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CSR-Berichtspflicht: Warum dieses Steuerungsinstrument im Komplexitätszeitalter unverzichtbar ist

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Anforderungen an die Lotsen der Transformation

„Die gegenwärtige Transformation wird schwerwiegender sein als die früheren, denn sie wird als dramatischer empfunden werden, weil die demografische und psychologische Ausgangslage verschieden ist." Dieser Satz des Managementvordenkers Prof. Fredmund Malik ist inzwischen zwanzig Jahre alt, aber noch immer hochaktuell. Der von ihm beschriebene Anpassungsdruck, der sich früher auf mehrere Generationen verteilte, trifft heute geballt eine einzige Generation. Das ist für Malik der demografische Aspekt. Darüber hinaus sind wir heute geschichtlich die ersten, die sich im Glauben wiegen konnten, dass es so weitergehen könne wie bisher.

Nie zuvor waren ein so hohes Wohlstandsniveau und ein so hoher Verwöhnungsgrad zu verzeichnen - das ist der psychologische Aspekt. In einer erfolgsverwöhnten Gesellschaft, in der kleine Rückschläge umso stärker empfunden werden, wird auch der Wandel, der alte Gewissheiten in Frage stellt, viel schmerzhafter empfunden als bei den Vorgängergenerationen. Damit sind auch die Anforderungen an die Führung, an die „Lotsen" der Transformation, wesentlich höher.

Die treibenden Kräfte dieser Transformation, die Malik vor zwanzig Jahren benannte, sind auch die fünf großen Problemfelder der Gegenwart: Demografie, Technologie, Ökologie, Verschuldung und Komplexität.

Vor diesem Hintergrund ist es nach Malik umso wichtiger, dass Führungskräfte Standards, die für gesellschaftliche Stabilität von Bedeutung sind, vorleben und transparent machen.

Viele Unternehmen stellen heute fest, dass sie diesen Herausforderungen nicht oder nicht genügend gewachsen sind. In der Vergangenheit haben sie sich häufig damit zufriedengegeben, allgemeine Reputations- oder Klimarisiken einfach aufzulisten und pauschal zu bewerten. Im Komplexitätszeitalter braucht es für deren Bewältigung allerdings andere Ansätze, Strukturen und Steuerungsprozesse. Voraussetzung dafür ist die Erweiterung des Steuerungsinstrumentariums.

Die CSR-Berichtspflicht

Am 31. März 2017 wurde das Gesetz zur CSR-Berichtspflicht auch vom Bundesrat beschlossen. Es trat rückwirkend zum 1. Januar 2017 in Kraft. Mit diesem Gesetz wird die CSR-Richtlinie der Europäischen Union endgültig in deutsches Recht umgesetzt. Demnach sind insbesondere Banken, Versicherungen und viele Aktiengesellschaften mit über 500 Mitarbeitern verpflichtet, eine nichtfinanzielle Berichterstattung in ihren Lage- und Konzernlageberichten zu veröffentlichen.

Zum ersten Mal erhalten sogenannte pre-finanzielle Angaben über Sozial-, Arbeitnehmer- und Umweltbelange sowie Informationen über die Achtung von Menschenrechten und die Bekämpfung von Korruption Einzug in die streng geregelten Geschäftsberichte. Begründet hat dies die EU-Kommission damit, dass Verbraucher heutzutage mehr und bessere Informationen zu diesen Bereichen verlangen und Unternehmen mehr Transparenz zeigen müssen. Den betroffenen Firmen bleibt dafür eine Frist von etwa vier Monaten nach Vorlage des Geschäftsberichts.

Entsprechend der Vorgabe der CSR-Richtlinie sind die Vorschriften des Gesetzes für Geschäftsjahre beginnend nach dem 31. Dezember 2016 anzuwenden. Das bedeutet, dass die viermonatige Frist nach der Abgabe des Geschäftsberichts am 30. April 2017 verstreicht. Damit rückt das Thema endgültig auf die Agenda der Vorstände, Geschäftsführer und Führungskräfte. Zudem ist die Überwachung durch den Aufsichtsrat in der EU-Richtlinie verankert, was zur Folge hat, dass CSR immer mehr in die bestehenden Steuerungs- und Kontrollmechanismen in den Unternehmen integriert wird.

Es reicht heute nicht mehr, das Thema heterogen zu behandeln, wie es in der Vergangenheit oft getan wurde. Auch war CSR häufig noch keine Stabsstelle, die an die oberste Führung gebunden war. Bei den einen war CSR Teil der Personalabteilungen, Beschaffung, Umwelt- und Qualitätssicherung oder Compliance. Erst durch den gesetzgeberischen Druck, die EU-Richtlinie und die CSR-Berichtspflicht erhielt das Thema die entsprechende Aufmerksamkeit bis in die obersten Führungsebenen.

Strukturen und Prozesse richtig managen

Die Erstellung und Bearbeitung eines CSR-Berichts ist für viele Unternehmen ein zeitaufwändiger und komplizierter Prozess. Zu Beginn steht die Frage nach der Wesentlichkeit (Festlegung der Inhalte, über die berichtet werden soll). Daraus leiten sich dann Anforderungen an zu sammelnde Daten ab. Die Global Reporting Initiative (GRI) wird auch künftig im Rahmen einer international ausgerichteten Kommunikation der führende Standard für die CSR-Berichterstattung sein.

Mithilfe dieses internationalen Rahmenwerks können die Unternehmensindikatoren einheitlich und vergleichbar abgefragt werden. Alle anderen Standards, zu denen auch der Deutsche Nachhaltigkeitskodex (DNK) gehört, sollten nach der Gesetzesveröffentlichung möglichst auf die strengen CSR-Anforderungen überprüft werden, damit eine einheitliche Transparenz und Nachprüfbarkeit gewährleistet werden kann.

Viele Unternehmensbereiche befinden sich nicht auf dem gleichen CSR-Niveau, sondern auf sehr unterschiedlichen Entwicklungsstufen. Deshalb ist es wichtig, dort anzusetzen, wo sie stehen und sich schrittweise zu verbessern. Ein CSR-Bericht kann deshalb immer nur eine Momentaufnahme eines kontinuierlich betriebenen Prozesses sein. Daraus ergeben sich verschiedene Ansprüche wie Verbesserungen oder Zielanpassungen.

Allerdings macht es für Unternehmen keinen Sinn, direkt mit dem CSR-Reporting zu beginnen: Zuerst muss ein Wesentlichkeitsprozess gestartet und etabliert werden. Entscheidend sind die richtigen Managementsysteme. Dank der CSR-Richtlinie haben viele Unternehmen jedoch die Chance, sich neu zu „ordnen", sich zu fokussieren, zu standardisieren und zu systematisieren, um die Anforderungen des Komplexitätszeitalters nachhaltig zu meistern.

Weitere Informationen:

Fredmund Malik: Die richtige Corporate Governance. Mit wirksamer Unternehmensaufsicht Komplexität meistern. Umfassend aktualisierte Ausgabe: Die Neue Corporate Governance. Richtiges Top-Management - wirksame Unternehmensaufsicht. 3., erweiterte Auflage, Frankfurt am Main: Frankfurter Allgemeine Buch 2002 (1. Auflage 1997)., Campus: Frankfurt am Main/New York, 2008.

Fredmund Malik: Navigieren in Zeiten des Umbruchs. Die Welt neu denken und gestalten. Campus Verlag Frankfurt am Main 2015.

Alexandra Hildebrandt: CSR-Manager gesucht! Ein Berufsbild zwischen Wunsch und Wirklichkeit von Amazon Media EU S.à r.l. Kindle Edition 2017.

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