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CSR für Kleinstunternehmen - vom erlebten Glück der gesellschaftlichen Gestaltung

29/07/2017 17:43 CEST | Aktualisiert 29/07/2017 17:43 CEST
martinedoucet via Getty Images

Interview mit Caroline Meder

Caroline Meder, Jahrgang 1967, ist Soziologin, philosophische Praktikerin und eine der Vordenkerinnen von CSR im Mittelstand. Nach einer handwerklichen Berufsausbildung studierte sie an der Hochschule für Wirtschaft und Politik in Hamburg Soziologie mit BWL, VWL und Recht und an der FU Berlin Soziologie mit Philosophie und Publizistik. Sie ist Dipl. Sozialwirtin und Dipl. Soziologin. Sie war fünf Jahre als Geschäftsführerin einer Agentur für Softwarelösungen und acht Jahre als Dozentin an der Universität der Künste, Berlin, tätig. Sie arbeitet u.a. 2007 bis 2010 für das Forschungsprojekt „CSR in KMU" des TÜV Rheinland, 2010 bis 2012 als Leiterin CSR in einem mittelständischen Berliner Bauunternehmen und führte 2014/15 eine Studie „Ein regionsbezogenes CSR-Konzept für kleine und mittlere Unternehmen" für die IHK zu Rostock durch. Heute lebt und arbeitet sie als Impulsgeberin an der Schnittstelle zwischen Institutionen des Mittelstands, unternehmerischer Praxis und Forschung in Norddeutschland.

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Foto und Copyright: Caroline Meder

Frau Meder, wie kann CSR als umsichtiger Managementansatz gerade den Inhaber/innen von Kleinstunternehmen ein zufriedenes Lächeln ins Gesicht zaubern?

Das ist m.E. die zentrale Frage bei CSR. CSR darf nicht trocken und mühsam sein! Diese Forschungsfrage stand am Anfang meines Beitrags in dem von Wolfgang Keck herausgegebenen Buch „CSR und Kleinstunternehmen - Die Basis bewegt sich" (Springer Gabler, 2017).

Die Ausgangssituation: Viele Kleinstunternehmen arbeiten zwar mit großer Freude an ihrem Produkt oder ihrer Leistung, haben aber wenig Zeit und Geld. Das ist bekannt. Wer z.B. häufig CSR-Veranstaltungen für den Mittelstand besucht, kennt den Freispruch für die Kleinstunternehmen: Nein, denen könne man CSR nicht zumuten!

Da beginnt für mich der Denkfehler: Ist CSR eine Zumutung? Wenn dem so wäre, sollten wir alle damit aufhören, unabhängig von der Unternehmensgröße. Es ist an der Zeit, CSR dahin gehend weiterzuentwickeln, dass es weniger als moralische Pflicht und mehr als die Basis des guten Miteinanderwirtschaftens gesehen wird. CSR darf den alltäglichen Stress nicht durch weitere Auflagen erhöhen, sondern muss die Zufriedenheit in der Geschäftsführung und in der Belegschaft stärken.

Was verstehen Sie unter CSR? Und was ist für Sie wirkungsvolle CSR-Praxis?

Es gibt viele CSR-Definitionen. Oft spricht man von Nachhaltigkeit und sozialer Verantwortung. Oder von dem Dreiklang von Wirtschaft, Ökologie und Sozialem. Das klingt so abstrakt, dass sich viele Unternehmer/innen nicht vorstellen können, wie daraus eine sinnvolle Praxis entstehen kann. Was könnte für kleinste Unternehmen ein konkreter und attraktiver Ansatz sein und sie zum Handeln motivieren? Mein Vorschlag wäre: „CSR skizziert das unternehmerische Handeln nach dem Win-Win-Win-Prinzip."

Was ist dadurch gewonnen?

Das Win-Win-Prinzip kennt jeder. Es ist z.B. der Tausch Ware gegen Geld, also ein klassischer Kauf, bei dem beide Seiten einen Vorteil haben. Oft ist das auch einen Deal, bei dem zwei Seiten einen Vorteil genießen und eine dritte Seite ungefragt einen Nachteil erfährt. So z.B. bei einem Preisnachlass, wenn der Kunde auf die Rechnung verzichtet. Das ist Steuerbetrug zum Nachteil der Gesellschaft. Daher ein drittes Win. Das Win-Win-Win-Prinzip skizziert ein bewusstes Handeln, bei dem alle Akteure gewinnen: die Unternehmen, die Kunden und die Gesellschaft als dritter Partner. Und niemand wird geschädigt: nicht die Natur, nicht die Gesellschaft und keiner der Vertragspartner.

Wie kann man das Win-Win-Win-Prinzip im kleinen Mittelstand von Nutzen sein?

Es ist eine gute Formel für die Analyse. Nach meiner Beobachtung wird das Win-Win-Win-Prinzip im kleinen Mittelstand noch zu selten umgesetzt. An sich selbst zu denken, also an sich als Inhaber/in, als Führungspersönlichkeit, als Fachkundige/r scheint in vielen Kleinstunternehmen fast ein Tabu. Viele Kleinstunternehmen bieten z.B. ihre Leistung aus Konkurrenzdruck unter Wert an. Davon profitiert der Kunde, wenn er z.B. regionale Produkte zum Preis einer Importware erhält. Davon profitiert auch die Gesellschaft, hier in Form von geringeren Umweltbelastungen durch kurze Transportwege. Aber die Kleinstunternehmen beuten sich.

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Wir sind gewöhnt, dass eine sinnerfüllte Arbeit, z.B. in kleinen Manufakturen, oft schlecht bezahlt wird. Doch dafür gibt es m.E. keinen Grund. Das ist keine Win-Win-Win-Situation. Hier wäre eine kluge CSR-Maßnahme, die Situation der Beschäftigten in den Fokus zu rücken. Auskömmliche, sinnerfüllte und sichere Arbeitsplätze sind ein sehr relevanter gesellschaftlicher Beitrag!

Wie kann CSR gesellschaftliche Teilhabe und Gestaltung ermöglichen, auch wenn Geld und Zeit knapp sind? Können Sie das am Beispiel skizzieren?

Stellen wir uns eine fiktive Möbeltischlerei vor: „Bett & Stuhl". Die Inhaberin setzt auf Handarbeit, individuelle Maßfertigung und Hölzer aus regionaler, nachhaltiger Waldwirtschaft. Ihr Mitbewerber ist der Möbelschwede mit dem impertinenten „Du". Vermutlich hat „Bett & Stuhl" angesichts des Konkurrenzdrucks auch schon Möbel nach Feierabend und ohne Rechnung gebaut: Selbstausbeutung und Steuerbetrug. Eine Win-Loss-Loss-Situation zugunsten der Kunden.

Wer konsequent CSR denkt, setzt hier an: Die Möbeltischlerei „Bett & Stuhl" braucht Kunden, die den Unterschied zwischen einem Tisch aus der Selbstabholerschachtel und ihrer Werkstatt verstehen. Kunden, die die Langlebigkeit, die Schönheit, die Haptik und vielleicht auch den Geruch von maßgefertigten Möbeln zu schätzen wissen.

Exemplarisch für viele Werkstätten tut sich die Chefin von „Bett & Stuhl" mit der Selbstvermarktung schwer. Auf Menschen zugehen und sagen: „Wir sind gut. Kaufe bei uns!" ist gerade im Handwerk nicht immer beliebt. Es braucht hier also eine Kundenansprache, bei der die Inhaberin nicht das Gefühl hat, sich zu verbiegen.

Können Sie für diese Tischlerei eine CSR-Maßnahme skizzieren?

Wer sich nicht verbiegen will, darf - ja, muss! - sein eigenes Wollen, die eigenen Werte in den Mittelpunkt stellen: Das Interesse für qualitativ hochwertiges Handwerk und heimische Hölzer ist kein privater Tick unser Tischlermeisterin, sondern eine relevante Erkenntnis und Erfahrung, aus der ein gesellschaftlicher Beitrag erwachsen kann. Ihre Einstellung und ihr Wissen sollte sie unbedingt weitergeben.

Für „Bett & Stuhl" geht es darum, einen potentiellen Kundenkreis begreifen zu lassen, was handgearbeitete Möbel bieten können. Vielleicht gar nicht viel reden, sondern Menschen fühlen lassen, was aus Handwerk und Hölzern entstehen kann, zum Beispiel Schulklassen. Jeder, der einen Hocker im Unterricht zimmern konnte, bringt ein maßgearbeitetes Möbel nach Hause. Vielleicht das erste in diesem Haushalt, hoffentlich nicht das letzte.

Mit der abendbrotlichen Schilderung vom Bauen und Fertigstellen des Hockers wird Wissen weitergereicht, aus dem ein Bewusstsein für gut gearbeitete, langlebige Gegenstände entstehen kann. Mit diesem Bewusstsein könnte der nächste Schritt eine erste Wohnung mit selbstgebauten Möbeln sein. Sobald das Einkommen, die Wohnung und die Familie wachsen, ist es hoffentlich Zeit für die Beauftragung einer Tischlerei wie „Bett & Stuhl". So können Schülerhocker den Weg zu wertschätzenden Kunden und ebnen.

Und ja, auch unser Team von „Bett & Stuhl" muss Zeit investieren. Aber nicht, um stressige Selbstvermarktung zu betreiben, sondern um weiterzugeben, was ihm am Herzen liegt: die Schönheit des Handwerks, der achtsame Umgang mit der Natur und die Nachhaltigkeit durch Möbel, die Jahrzehnte genutzt werden können und immer schöner und kostbarer werden.

Und daraus entsteht für den Betrieb, die Kunden, die Gesellschaft und die Natur eine lupenreine Win-Win-Win-Situation.

Sind Schülerkurse eine klassische CSR-Maßnahmen?

Kinder sind unserer Zukunft, sie werden daher in vielen CSR-Maßnahmen berücksichtigt. Doch es ist nur eine Idee aus unendlich vielen Möglichkeiten. Ich habe dieses einfache, holzschnittartige Beispiel gewählt, um die strategische Denkrichtung zu skizzieren. Hier wird ein ökologischer Bewusstseinsprozess angestossen, der parallel unserem Tischlerei-Team Freude macht und ihm zu einen höheren regionalen Bekanntheitsgrad verhilft. Das ist keine Sofortmaßnahme. Andere Unternehmen würden möglicherweise CSR-Maßnahmen mit schnellerer Wirkung bevorzugen. Auch das geht, ja klar.

In der Praxis ist eine CSR-Strategie eine feine Maßanfertigung, die die vielen Parameter vor Ort gewissenhaft mit einbezieht. Nach meinem Dafürhalten ist CSR erst dann gut, wenn es zu spürbar guter Laune im Unternehmen führt. Denn: gute Laune ist ansteckend!

Vielen Dank für das Gespräch.

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