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Das nachwachsende Hotelzimmer: Warum ein grünes Businesshotel auf Cradle to Cradle setzt

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Mit dem ADAC Tourismuspreis Bayern werden seit 2009 beispielhafte, im Freistaat beheimatete touristische Projekte ausgezeichnet und einer breiten Öffentlichkeit bekannt gemacht. Er soll dazu beitragen, dass sich der Freistaat dauerhaft an der Spitze der Top-Urlaubsdestinationen in Deutschland behaupten kann. Mittlerweile haben weitere ADAC Regionalclubs einen Tourismuspreis nach bayerischem Vorbild ausgelobt.

Nachhaltigkeit ist seit langem ein fester Bestandteil im Bayerntourismus, der durch die Bayerische Staatsregierung in vielen Projekten wie dem Wettbewerb Modellregion Natur-tourismus oder dem Sonderpreis Nachhaltigkeit gefördert wird. Im Jahr 2017, das die UN-Generalversammlung zum Internationalen Jahr des Nachhaltigen Tourismus für Entwicklung erklärt hat, erhielt das Creativhotel Luise in Erlangen den Sonderpreises in der Kategorie Nachhaltigkeit des ADAC Tourismuspreises Bayern 2017. Die Vergabe ist ein Novum bei der jährlichen Verleihung.

Um die Umsetzung nachhaltiger Leuchtturmprojekte aktiv zu unterstützen und zu fördern, hält es der ADAC in Bayern zusammen mit der Bayern TOURISMUS Marketing GmbH für unabdingbar, solche Projekte auszuzeichnen. Der Sonderpreis in der Kategorie Nachhaltigkeit wird alle zwei Jahre vergeben, und wechselt sich mit dem Sonderpreis in der Kategorie Digitalisierung (ADAC Tourismuspreis 2018) ab. Das familiengeführte Hotel Luise hatte sich mit dem Projekt „Das nachwachsende Hotelzimmer" durchgesetzt.

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© Creativhotel Luise

Herbert Behlert, Vorsitzender des ADAC Nordbayern e.V., überreichte zusammen mit Wirtschaftsministerin Ilse Aigner und Dr. Martin Spantig von der BAYERN TOURISMUS Marketing GmbH, die Urkunde und die Siegesskulptur an Benjamin Förtsch, Geschäftsführer des Hotels.

Das „grüne" Businesshotel gehört seit 25 Jahren zu den Vorreitern im Umweltschutz und erhielt bereits 1991 die erste von zahlreichen Auszeichnungen. Seit 2010 ist das Hotel als „klimaneutrales Hotel" mit dem CO2-Fußabdruck zertifiziert. 2016 folgte dann die Umsetzung der Idee des „Nachwachsenden Hotelzimmers", das die Tourismuspreisjury überzeugte. Es wurden nur solche Verbundmaterialen integriert, die nach ihrer natürlichen Lebenszeit wieder in ihre Einzelteile auftrennbar, kompostierbar oder in einem neuen Kreislauf sinnvoll einsetzbar sind.

Alle Ausstattungsgegenstände in den Zimmern wie Teppich, Gardinen, Tapeten, Bett, Armaturen, etc. sind entweder zu 100 Prozent biologisch abbaubar oder zu 100 Prozent recyclebar, wobei die Rückgabe an die Hersteller schon vorab geklärt wurde. Beispielsweise sind die Teppichfliesen im Hotel aus recycelten Fischernetzen hergestellt, die bislang als Plastikmüll in den Weltmeeren trieben und eine hohe ökologische Last darstellen.

Das nachwachsende Zimmer ist das erste Hotelzimmer in Deutschland, das eine Duschtechnologie integriert hat, die ursprünglich für die Marsmission der NASA entwickelt wurde. Die hierin verbaute Technologie ermöglicht es, 90 Prozent Wasser und 80 Prozent Energie gegenüber herkömmlichen Duschen einzusparen. Im Creativhotel Luise wird die Ressourceneffizienz jährlich ausgewertet und die verbleibenden CO2-Emissionen pro Übernachtung/Gast mittels Klimaschutz-Projekt ausgeglichen.

„Unsere umweltfreundlichen Hotelzimmer wachsen im Garten und dahin kommen sie auch wieder zurück", sagt der Hotelier Benjamin Förtsch, der seit 2014 das Hotel leitet und das Ökomanagement in dritter Generation verantwortet. Sein Vater Klaus Förtsch lernte das Leben als Gastgeber eines Familienhotels von der Pike auf. Seine Vorbilder in den 1970-er Jahren waren Dr. Dieter Hahlweg, Oberbürgermeister von Erlangen und Dr. Franz Ehrensperger, Unternehmer der Neumarkter Lammsbräu. „Beide stehen bis heute als Vordenker und Visionäre im konsequenten Einsatz für Umweltschutz und der gleichwertigen Behandlung von Ökologie und Ökonomie in der Öffentlichkeit", sagte er in einem Interview mit der CSR-Managerin Andrea Lachmuth. Hahlweg prägte damals die „Radfahrerstadt" Erlangen, und Ehrensperger entwickelte ab 1971 Neumarkter Lammsbräu zum ökologischen Vorzeigebetrieb weiter: „Beide leben Nachhaltigkeit in allen Bereichen ihres Tuns mit Überzeugung: Als Unternehmer, Politiker und Mensch. Das hat mich inspiriert als Familienmensch und als Hotelier - bis heute."

Der Grundstein für das heutige Hotel wurde von den Eltern Heinz und Marga Förtsch mit dem Neubau des Hotels Luise 1956 gelegt. Dank eines Grundstückstausches mit dem großen Nachbarn Siemens war genügend Platz vorhanden, um in 60 Jahren Hotelgeschichte die Entwicklung des Wirtschaftsstandorts Erlangen zu begleiten. Was hier nicht aus nachwachsenden Rohstoffen produziert wird, kommt aus geschlossenen Wertstoffkreisläufen auf Basis des Cradle to Cradle-Prinzips.

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© Creativhotel Luise

Zusammen mit Wirtschaftsministerin Ilse Aigner, Oberbürgermeister Dr. Florian Janik, Herbert Behlert und Dr. Martin Spantig säte Geschäftsführer Benjamin Förtsch Weizen im hoteleigenen Beet an. Dieser steht symbolisch für die Vielzahl der natürlichen Rohstoffe, die in den Zimmern verbaut sind.

Eines der wichtigsten Konzepte besteht beim Cradle to Cradle-Prinzip darin, dass Materialien so entworfen werden, dass sie sich zwischen der Biosphäre und der Technosphäre unterscheiden und dadurch ewige Nährstoffe werden. So wird der „Abfall" eines Tieres zur Nahrung von Mikroben, Pilzen, Pflanzen, Bäumen, Reptilien, Säugetieren usw. - ja vielleicht sogar zum Essen für Menschen. Cradle to Cradle-Designer und -Hersteller wissen, dass sie an etwas arbeiten, das die Buddhisten als „rechte Lebensweise" bezeichnen: das eigene Leben und Verhalten wird so auszurichtet, dass man mit sich selbst und vor den eigenen Kindern glücklich ist.

Es ist auch möglich, die Sache spielerisch anzugehen, beispielsweise etwas herzustellen, dessen Wiederverwendung genauso viel Freude macht wie sein vorheriger Gebrauch. „Eine Cradle to Cradle-Welt würde es den Menschen ermöglichen, den Überfluss zu genießen und Vielfalt zu fördern, ohne dass die Welt dabei verarmt", sagt der Chemiker Prof. Michael Braungart, der mit William McDonough das Cradle to Cradle-Prinzip begründete und davon überzeugt ist, „dass es im Rahmen von Cradle to Cradle vielleicht möglich ist, universal zu denken und molekular zu handeln".

Ich danke der Andrea Lachmuth (zertifizierte CSR-Managerin) für ihre Anregung und Unterstützung.

Weiterführende Informationen:

Michael Braungart und William McDonough: Intelligente Verschwendung. Auf dem Weg in eine neue Überflussgesellschaft. München 2013.

Alexandra Hildebrandt: Das Gute in der Nähe finden: Urlaub ist... wo wir uns im richtigen Leben aufgehoben fühlen. Amazon Media EU S.à r.l. Kindle Edition 2017.

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