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Create Change 2017: Wie Künstler mit Verantwortungsbewusstsein das neue Jahr kreieren

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Im Fokus frei schöpferischer Tätigkeit steht und stand bei Ruth Spiller immer das Thema Gesellschaft und der einzelne Mensch in ihr - ebenso die Komplexität und Faszination des Zwischenmenschlichen. Sie gehört zu den Initiatorinnen und Begleiterinnen von AUF EIN WORT. Die Initiative wurde von Valerie Niehaus und ihrer Schauspielkollegin Christina Hecke gemeinsam mit der Fotografin Steffi Henn ins Leben gerufen, um einen wichtigen Beitrag zu mehr Gemeinschaft zu leisten. Die Initiative richtet sich an alle Bürgerinnen und Bürger, die alle ein Teil der Gemeinschaft sind. Das Wort von Ruth Spiller ist „Zu-trauen", weil zutrauen und trauen Voraussetzungen dafür sind, ins Offene zu gehen und sich von Ängsten und Unsicherheiten nicht lähmen zu lassen.

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Ruth Spiller (Foto: Steffi Henn)

Václav Havel hat es schon früh geahnt: Wir sind allein im All, und nichts ist sicher. „Was als Kompass hilft, ist Offenheit statt Selbstgewissheit." Nur wer offen dafür ist, dass alles immer auch ganz anders werden kann als gedacht, ist auch fähig, die Chancen des Unvorhergesehenen zu nutzen, die Probleme der Gegenwart meisterhaft zu bewältigen und die Welt zum Besseren zu verändern.

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„Wertet nicht nur die großen Taten, wertschätzt auch die kleinen."

Interview mit Ruth Spiller

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KOMPSAT-2 image © KARI 2013, Distributed by SIIS / Credit für den Slogan „Create Change" von Kenneth Shinabery / Artwork & Idee: Ruth Spiller

_ Frau Spiller, weshalb wird eines der größten Flüchtlingslager der Welt, Zataari im Jordan, künstlerisch zur Friedenstaube?

Die riesigen Flüchtlingslager dieser Welt stehen für mich genau für das, was schief gelaufen ist und weiterhin schief läuft, für all die Herausforderungen, die uns bereits ereilt haben, aber auch für jene, die noch kommen werden. Dazu gehören Hungersnöte, Wasserknappheit, Klimawandel oder der demografische Wandel.

Große Themen, die wir jetzt bereits spüren. All diese Herausforderungen werden solche Lager leider eher wachsen lassen, als dass sie weniger werden. Und dennoch ist da dieser Wunsch des Friedens und der Ruhe - und der guten Zuversicht. Dieser Zustand fällt aber nicht einfach vom Himmel. Den müssen wir uns alle selbst kreieren. Wenn wir das wirklich wollen.

_ Was ist mit „Kreieren" konkret gemeint?

Damit meine ich tatsächlich „kreieren", denn es bedarf auch vieler kreativer Prozesse, um (neu) zu denken und sich von alten nicht mehr zeitgemäßen Mustern zu lösen. Überspitzt ist diese Fotomontage eher als Herausforderung zu sehen. Mit der Ansage: Macht es besser! Schafft echt langfristige Veränderung - keine künstlichen".

Die Menschen brauchen jetzt wieder etwas, woran sie glauben können. Menschen die Hoffnung machen. Veränderung, die nicht noch mehr verunsichert und noch mehr Fragen aufwirft, sondern die auch Antworten gibt. Neue Visionen. Wir können nicht nur positive Verpackungen erzeugen, sondern müssen auch ganz klar Inhalte kommunizieren. Einfach und verständlich.

_ Warum ist das Thema gerade zum Jahreswechsel so bedeutsam?

2016 war für viele gefühlt ein aufwühlendes Jahr - mit sehr vielen negativen Nachrichten. Dadurch entsteht leider auch sehr viel Energieverlust im eigenen Handeln, da zu viel Negatives irgendwann lähmt. Irgendwann wird man überdrüssig und kann all dies nicht mehr ertragen, weil es zu viel Kraft kostet.

Zum „Ausgleich" wird konsumiert, was zwar die Wirtschaft kurzfristig freuen mag, aber langfristig ein schlecht durchdachter Plan ist. Denn irgendwann kippt dieses Konstrukt. Und das hilft wirklich niemandem. Oder es sorgt dafür, dass Menschen den „Kopf in den Sand" stecken.

Wie wäre es, wenn man also das neue Jahr mal dazu nutzt, sich auch mal parallel den guten Menschen und Themen zu widmen? Start-ups, die sich mit frischen Ideen nachhaltigen und sozialen Themen widmen und ihr Unternehmen in diesem Sinne aufbauen. Oder anstatt den zehnten Preis für das beste Design zu verleihen, mal viel mehr Fokus auf Friedensinitiativen und Nachhaltigkeit wie soziales Engagement zu legen? Und sei es auch nur im kleinsten Rahmen.

Und die Preisträger dann auch nicht nur in den hinteren Seiten der Lokalzeitungen präsentieren, sondern dick und fett auf der Titelseite großer Medien? Sollten wir nicht einfach mal versuchen, den Fokus auf Verantwortung legen?

Dazu können vor allem die Medien beitragen. Es liegt durchaus in unserer Hand Liebe anstatt Hass zu sähen? Blogger und Influencer können ebenfalls viel dazu beitragen! Eine wirklich breite Masse schenkt ihnen Gehör und sieht sie als Vorbilder!

_ Es liegt also durchaus in der Verantwortung eines jeden Medienmachers zu überlegen, weiterhin den altbewährten Weg zu gehen, der sicher für hohe Klick und Sharezahlen sorgt, oder die eigene Position zu nutzen, um Menschen zu motivieren?

Ja, zu motivieren und sich zu engagieren, mitzugestalten. Ob ich neue Serien, neue TV-Formate mal etwas „anders" angehe, neue Vorbilder kreiere. Für die Aufgaben, die auf uns zukommen, brauchen wir viele kleine bewegliche Gemeinschaften. Große Zusammenschlüsse gibt es viele, und diese bewegen sicher auch viel, aber wie man am Beispiel der Vereinten Nationen sehen kann, ist dieser Zusammenschluss zurzeit teils etwas unbeweglich.

Das können wir uns nicht mehr wirklich erlauben. Natürlich braucht es weiterhin Besonnenheit im Handeln - aber es braucht vor allem die Unterstützung vieler kleiner Initiativen. Initiativen im privaten Bereich, aber auch in Städten und Kommunen.

_ Die gibt es ja durchaus bereits?

Gewiss, man erfährt nur selten etwas davon. Beispielsweise habe ich mal den Test in meinem direkten Umfeld gemacht und gefragt, wer etwas über die Sustainable Development Goals 2030 der Vereinten Nationen weiß. Betretenes Schweigen. "Sustainable was?" Noch nie was von gehört. Da frage ich mich dann, wie das alles funktionieren soll, wenn bei den guten Plänen niemand so recht eingeweiht wird.

Die dazugehörigen Kontexte, die man dazu recherchieren kann, sind leider oft hochkomplexe Texte, die man zudem auch oft erst nach genauer Recherche findet. Wenn wir alle etwas dazu beitragen wollen und sollten - wäre es dann nicht toll, wenn man auch mal viel mehr diesbezüglich miteinander kommunizieren würde?

_ Was könnte der erste Schritt sein?

Es sollte eine bessere andere Kommunikation sein, damit überhaupt Gemeinschaft entstehen kann. Es müsste längst ein Thema sein, was präsent auf allen Ebenen ist und wozu wirklich jeder etwas sagen kann. Dies vermisse ich noch.

_ Was ist Ihr persönlicher Beitrag?

Mein persönliches Development Goal ist in jedem Fall ein Blog, in dem ich genau dies tun möchte: Menschen, Projekte und Initiativen zu würdigen und vorzustellen. Ihnen gilt es sehr viel mehr Beachtung zu schenken, freie Gemeinschaften wie einzelne Personen, kleine wie größeren Initiativen, wie z. B. den Community Reportern. Diese Community-Informationsplattform entstand 1995 in Manchester. Inzwischen agiert dieses Netzwerk europa- und teils auch weltweit.

Mitmachen kann im Grunde jeder, der seine Welt aus persönlicher Sicht vorstellen möchte. Es ist somit ein unverfälschter Einblick in das echte Leben. Viele Leben. Diverse Leben. So findet ein Perspektivwechsel statt sowie eine Öffnung, sich die Welt auch mal mit den Augen eines anderen anzuschauen. Zudem ist es inzwischen auch zu einem Trainingszentrum geworden: ein Zentrum der Kommunikation, des Miteinanders und der Vernetzung im Sinne, wie sie sein sollte.

_ Gibt es dieses Programm auch in Deutschland?

Ja, seit vier Jahren, aber kaum jemand kennt es. Das ist einfach schade, denn in England, Schweden und Kanada z. B. hat es sich auf vielen Ebenen bereits sehr bewährt und für positive Veränderung und Transformation gesorgt. Für mehr Miteinander an Universitäten, in Schulen und in Unternehmen. Und das ist nur eine von vielen tollen Initiativen, die zu Beginn im Kleinen entstanden sind. Durch einfache Menschen, wie du und ich und einer kleinen, aber guten Idee.

_ Sie möchten mit diesem Motiv und Ihrem in 2017 kommenden Blog einen Aufruf starten. Was möchten Sie den Menschen sagen?

Gute Menschen da draußen, werdet lauter! Kreiert nicht nur im stillen Kämmerlein! Geht raus, erzählt es allen. Ladet ein, mitzumachen. Journalisten da draußen, schaut auch mal raus, aus eurem Themen-Tunnel! Schenkt auch mal jenen die Aufmerksamkeit, die wirklich etwas bewegen.

Schafft einen Mix. Interdisziplinär. Unternehmen, die sich nachhaltiger aufstellen wollen, kommuniziert ehrlich! Sprecht mit euren Mitarbeitern, ja mit jedem! Bildet kleine kreative Kreise, probiert Neues aus. Fragt jeden nach seinen Ideen und Visionen. Auch die Stillen - vielleicht gerade die Stillen! Oder einfach nur nach den Wünschen.

Es ist eine ganz einfache Frage, mit großer Wirkung: Was wünschst du dir? Was sind deine Lebensziele? Die kurzfristigen und die langfristigen? Welche Ideen hast du, unser Unternehmen nachhaltiger zu machen? Traut euch mehr zu. Traut euren Mitarbeitern mehr zu. Schenkt einander Beachtung. Wertet nicht nur die großen Taten, wertschätzt auch die kleinen. Sagt danke. Lacht gemeinsam, aber lasst auch mal Nachdenklich-Inspirierendes zu.

_ Was kann jeder dazu beitragen?

Es ist wichtig, sich erst einmal mit diesen Themen näher befassen, sich Informationen dazu beschaffen, was alles möglich ist, und was ich bereits ganz einfach selbst tun kann. Sich mal offen mit seinen Vorgesetzten dazu unterhalten und Fragen zu stellen. Sich Initiativen anzuschließen und diese zu unterstützen. Sich für mehr Miteinander in der eigenen Nachbarschaft einsetzten. Niemals scheue Fragen zu stellen. Sich mit Menschen unterhalten, die bereits im Thema involvierter sind.

Weitere Informationen:

Alexandra Hildebrandt: Kleine Handlungen, große Wirkung. Ganz nah! Wo die Kraft der Gemeinschaft am besten gedeiht. Amazon Media EU S.à r.l. Kindle Edition 2016.

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