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Dr. Alexandra Hildebrandt Headshot

Das ist von Arcandor geblieben

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„Unsere Finger sind die letzte prüfende Instanz." (Karl Werner Schmitz)

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Copyright: Zeitenspiegel

In der schlimmsten Krise des Arcandor-Konzerns (ehem. KarstadtQuelle), die er bekanntlich nicht überlebte, spielte das Haptische für viele Betroffene eine wichtige Rolle:

Mitarbeiter_innen und Führungskräfte ließen sich damals mit einem 13 cm großen Teddy ablichten. Verantwortung im Kleinen sollte durch ihn und die Initiative Verantwortung tragen, die vom Leipziger Innovationsstrategen Jan Graf ehrenamtlich unterstützt wurde, greifbar und anschaulich gemacht werden.

Ein Teddy ist ein Zuwendungsobjekt, das haptische Impulse auslöst und für viele Menschen die Rolle eines Freundes einnimmt.

Die in einer limitierten Auflage von 500 Exemplaren in Handarbeit hergestellten Sammlerteddys wurden nicht verschenkt. Behalten durfte ihn nur, wer sich in Bild und Text zur Verantwortung bekennt und dies täglich zu leben versucht. Denn wer etwas kommuniziert, trägt auch Verantwortung für das WORT, durch das moralische Qualitäten sichtbar werden. (Das ist auch ein wesentliches Anliegen der von Valerie Niehaus, Christina Hecke Steffi Henn gegründeten Gemeinschaftsinitative AUF EIN WORT.)

Durch die Limitierung wurde zugleich auf die Einzigartigkeit und Werthaltigkeit des Verantwortungswesens verwiesen und der Endlichkeitsaspekt angedeutet:

Indem wir uns unserer Begrenzung bewusst sind, gehen wir anders mit den uns zur Verfügung stehenden Ressourcen um.

Ein Teddy erzählt etwas über uns selbst, ist Teil der eigenen Identität und Geschichte. Er erinnert auch daran, schonend mit den Dingen umzugehen. Dieser Aspekt vor allem war es, ihn symbolisch mit einem lindgrünen Wollfilzschal mit dunkelbrauner Stickung „Verantwortung tragen" zu versehen.

Die Idee hinter dem Projekt, das von Oktober 2008 bis zur Konzerninsolvenz im Juni 2009 dauerte: Menschen auf der ganzen Welt - Prominente, Manager, Künstler, Medienvertreter, Kulturschaffende, Mitarbeiter und Geschäftsführer von NGOs, Sportler, Geistliche und Wissenschaftler - beantworten die Frage, was „Verantwortung tragen" für sie bedeutet.

Denn „Verantwortung ist immer konkret. Sie hat einen Namen, eine Adresse und eine Hausnummer." (Karl Jaspers)

Es ist leicht, allgemeine Sätze über Verantwortung in Firmenpublikationen zu veröffentlichen. Der Journalist Wolf Lotter brachte es schon damals auf den Punkt:

„Wir lesen sie oft und ohne Nutzen. Wir sind uns unserer Verantwortung für Mensch, Gesellschaft und Mitarbeiter bewusst, ist so ein Satz. Oder: Wir fühlen uns verantwortlich für die künftigen Generationen. Für die Umwelt. Für die Artenvielfalt. Für die Meere. Für das Gute. Punkt. Absatz. Mantra. Selbst Bastmann und Robin Hood waren präziser bei der Nennung ihrer ethischen Ziele, als es die meisten Konzerne sind. Statt für sich für anderes verantwortlich zu sein, ist eine einfache Übung." (brand eins 10/2004)

Mit diesem Projekt sollte ein allgemeines Thema auf eine Ebene geholt werden, die einen persönlichen Bezug hat. Es ging nicht um die großen Ereignisse, sondern um die Mikroperspektive - die Sicht des Einzelnen.

Jeder sollte Teil der Initiative sein und einen Beitrag leisten, dessen Umfang er selbst bestimmen konnte.

So unterschiedliche Menschen wie Brigitte Mohn, Graf Faber-Castell, Hans-Peter Dürr, Günther Beckstein, Gerhard Meir, Oliver Kahn und Günter Netzer haben sich neben vielen Menschen des Alltags an diesem Projekt, das der Nachhaltigkeit verpflichtet war, beteiligt:

Es wurde finanziert aus den Tantiemen des Buches „Die Andersmacher. Unternehmerische Verantwortung jenseits der Business Class" (2008), in dem Querdenker und Lebensunternehmer vorgestellt wurden, die nachhaltig und verantwortungsbewusst handeln.

Statt auf Vollständigkeit wurde auf die Kraft anschaulicher Beispiele von Menschen gesetzt, die ihr Tun als Dienst am Menschen und an der Sache verstanden.

Dabei ging es nicht um die Inszenierung eines sozialen oder ökologischen Engagements, sondern um eine glaubwürdige und ehrliche Vermittlung konkreten und verantwortlichen Handelns.

Es war eine Initiative, die aus der Krise heraus entstand und wie der Konzern selbst nicht überlebt hat. Aber sie ist deshalb nicht gescheitert, denn sie hat gezeigt, dass niemand mehr dauerhaft Vorteil nur für sich schaffen kann.

Was bleibt, sind Erinnerungsbilder wie das von Suzanne von Melle, die die Ereignisse bis zum Ende fotografisch festgehalten hat:

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Copyright: Suzanne von Melle

Im Mittelpunkt standen damals Begriffe, wie sie auch in der Gemeinschaftsinitiative AUF EIN WORT zu finden sind: Mitgefühl, Freundschaft, Rückgrat, Mut, Verbundenheit, Zuwendung und „Begreifen".

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Copyright: Steffi Henn

"Begreifen" ist ein Wort der Mitte, denn es steht zwischen berühren und bewegen: Das sind nach Ansicht von Karl Werner Schmitz haptische Kernelemente, auf die wir auch in Zukunft nicht verzichten können, wenn wir sie nachhaltig gestalten wollen.

Literaturempfehlung:

Karl Werner Schmitz: Die Strategie der 5 Sinne. Wie Sie mit Haptik Ihren Unternehmenserfolg nachhaltig steigern. Wiley-VCH Verlag, Weinheim 2015.

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