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Der Duft der Welt: Wo Gefühle verkauft und Gerüche erzählt werden

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SMELL
Betsie Van der Meer via Getty Images
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Bilder im Kopf

Düfte stehen für Erinnerungen, Lebendigkeit, Dynamik, Glück und Wohlergehen. Im Zeitalter der Globalisierung und Digitalisierung nimmt ihre Bedeutung immer mehr zu, weil sie uns in eine überschaubare Welt hüllen, die rundum angenehm ist. Auch wenn es uns im Großen oft stinkt.

Parfümerien sind in vielen Städten Archive der Träume: Hier werden Düfte als Emotionen verpackt und als Parfüms verkauft. Besonders beliebt sind Zitrusdüfte, florale Düfte, Chypre-Düfte, aromatische Düfte, holzige Noten, orientalische Noten, Fougère-Noten oder ledrige Noten. Aber auch Macht und Erfolg sind mit einem speziellen Duft verbunden: Cool Water. Prinz Charles und Robert Redford hüllen sich in den Duft Green Irish Tweed, der wie ein Morgenspaziergang im Frühling riecht.

Nach vielen Jahren Pause brachte auch Louis Vuitton 2016 wieder ein Parfüm auf den Markt, das Jacques Cavallier-Belletrud, einer der besten Parfümeure der Welt, entwickelt hat. Seine Kindheit verbindet er mit dem Geruch von Rosenwasser, Rosmarin und Salbei. Er sieht das Parfüm in seinem Kopf wie der Maler ein Bild.

Auch aktuelle Essays widmen sich dem Thema Duft und Erinnerungen. Teju Cole, geboren 1975 in den USA, aufgewachsen in Nigeria auf und wohnhaft in Brooklyn, New York, beschreibt in seinem Buch „Vertraute Dinge, fremde Dinge", den Duft des Lavendels:

„Lavendel, erstmals wahrgenommen als Note im Rasierwasser seines Vaters und dann im Hausmittel gegen Migräne, ist (André) Acimans ‚Madeleine' - den prägenden Einfluss Prousts gesteht er unumwunden ein - und löst eine Kaskade von Erinnerungen aus. Reminiszenzen an die Kindheit, Jugend, Ehe und Vaterschaft wechseln sich ab mit Etappen einer schwindelerregenden Tour d'Horizon des Lavendels". Der Essay wird zur Geschichte seiner Erkundungen der Lavendeldüfte.

Ein Duft von Nachhaltigkeit

Echter Lavendel ist ein hocharomatisches Kraut, das im Mittelmeerraum wächst. Mit über 100 Inhaltsstoffen findet die Pflanze Anwendung in der Naturheilkunde, etwa bei Hautproblemen, Schlaflosigkeit oder Anspannung (Quelle: memolife). Ökologische Duftmischungen (vegan, tierversuchsfrei und aus 100 % naturreinen ätherischen Ölen), die beispielsweise den Namen "Schlafwohl" tragen, kombinieren entspannendes Lavendelöl mit harmonischem Neroliöl und warmen, beruhigenden Honigextrakten.

Pflanzendüfte sind angenehm, anregend und haben eine nachhaltige heilsame Wirkung. So können sie Abhilfe bei Allergien schaffen, die Abwehrkräfte steigern, sie sind natürliche Desinfektionsmittel und Antibiotika, sie können die Verdauung unterstützen, die menschliche Seele stärken und das Zuhause in eine „Wellness-Oase" verwandeln, zu der auch Raumdüfte und Räucherstäbchen gehören.

„Gerade in der kälteren Jahreszeit ist ein wunderbarer, warmer Duft etwas ganz Besonderes in der Wohnung", sagt die Nachhaltigkeitsexpertin Claudia Silber, die auch auf die wohltuende Wirkung ätherischer Öle auf das persönliche Wohlbefinden verweist.

Duftmischungen, die im Markt mit "Gute Laune" beworben werden, enthalten Orange, Limette und Zitrone. "Glück teilen" enthält einen fruchtig-warmen Duft, der von Mandarine, Rose und Sandelholz inspiriert ist und die Stimmung heben soll. Mit "Elfentraum" ist ein fein-blumiger Duft aus Orange, Litsea und Frangipani verbunden, der harmonisierend und erheiternd wirkt. Sogar für Kinder gibt es Geschenksets. Sie heißen beispielsweise "Leichter Lernen" und verbinden Zitrone, Orange und Grapefruit, deren Kombination motivierend, konzentrationsfördernd und erfrischend wirken soll.

Besonders häufig taucht in Duftmischungen der Begriff "Harmonie" auf: Hier verbinden sich Orange, Rose und Rosengeranie.

Wort und Duft haben mit „Ordnung" zu tun, die über die Architektur ins moderne Denken kam, wo es ursprünglich für ein Ganzes stand: Alle Teile passten zueinander, so dass keines ersetzt werden konnte, ohne die Harmonie zu zerstören.

Ganzheit einatmen

Auch einem einfach anmutenden Thema wie dem Duft zeigt sich, was wir heute vielfach verloren haben. Und dass das Bedürfnis, uns in Duftwolken zu begeben, mit der Sehnsucht nach Ganzheit zusammenhängt.

Der Erlanger Psychologe Norbert Thürauf behandelt Patienten, die keine Daseinsfreude mehr verspüren. Er therapiert sie nicht mit Antidepressiva, sondern mit Gerüchen, die mit positiven Erinnerungen verbunden sind: Zimt, Kaffee oder sogar Motoröl. In der Therapie schickt er seine Patienten auf Geruchsspaziergänge, auf denen sie lernen sollen, ihre Umgebung intensiv über Gerüche zu erfahren: Welchen Geruch hinterlässt die Seife auf den Händen? Wie riechen die Blumen auf dem Balkon? Wie riecht der Sommer?

Buchstäblich angezogen ist die Schauspielerin Eva Mattes vom Herbstgeruch: Als sie 17 Jahre alt war und von München nach Hamburg zog, hat sie Herbstfrische zum ersten Mal bewusst eingeatmet:

„Wie das Licht mit einem Mal seine Farbe ändert, so ist es, als änderten die Blätter über Nacht ihren Geruch."

Ihr Lebensgefährte ist der Künstler Wolfgang Georgsdorf. Aufgewachsen im oberösterreichischen Linz begann er schon in jungen Jahren, die erste Version seiner Geruchsorgel zu bauen. Der Smeller 2.0 besteht aus 64 Quellkammern, in die er und der Parfümeur Geza Schön Dinge legen, die auf elektronischen Tastendruck ihren Geruch in den Raum abgeben: natürliche Öle, synthetische Duftstoffe oder Geruchsstücke aus dem Alltagsleben.

Georgsdorf bezeichnet den Smeller („Hauchmaul") als Weltmalkasten. Verschiedene Gerüche zusammen ergeben einen Akkord. Vermarktung und (Be-)Wertung liegen ihm fern. Ihm liegt einzig daran, mit Gerüchen zu erzählen.

Der Mensch verfügt über 350 Riechrezeptoren. In der Kindheit werden die Grundsteine für das gelegt, was Menschen schmeckt, was sie als Wohlgeruch empfinden oder mit Ekel verbunden ist. In den frühen Lebensjahren werden Gerüche viel intensiver wahrgenommen. Später lässt der Geruchssinn nach, alte Menschen riechen oft kaum noch etwas.

Bleibende Erinnerungen

Der Geruchssinn (Vitalsinn) ist viel feiner als der Geschmackssinn. Im Unterschied zu jedem anderen der menschlichen Sinnesorgane ist die Nasenschleimhaut mit der Großhirnrinde verbunden: Gerüche wandern direkt ins limbische System und in den Hippocamus. Diese Teile des menschlichen Gehirns sind für Gefühle, Triebe und Erinnerungen zuständig.

„Ich erinnere mich... oder ich werde erinnert durch etwas, das mir quer steht, einen Geruch hinterlassen hat oder in verjährten Briefen mit tückischen Stichworten darauf wartet, erinnert zu werden", schrieb der Literaturnobelpreisträger Günter Grass in einem persönlichen Statement über die Zukunft der Erinnerung im Goethe-Institut in Vilnius.

In Marcel Prousts Roman „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit" führt der Geschmack eines in Lindenblütentee getauchten Gebäckstücks den Ich-Erzähler in seine Kindheit zurück.

Aber auch Bücher selbst sind mit einem unverwechselbaren Duft verbunden: Ältere Bücher riechen häufig nach einem Hauch Vanille: Während das Papier heute stärker bearbeitet und gebleicht wird, enthielt es früher noch den organischen Stoff Lignin (lat. „lignum" / Holz), der heute u.a. dafür verwendet wird, um den Duft und Geschmack von Vanille synthetisch herzustellen.

Dem Bücherduft widmet sich in besonderer Weise Torsten Woywod in seinem schönen Buch „In 60 Buchhandlungen durch Europa". Der Autor arbeitet im Bereich Online-Marketing und -Redaktion bei der Mayerschen Buchhandlung und bereiste 2015 in 28 Tagen zwölf Länder, um hier ausgewählte Buchhandlungen zu besuchen. Seine Erfahrungen hat er auf seiner Facebokk-Seite im Netz geteilt: „Around the World in 100 Bookshops".

Die erste Station war Maastricht, anschließend ging es nach Amsterdam und Zwolle. Neben dem Besuch in den Niederlanden war er noch in England, Belgien, Frankreich, Spanien, Portugal, Italien, Österreich, Ungarn, der Slowakei, Rumänien sowie Griechenland. Zu den vielen schönen Momenten gehörte auch der Besuch der „Livraria Lello e Irmão", die zu den schönsten Buchhandlungen der Welt gehört und als Vorlage der „Harry Potter"-Kulisse dient.

In seinem beeindruckenden Bildband zeigt er das Magische und Zauberhafte, das von Buchhandlungen und dem verführerischen Geruch von Papier und Druckerschwärze ausgeht und der sie umgebenden äußeren Welt:

„Niederländische Blumenläden und köstlich duftende Waffelstände sprechen ebenso die Sinne der Passanten an wie die zahlreichen Cafés, Bäckereien und Restaurants" - sowie eine der eindrucksvollsten Buchhandlungen überhaupt: „Boekhandel Dominicanen". In Frankreich besuchte Torsten Woywod die Buchhandlung „L'Odeur du Temps", die für Kultur, Literatur und Zeitgeschichte steht.

All diese Beispiele zeigen: Dritte Orte wie Buchhandlungen und „Der Duft der Zeit" dürfen nicht verloren gehen, weil sie uns helfen, uns in unübersichtlichen Zeiten immer wieder neu zu finden.

Literatur:

Teju Cole: Vertraute Dinge, fremde Dinge. Carl Hanser Verlag München 2016.

Alexandra Hildebrandt: Kleine Handlungen, große Wirkung. Ganz nah! Wo die Kraft der Gemeinschaft am besten gedeiht. Amazon Media EU S.à r.l. Kindle Edition 2016.

Alexandra Hildebrandt: Manieren 2.0: Was uns heute gefällt. Amazon Media EU S.à r.l. Kindle Edition 2016.

Maria L. Schasteen: Duftmedizin - Ätherische Öle und ihre therapeutische Anwendung. Crotona Verlag, Amerang 2016.

Torsten Woywod: In 60 Buchhandlungen durch Europa. Meine Reise zu den schönsten Bücherorten unseres Kontinents. Eden Books, Berlin 2016.

Weitere Informationen:

Warum Höflichkeit das Parfüm ist, mit dem wir zeigen, dass wir nicht stinken

Gabriela Herpell: „Jeder kann gut riechen". In: Stil Leben. Süddeutsche Zeitung Magazin 2 (2016), S. 36-38.

Carolin Pirich: Das Drama Aroma. In: Süddeutsche Zeitung, 3./4.9.2016, S. 48.

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