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Deutschland: Das Land der Schaffer und Macher

04/05/2017 17:15 CEST | Aktualisiert 04/05/2017 17:15 CEST
Nikada via Getty Images

Die Digitalisierung verändert nicht nur unsere Lebensbereiche, sondern auch die Art, wie wir denken, zusammenleben und arbeiten. Diese Entwicklung kann niemand aufhalten - wir haben jedoch die Möglichkeit, sie nachhaltig zu gestalten. Voraussetzung dafür ist, dass unsere Macherqualitäten gestärkt und die Trennung zwischen Theorie und Praxis aufgehoben wird.

Dass uns die Digitalisierung Instrumente an die Hand gibt, „zu Machern zu werden", betont auch Timotheus Höttges, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Telekom, im Bildungsmagazin des Stifterverbandes (Carta 2020). Dazu gehört das Programmieren, dessen Werkzeuge und Kenntnisse wir nicht anderen überlassen sollten. Wer die digitale Transformation selbst mitprägen will, muss verstehen, wie sie funktioniert und darf keine Angst vor dem digitalen Wandel haben.

Macher gehen ans Werk und sind sich bewusst: Wo es viele Worte gibt, wird ein Thema oft nicht ernst genommen und das Wesentliche verdeckt. "Schaffe, net schwätze", zitiert der Geschäftsführer der Nürnberger Neumüller Unternehmungen und Personalexperte, Werner Neumüller, gern den Unternehmer Reinhold Würth, der das berühmte Schrauben-Handelsunternehmen aufgebaut hat. Wo immer Menschen konstruktiv an einem Ziel arbeiten, wollen sie etwas „schaffen".

Das Wort ist tief in der deutschen Psyche verankert, insofern hat Bundeskanzlerin Angela Merkel (wenn auch zu optimistisch) im Herbst 2015 die Seele des Landes getroffen, als sie den berühmten Satz sagte: „Wir schaffen das!"

Deutschland wird auch im Ausland viel Schaffenskraft zugetraut. Dabei wird vor allem an den „anpackenden" Mittelstand einer Könnensgesellschaft gedacht.

In seinem Buch „Ich schraube, also bin ich" (2010), das sich dem Glück widmet, etwas mit den eigenen Händen zu schaffen, zeigt Richard Sennett, dass eine "Könnensgesellschaft" eine nachhaltige Alternative zur "Wissensgesellschaft" ist. Der Verlust des Begreifbaren führt seiner Meinung nach dazu, dass viele Menschen nur noch in manuellen Hobbys Erfüllung finden.

Leider spiegelt sich diese Wertschätzung nicht im Arbeitsmarkt wieder. Viele Ausbildungsbetriebe stellen fest, dass bei ihnen weniger Bewerbungen eingehen und Stellen nicht besetzt werden können. Häufig wird eine duale Berufsausbildung gar nicht erst in Betracht gezogen, auch sind viele Handwerksberufe überhaupt nicht bekannt.

Wir brauchen auch junge Menschen, die eine Werkbank einrichten können oder als Schlosser im Industriebetrieb tätig sind. Leider wird schon bei der Berufsorientierung am Gymnasium nicht ausreichend auf Möglichkeiten jenseits des Studiums verwiesen. Dabei ist es gerade die junge Generation, die Freude am „Machen" hat, wie die Bayerische Wirtschaftsministerin Ilse Aigner 2014 bemerkte: „Hinzu kommt, dass der Berufsweg ‚Handwerk' mit dem Meisterabschluss auch ganz gezielt auf die Selbstständigkeit und auf unternehmerischen Erfolg vorbereitet."

Ob diese wichtige Botschaft junge Menschen erreicht, hängt auch davon ab, wie sie kommuniziert wird. Und es braucht vor allem mehr Mutmacher-Beispiele, die zeigen, dass es sich lohnt, selbst etwas zu unternehmen und nicht immer nach jemandem zu rufen, der das Problem abnimmt.

Gute Beispiele finden sich überall dort, wo Menschen produktiv sind und ihre eigene Aufgabe so gut wie möglich erfüllen, indem sie sich fokussieren und konzentrieren.

Macherinnen und Macher hüpfen nicht von Veranstaltung zu Veranstaltung, legen keinen Wert auf eitle Selbstdarstellung in den Medien, gehen mit ihrem Privatleben nicht in die Öffentlichkeit (dann haben sie nämlich keins) und definieren sich nicht über Status und Funktion. Gestaltung ist heute immer und überall möglich - wenn man und frau sich kontinuierlich dem Schaffensprozess widmet.

Dazu gehört auch Christoph Niemann, einer der gefragtesten Illustratoren der Welt. Er arbeitet für den New Yorker, das Magazin der Zeit und andere renommierte Medien. In der Monografie „Sunday Sketching" erklärt er in Illustrationen, Texten, Fotografien und „Mems", wie sich Ideen in ihm entwickeln.

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Copyright: Knesebeck Verlag

Das Cartoonmuseum Basel würdigt den vielfach ausgezeichneten Künstler mit über 100 Originalzeichnungen, Drucken, Fotobearbeitungen, Animationen und Texten erstmals in der Schweiz mit einer Einzelausstellung (6. Mai. 2017 bis 29. Oktober 2017).

Täglich sitzt er diszipliniert ab neun Uhr an seinem Schreibtisch - um ihn herum sind Ordnung und Stille. Er arbeitet allein in seinem Refugium und meidet jegliche Ablenkungen. Seinen Tagesablauf hat er optimal auf seinen Beruf abgestimmt, denn er ist sich bewusst: Spitzenleistungen entstehen nicht mal nebenbei, sondern sind das Resultat konzentrierter Schaffensprozesse.

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Copyright: Christoph Niemann/Knesebeck Verlag

Geniale Gedanken und Erfolg basieren nicht auf Netzwerken und großen Worten, sondern verdanken sich dem Rückzug und der absoluten Hingabe an eine Aufgabe, von der man überzeugt ist, dass sie zu „schaffen" ist. Sich auf sie konzentrieren zu „können" wird auch eine entscheidende Fähigkeit im künftigen Arbeitsalltag sein, denn das Land der Schaffer basiert nicht auf Mittelmaß, sondern auf Spitzenleistung.

Weiterführende Literatur:

Christoph Niemann: Sunday Sketching. Aus dem Englischen von Sophie Zeitz. Knesebeck Verlag 2016.

Werner Neumüller und Alexandra Hildebrandt: Tun statt reden. Personalverantwortung 21.0 von A bis Z. Amazon Media EU S.à r.l. Kindle Edition 2017.

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