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Demografischer Wandel: Darum muss der Generationenvertrag neu verhandelt werden

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Interview mit Dr. Andreas Knaut, Chefredakteur DEMOGRAFIEWANDEL.info

_ Herr Dr. Knaut, was ist für Sie die wichtigste Herausforderung des demografischen Wandels?

Wir müssen verstehen, dass Deutschland am Ende der demografischen Transformationen in einigen Jahrzehnten nicht mehr das Deutschland sein wird, das es heute ist. Wir müssen uns darauf einstellen, dass dieser Wandel vernetzt und politisch gestaltet werden muss.

Wir müssen akzeptieren, dass die dafür zur Verfügung stehenden Haushalte endlich sind, und bei den Ausgaben wieder Prioritäten gesetzt werden müssen. Also das von allen Parteien gerne praktizierte klientelorientierte "Wünsch Dir was" bald fiskalisch nicht mehr tragfähig ist.

Wir müssen erkennen, dass unsere individuellen und Erwerbsbiografien unter der Perspektive der verlängerten Lebensspanne anders verlaufen werden. Wir müssen die Digitalisierung unserer Gesellschaft zulassen, denn ohne den digitalen Fortschritt werden wir künftig auf keinem Gebiet etwas bewirken

_ Das bedeutet, Veränderungen positiv anzunehmen?

Ja, sie als Chance begreifen und nach vorne sehen. Klingt wie eine Plattitüde, ist aber nicht selbstverständlich: Mir sind derzeit zu viele Bedenkenträger unterwegs, die mit verklärter Rückwärtsromantik und einem Wertegerüst aus dem 20. Jahrhundert hantieren. Alternde Gesellschaften sind nun mal nicht unbedingt innovativ. Nur bringt uns das nicht weiter. Wir brauchen tatsächlich Visionen, wohin die Reise gehen soll.

_ Welche Rolle spielt in diesem Zusammenhang DEMOGRAFIEWANDEL.info (DW)?

Sie ist die erste und bislang einzige Plattform für den demografischen Wandel. Sie bietet tagesaktuell Nachrichten, dazu Services wie eine Terminübersicht und wichtige Untersuchungen oder Dialogfunktionen. Wöchentlich wird ein kostenloser Newsletter veröffentlicht, zudem auf Twitter, Google+ und XING. Ein Video-Channel auf Youtube wird gerade eingerichtet. Die Site ist frei zugänglich.

_ An wen wendet sich die Plattform?

Sie ist für Entscheider und interessierte Laien, die in ihrer Tätigkeit mit demografischen Veränderungen zu tun haben - das ist zum Beispiel der Personalchef eines Unternehmens, der Leiter eines Krankenhauses, die Geschäftsführerin einer Pflegestation, der Immobilienmanager oder der Demografie-Beauftragte in der Kommune.

_ Welche Schwerpunkte stehen im Fokus?

Wir berichten über das gesamte Themenspektrum der demografischen Veränderung hinweg: Politik, Wissenschaft, Statistik, Demografie- und Personal Management in Unternehmen, Rente, Banken, Wohnen, Pflege, Gesundheit, Versorgung, Bildung, Leben, Mobilität - bis hin zur kommunalen Gestaltung.

Hier wollen wir News und Entwicklungen verfolgen, so dass die Leser einen roten Faden sehen. Natürlich informieren wir auch über Wettbewerbe, Fördermaßnahmen, Ausschreibungen, Initiativen, Praxisbeispiele.

_ Seit wann gibt es DEMOGRAFIEWANDEL.info?

DW gibt es seit rund einem halben Jahr. Auslöser war meine Erfahrung, dass wir vieles über den demografischen Wandel wissen (es gibt eine Unzahl von Untersuchungen, Projekten, Statistiken, Websites, Büchern, Interviews, Veranstaltungen, Medienberichten), aber kaum jemand über das Big Picture verfügt und einen Überblick hat.

Wer sich zum Thema einarbeiten oder einfach mal den Stand der Dinge wissen will, muss zig Fachzeitschriften abonnieren oder endlos googeln. DW will helfen, den Überblick zu bewahren und schnell Durchblick zu bekommen.

_ Wer kann sich thematisch einbringen?

Jeder darf sich einbringen. Wir freuen uns über jeden Beitrag. Ein dringender Bedarf sind Praxisbeispiele aus allen Bereichen. Zum Beispiel werden in vielen Unternehmen und Kommunen sehr viele Projekte unternommen, die als Vorbild für andere gelten können. Wir haben bereits sehr viele inhaltliche Partner, es könnten aber noch mehr werden.

_ Was treibt Sie an, sich gerade für dieses Thema zu engagieren?

Es hat mit meinem Eindruck zu tun, dass der demografische Wandel zu wenig als Gesamtphänomen gesehen wird. Wir diskutieren zwar dieser Tage heiß über Flüchtlinge, Fachkräftemangel, Rentenproblematik, Altersarmut, Pflegenotstand, Wohnungsengpass etc. - aber alle Themen werden isoliert betrachtet:

So sprechen Rentenspezialisten mit Rentenspezialisten, Gesundheitspolitiker mit Gesundheitspolitikern, Personaler mit Personalern. Entsprechend inselartig sind häufig die Lösungsvorschläge. Treiber all dieser Einzeldiskussionen ist aber die zügig voranschreitende demografische Veränderung - eine Gesellschaftspyramide, die sich gerade von der Basis auf die Spitze dreht. Entsprechend müssen wir Themen vernetzt angehen. Denn nur wer die Rahmenentwicklung kennt, kann auch fachlich wie strategisch sinnvoll agieren.

_ Gibt es weitere Gründe?

Ja, unsere Lebensplanung ändert sich massiv, wir als Menschen ändern uns. Wir leben länger gesünder, wir altern aktiver und selbstbestimmter. Aus dem früheren "Ruhestand" ist bei vielen längst der zweite "Aktivstand " geworden. Gefühlt waren wir noch nie so jung wie heute. Das verändert unsere Gesellschaft.

_ Welche Rolle spielt dabei die Generation Y?

Sie ist schlicht die Zukunft. Die Babyboomer - ich darf das sagen, ich bin selber einer - danken mittelfristig ab. Nur tun sie es gewaltig. Best Ager beherrschen heute weitgehend das politische wie auch das Konsumgeschehen. Sie interpretieren dabei - logisch - die Welt aus ihrer Brille. Das ist nicht egal, denn zum ersten Mal kann eine seniore Mehrheit einer jugendlichen Minderheit die Lebensbedingungen diktieren. Wie so etwas funktioniert, zeigt etwa die hiesige Rentenpolitik oder der englische Brexit.

_ Ergraut unsere Demokratie buchstäblich?

Sie mutiert quasi zum Ältestenrat. Sehen Sie sich das Durchschnittsalter der politischen Gremien und der Parteien an. Auf eine solche Situation sind unsere Mitbestimmungssysteme nicht eingestellt. Der Generationenvertrag muss daher im übertragenen Sinne neu verhandelt werden und zumindest in bestimmten Belangen die Interessen der Jüngeren stärker berücksichtigen.

Die Babyboomer müssen diese mehr zulassen, sich auch einmal selbst bescheiden. Die Generationen Y oder Z wiederum dürfen nicht in Selbstbespiegelung verharren - sie müssen sich involvieren. Auch das übrigens ein Learning aus dem Brexit.

_ Wohin soll sich Demografiewandel.info entwickeln?

Die Plattform soll sich vor allem im Service- und Meinungsbereich weiterentwickeln. Dafür benötige ich Unterstützung von Verlagen und aus der Wirtschaft. Ich würde mich auch sehr über redaktionelle Mithilfe freuen. Mein Traum: Demografiewandel.info wird das zentrale Fachmedium zum Thema - online wie offline, eine entscheidende Plattform für alle, die sich dafür interessieren.

Zur Person:

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Dr. Andreas Knaut www.knaut-kommunikation.de ist Kommunikationsberater und Interimmanager sowie Universitätsdozent für Kommunikation und Marketing. Er betreibt die erste Medienplattform für den demografischen Wandel: DEMOGRAFIEWANDEL.info.

Knaut arbeitete 25 Jahre als Leiter Unternehmenskommunikation und Corporate Social Responsibilty in Industrie (Danone GmbH, SCHUFA Holding AG) und Medienwirtschaft (Gruner + Jahr AG, Verlagsgruppe Handelsblatt GmbH). Er war Chefredakteur des Mediendienstes „Kontakter" sowie stellvertretender Chefredakteur von „w&v werben&verkaufen". Knaut veröffentlicht und hält Vorträge zu den Themen Kommunikation, CSR- und Nachhaltigkeitsmanagement und demografischer Wandel.

Im Standardwerk „CSR und Digitalisierung" (hg. Alexandra Hildebrandt und Werner Landhäußer), das 2017 bei SpringerGabler erscheint, ist Dr. Andreas Knaut mit dem Fachbeitrag „Corporate Social Responsibility verpasst die Digitalisierung. Plädoyer für den digitalen Fußabdruck" vertreten.