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Darum ist Spezialistentum die Tragik unserer Zeit

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Die interdisziplinären Probleme der Gegenwart können nur mit einem breiten Horizont bewältigt werden. Allgemeinbildung (das, was Generalisten auszeichnet) ist heute kein Qualifikationsmangel, wie von Spezialisten oft behauptet wird, sondern eine Grundvoraussetzung im digitalen Zeitalter, Komplexität richtig zu meistern.

Es sind deshalb in Zukunft vor allem Berufe gefragt, die ein Verständnis des großen Ganzen aufbringen und zumeist digital-prozessualen Anforderungen entsprechen.

Gefragt werden vor allem Querdenker und kreative Transformatoren sein, die bestehende Systeme hinterfragen und neue Ideen nachhaltig umzusetzen. Sie fügen Realität und Vision zusammen, wissen den Wirklichkeits- und Möglichkeitssinn zu verbinden und zergliedern die Wirklichkeit nicht in einzelne Teile, wie es Spezialisten tun.

Um das Thema ganzheitlich zu begreifen und Zukunft verantwortlich zu gestalten, kann Evolutionsmanagement helfen. Hier werden Erkenntnisse aus der Entwicklung der Natur und der Evolution auf Wirtschaftsprozesse übertragen, denn auch sie folgen evolutionären Gesetzmäßigkeiten.

Wie ein Organismus benötigen auch Unternehmen, die verschiedene Stufen der evolutionären Entwicklung durchlaufen, gut funktionierende Stoffwechsel-, Formwechsel- und Informationswechsel-Prozesse, um langfristig zu überleben.

Ein wunderbarer Anfang, um in das Thema einzusteigen und Analogien zu finden, ist die Lektüre der Biographie „Mein Leben für die Natur", in dem sich Josef H. Reichholf auf den Spuren von Evolution und Ökologie bewegt.

Beide besagen, dass es in der Natur keinen festen Zustand gibt: „Beständigkeit ist ein Wunschbild der Menschen. Doch alles verändert sich, ist in Bewegung, in Entwicklung."

Dem Spezialistentum ist hier ein umfangreicher Passus gewidmet, in dem sich die Demut des Zoologen, Evolutionsbiologen und Ökologen zeigt, der zunächst auf einen Vorteil des Spezialistentums verweist, „weil es einen durch die Enge der Themenwahl in die Lage versetzt, praktisch alles Veröffentlichte in die eigene Forschung einbeziehen und darin verwerten zu können".

Dann folgt allerdings der Hinweis auf den bekannten Kalauer, dass der Spezialist „immer mehr von immer weniger weiß".

Reichholf gibt an dieser Stelle selbst zu, dass er im Überschwang der Begeisterung für seine Forschungen häufig feststellte, dass er vieles aus neuen Veröffentlichungen nicht berücksichtigt hatte, und dass ihn die Vertiefung und Verbreiterung seiner eigenen Kenntnisse immer wieder zur Bescheidenheit zwang:

„Vieles, was ich zunächst für neu gehalten hatte, war längst bekannt."

Es gibt keine letztgültigen Erklärungen. Und so sind es auch nicht aktuelle Forschungsergebnisse, die aus seinem Buch herausragen, sondern die Freude an seinem Denken und Tun.

Was immer nachhaltig gelingen soll, braucht Disziplin und Übung. Doch ohne Freude ist beides nichts.

Im HuffBlog zum Thema Üben und Überleben habe ich auf die Aktualität des Philosophen Paul Valéry verwiesen, weil seine Kunst des Denkens uns lehrt, wie wir richtig unterscheiden, bewerten, die Kräfte unseres Könnens entfalten und den Panoramablick im Digitalisierungs- und Innovationszeitalter schulen können. Dazu sollte vor keiner Fachgrenze haltgemacht werden.

Doch das kann nur, wer die Freude des Lebens zulässt und offen ist für das, was er noch nicht kennt. Die Fülle des Neuen beeindruckte Reichholf genauso wie einst Alexander von Humboldt. Sich mit beiden zu beschäftigen bedeutet, die Erscheinung der Dinge in ihrem Zusammenhang zu sehen.

Reichholf schreibt zu Recht, dass wir nur sehen, was wir kennen und wissen. Aber dieses Vor-Wissen führt nicht zu sachlichen, sondern zu Vor-Urteilen, mit denen er häufig in seinem Forscherleben konfrontiert wurde.

Zuweilen war er harscher Kritik ausgesetzt. Doch seine Publikationen waren die besten Unterstützer, seine eigene Begeisterung nachhaltig hinauszutragen.

Weitaus schlimmer als Kritik empfand er den Mangel an Lust und Freude in der ökologischen Naturschutzbewegung, sich der Vielfalt des Lebens nicht nur mit dem Verstand, sondern auch mit dem Herzen zu widmen.

Dass dem Spezialistentum sehr viel entgeht, ist der Preis der Vertiefung.

Erfolgreicher Naturschutz ist auch eine wichtige Voraussetzung für modernes Management. Für Josef H. Reichholf bedeutet er ...

• nicht mehr Ökologie oder sonstige Wissenschaft, sondern mehr Emotion
• Erfahrbarkeit und Erlebbarkeit
• Begeisterung, Freude am Schönen und am Naturgenuss
• Kommunikation positiver Nachrichten statt düsterer Zukunftsprognosen
• ... und niemals am Status quo festzuhalten, weil dann die Zukunft bereits verloren wäre.

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