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Deutsches Bildungssystem: Warum wirtschaftliche Stabilität und nachhaltiges Wachstum davon abhängen

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KIDS IN SCHOOL
Caiaimage/Sam Edwards via Getty Images
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"Bildung ist ein Rohstoff, der über die Zukunft Deutschlands entscheidet. Und Bildungspolitik ist Wirtschaftspolitik. Die betreiben wir wie ein paar verstreute Teppichhändler im Weltgroßmarkt. Die anderen gehen mit ihrer vollen nationalen Kraft in den Wettbewerb, wir streiten über Zuständigkeiten." (Miriam Meckel, Herausgeberin WirtschaftsWoche)

Interview mit Dr.-Ing. Dagmar Dirzus, Geschäftsführerin der VDI/VDE-Gesellschaft Mess- und Automatisierungstechnik (GMA), VDI Verein Deutscher Ingenieure e.V.

Frau Dr. Dirzus, was sind für den VDI derzeit die wichtigsten Herausforderungen, und welche Lösungsmöglichkeiten werden angestrebt?

Die größten internen, wirtschaftlichen Herausforderungen in Deutschland sind die Qualität unseres Bildungssystems von der Schule bis zur Universität, unser zu langsames Internet mit einer unzureichenden Netzabdeckung und Technologien, die sich schneller entwickeln als wir in Betrieben, vor allem in kleinen und mittelständischen, mit Weiterbildung, der Etablierung flexibler Strukturen und Know-how zu Digitalisierung und systematischer Geschäftsmodellentwicklung hinterherkommen.

Was heißt das konkret?

Unsere wirtschaftliche Stabilität und möglicher Wirtschaftswachstum von Morgen hängen direkt von unserem Bildungssystem ab. Wir kommen um eine Diskussion unseres Schulsystems, der Lerninhalte - insbesondere bezogen auf eine Begeisterung für MINT-Fächer - und vor allem der Qualität nicht mehr herum. Heutige Schüler sind für den mathematisch-technischen Bereich häufig schlicht nicht mehr als fachlich studierfähig einzustufen. Auch wenn ständig bessere Abiturnoten eine Verbesserung der schulischen Leistungen suggerieren, ist oft das Gegenteil der Fall. Der Notendurchschnitt liegt 20 - 30% höher als noch vor 15 Jahren, ohne dass wir von einer Zunahme der durchschnittlichen Intelligenz ausgehen können. Hinzu kommt, dass ingenieurwissenschaftliche Studiengänge häufig als einzige Zugangsvoraussetzung den NC zugrunde legen, dieser jedoch keine spezifische Eignungsprüfung darstellt, sondern nur einen Mittelwert über ein breites Kompetenzportfolio.

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Worin drückt sich dieses Eingangs-Qualitätsmanko - das auch durch gängige Studienfächer-Selbsteinschätzungen, die häufiger psychologiebasiert sind, nicht behoben werden kann - aus?

Dies drückt sich nicht in höheren Durchfall- bzw. Abbrecherquoten aus, sondern auch hier findet sich - im Gegenteil - eine eher auf politischen Druck zurückzuführende höhere Quote erfolgreich Studierender. Das Nachsehen haben die Unternehmen, die dringend auf gute Absolvierende aus den technisch-naturwissenschaftlichen Fächern angewiesen sind. Selbst wenn Deutschland in der Pisa-Studie im Bereich Physik und Mathematik aufgeholt hat, nutzen die Schüler und Schülerinnen diese Basis nicht für dringend benötigten Nachwuchs in den Studienfächern der Ingenieurswissenschaften und der Informatik. Hier liegen wir gerade einmal auf Platz 70 der Pisa-Liste.

Was ist deshalb zu tun?

Technische Inhalte könnten in Exkursionen zu den jeweiligen Unternehmen der Region in den Neigungskursen der Gymnasien selbst gehalten werden, um Begeisterung zu wecken und aufzuzeigen, was mit den Lerninhalten in der Praxis gestaltet werden kann.

Spezifische verpflichtende Eignungstests könnten die Auswahl geeigneter Studierender, zusätzlich zum NC, unterstützen und zusätzlich zu behebende Schwächen auch bei akzeptierten Bewerbern aufzeigen. Den Hochschulen muss die nötige Zeit eingeräumt werden, diese Schwächen aufzuarbeiten, auch über die fünf Jahre Regelstudienzeit hinaus.

Was bedeutet das für Unternehmen?

Sie könnten davon profitieren, statt Praktikumsplätze anzubieten, ihre Probleme aus der Praxis auf Plattformen darzustellen. Für diese könnten dann von Studierenden als Hausarbeiten - möglichst in interdisziplinären Teams - Lösungsvorschläge erarbeitet werden, für die wiederum die Hochschulen und Universitäten ECTS vergeben könnten.

Wenn wir über die Zukunft, Industrie 4.0 und die Digitale Transformation sprechen, ist dies ohne schnelles, flächendeckendes und vor Cyberattacken weitgehend geschütztes Internet nicht möglich.

Hier driften Wunsch und Wirklichkeit jedoch noch weit auseinander...

Ja, Bitkom prognostiziert eine Produktivitätssteigerung von 78,5 Mrd. € bis 2025 mit Industrie 4.0 - in Zeiten der Erpressersoftware WannaCry für diejenigen, die über schnelles Internet verfügen und 23.ooo Gewerbegebieten, die keinen Zugang zu schnellem Internet haben, ist damit nicht zu rechnen.

Solange wir hier in Zeitlupe unterwegs sind und nicht einmal das Ziel „50 Mbit/s bis 2018" (Digitale Agenda der Bundesregierung) erreichen, bleibt es bei Platz 25 im internationalen Vergleich (State of the Internet Report 03/2017) - das reicht nicht. Damit zukünftig moderne Arbeitsorganisation und flexible Arbeitszeiten mit Homeoffice sowie das Arbeiten in weltweit verteilten Teams funktionieren, muss jedes Unternehmen und jedes Haus mit schnellem und sicherem Internet verbunden sein. Dazu müssen Wirtschaft, Netzanbieter und Politik an einem Strang ziehen.

Vielen Dank für das Gespräch.


Zur Person:

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Copyright: VDI

Dr.-Ing. Dagmar Dirzus hat zum 1. Juni 2014 die Geschäftsführung der VDI/VDE-Gesellschaft Mess- und Automatisierungstechnik (GMA) übernommen. Dirzus studierte Maschinenbau an der RWTH Aachen und promovierte im Werkzeugmaschinenlabor bei Prof. Günther Schuh. Dort arbeitete sie in vielen Projekten auf dem Gebiet der Produktionsplanung, -simulation und -optimierung. Im Anschluss war sie im Wissenstransfer tätig, u.a. als Geschäftsführerin des WZLforums sowie der International Academy der RWTH Aachen. 2012 begann Dirzus ihre Tätigkeiten in der VDI Wissensforum GmbH und entwickelte VDI-Tagungen und Seminare im Bereich der Automation. Mitte 2013 wechselte Sie als wissenschaftliche Mitarbeiterin zum VDI e.V. und koordinierte Fach- und Richtlinienausschüsse der VDI/VDE-Gesellschaft Mess- und Automatisierungstechnik. Als Geschäftsführerin der GMA ist sie nun verantwortlich für die gesamte ehrenamtliche Gemeinschaftsarbeit dieser Fachgesellschaft. Die GMA ist fachlicher Träger einer Vielzahl von Veranstaltungen im Gebiet der Mess- und Automatisierungstechnik sowie der Optischen Technologien. Etwa 50 VDI/VDE-Richtlinien werden jährlich in den GMA-Gremien erarbeitet und veröffentlicht.

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