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Zwischen Angst und Mut: In welcher Gesellschaft "können" wir leben?

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DAVOS ECONOMIC MANAGER
FABRICE COFFRINI via Getty Images
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Die Weltwirtschaft in der Krise

Der jüngst vorgelegte „Global Risk Report" des Weltwirtschaftsforums in Davos hinterließ bei vielen Managerinnen und Managern ein unsicheres Gefühl, das auch die gesamte Weltwirtschaft erfasst hat.

Für die „Investoren-Legende" George Soros stehen die globalen Märkte am Rande einer Krise und die Welt vor einer Vielzahl von unüberschaubaren wirtschaftlichen, politischen und gesellschaftlichen Risiken.

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Sie alle können einen Dominoeffekt auslösen, der die Weltwirtschaft schnell zum Kippen bringen kann. Alles hängt mit allem zusammen. Diese Binsenweisheit zeigt sich heute in all ihren Ausprägungen:

• im Zustrom der Flüchtlinge nach Europa
• im Absturz der Rohstoffpreise
• in Chinas schwächelnder Wirtschaft
• in der Geldschwemme und wachsenden Terrorgefahr.

Jedes Ereignis ist für sich allein schon eine enorme Herausforderung. Doch die Ereignisse stehen nicht isoliert, sondern sind „verbunden über Waren- und Finanzströme, über Währungen und Wechselkurse, über Anleger, die um ihr Geld fürchten, und Schuldner, die ihre Kredite nicht mehr bedienen können", schreibt Armin Mahler in seinem lesenswerten Beitrag „Die Multikrise" (Der Spiegel 4/2016), in der er eine Fortsetzung der alten Krise von 2008 sieht:

„Die Schulden steigen schneller als das Wachstum. Aber mit gewaltigen Risiken: Jeder Schock kann ein neues Beben auslösen."

Es ist so gefährlich wie bei einem Chemiecocktail. Auf dieses Bild verweist in diesem Zusammenhang auch Miriam Meckel, Chefredakteurin der WirtschaftsWoche, die in jeder Ausgabe Beispiele dafür zeigt, wie die Weltwirtschaft vom Netzwerkfaktor erfasst wird:

Mit jeder einzelnen Krise lässt sich umgehen, aber zusammen entfalten sie eine „unberechenbare Wechselwirkung", die Nikolaus von Bomhard, Vorstandsvorsitzender des Rückversicherers Munich Re, als „Kumul an Unsicherheit" bezeichnet (WirtschaftsWoche 4/22.1.2016).

Niemals so viele Risiken wie heute

Der Global Risk Report bestätigt, dass es in den elf Jahren seit seinem Bestehen niemals so viele Risiken gab wie heute. Die Welt wird komplizierter, unübersichtlicher und unsicherer, was sich auch in der Nervosität der Märkte zeigt.

Die zehn größten Geschäftsrisiken, die das Allianz Risk Barometer für 2016 identifiziert hat, spiegelt das wieder:

Gegenüber 2015 sind zwar einige Risiken zurückgegangen (um Beispiel von Naturkatastrophen und Betriebsunterbrechungen), doch sind dagegen bei den unternehmerischen Risiken die Cyber-Kriminalität und der Fachkräftemangel gestiegen.

Neu in der „TopTen" als Folge globaler Unsicherheiten sind Marktentwicklungen (Volatilität, Wettbewerb, stagnierende Märkte) und makroökonomische Entwicklungen (Sparprogramme, Rohstoffpreise, Deflation, Inflation).

Zu ähnlichen Ergebnissen kommt die aktuelle Studie PwC Global CEO Survey 2016: Weltweit sehen zwei Drittel der Top-Manager für die Wachstumsaussichten ihrer Unternehmen mehr Gefahren als noch vor drei Jahren:

In Deutschland wird in diesem Zusammenhang auf Überregulierung (83 Prozent), geopolitische Unsicherheit (72 Prozent), die Schuldenkrise in der Eurozone (60 Prozent) und gesellschaftliche Instabilität verwiesen.

Sorgen bereitet allen gleichermaßen der Trend, dass Nationen eher auseinanderdriften als weiter zusammen wachsen.

Die Entwicklung zeigt deutliche Bewegungen hin zu

• souveränen Nationen mit unterschiedlichen Wirtschaftssystemen
• Rechtsordnungen, Wertesystemen und Nationalbanken statt zu politischen Unionen
• gemeinsamen Wirtschafts-, Rechts- und Wertesystemen
• einer starken Weltbank.

Lediglich ein Viertel der Befragten ist von einer Belebung der Weltkonjunktur in den kommenden zwölf Monaten überzeugt. Für die meisten Manager bleibt eine echte Globalisierung der Wirtschaft eine Utopie.

Lediglich bei der Frage nach einem freien und uneingeschränkten Zugang zum Internet zeigt sich die Mehrheit der Manager überzeugt, dass dies realistisch umzusetzen sei.

„Statt politischer oder wirtschaftlicher Unionen, weltweit geltenden Handelsrechten, gemeinsamen Werten und einer Weltbank in einem einzigen großen Weltwirtschaftsraum erleben und erwarten die Manager auch für Zukunft verstärkt national abgeschottete Märkte mit unterschiedlichen Wirtschaftssystemen, maximal regionalen Wirtschaftsräumen, unterschiedlichen Gesetzen und Wertesystemen sowie lokalen Bank-Instituten." Sagt Prof. Norbert Winkeljohann von PwC.

Wir brauchen eine Könnensgesellschaft

Die heutigen Probleme können mit alten Denk- und Organisationsstrukturen, die wortwörtlich nur Scheinsicherheiten „darstellen", nicht gelöst werden. Risiken lassen sich nicht vermeiden, indem einfach so weitergemacht wird wie bisher. Auch Ökosysteme, Organismen und Unternehmen sind ja bekanntlich dann am überlebensfähigsten, wenn sie eine Kompetenz besonders gut ausgeprägt haben:

„Die Fähigkeit, sich auf veränderte Bedingungen einzustellen und Krisen als Chance für Stärkung wahrzunehmen." (Kleene/Wöltje/Teucher, S. 46).

Das ist „sicher" leicht gesagt - zumal viele Topmanager im Krisenmanagement sehr erfahren und gestählt sind. Was es heute unbedingt braucht, ist ein neues Denken, das in der Lage ist, viele Facetten und Perspektiven zu sehen und das große Ganze zu erfassen, aber auch ins Detail zu gehen.

Wenn wir nicht in der Lage sind, im Kleinen ans Werk zu gehen, können wir auch die großen Aufgaben nicht verstehen und bewältigen. Wer zusammen handeln möchte, muss vorher fähig sein, komplexe Sachverhalte auch „zusammen" zu denken. Es braucht Synthesen, gemeinsame Entschlüsse, Klarheit, Vertrauen. Und Tun.

Gefragt ist heute auch eine Könnensgesellschaft, in der das Tun wirksam werden kann. Nein, niemand muss in Deutschland den Kopf in den Sand stecken, weil er nicht studiert hat. Das ist eine wichtige Kernbotschaft des Buches „Karriere ohne Studium" von Mario Müller-Dofel, in dem er Interviews mit erfolgreichen Nichtakademikern und renommierten Personalexperten geführt hat.

Es ist nicht einfach nur ein „Karrierebuch", das sich in die übliche Managementliteratur einreihen lässt - vielmehr ragt es aus dem Mainstream heraus, weil es ums Können und die Bedingungen geht, die es braucht, damit sich bestimmte Fähigkeiten wie Pragmatismus, Entscheidungsfreude, Fleiß und Reflexionsvermögen, Resilienz und Gemeinschaftsgefühl nachhaltig entfalten können.

Vielleicht sind es heute gerade die Nichtakademiker, die entscheidend dazu beitragen können, Krisen zu bewältigen und Risiken zu minimieren, weil sie gelernt haben, zu überleben. Wissen und formale Ausbildungszertifikate allein bringen uns nicht weiter.

Es braucht auch Lebenshandwerker, die keine Angst vor Veränderungen haben, die sich nicht über Funktionsmacht definieren, sondern über ihre Gestaltungsmacht, die uns das Selbstbewusstsein gibt, „mit Krisen umgehen zu können, ohne gleich mental aus dem Fenster zu springen." (Matthias Horx)

Literatur:

Mario Müller-Dofel: Karriere ohne Studium. Zum Umdenken und Mut machen: Zehn Interviews mit erfolgreichen Nichtakademikern und renommierten Personalexperten. Springer Fachmedien Wiesbaden 2015.
Kleene, M.; Wöltje G.; Teucher T. (2016): „Externe Kommunikation und Nachhaltigkeitbericht". In: N-Kompass-Praxisreihe. NWB Verlag: Herne.

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