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Die Brexit-Schlafwandler

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Gastbeitrag von Adrian Vogler

Der 23. Juni 2016 in London begann mit Blitz, Donner und „too much rain", wie es Paul McCartney in einem seiner Hits beschreibt. Die sich ĂŒber London entladenden Naturgewalten mit dem sich danach entwickelnden Verkehrschaos waren fast symptomatisch fĂŒr das, was als StĂŒck auf dieser BĂŒhne dann zur AuffĂŒhrung kam: das Referendum ĂŒber den Verbleib Großbritanniens in der EU.

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Foto: Adrian Vogler

Ich war eigentlich seit Montag, 20. Juni 2016, aus einem ganz anderen Grund in der britischen Hauptstadt, denn ich wollte fĂŒr mein geplantes Buch zur „Digitalen Management-Praxis" GesprĂ€che fĂŒhren und recherchieren.

Doch wohin ich mich auch wandte, ich konnte einem anderen Thema nicht entkommen: dem Brexit. Dieses Thema war prĂ€sent in allen Medien und auf allen öffentlichen PlĂ€tzen. Insofern konnte ich den Hauptakteuren dieses Dramas, das sich hier in nicht allzu großer Entfernung vom Globe Theatre in geradezu Shakespeare'scher Dimension entspann, nicht entgehen:

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Foto: Adrian Vogler

David Cameron, dem britischen Premier, der das Referendum auf den Weg gebracht hatte und seinem Gegenspieler, dem ehemaligen BĂŒrgermeister von London, der mit seinem Markenzeichen, den HĂ€nden in den Taschen, sich einen Weg bahnt durch die Masse der Unzufriedenen und zu ihrem eloquentesten Sprecher wird. Beide konservative Politiker, doch Kontrahenten.

Interessiert nahm ich zur Kenntnis, welche Argumente die EU-Gegner ins Feld fĂŒhrten, um fĂŒr ein „Out" auf dem Stimmzettel zu werben. Zum Beispiel Sir Michael Caine, der die Position vertritt, er wolle sich nicht von tausenden Beamten in BrĂŒssel vorschreiben lassen, was er zu tun oder zu lassen hĂ€tte.

„Recht so, Sir Michael!", dachte ich bei mir, denn in diesem Punkt kann ich Sir Michael Caine gut verstehen. Solche Vorschriften mag ich mir nĂ€mlich auch nicht machen lassen. Und ich bin kein Brite, sondern Deutscher. Doch ich denke, dass eine solche Position mehrheitsfĂ€hig ist, egal in welchem Land der EU sie geĂ€ußert wird.

Das zweite Argument aus dem Lager der EU-Gegner, das mir in Erinnerung geblieben ist, kommt von Ex-Fußballnationalspieler Sol Campell, der sich fĂŒr die Premier League mehr englische Talente und weniger mittelmĂ€ĂŸige EU Fußballer wĂŒnscht.

Da ja parallel die Fußball-Europameisterschaft ausgetragen wird, ein Beitrag von nicht zu unterschĂ€tzender AktualitĂ€t in einem Land, in dem der Fußball einen hohen Stellenwert einnimmt.

Er erklĂ€rte, dass er mit Nein stimmen wĂŒrde, damit in den englischen Mannschaften wieder mehr leistungsfĂ€hige englische Talente zum Einsatz kĂ€men und nicht weniger leistungsfĂ€hige EU-Fußballspieler. In seiner NaivitĂ€t ist dieses Argument aus meiner Sicht schwer zu toppen. Trotzdem bin ich der Meinung, dass die Botschaft in einer Fußball-verrĂŒckten Nation tatsĂ€chlich ihre Zielgruppe erreicht.

Auch ein Beispiel aus der akademischen Welt: Einer der EU-Gegner fĂŒhrte in einer Diskussion auf, dass man keine Angst haben mĂŒsse bei einem Austritt aus der EU, denn in England wĂŒrde es drei der Top 10 Unis weltweit geben. Die EU hĂ€tte keine einzige Uni in den Top 10.

Fast verschĂ€mt blickte mich ein Winston Churchill von einem Plakat der EU-BefĂŒrworter an mit der Botschaft „Brits don't quit". Obwohl er nicht mehr lebt, hatte Winston Churchill als EU-BefĂŒrworter seinen Auftritt.

DafĂŒr habe ich keinen einzigen direkten Vertreter der EU gesehen, der sich aktiv und vor Ort dafĂŒr eingesetzt hĂ€tte, den britischen BĂŒrgern den Nutzen einer EU-Mitgliedschaft Großbritanniens in so einfachen Worten deutlich zu machen, wie es der Ex-Nationalspieler auf den Punkt brachte.

Wenn es tatsĂ€chlich so wĂ€re, dass es nur um den Aspekt ginge, dass weltfremde Beamte den Menschen in Großbritannien ihre Regelungen ĂŒberstĂŒlpen möchten, um sie zu gĂ€ngeln, dann hĂ€tte mich das Lager der EU-Ablehner fĂŒr sich gewonnen.

Ich denke, diese Stimmung, die Sir Michael Caine hier in seiner Botschaft zusammengefasst hat, keine Stimmung ist, die nur in Großbritannien bezĂŒglich der EU existiert.

Deshalb mĂŒsste Großbritannien sicher nicht aus der EU austreten, da diese Grundstimmung, dass die EU nur ein Verwaltungswasserkopf in BrĂŒssel ist, der lebensferne Entscheidungen trifft, EU-weit AnhĂ€nger finden dĂŒrfte.

Dann musste ich an die Erkenntnisse denken, die Daniel Kahneman in deinem Bestseller „Schnelles Denken, Langsames Denken" zusammenfasst hat.

Die einfachen Botschaften, an die ich mich erinnere, wenn ich möglicherweise unentschlossen bin, mich aber jetzt dann doch entscheiden muss. Und ich kann isoliert betrachtet die Logik einer jeden Argumentation sogar verstehen.

Leider ist die Sache nichts einfach wie im Fußball, wo einfach das Runde ins Eckige muss, selbst wenn ein Sol Campell das sich wĂŒnschen wĂŒrde.

Doch unser mentales System kĂŒmmert sich nicht unbedingt darum, ob eine Sache komplexer und auch komplizierter ist - es wĂ€hlt den Weg des geringsten Aufwands, und auf dem Weg zum Wahllokal stehen die Populisten aller Couleur und versorgen den WĂ€hler und sein mentales System 1 mit leicht verdaulichem Argumentationsfastfood.

Hier kann man auf einer nationalen Ebene leben, wie sich schnelles und langsames Denken auswirken und als welch gefÀhrliches Instrument ein aus parteipolitischen ErwÀgungen auf den Weg gebrachtes Referendum sein kann, das am Ende seinen eigenen Initiator, den britischen Premier Cameron frisst.

Trotzdem bin ich der Meinung, dass man ein WĂ€hlervotum akzeptieren muss. Doch was bringt dieses WĂ€hlervotum im Kern zum Ausdruck?

Dass in Großbritannien der Nutzen und die LeistungsfĂ€higkeit der "Dienstleistungsinstitution EU" in weiten Bereichen kritisch gesehen wird. Das WĂ€hlervotum spiegelt so die Stimmungslage in der Bevölkerung wieder.

Die Abfrage der Stimmungslage ist das eine, der Austritt aus einer EU mit all den damit verbundenen, von keiner Partei ĂŒberschaubaren Konsequenzen, ist das andere. Das sind zwei Schritte, die man möglichst separat gehen sollte und nicht zu einem großen Schritt, der einen ins Stolpern bring, verknĂŒpfen sollte.

Ich habe vor kurzem ein Buch gelesen, dass sich mit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs beschĂ€ftigt hat. Und darin wurde erlĂ€utert, dass die Nationen damals durch viele Einzelentscheidungen in die Situation, die dann zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs gefĂŒhrt hĂ€tte, getaumelt wĂ€ren. Der passende Titel dieses Buches ist: Die Schlafwandler.

Und wie Schlafwandler kommen mir die Beteiligten aus Großbritannien und der EU vor. Sie bewegen sich traumwandlerisch und stolpern von einer Albtraumsituation in die nĂ€chste.

Es darf nicht unterschÀtzt werden, welche erosionsartigen Folgeeffekte diese Entscheidung bereits ausgelöst hat oder noch auslösen wird.

Ich möchte auch hier zwei oder drei Beispiele geben. Das Votum zu einem Austritt Großbritanniens aus der EU war kein 100 % Votum. Ganz im Gegenteil haben viele Millionen Briten den Unterschied gemacht zwischen einem "Wir möchten bleiben" und einem "Wir möchten die EU verlassen".

Wenn ich also der Mehrheit von 51 % folge, dann lasse ich 49 %, die in dieser komplexen und komplizierten Situation eine andere Entscheidung fĂŒr sich getroffen haben, zurĂŒck. Wenn wir als EU nun auf Großbritannien blicken, dĂŒrfen wir nicht ĂŒbersehen, dass die HĂ€lfte seiner BĂŒrger eigentlich in der EU bleiben wollte.

FĂŒr Großbritannien selbst entwickelt sich hier ein innenpolitischer Sprengstoff, da nach Regionen aufgeteilt hier durchaus auch andere Bilder existieren. Zum Beispiel haben bereits Schottland und Nordirland angekĂŒndigt, dass sie in der EU bleiben wollen.

Schottland möchte zum Beispiel das Referendum ĂŒber einen Verbleib in Großbritannien auf der Grundlage des EU Votums erneut entscheiden lassen und Nordirland möchte sich Irland anschließen, denn dieses ist ja EU Mitglied und als solches auch sehr erfolgreich.

Großbritannien wird sich, ausgelöst durch das Ergebnis des Referendums, mit weiteren innenpolitischen brisanten Fragestellungen konfrontiert sehen. Ähnliches gilt fĂŒr alle EU-Nationen, deren Rechtspopulisten in der aktuellen Stimmungslage natĂŒrlich ihre Chance sehen.

Dabei beziehe ich mich auf meine eingangs gemachte These, dass die prinzipielle Stimmungslage zur EU und ihren Dienstleistungsinstitutionen keine ist, die man als rein britisch bezeichnen sollte und darf. Die prinzipielle Stimmungslage zur EU ist wahrscheinlich in vielen Staaten Àhnlich ausgeprÀgt.

Möglicherweise kann das Ergebnis des Referendums jedoch auch als Weckruf fĂŒr die EU und die Schlafwandler dienen. Wenn es zu nichts anderem als diesem Zweck dienen wĂŒrde, dann wĂ€re seine DurchfĂŒhrung, trotz all der StĂŒmperhaftigkeit, trotzdem als im Endeffekt positiv zu bewerten.

Die verantwortlichen Manager und Politiker sind aufgefordert, wach und mit Bedacht die Sorgen und Bedenken der Bevölkerung ernst zu nehmen. Großbritannien hĂ€lt der EU hier einen Spiegel vor. Und was man in diesem Spiegel sieht, ist vielleicht nicht nur eitel Sonnenschein.

Jeder EU-BĂŒrger, der die EU als etwas Sinnvolles ansieht, ist aufgefordert, dazu aktiv Position zu beziehen. Die Politiker und Vertreter der EU sind aufgefordert, die Dinge, die die BĂŒrger Großbritanniens stellvertretend fĂŒr alle anderen EU Nationen als zu klĂ€rende Punkte auf den Tisch gelegt haben, aufzugreifen und zu adressieren.

Wenn die EU die Chance, die sich aus dieser kritischsten Situation ihrer ganzen Geschichte ergibt, nutzt, um die Bedenken aufzugreifen und ernsthaft zu adressieren, dann kann dieser Brexit noch das Beste sein was eine EU im Sinne von EffektivitÀt passieren konnte.

Weitere Informationen:

'Brits don't quit': Cameron's final appeal on EU vote - FT.com


Brits Don't Quit: Brixton gets plastered in pro-EU posters ahead of national referendum on 23rd June