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Der DFB und die nackte Wahrheit

08/11/2015 10:23 CET | Aktualisiert 08/11/2016 11:12 CET
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Der Märchenonkel und des Kaisers neue Kleider

Was verbindet Wolfgang Niersbach mit Dänemarks berühmtestem Dichter Hans Christian Andersen? Es ist mehr als die Bezeichnung „Märchenonkel", öffentliche Aufmerksamkeit und internationaler „Erfolg" sowie eine besondere Beziehung zu „Des Kaisers neue Kleider".

Es ist auch gesellschaftlicher Spott und Hohn, der sich umso massiver entlädt, je mehr unbequeme Wahrheiten geleugnet werden.

Christian Bommarius spricht auch treffend von „Realitätsverweigerung": Jeder weiß, dass Wolfgang Niersbach, der eine angeblich falsche Steuererklärung des DFB unterschrieb, seine Zukunft hinter sich gelassen hat und als DFB-Präsident gehen muss - außer er selbst:

„Wenn die Erregung der Öffentlichkeit den Höhepunkt erreicht hat, wenn die Tat aufgeklärt, der Schuldige überführt und sein Schicksal besiegelt, also der Ausgang des Skandals beschlossene Sache ist, dann bleibt nur noch die Spannung auf den Gang. Wie wird der Schuldige zu Fall gebracht, wann wird er zu Fall gebracht, von wem, mit welchen Mitteln und mit welchen Helfern?"

So beschreibt er die Lage, in der sich Wolfgang Niersbach, der vom Sportjournalisten über den DFB-Kommunikationschef bis zum Präsidenten des größten Sportfachverbands der Welt aufstieg, derzeit befindet.

Spätestens nach seiner legendären Pressekonferenz, die einen festen Platz in allen Jahresrückblicken 2015 erhalten wird, nahm die seit Wochen schwelende dramatische Affäre ihren Lauf.

Seine Widersprüche, sein vermeintliches Nicht-Wissen, das unprofessionelle Krisenmanagement und seine Körpersprache machten ihn immer angreifbarer.

Die Realitätsverweigerung gehört für Bommarius zum Niersbach-Skandal ebenso wie zum Theater: „Der Dolch, der den Schurken richten wird, ist schon von unbekannter Hand gezückt, der Schurke selber ahnungslos. Das ist der Höhepunkt des Stücks wie des Skandals - und der Augenblick vor seinem Ende."

Das ist das Zeitlose und Nachhaltige an guten Märchen: dass sie zu allen Zeiten aktuelle Bedeutungen freisetzen. So ist es auch mit „Des Kaisers neue Kleider". Hans Christian Andersen ahnte nicht, wie sehr er mit seinem weltberühmten Märchen, das 1837 in einer Ausgabe der Reihe „Märchen, für Kinder erzählt" erschien, immer wieder ins Schwarze treffen würde:

Zwei Betrüger, die sich für Weber ausgeben, überzeugen den Kaiser davon, ohne Faser oder Faden das schönste Zeug weben zu können, das man sich denken könne. Die Höflinge des Kaisers loben ständig dessen neue Gewänder, bis schließlich ein Kind mit dem Ruf "Er ist ja nackt" die Wahrheit enthüllt. Ähnlichkeiten mit lebenden Personen sind rein zufällig.

Wachsender Ruhm machte auch Andersen zunächst zu einer umworbenen Figur. Ihm standen sämtliche Höfe und Herrenhäuser offen, und seine Gesellschaft wurde von Adligen, Fürsten, Königen und neureichen Bankiers gesucht.

Allerdings nahmen Ruhmsucht und Eitelkeit gelegentlich auch bizarre Ausmaße an, die ihn mit seinen großen Füßen, der riesigen Adlernase, den Schweinsäuglein und den herabschlackernden Armen (!) zuweilen lächerlich erscheinen ließen.

Der Kritiker Georg Brandes, der 1869 einen grundlegenden Artikel über ihn in der „Illustreret Tidende" schrieb und damit den ersten Beitrag zur Andersen-Forschung lieferte, berichtete, dass in gewissen Kreisen allerdings eine ausgesprochene Aversion gegen den Dichter bestanden hat, die vermutlich mit seinem eitlen und ruhmsüchtigen Wesen zusammenhing.

In Dänemark erlebte er, wie unter seiner Kopenhagener Wohnung laut plaudernd nach oben gezeigt wird: "Sieh einer an, da steht unser im Ausland so berühmt gewordener Orang-Utan!"

Die Spottspiele seiner Zeitgenossen demontierten und verhöhnten ihn. Das erinnert an einige aktuelle Kommentare im Zusammenhang mit der DFB-Affäre. Der BILD-Leserkommentar steht stellvertretend für viele: „Zwei Warzen auf der Stirn, aber keine Eier in der Hose."

Das ist unterste Körperregion und sagt auch viel über unsere Gesellschaft aus. Hier lohnt es sich, einen Blick in das Buch „Macht. Geschichten von Erfolg und Scheitern" von Katja Kraus zu werfen, in dem sich zahlreiche prominente Lebensgeschichten von „Mächtigen" finden, die in ihrer Wirkungszeit von den Medien oft frei von Makeln dargestellt und überhöht werden - bis zum Zeitpunkt des Abstiegs, der umso spannender wird, wenn die Fallhöhe besonders hoch war.

Dann werden sie vom Sockel gestürzt und zerfallen wie Statuen in ihre Einzelteile, die weiter durch den Staub gezogen werden. Denn das Interesse einer beschleunigten Medienwelt an Mächtigen ist besonders ausgeprägt, wenn sie ‚zerlegt' worden sind.

Am Beispiel von Wolfgang Niersbach zeigt sich allerdings besonders deutlich, dass derjenige, der auf ein Spielfeld geht, auch die Spielregeln wählt, nach denen das Spiel gespielt wird - mit allen Folgen, die dazugehören.

Ende des Sommermärchens.

So soll das Sommermärchen vom DFB gekauft worden sein, FOL. 17.10.15

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