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Dichterhäuser statt Kreativlabs: Was wir in begehbaren Medien im Zeitalter der Digitalisierung finden

19/11/2017 17:08 CET | Aktualisiert 19/11/2017 17:08 CET
Beba73 via Getty Images

Unser Alltag und die ständige Vernetzung in einer globalisierten Welt sind dafür mitverantwortlich, dass wir gern Dritte Orte besuchen, die eine stabile Verankerung im Komplexitätszeitalter sind. Der Fachausdruck Third Place wurde von Ray Oldenburg in „The Great Good Place" eingeführt. Er ist neben dem eigenen Heim ("Erster Ort") und dem Arbeitsplatz ("Zweiter Ort") von enormer Bedeutung für unsere Identität und das Funktionieren einer Gesellschaft. Dazu gehören städtische Begegnungsräume (gathering spaces), in denen Öffentlichkeit hergestellt wird: Cafés, Restaurants, Galerien, Bibliotheken, Theater, Buchläden, Kirchen, Museen oder Dichterhäuser.

Am Ende unseres Lebens werden wir uns kaum an das Update auf unseren technischen Geräten erinnern - wohl aber an den Besuch einzigartiger und schöner Orte, an denen wir innehalten oder historische und kulturelle Ereignisse Revue passieren lassen konnten.

Das Buch „Dichterhäuser" von Bodo Plachta mit Fotografien von Achim Bednorz stellt in Text und Bild Häuser oder Wohnungen deutschsprachiger Schriftsteller vom Mittelalter bis zur Gegenwart vor und spiegelt ihre Geschichte und Passion.

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Plachta und Bednorz waren bei Lessing in Wolfenbüttel, bei Goethe in Weimar, bei Fontane in Neuruppin, bei Anna Seghers in Berlin, bei Thomas Bernhard in Ohlsdorf, in Dürrenmatts „Schriftstellerwerkstatt" in Neuchâtel.

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Der Germanist Bodo Plachta beschäftigt sich in seinen Publikationen immer wieder mit der Frage, wie und wo Literatur entsteht und in welcher räumlichen Umgebung Literaten, Musiker und Künstler leben und arbeiten. Sein Buch erinnert uns daran, wie wichtig Dritte Orte und die Bedeutung der (be)greifbaren Dinge wie Bücher, Manuskripte, Schreibutensilien, Brillen, Musikinstrumente, Kleider, Haarlocken, Möbel oder Geschirr sind. Zu sehen sind u.a. Arno Schmidts Lederjacke, Arno Schmidts berühmte Zettelkästen, Ernst Jüngers Käfersammlung oder Gegenstände, die Anna Seghers aus dem Exil mit nach Berlin gebracht hat: kleine Tiere aus Terrakotta, blau-weiße Keramiken, eine Hirtenglocke und eine Landkarte der Karibik von 1656.

Bereits in der Antike genossen Bildhauer und Dichter schon zu Lebzeiten große öffentliche Wertschätzung. Von ihnen wurden Bildnisse angefertigt und diese an ausgewählten Orten gezeigt. Bald wurden ihre künstlerischen und persönlichen Hinterlassenschaften aufgehoben und an die folgenden Generationen weitergegeben.

Das lesens- und sehenswerte Buch zeigt die Faszination, die vom Künstlerhaus als Arbeits- und Lebensort ausging und bald auch Dichterhäuser und -wohnungen erfasste, die schließlich die Funktion von Gedenkstätten oder Museen erhielten. Es sind Orte, die auch von Projektionen späterer Generationen beeinflusst, aber auch geprägt sind von lebensgeschichtlichen Kontexten, von der Architektur der Gebäude, der Landschaft, von der „sozialen Sphäre", in der die Bewohner hier gelebt haben.

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Foto: Achim Bednorz (Theiss Verlag)

Im deutschen Sprachraum wurden bislang über 200 Häuser oder Wohnungen von Schriftstellern durch private oder öffentliche Initiativen zu Gedenkstätten und/oder Museen gestaltet.

Im Gegensatz zu modernen Innovations- und Kreativlabs können hier Räume besichtigt werden, die eine echte Seele haben und nicht künstlich hochgezogen wurden. Die in diesem Buch vorgestellten Kreativwelten verweisen auf die Entstehung von Werken und das Umfeld des künstlerischen Prozesses. „Das Dichterhaus ist ein geeignetes Medium, das zwischen dem Autor, seinem literarischen Schaffen und dem Leser eine Brücke baut und damit unser Interesse an Literatur aufs Neue weckt." Verlieren wir dieses Interesse, werden wir auch die Digitalisierung in Zeiten des Umbruchs nicht verstehen und gestalten können.

Literatur:

Bodo Plachta: Dichterhäuser. Mit Fotografien von Achim Bednorz. Theiss Verlag - WBG. Darmstadt 2017

Claudia Silber und Alexandra Hildebrandt: Von Lebensdingen: Eine verantwortungsvolle Auswahl. Amazon Media EU S.à r.l. Kindle Edition 2017.

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