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Das Spiel ist aus: Wie sich moralische Fehltritte von Führungskräften auswirken

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Was Wirtschaft und Fußball verbindet

Unethisches Verhalten von Führungskräften wirkt sich negativ auf das Kaufverhalten von Kunden aus. Das ist das Ergebnis einer Studie von Prof. Dr. Niels Van Quaquebeke, Prof. Dr. Christian Barrot und Prof. Dr. Jan Becker von der Kühne Logistics University - Wissenschaftliche Hochschule für Logistik und Unternehmensführung (KLU), die ausführlich im Artikel „Perceived Ethical Leadership Affects Customer Purchasing Intentions Beyond Ethical Marketing in Advertising Due to Moral Identity Self-Congruence Concerns" (Journal of Business Ethics) vorgestellt wird.

Bislang wurde ethische Führung überwiegend dem Bereich Organisationsmanagement zugeordnet und dabei als unternehmensinterne Erscheinung betrachtet. Dies sei nach Ansicht der Forscher allerdings nicht mehr zeitgemäß: „Führung findet heute längst nicht mehr nur nach innen statt." Im Zeitalter der Digitalisierung dringen Informationen schnell nach außen und hinterlassen dort einen nachhaltigen Eindruck.

Wenn Informationen überunmoralisches Verhalten auf Konsumenten treffen, greift das Phänomen der Selbstkongruenz. Nach Ansicht von Prof. Dr. Christian Barrot streben sie nach Übereinstimmung mit anderen Personen und auch mit Marken, in denen sie sich wiederfinden möchten:

„Wenn die Konsumentenpersönlichkeit nicht mit den Merkmalen einer Marke und ihrer Vertreter übereinstimmt, weil zum Beispiel die Führung als unethisch wahrgenommen wird, dann fehlt die Wertschätzung für diese Marke."

Mit ihren Kaufentscheidungen haben Kunden heute Einfluss darauf, etwas zu verändern und Verantwortung zu übernehmen. Mit ihrem Kaufverhalten können sie Druck ausüben und Unternehmen zu fairem Verhalten anhalten. Gelingt es ihnen zukünftig nicht, moralisches Handeln und Profitorientierung in Einklang zu bringen, werden sie als Konsequenz solche Unternehmen künftig eher meiden. Sie suchen nach Werten, WIE etwas hergestellt wird und fragen sich nach den Nebenwirkungen - beispielsweise: Was bedeutet es eigentlich, wenn ein Fußball und eine Barbiepuppe in China sehr günstig hergestellt werden, die eigenen Kinder aber vergiftet werden?

„Unternehmen müssen ihr eigenes ethisches Verhalten auf allen Ebenen überdenken", sagt Prof. Dr. Jan Becker. „Es genügt nicht mehr, für jeden verkauften Getränkekasten eine Spende an den Regenwald zu versprechen oder mit eingespartem Verpackungsmüll zu werben."

„Das ethische Verhalten innerhalb eines Unternehmens ist nicht mehr ein nice to have, sondern umsatzentscheidend", fasst Van Quaquebeke die Ergebnisse zusammen. Er rät deshalb, Eigenschaften wie Ehrlichkeit, Fairness und Engagement für andere bei Führungskräften stärker zu fördern. Das beginnt in der Universität und setzt sich in der Auswahl und Förderung im Unternehmen fort. Besonders wichtig sind dabei Vorbilder.

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Eine Vielzahl der angesprochenen Aspekte gilt auch für den Fußball. Man kann das Produkt wegdenken und durch den Ball ersetzen. Und man kann sich die Kunden als Fans vorstellen, die Mitarbeiter als Spieler und die Führungskraft als Trainer. Darüber sprechen Karin Helle und Claus-Peter Niem (Coaching for Coaches), die mit zahlreichen prominenten Sportlern, unter ihnen Jürgen Klinsmann, Joachim Löw, Stefan Kuntz und Sebastian Kehl, arbeiten, im folgenden Interview.

Können fachlich inkompetente Vorgesetzte Menschen überhaupt fördern und entwickeln? Was können die zu Führenden tun?

Selbst, wenn ein Chef nicht unbedingt fachlich auf dem neuesten Stand ist (wir sprechen jetzt mal nicht von Inkompetenz), so kann er durchaus fördern und entwickeln: durch gute Kommunikation, eine gelungene Werte-Erziehung, durch Empathie oder auch eine vorbildliche Selbstregulation, eben wie er mit Druck umgeht.

Wenn all dies nicht gegeben ist - aber auch generell - können sich Menschen nur dann entwickeln, wenn sie selbst ein Stück weit Macher sind, nicht vom Chef motiviert oder inspiriert werden müssen. Indem man eben als zu Führender die Schwächen seines Vorgesetzten einerseits erkennt und sich zudem andererseits auf die eigenen Stärken beruft, sich sagt: Ich konzentriere mich voll auf meine Aufgabe, mache mein Ding! Sich eben vollkommen unabhängig macht von den Schwächen und Launen des Vorgesetzten - so gut dies geht. Auf diese Weise kann man sich durchaus entwickeln, einen nächsten Schritt machen und zwar hin zur größtmöglichen Unabhängigkeit.

Was bedeutet das im Profifußball?

Hier werden oft Wunschspieler von Trainern geholt. Doch schneller als die Spieler denken, sind ihre Trainer dann weg - und sie werden plötzlich von einem Trainer gecoacht, der weit weniger Strahlkraft hat - bis hin zur Unfähigkeit. Hier gilt es wirklich, sich auf sich und seine Fähigkeiten zu beschränken und sich darüber klar zu werden, dass man alles nur für sich, seine eigene Entwicklung, seine eigene Vita macht. Wir sprechen dann von: „Ich bin meine eigene Firma!"

Natürlich, dass ist kein leichter Schritt, zumal ein Chef normalerweise immer eine Vorbildfunktion haben sollte und schon durch eben diese automatisch ein Stück weit fördert und entwickelt - man kommt ja gerne für einen solchen Chef und macht dann auch immer ein Stück mehr für sich und das Team.

Aber das ist eben häufig nicht die Regel....

Genau deshalb ist es wichtig, sich auf seinen eigentlichen Job zu konzentrieren und alles andere möglichst auszublenden. Bringt ja nichts zu jammern. Stattdessen: Sein Ding machen!

Warum brennt die „Große Mann"-Theorie im Fußball heute immer noch nach?

Weil auf internationaler Ebene alle Medien von Helden sprechen und sie auch als solche feiern, wenn eine Fußballmannschaft als Weltmeister vom Platz geht. Weil im Fußball Mythen, Legenden und heroische Personen Geschichten schreiben, Menschen emotional mitreißen, berühren.

Zum einen erinnern Helden häufig an die gute alte Zeit im Fußball, an eine Wertekultur, die damals noch viel intensiver gelebt wurde. Verwiesen sei beispielsweise an Kaiserslautern und Fritz Walter. Noch heute berufen sich die Fans auf ihn - auf seinen Einsatz, seine Leidenschaft und seiner Liebe zum Club, dem er stets treu bliebe, trotz lukrativer Angebote schon zur damaligen Zeit. Fritz Walter ist heute noch eine Legende am Betzenberg, das Stadion ist nach ihm benannt, er steht wie kein Zweiter in der Pfalz für Identität und Lokalpatriotismus. Natürlich: Auch heutige Spieler werden heroisiert oder zehren ihr Leben lang vom Ruhm. Wie zum Beispiel Pele, Nationalheld der Brasilianer, Fußballheld der ganzen Welt. In wieweit aktuelle Kicker wie ein Ronaldo oder Messi ihren Ruhm aufrechterhalten - oder ob der heutigen Heldenstatus kurzlebiger ist in einer immer schneller werdenden Welt wird sich zeigen.

Wer sind für Sie echte „Leister"?

Echte Leister sind Experten auf ihrem Gebiet. Sie sorgen für Wachstum, sie beraten, entwickeln, hinterfragen, überprüfen, forschen, evaluieren und lernen ständig hinzu. Sie leben eine verantwortungsvolle Einstellung zu ihrem Beruf, die geprägt ist durch das eigene Wesen und die Gesinnung, durch persönliche Wertvorstellungen, Pflichtbewusstsein und Fürsorge - sie sind stets bereit, die Verantwortung für ihr eigenes Handeln zu übernehmen. Leister vertreten den ganzheitlichen Ansatz: Emotionale Führung, der Blick über den Tellerrand und ein Koffer voller Tools und Knowhow in Sachen Menschenführung. Leister wissen, was sie wollen, haben klare Vorstellungen davon, was wichtig und richtig ist und sind sich ihrer Stärken voll bewusst. Ihre Einstellung und Fähigkeiten sind mit ihren Handlungen vollkommen kongruent.

Was bedeuten Ihnen Begriffe wie Pflichtbewusstsein, Verantwortung, Einsatz, Gewissenhaftigkeit und Sorgfalt?

Sie stehen für Werte, die uns persönlich sehr wichtig sind - und auch jeder Führungskraft sehr wichtig sein sollten. Allgemein gesprochen: Es ist wichtig, die eigenen Werte zu kennen, denn sie bestimmen unser Handeln, unseren Charakter, unsere Einstellung zu den Dingen. Werte geben Halt. Werte sind immer dynamisch und Teil unserer Identität. In allem, was wir tun, zeigen sich unsere Werte. Lebt und berücksichtigt man seine Werte in möglichst vielen Lebensbereichen, spiegelt sich das in einer inneren Zufriedenheit wieder. Das Vernachlässigen wichtiger Werte führt zu Leere oder Unzufriedenheit. So ist auch jeder Konflikt ein Wertekonflikt. Werden Werte verletzt, verletzt man auch den Menschen, dem die Werte wichtig sind. Man verliert ihn.

Und um auf die oben genannten Werte zurück zu kommen: Sie stehen einfach für eine gute Führungskraft, für ein entsprechendes Ethos, für kongruentes Handeln im Wort und im Tun.

Wird jemand, der darauf wartet, von anderen motiviert zu werden, überhaupt erfolgreich sein?

Vielleicht wird er es auf einem gewissen Niveau zu etwas bringen, vielleicht durch Zufall oder die Unterstützung anderer in eine höhere Position kommen, doch letztlich gehört eben immer der eigene Antrieb dazu. Freude und Hingabe am Tun und stets auch ein Stück „Macher-Gen", um voran zu kommen, um Erfolg zu haben. Und damit muss überhaupt kein materieller Erfolg gemeint sein, sondern einfach nur eine Sinnhaftigkeit im Tun gefunden zu haben, eine Freude am Machen. Letztlich geht es eher immer um Inspiration.

Bin ich inspiriert von anderen oder von einer Tätigkeit, springt der Funke auch auf mich selbst über - und motiviert mich. Und genau das macht auch gute Führungskräfte aus. Wer inspiriert, statt nur zu motivieren, erreicht sein Team auf lange Sicht sicherlich viel intensiver, denn er bewegt sein Gegenüber zur Selbständigkeit, zum selber Handeln. Und wer selber handelt, bestimmt selbst darüber, ob es ein erfolgreicher Tag wird - oder nicht.

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Lesenswert:

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