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Der Superfan von Michael Schumacher: Reiner Ferling

04/05/2017 17:21 CEST | Aktualisiert 04/05/2017 17:21 CEST

Was eine Gesellschaft bewegt und nachhaltig voranbringt, geht immer von Menschen mit einem unverwechselbarem Eigensinn und Leidenschaft aus, die am Ende häufig sogar über Sieg und Niederlage entscheidet. Denn sie ist mitreißend und setzt ungeahnte Kräfte frei. „Alter schützt vor Leidenschaft nicht", sagte Marita Ferling vor einigen Jahren über ihren Ehemann Reiner Ferling, der zu den treuesten Fans von Michael Schumacher gehört.

Die Geschichte des 1. Vorsitzenden des Michael-Schumacher Fan-Club Kerpen e. V. liest sich wie die Geschichte einer authentischen Marke, die auch in Krisenzeiten ihre Wertigkeit und Strahlkraft behält. „Ein Leben erlangt Bedeutung, wenn es auf ein Dilemma reagiert, für das noch kein Ausweg gefunden wurde", sagt der britische Historiker Theodore Zeldin. Das gilt auch für einen echten Fan: Er bleibt seinem Idol auch in schwierigen Zeiten verbunden, weil er auf einer inneren Substanz aufbauen kann, die mit den Jahren immer wertvoller geworden ist.

Sie speist sich aus gemeinsamen Erlebnissen, Freude, Liebe, Vertrauen, aber auch aus der empathischen Komponente des Humors, die uns lehrt, die Welt aus der Sicht eines anderen zu sehen.

Vier Wochen nach Michael Schumachers Ski-Unfall haben mehrere Hundert Fans an der Veranstaltung „Michael Schumacher GET WELL SOON und Fan Tribute Spa Francorchamps" am 26. Januar 2014 teilgenommen und sind die gesamte Rennstrecke abgelaufen. Das Schicksal von Michael Schumacher ist traurig und dunkel - es erscheint jedoch in einem anderen Licht, wenn das kleine Beispiel (s)eines Superfans zu leuchten beginnt.

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Reiner Ferling am Nürburgring. Er hatte die Wahl zum Superfan in Deutschland gewonnen. (Copyright: Reiner Ferling)

Über den „Mutmacher in Bewegung" und den Michael-Schumacher Fan-Club Kerpen ist hier ausführlich berichtet worden. Auch der gesellschaftlichen Bedeutung des Fan-Clubs ist ein Beitrag gewidmet. Was bislang fehlte, war die Geschichte, wie aus einem normalen Fan ein Superfan wurde. Ich danke Reiner Ferling und seiner Frau Marita für ihre wertvollen Auskünfte, die hier verarbeitet wurden.

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Monaco (Copyright: Reiner Ferling)

Als Michael Schumacher 1994 zum ersten Mal Weltmeister wurde, stand Reiner Ferling im Alter von 42 Jahren vor der im Kerpener Gymnasium aufgebauten Großleinwand und kaufte am nächsten Morgen sein erstes Michael-Schumacher-T-Shirt. Zu diesem Zeitpunkt dachte er: „Jetzt bin ich ein richtiger Fan, der die nächsten Rennen mit stolz geschwellter Brust im Schumi-T-Shirt vor dem Fernseher oder einer Großleinwand stehen wird."

2000 erlebte er zum ersten Mal ein Formel 1-Rennen live - in Malaysia. Nachdem er ein paar kleine Rennautos auf seiner Ferrari-Kappe befestigt hatte, ging es in den Flieger nach Kuala Lumpur.

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Copyright: Reiner Ferling

Das Motorengeräusch an der Rennstrecke war für ihn wie ein „Lockruf", der ihn süchtig machte. Als die New Sunday Times dann auch noch Fotos von ihm, „dem Mann mit der geschmückten Kappe", veröffentlichte, bekam ich eine leise Ahnung von dem, was noch folgen sollte:

Mittlerweile teilte auch seine Frau diese Leidenschaft und begleitete ihn zu den nächsten Rennen am Nürburgring, in Hockenheim und Spa. Im Folgejahr dann wieder Malaysia. Nürburgring, Hockenheim und Spa gehörten für beide seither zum „Pflichtprogramm".

Allerdings war er mit seinem bisherigen Fan-Outfit noch nicht wirklich zufrieden:

„Die Kappe sah zwar ganz hübsch aus mit den kleinen Flitzern und einer Mini-Schumacher-Puppe, aber ich wollte meine ‚rote Leidenschaft' noch deutlicher zum Ausdruck bringen."

Inspiriert von der asiatischen Lebensart kaufte er sich zunächst einen Reishut, den er rot spritzte, einen roten Sarong, auf den er Ferrariwappen kopieren ließ - und auch die originale Ferrari-Schuhe vervollständigten das Bild.

Schließlich war er vor keinem Fotografen mehr sicher, auch die TV-Kamerateams wurden verstärkt auf diesen „verrückten Fan" aufmerksam, der für jede weitere Rennsaison neue Ideen entwickelte:

So ließ er sich auf Koh Samui einen Ferrari-roten Frack schneidern und ersteigerte einen Zylinder, der mit roter Seide überzogen wurde. Originalität beginnt für Ferling mit Kreativität. Kommt nicht einfach - er erscheint. Das ist auch eine Form des Respekts gegenüber seinem Idol, das er damals einmal im Leben treffen wollte.

2003 erhielt nach sechs Stunden Wartezeit ein Autogramm von Michael Schumacher auf seinem Zylinder. Alle Zylinder von Reiner Ferling sind handgefertigt mit Unterstützung von einem Schreiner und einer Schneiderin, die ihm auch die Outfits genäht hat. Auch hier spielt das Markenthema hinein, das häufig mit dem Handwerks verbunden ist: Viele Dinge des Lebens sind durch Massenproduktion austauschbar geworden und verlieren ihren ästhetischen und qualitativen Wert. Fanartikel als Massenware aus Billiglohnländern kommen für „echte" Fans nicht infrage.

2003 besuchten die Ferlings auch erstmalig das Rennen in Monza: Reiner Ferling wurde dem Erzbischof von Mailand, Cardinale Dionigi Tettamanzi, vorgestellt, dem Präsidenten des italienischen Ferrari-Clubs. Reporter Kai Ebel führte ein Interview für RTL mit ihm.

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Copyright: Reiner Ferling

Sonntags war er in sämtlichen italienischen Zeitungen mit dem „Cardinale" abgebildet.

Als der Michael Schumacher Fan Club Kerpen e. V. gegründet war, wurde mit dem Club das Rennen in Barcelona besucht. Dort traf Ferling Rolf Schumacher, den Vater von Michael, der sich Zeit genommen hatte, um mit dem Club einen Abend im Hotel zu verbringen.

Von den Ferrari Racing Days am Nürburgring ging es dann direkt nach Maranello, so auch Mamma Rosella im Ristorante Montana, Schumis Lieblingsrestaurant, besucht wurde:

„Mamma Rosella servierte uns persönlich die Pasta und fragte mich, ob ich der Mann mit dem ‚Capello rosso' sei, sie hätte mich schon im Fernsehen gesehen und der Gast gegenüber am Tisch - ein Automechaniker von Ferrrari - hätte ein Foto von mir. Ich sollte doch bitte am nächsten Tag mit meinem schönen roten Zylinder kommen, damit sie auch ein Foto machen könne."

Dank der VIP-Ausweisen von den Racing days stand den Fans das Tor zum VIP-Bereich offen. Nach dem Qualifying am Samstag begaben sie sich auf einen Rundgang: Ferling war einem Mann vom Ferrari-Team aufgefallen, und ehe er sich versah, hängte er ihm einen Fahrerlager-Ausweis um den Hals. Dann ging es direkt ins Fahrerlager von Ferrari.

„Ob Willi Weber oder Balbir Singh - ich bekam meine heiß ersehnten Autogramme auf meinen Zylinder. Ja, und dann sah ich ihn endlich: Michael Schumacher ging an mir vorbei, zwei Meter neben mir. Das Treffen dauerte ungefähr so lange, wie Schumacher für eine Runde braucht. Und ich, der sonst nie auf den Mund gefallen ist, war sprachlos und brachte kein einziges Wort heraus."

Was dann folgte, ist Geschichte.

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Mit Dieter Zetsche, Vorstandsvorsitzender der Daimler AG, in Monaco. (Copyright: Reiner Ferling)

Reiner Ferling ist am 20. Oktober Ehrengast der Burgthanner Dialoge.

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