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Das Ziel ist im Weg: Eine philosophische Suche nach dem Glück

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Interview mit der Philosophin Dr. Ina Schmidt

Der Schlüssel zum Glück liegt für die Philosophin Dr. Ina Schmidt in der Suche nach der persönlichen Lebenszufriedenheit, die sich im Laufe des Lebens ständig wandelt. Dabei geht es nicht ums „Ankommen", sondern vielmehr ums „Unterwegssein". Mit ihrem aktuellen Buch möchte sie uns ermuntern, Wege zu gehen, ohne immer ein konkretes Ziel vor Augen zu haben.

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Dr. Ina Schmidt für die Gemeinschaftsinitiative AUF EIN WORT

Foto und Copyright: Dr. Ina Schmidt

Frau Dr. Schmidt, wie kamen Sie auf das Phänomen der modernen „Suche" (oder wie kam es zu Ihnen)? Vor welchem Hintergrund entstand Ihr Buch?

Es ist aus verschiedenen sehr persönlichen Fragen entstanden, aber vor allem aus meiner eigenen Suche und der Frage, was ich da eigentlich tue, während ich suche - nach Schlüsseln und Lieblings-T-Shirts genauso wie nach neuen Themen, nach Antworten, ganz alltäglichen Fragen in Sachen Erziehung, Familie und Freundschaft. Von dort aus wurde das Thema immer größer, und erschien mir wie eine immer größer werdenden Sehnsucht danach, das „Richtige" zu finden, sich sicher sein zu können, dass das, was man da den ganzen Tag tut auch im Rückblick immer das „Richtige" bleibt. Und diese Sicherheit scheint mir vielfach dadurch erreicht werden zu wollen, dass man sich die „richtigen" Ziele setzt, „richtige" Entscheidungen trifft, was ja sehr menschlich und nachvollziehbar ist, uns offenbar aber nicht wirklich glücklich macht.

Ich habe mich also weiter gefragt, was wäre, wenn das endgültige „Finden" eben nicht nur nicht möglich, sondern auch gar nicht wünschenswert wäre - dass wir also die Sehnsucht nach einem „guten" Leben gar nicht stillen können, wenn wir ständig den „richtigen Zielen" hinterherjagen, sondern erst einmal lernen sollten, anständig zu suchen.

Welche inneren Verbindungen gibt es zu Ihrem philosophischen Kinderbuch „Kleine und große Fragen an die Welt", das ebenfalls gerade erschienen ist und hier den HuffPost-Lesern vorgestellt wurde?

In meinem Kinderbuch gibt es natürlich einen ähnlichen Ansatz, denn wenn die Philosophie irgendetwas gut kann, dann wahrscheinlich im Denken und Fragen auf der Suche zu sein - und zu bleiben. So ein Thema für Kinder aufzubereiten, ist in manchen Punkten sehr viel leichter, weil Kinder meist noch kein großes Problem damit haben, wenn es nicht auf alles eine Antwort gibt. Sie sind ohnehin „Suchende" und finden es großartig. Man kann also in den „kleinen und großen Fragen" sehr viel besser ins Offene hineindenken - etwas, was natürlich etwas damit zu tun, kein Ziel haben zu müssen, um eine Frage oder einen ersten Schritt tun zu können.

Was können Personalverantwortliche in Unternehmen von Ihrem Buch lernen? Häufig stellen sie Bewerbern noch immer die alte Standardfrage "Wo wollen Sie in fünf Jahren stehen?", verlangen aber andererseits Agilität und Flexibilität...

In unternehmerischen Kontexten herrscht zurzeit eine eigenartige Ambivalenz. Zum einen scheint vor lauter „Agilität", Diversity und Neugier kaum noch festzumachenden Zustände zu geben, weil alles „im Wandel" und auf der Suche nach Innovation ist, zum anderen bleibt dieses offene und flexible Handeln meist sehr alten und Denkmustern verhaftet und begründet dies damit, dass es bei aller Offenheit dann eben doch nicht ohne Prognosen, Strategien und klare Zielvorgaben gehen kann. Sicher ist es eine der größten Herausforderungen für unternehmerisches Handeln, genau in diesem Spannungsfeld handlungsfähig zu bleiben, aber es muss eben auch als ein sehr polares Spannungsfeld benannt werden, in dem eben beides von Nöten ist: ein Fundament, auf dem es möglich ist, Aussagen und Entscheidungen zu treffen, die nicht zu agilen Unverbindlichkeiten verkommen und eine Offenheit, die bereit ist, dieses Fundament beständig zu überprüfen und sich nicht an einem „das war schon immer so" festzuklammern, wenn der Wandel neue Perspektiven einfordert.

Was wissen die Leser, wenn Sie Ihren philosophischen Impulsgeber gelesen haben?

Das Buch soll eine Anregung dazu sein, sich selbst auf das „Wagnis" einzulassen, der Offenheit des eigenen Lebens wirklich zu begegnen - ohne sich darauf auszuruhen. Das, was für Unternehmen gilt, gilt für jeden von uns auf seine persönliche Weise ebenso. Die Frage, was ich im platonischen Sinne für ein gutes Leben halte, welche Rolle darin das „Glück" spielen kann und wie bzw. woran ich eigentlich meine Entscheidungen ausrichte, sind hochphilosophische Fragen, die eben nicht mit schnellen Ratgeberprogrammen zu beantworten sind. Dass das aber kein Problem sein muss, sondern wir uns auch in der Praxis der Suche ziemlich gut einrichten und üben können, ist hoffentlich eine Einsicht, die die Leser ein wenig beflügeln kann, sich auf den eigenen Weg zu machen - ganz egal ob mit oder ohne Ziel.

Was halten Sie vom Symbol der Spirale, wenn es um den eigenen Weg geht?

Die Spirale ist ja ein Symbol, das zum einen zeigt, wie sehr wir uns in Kreisläufen, also vermeintlich immer wiederkehrenden Prozessen wiederfinden - das kennen wir aus dem Alltag, vom Lauf der Jahreszeiten, im Job oder auch im Wandel der Generationen. Manchmal erscheinen uns diese Kreisläufe mit Nietzsche wie eine leidige „Wiederkehr des ewig Selben", aber das Bild einer Spirale zeigt, dass es gerade in diesen Kreisläufen so etwas wie eine „Höherentwicklung" geben kann, die nicht geradewegs ein angesteuertes Ziel anstrebt, sondern sich Zeit nimmt und „Kreise zieht". Dieses Bild finde ich sehr hilfreich für eine Art, den eigenen Weg anders als eine schnurgerade Linie von A nach B zu denken, allerdings kann der eigene Weg auch gern noch ein paar Schleifen oder krumme Ecken, eine Sackgasse oder eine Klippe einschließen - auch das sind gute Bedingungen, um die eigene Entwicklung voranzubringen.

Welche Bedeutung hat in der Philosophie das Symbol Y als Weggabelung - und weshalb sollten wir es nicht aus den Augen verlieren? Im literarischen Werk von Franz Kafka erscheint beispielsweise ein Wirtshaus am Ort der Entscheidung...

Das „Y" als Symbol für einen Weg, der sich gabelt und uns nötigt, eine Entscheidung zu treffen, ist heute (gerade in Anbetracht der Generation Y) sehr bedeutsam, weil es in einer komplexen Gegenwart wie unserer, immer mehr und immer häufiger darum geht, sich zu fragen, welchen Weg wir einschlagen wollen. Also erkennen zu können, wann wir uns überhaupt an einer solchen Gabelung befinden und was tatsächlich mit dem stoischen Philosophen Epiktet „in unserer Macht" steht, um den einen oder den anderen Weg zu wählen, ist eine Form der Wahrnehmung, die wir anders lernen und schulen müssen, als es noch zu anderen Zeiten der Fall war - in denen die Wege sich seltener gabelten, einfach weil bestimmte Vorgaben von größerer Bedeutung waren.

Das Bild des „Wirtshauses" finde ich in diesem Zusammenhang sehr bereichernd, weil es dazu einlädt, sich Zeit für die Entscheidung zu nehmen, sich zu stärken, um gute Bedingungen herzustellen, damit wir uns am Ende für den Weg entscheiden, den wir aus guten Gründen nehmen wollen. Das ist keine Garantie dafür, dass wir die richtige Entscheidung treffen, aber es erhöht die Wahrscheinlichkeit dafür, dass es die bestmögliche wird.

Wie können wir im Komplexitätszeitalter lernen, die richtigen Entscheidungen zu treffen?

Die zentrale Einsicht für das Treffen von Entscheidungen in unserem komplexen Zeitalter ist die wahrhafte Einsicht, dass jede Entscheidung auf der Basis von unsicherem Wissen getroffen wird - dass also die „objektiv" und einzig richtige Entscheidung unmöglich ist. Sich von dort aus, über die eigenen Kriterien, die eigenen Grundwerte und die mögliche Verantwortung für die zu treffende Entscheidung klar zu werden, ist vor dem Hintergrund dieser Einsicht aber umso notwendiger. Neben dem Sammeln von Informationen und dem Abwägen von Fakten ist die oben beschriebene Kompetenz der eigenen Wahrnehmung ein wichtiges Instrument für komplexe Zusammenhänge, das, was wir vielfach unter dem Begriff der „Intuition" fassen.

Damit ist aber nicht das reine Hören auf den „Bauch" gemeint?

Nein, sondern der wachsame Umgang mit Informationen, die uns nicht nur unser Verstand, sondern auch unser Körper an Wissen zur Verfügung stellt. Das „ungute Gefühl" hat einen Grund und zwar meistens bereits gemachte Erfahrungen in ähnlich komplexen Situationen - sich also einen Schatz an Erfahrungswissen anzueignen, und ihn mithilfe von Kopf und Bauch immer wieder in Bezug zu den eigenen Entscheidungen zu setzen - führt zu Handlungen, die im Sinne der platonischen Tugenden als „klug" beschrieben werden könnten. Die aber nichts damit zu tun haben, dass sie immer genau wüssten, auf welches Ziel sie ausgerichtet sind. Diese Form der Klugheit ermöglicht eben vielmehr aus einem „Woher" und einem Blick für das was „der Fall ist", den nächsten Schritt abzuleiten, um vielleicht dann erst festzustellen, dass es notwendig ist, das Ziel neu auszurichten.

Vielen Dank für das Gespräch.

Ina Schmidt: Das Ziel ist im Weg. Eine philosophische Suche nach dem Glück. Verlag Bastei Lübbe, Köln 2017.

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