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Was echte Wertarbeit im deutschen Mittelstand ausmacht

Veröffentlicht: Aktualisiert:
MITTELSTAND
Wolfgang Rattay / Reuters
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Mitarbeiter und Kunden fragen im Digitalisierungszeitalter verstärkt danach, „wofür" ihr Unternehmen steht. Wesentliche Treiber für diesen Kultur- und Werteprozess sind Globalisierung, der demografische Wandel, Diversifizierung und Vernetzung über Unternehmensgrenzen hinweg. All das führt zugleich zu einer Komplexitätszunahme.

Keine Organisation wird in einer solchen Arbeits- und Lebenswelt überlebensfähig sein, wenn sie nicht ein stabiles Wertegerüst hat, das auf einem tragfähigen und soliden Fundament basiert. Das mögen große Worte sein, die sich auch in Geschäfts- und Nachhaltigkeitsberichten oder Unternehmensleitlinien finden - doch wenn sie in einen konkreten Rahmen integriert sind, der die „Praxis" umfasst, werden sie für jeden (be-)greifbar.

Praxis ist eine kooperative menschliche Tätigkeit, die auf bestimmten Regeln und Handlungsmaßstäben beruht und zielgerichtet ist. Ihr Wesen besteht für den schottisch-amerikanischen Philosophen Alasdair Chalmers MacIntyre darin, dass sie nicht nur äußere Güter wie Erfolg oder Profit hervorbringt, sondern auch „innere Güter", die menschliche Tugenden wie Respekt oder Solidarität systematisch fördern.

Wer nachhaltiges Wirtschaften verstehen will, muss „begreifen", was Tugenden bedeuten: Sie setzen nicht nur persönliche Charaktereigenschaften voraus, sondern für den amerikanischen Philosophen Robert C. Solomon „in die Tat umgesetzte Werte". Das schließt ein, dass man auch für die Konsequenzen seiner Handlungen verantwortlich ist.

Werte sind motivierende Haltungen, die individuell im Menschen angelegt sind, gesellschaftlich weitergegeben werden und als zentraler Baustein der jeweiligen Kultur wirken. Sie konstituieren das Ethos (das Selbstverständnis), die gelebten Leitbilder von Unternehmern. Deshalb sind sie von entscheidender Bedeutung für ihre Verhaltensmuster. Werden Werte glaubhaft gelebt, sind sie nicht zuletzt eine wesentliche Grundlage für Vertrauen.

Vertrauen - der Anfang von allem

Werte lassen sich in Unternehmen weder „installieren" noch von oben herab bestimmen. Sie müssen von Führungskräften und Verantwortlichen, die zu ihrem Wort stehen, vorgelebt werden. Nur dann „haben die Mitarbeiter Vertrauen zu ihrem Arbeitgeber", sagt Werner Neumüller, Personalexperte und Geschäftsführer der Neumüller Ingenieurbüro GmbH.

Nach Schule, Berufsausbildung und Fachabitur studierte er Maschinenbau an der FH Regensburg. Nach einer ersten Anstellung bei der Jungheinrich AG Hamburg wechselte er nach fünf Jahren zur Herberg Ingenieurbüro GmbH in die Personaldienstleistung. Nach weiteren fünf Jahren erfolgte die Gründung der ersten Unternehmungen.

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Copyright: Neumüller Unternehmungen

Es muss laut Werner Neumüller persönlich Verantwortliche geben (auf der funktionalen und operativen Ebene kann dann eine Demokratisierung sinnvoll möglich werden), betont er im Interview mit N-Kompass-Chefredakteurin Marie-Lucie Linde (N-Kompass 3/2016).

Er vertritt eine ähnliche Grundhaltung wie Wolfgang Grupp, persönlich und unbeschränkt vollhaftender Eigentümer des Textilunternehmens Trigema, der stets betont, dass er gegenüber seinen Mitarbeitern Verantwortung übernimmt und dies „sehr ernst" nimmt:

„Kein Größenwahn, keine Gier, dem anderen nichts wegnehmen, kein Zwang zum Wachstum. Dafür viel Verantwortung."

Wenn das irgendwann ein Problem werden sollte, und er diese Position innehat, „kann es nur einen Schuldigen geben - und der bin ich!"

Diese Einsicht und Haltung ist nicht selbstverständlich. So sagte der ehemalige DFB-Präsident Wolfgang Niersbach beispielsweise am Tag seines Rücktritts, dass er im Zuge der WM-Affäre die rein „politische (!) Verantwortung" übernimmt und „total" mit sich im Reinen sei. Persönliche Verantwortung wurde nicht erwähnt.

Doch wo ein gemeinsames Verständnis von gesellschaftlicher Verantwortung wirksam werden soll, müssen sich auch alle einzelnen Akteure zu ihrer persönlichen Verantwortung bekennen. So gehört es zu den Grundregeln der Neumüller Unternehmungen, „dass jeder für sich und seine Ergebnisse persönlich verantwortlich" ist.

Auch bei Einstellungs- und Vorstellungsgesprächen wird das Thema Werte aufgegriffen. Die Führungsinstrumente Begleitung, Unterstützung, Feedback, Anerkennung und Kritik spielen hier ebenfalls eine wichtige Rolle.

Ethik im Business

Handeln nach ethischen Werten und Normen ist besonders in der Personaldienstleistung von besonderer Bedeutung, um erhöhte Zufriedenheit der Bewerber, Mitarbeiter und Kunden zu erreichen, sagt Neumüller.

Grundlage sei dabei die gelebte Unternehmens-DNA („ehrlich, fleißig, nachhaltig"), die zudem besonders wichtig ist, hier um die Ingenieure mit den Top DAX-Firmen konkurriert wird:

„Wie schafft man es, als Mittelständler mit Mercedes, VW oder Audi mitzuhalten?"

Vor diesem gewaltigen Hintergrund ist es umso wichtiger, dass die Unternehmensphilosophie schon im Kleinen überzeugt. Dazu ist es wichtig, dass die Position und Verantwortung des Arbeitgebers in der Gesellschaft stimmt.

Um dies zusätzlich zu manifestieren, trat die Neumüller Ingenieurbüro GmbH 2012 „Ethics in Business", der Werteallianz des Mittelstandes, bei. Die Mitgliedschaft in der Gilde wurde seit 2013 jährlich bestätigt. Ethik und moralische Ansprüche werden hier hoch gehalten und gelebt.

Ethik bietet Handlungsorientierung in Form von Normen, Prinzipien oder Werten, die eine Orientierungsfunktion haben, indem sie gemeinsame Maßstäbe für Handlungen schaffen.

Kontrollmaßnahmen sind in einem solchen Rahmen nicht notwendig, weil darauf vertraut werden kann, dass sich alle Beteiligten fair verhalten.

„Für mich definiert sich positive Ethik und Moral ganz zentral im gegenseitigen Vertrauen. Solange es keine Ethik und Moral gibt, ist zukunftsfähiges Wirtschaften schwierig", bemerkt der Geschäftsführer im Interview mit N-Kompass.

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Werner Neumüller (Neumüller Unternehmungen) und Marie-Lucie Linde (N-Kompaß), Foto: Anestis Aslanidis

Nachhaltige Personalführung macht seiner Meinung nach vor allem das aus, was der Mittelstand macht bzw. schon immer gemacht hat: Mitarbeiter werden hier als „Familienmitglieder" gesehen. So spricht auch Wolfgang Grupp von seiner „Firmenfamilie", deren Versorger er ist - verantwortlich „für über tausend Lebensläufe".

Wo Unternehmer moralische Grundlagen für ihr Handeln finden

Die von Familienunternehmen gelebten Werte leiten sich hier aus dem Wunsch nach Kontinuität, Stabilität und Solidität ab. Die persönliche Verantwortung der Inhaber, aber auch langfristig angelegte Strategien sowie Beharrlichkeit sind notwendige Voraussetzung dafür, dass diese Unternehmen über Generationen fortgeführt werden können.

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Ihr Image basiert nicht auf marktschreierischen Werbeeffekten, sondern auf ihrem guten Ruf und dem, was sie tun. Beim Begriff Könnensgesellschaft wird heute vor allem an den „anpackenden" Mittelstand gedacht. Werner Neumüller verweist in diesem Zusammenhang auf seinen Leitsatz „Schaffe! Net schwätze", der dem Unternehmer Reinhold Würth entlehnt ist.

Der gelernte Großhandelskaufmann führte im Zuge des Wirtschaftswunders der 1950er und 1960er Jahre die väterliche Schraubengroßhandlung zu einem ungeahnten Erfolg. Die Adolf Würth GmbH & Co.KG ist führender Spezialist im Handel mit Montage- und Befestigungsmaterial.

Auf die Frage, wo er die moralischen Grundlagen für sein Handeln findet, antwortete er vor einigen Jahren: an den Zehn Geboten und am „eigenen Gewissen" - die innere Voraussetzung für echte Wert-Arbeit.

Buchempfehlung: Wertewandel mitgestalten. Gut handeln in Gesellschaft und Wirtschaft. Hg. von Brun-Hagen Hennerkes und George Augustin unter Mitarbeit von Thomas Hund. Freiburg i. Brei 2012.

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