma├čnahmen zur Erhaltung der Lebensqualit├Ąt in schrumpfenden Regionen, eine Bildungsoffensive. Ergebnis: Bei der Rentner-Generation standen ganz andere Schwerpunkte und Themen im Vordergrund.

Eigentlich logisch. Und darum geht es: Wir sollten zur Kenntnis nehmen, dass es Themen gibt, die nur bedingt demokratischen Launen ausgeliefert werden d├╝rfen. N├Ąmlich solche, die einfach eine Generation mehr betreffen als eine andere.

Wir sollten demokratische Schutzr├Ąume einrichten f├╝r diejenigen, die dann strukturell und quantitativ in der Minderheit sind.

Wir sollten dar├╝ber nachdenken, ob F├Âderalismus daher nicht auch Generationen-F├Ârderalismus bedeuten muss: Etwa Generationskammern mit Mitspracherecht bei Themen, die Junge viel l├Ąnger betreffen als Alte. Wenn Regionen ihre Stimme erheben d├╝rfen, warum nicht auch Alterskohorten?

Wenn jetzt also die EU nach dem Brexit mit sich zu Rate geht, wie es denn so weiter gehen k├Ânnte mit dem Kontinent, w├Ąre es sch├Ân, sie w├╝rde auch zu solchen Themen einen Gedanken verschwenden.

Sehr wahrscheinlich ist es freilich nicht.

Dieser Text ist ein Gastbeitrag von Dr. Andreas Knaut, Chefredakteur von Demografiewandel.info

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