BLOG

Eine offene Plattform für kontroverse Meinungen und aktuelle Analysen aus dem HuffPost-Gastautorennetzwerk

Dr. Alexandra Hildebrandt Headshot

Deutschland muss aufschließen! Warum Bildung der zentrale Schlüssel für nachhaltiges Denken und Handeln ist

Veröffentlicht: Aktualisiert:
Drucken

Das beste Mittel gegen die Angst vor der Digitalisierung ist Aufklärung und Bildung. Deshalb ist es wichtig, so früh wie möglich damit zu beginnen und die entsprechenden Grundkompetenzen zu stärken. Ohne die Grundfertigkeit des digitalen Denkens („Computational Thinking"), das Instabilitäten und Komplexitäten berücksichtigt, werden wir den Code der Neuen Welt, die Bedeutung der Daten und die richtigen Anwendungen niemals verstehen.

Viele Schüler sind heute für den mathematisch-technischen Bereich häufig nicht mehr als fachlich studierfähig einzustufen, sagt Dr.-Ing. Dagmar Dirzus, Geschäftsführerin der VDI/VDE-Gesellschaft Mess- und Automatisierungstechnik (GMA), im HuffPost-Interview.

Auch wenn ständig bessere Abiturnoten eine Verbesserung der schulischen Leistungen suggerieren, sei oft das Gegenteil der Fall: Der Notendurchschnitt liegt 20 bis 30% höher als noch vor 15 Jahren, ohne dass von einer Zunahme der durchschnittlichen Intelligenz ausgegangen werden kann. In diesem Zusammenhang verweist sie auf den NC als „einzige Zugangsvoraussetzung" für ingenieurwissenschaftliche Studiengänge, „dieser jedoch keine spezifische Eignungsprüfung darstellt, sondern nur einen Mittelwert über ein breites Kompetenzportfolio".

Die Innovationsforscherin Univ.-Prof. Dr. Marion A. Weissenberger-Eibl merkt in diesem Zusammenhang an, dass beispielsweise die Hochschulen in NRW - aber auch in vielen, eventuell sogar allen Ländern - bis zu 49% des Ratings über andere Wege (auch Assessment, Interviews, etc.) bestimmen. Es hat sich aber in der Vergangenheit vielfach herausgestellt, „dass der NC keine schlechtere Größe darstellt als spezialisierte Auswahlverfahren, welche daraufhin eingestellt wurden."

Nichtsdestotrotz sollte man nach Ansicht der Wissenschaftlerin an geeigneteren Auswahlverfahren arbeiten, welche als positiven Nebeneffekt Schwächen auch bei akzeptierten Kandidaten aufdecken und entsprechende Angebote beworben werden können.

Das Eingangs-Qualitätsmanko drückt nach Ansicht von Dr.-Ing. Dagmar Dirzus nicht in höheren Durchfall- bzw. Abbrecherquoten aus, sondern auch hier findet sich „eine eher auf politischen Druck zurückzuführende höhere Quote erfolgreich Studierender." Dadurch wurden andererseits allerdings auch viele Programme ins Leben gerufen, „die Missstände aufarbeiten und so zu einer besseren Ausbildung beitragen", merkt Weissenberger-Eibl an. Unterstellt man den Hochschulen hier eine rein politische Entscheidung, würde man diejenigen schwächen, die an einer Weiterentwicklung der Ausbildung interessiert sind.

Univ.-Prof. Dr. Marion A. Weissenberger-Eibl ist Inhaberin des Lehrstuhls Innovations- und TechnologieManagement iTM am Karlsruher Institut für Technologie KIT und Leiterin des Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung ISI in Karlsruhe. Im April 2017 wurde sie in den Lenkungskreis der Sustainable Development Goals (SDG)-Wissenschaftsplattform "Nachhaltigkeit 2030" der Bundesregierung berufen, die Teil der deutschen Nachhaltigkeitsstrategie ist.

2017-09-09-1504970325-6653037-C_Bibo_FranzWamhof.jpg

Univ.-Prof. Dr. Marion A. Weissenberger-Eibl (Copyright: Franz Wamhof)

Frau Prof. Weissenberger-Eibl, weshalb sehen Sie gerade vor dem Hintergrund der Innovationsfähigkeit von Deutschland in der Bildung einen zentralen Stellhebel?

Die Innovationsforschung setzt sich mit der Frage auseinander, wie Innovationen entstehen und welche Rahmenbedingungen ihre Entstehung kurz- und langfristig begünstigen. Zu diesen Rahmenbedingungen zählt natürlich auch die Bildung. Sie ist eine wichtige Voraussetzung, damit Menschen überhaupt neuartige und innovative Ideen haben können. Der Ansatz verfolgt das Ziel, Menschen zu zukunftsfähigem Denken und Handeln zu befähigen. Und dieses kann nur über eine entsprechende Bildung erlangt werden. Wollen wir global mehr Wettbewerbs- und Innovationsfähigkeit auch im Sinne der Nachhaltigkeit erreichen, müssen wir Jugendliche bereits in ihrer schulischen Ausbildung an dieses Thema heranführen.

Wo steht Deutschland heute?

Im Innovationsindikator 2017, den das Fraunhofer ISI gemeinsam mit ZEW im Auftrag des BDI und acatech erstellt hat, wird deutlich, dass Deutschland im internationalen Vergleich von 35 Volkswirtschaften im Indexwert Bildung nur auf Rang 8 steht - mit erheblichen Abstand zu den bestplatzierten Ländern. Singapur liegt auf Platz 1, Schweiz auf dem 2. Rang gefolgt von Finnland und Südkorea.

Der Handlungsbedarf im Kontext der Digitalisierung ist in der Tat sehr groß...

Ja, der Digitalisierungsindikator, den das Fraunhofer ISI zusammen mit dem Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) im Auftrag der Deutschen Akademie der Technikwissenschaften (acatech) und dem Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) herausgibt, sieht Deutschland im internationalen Vergleich der Innovationsstärke von 35 Volkswirtschaften hinter anderen Industrienationen auf Rang 17. Der Rückstand gilt für die Teilbereiche Forschung und Technologie (Rang 16), Bildung (Rang 17) und Infrastruktur/Staat (Rang 19). Dabei ist der Abstand zu Großbritannien und den USA besonders deutlich.

In welchen Bereichen besteht der größte Handlungsbedarf?

Handlungsbedarf besteht vor allem beim Breitbandausbau, der Digitalisierung der öffentlichen Verwaltung, in Teilen des Bereichs Forschung und Technologie sowie bei digitalen Geschäftsmodellen. Das ist nur eine Seite der Medaille, denn in der Konsequenz müssen wir berücksichtigen, dass die Digitalisierung sich auf die Arbeitswelt sehr deutlich auswirken wird. Die digitale Revolution wird es Unternehmen und Arbeitnehmern erlauben, noch flexibler zu agieren - aber sie wird es auch erfordern. Ich gehe davon aus, dass feste Arbeitszeiten und -orte in Zukunft immer unattraktiver werden.

Was sind die Gründe dafür, und was braucht es für eine nachhaltige Zukunft?

Dies hängt vor allem mit dem Trend zu individualisierten Lebensstilen und Familienstrukturen zusammen. Gerade vor dem Hintergrund des Fachkräftemangels besteht für Unternehmen deshalb die Notwendigkeit, qualifizierte Fachkräfte stärker und länger an sich zu binden. Beispielsweise könnten sie ihren Mitarbeitern vermehrt Flexibilisierungsmöglichkeiten wie Arbeiten von daheim oder individuelle Teilzeitlösungen anbieten.

Die Chancen der Digitalisierung werden wir in Deutschland aber nur erfolgreich ausschöpfen können, wenn es gelingt, eine adäquate Infrastruktur aufzubauen, die äußerst leistungsfähig ist.

Vielen Dank für das Gespräch.

____

Lesenswert:

Leserumfrage: Wie fandet ihr uns heute?

2017-03-08-1488965563-6721107-iStock482232067.jpg

Ihr habt auch ein spannendes Thema?
Die HuffPost ist eine Debattenplattform für alle Perspektiven. Wenn ihr die Diskussion zu politischen oder gesellschaftlichen Themen vorantreiben wollt, schickt eure Idee an unser Blog-Team unter blog@huffingtonpost.de.

googletag.pubads().setTargeting('[cnd=cld]').display('/7646/mobile_smart_us', [300, 251],'wxwidget-ad');