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Chancen und Herausforderungen der Business Intelligence im Kontext der Digitalisierung

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Interview mit Prof. Dr. Claudia Linnhoff-Popien, Inhaberin des Lehrstuhls "Mobile und Verteilte Systeme" an der Ludwig-Maximilians-Universität München

Prof. Dr. Claudia Linnhoff-Popien ist Inhaberin des Lehrstuhls "Mobile und Verteilte Systeme" an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Nach ihrer Promotion an der RWTH Aachen war sie an der Washington University of St. Louis, Missouri, USA, bevor sie 1998 an die LMU berufen wurde. Sie ist Vorstandsmitglied des Instituts für Informatik, Mitglied des Forschungsausschusses des Münchner Kreises und Mitgründerin der ALOQA GmbH, die 2010 mit einer Million Nutzern an Motorola Mobility verkauft wurde - einer der größten Exits in der Start-Up-Geschichte Deutscher Hochschulen. Ferner ist sie Leiterin des Leitprojekts "Innovationszentrum Mobiles Internet" des Zentrums Digitalisierung.Bayern (ZD.B), das vom Freistaat Bayern gefördert wird. Darüber hinaus übt sie die wissenschaftliche Beratung der VIRALITY GmbH aus, ist Gründungsmitglied und Vorstandvorsitzende des Vereins Digitale Stadt München e.V. und Herausgeberin des Wirtschaftsmagazins DIGITALE WELT.

Sie ist Autorin / Herausgeberin von 15 Büchern und hat mehr als 100 Journal-Artikel, Buchkapitel und Konferenzbeiträge veröffentlicht. Sie ist Mitglied in 139 Programmkommitees von internationalen Workshops und Konferenzen, die von IFIP, ACM, IEEE, der Gesellschaft für Informatik und anderen Organisationen organisiert wurden. Weiterhin ist sie Gutachterin für mehrere nationale wissenschaftliche Institutionen und hat bereits zahlreiche Forschungsprojekte der Industrie und des Freistaats Bayern zu großem Erfolg geführt.

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Foto und Copyright: Prof. Dr. Claudia Linnhoff-Popien

Frau Prof. Linnhoff-Popien, lernt sich der Mensch durch Daten besser kennen?

Nicht besser - doch durch Daten lerne ich Menschen vielleicht schneller kennen. Oder ich lerne mehr Menschen kennen, die ein bestimmtes Kriterium erfüllen, beispielsweise im Alter zwischen 31 und 40, technologieaffin und über 5.000 Euro Haushaltsnettoeinkommen. Doch erst im persönlichen Austausch lerne ich wirklich den Menschen kennen. Ein sehr schöner Ausspruch von Dr. Michael Kerkloh, CEO des Flughafens München, lautet: „Nichts Digitales ohne Analoges." Das ist der Grund, warum der Traffic am Flughafen so wächst, warum sich der Verein Digitale Stadt München e.V. gegründet hat und warum das Megaevent DIGICON 2017 in München auch wieder solch eine Nachfrage erfährt - die Menschen wollen sich treffen, im persönlichen Gespräch über Probleme austauschen und Lösungen finden. Und dies gilt insbesondere für das Thema der Digitalisierung selbst.

Wie wird sich das Thema Datenanalytik weiterentwickeln?

Die Datenanalyse setzt die Datengewinnung voraus. Hier liegt das große Potential - in der automatisierten Bereitstellung von immer mehr Daten, die immer feinmaschiger und präziser zugeordnet werden. Datenanalytic lebt von Algorithmen. Sensorik, die Daten automatisiert bereitstellt, eröffnet ebenfalls völlig neue Möglichkeiten. Die Verarbeitung läuft auf immer schnelleren Rechnern, Quantencomputer sind hier das Stichwort. Dies führt zur Gewinnung ständig neuer Ergebnisse.

Weshalb benötigen Unternehmen Digitalisierungsstrategien, um ihren Anforderungen an die digitale Transformation gerecht zu werden?

Unternehmen benötigen in der heutigen Zeit keine losgelöste Digitalisierungsstrategie, sondern eine ganzheitliche Strategie, welche auf die Bedürfnisse des digitalen Zeitalters zugeschnitten ist. Nehmen wir als historischen Vergleich die Schrift: mit der Einführung der Schrift hat sich auch kein Beauftragter für die Verschriftlichung von Dokumenten etabliert, und es wurde keine eigene Strategie dafür eingeführt, sondern alle Vorstandsbereiche eines Unternehmens nutze sie ganz selbstverständlich und arbeiten Hand in Hand über geschriebene Nachrichten, auch wenn nur der Einkauf Papier und Stifte besorgt. So selbstverständlich muss auch die Digitalisierung sein. Sie muss jeden Unternehmenszweig durchdringen, denn sie ist ein Mittel zur Erreichung des Unternehmenserfolgs.

Weshalb braucht Digital Leadership Substanz statt Sneakers?

Schließen sich Substanz und Sneakers aus? Ich habe beides ;-). - Nein, Spaß beiseite. Digitalisierung erfordert zunächst ganz neues Fachwissen. Nehmen wir das Beispiel des digitalen Marketings: Wie erreiche ich zielgruppengenau über digitale Kanäle meine Kunden? Wie optimiere ich mein Google Ranking mittels SEO? Wie optimiere ich Software oder Web-Design mit der A/B-Testmethode? Was ist Performance Marketing, und wie setze ich dies effektiv um? Hier erfordert es echtes Fachwissen. Wissenserwerb in der Digitalen Welt bedeutet, selbst Erfahrungen sammeln mittels Ausprobieren, Fehler machen, Lernen. Es bedeutet nicht Abwarten oder Abhängig sein. Es bedeutet Vorbild sein in unserer schnelllebigen Zeit und wissen, wie man dabei am besten mit der extremen Frequenz neuer Technologien und Prozesse im Wandel umgeht.

Welche Möglichkeiten bietet der digitale Wandel für die Stärkung der gesellschaftlichen Innovationsfähigkeit?

Innovationen sind neue Ideen oder Erfindungen, die einen wirtschaftlichen oder gesellschaftlichen Nutzen bringen. Daraus entstehen neue Geschäftsmodelle. Eigene Innovationen führen zur Schaffung neuer Arbeitsplätze und diese wiederum zu Wohlstand in der Gesellschaft. Fremde Innovationen können zum Verlust von eigenen Arbeitsplätzen führen. Somit ist Innovationsfähigkeit eines der wichtigsten Themen überhaupt, wenn es um unsere wirtschaftliche Zukunft geht. Die Digitalisierung bietet eines der spannendsten Innovationsfelder der heutigen Zeit.

Was ist der Grund dafür?

Das liegt an einem ganz einfachen Sachverhalt, einem Verschmelzen: Während die USA Weltmarktführer im Bereich der IT ist, ist Deutschland Weltmarktführer in verschiedenen Anwendungsbranchen, dem Automobilbau, der Medizintechnik etc. Nun passiert das Verschmelzen:

Das Internet erobert das Auto, das Auto vernetzt sich mit anderen Autos und seiner Infrastruktur. Es wird zu einem Kommunikationsknoten in einem weltweit vernetzten System. Es sammelt Informationen ein, generiert, verarbeitet und versendet sie. IT und Maschinenbau verschmelzen, neue Ideen und Geschäftsmodelle entstehen - zum Beispiel der Handel mit Daten. Bei alledem entsteht ein Wettrennen um die Innovationen. Werden diese aus der Automobilbranche heraus generiert, oder aus der IT? Wer profitiert von der Wertschöpfung? Wer wird der Marktführer in der neuen digitalen Welt? Der Wandel wird gleichermaßen zur Chance wie zur Herausforderung.

Welche Anforderungen stellt der disruptive Wandel, der in vielen Branchen durch die Digitalisierung entsteht, an Manager im Digital Business?

Disruptiver Wandel ist ein großes Thema - und dies betrachten wir auf der DIGICON 2017 aus verschiedenen Perspektiven. Wir reden mit den Großen wie Allianz, Siemens und Bosch, den Kleineren wie Antenne Bayern, FC Bayern und Käfer doch auch mit den Platzhirschen der IT wie Google, IBM und Salesforce. Wie überlebe ich in Zeiten der Digitalisierung? Wie bewahre ich mir die Nachfrage nach meinem (meist) analogen Produkt? Wie bleibe ich Marktführer oder werde es? Wie schaffe ich als Geschäftsführer oder Manager, den neuen Anforderungen gerecht zu werden? - Die Lösung ist einfacher erklärt als getan: auf die Herausforderungen zugehen, anstatt vor ihnen wegzulaufen. Dies erfordert ein immenses Wissen in Breite und Tiefe. Neben der Kenntnis seiner Prozesse benötigt der Manager einen Überblick über die Möglichkeiten der Digitalisierung. Die Kombination daraus führt zu Visionen, was für Produkte möglich werden.

Ein Beispiel: vor kurzem hatte ich ein phantastisches Gespräch mit einem führenden Hersteller von Aufzügen. Er hatte das Expertenwissen seines Produkts, ich den Background der Location Based Services. Gemeinsam träumten wir vom Aufzug in einer Smart City, der schon vor der Ankunft des Roboter-Boten weiß, von welcher in welche Etage wie zeitkritisch ein Gut transportiert werden muss oder wie durch proaktive Interaktion des Smartphones mit dem Gebäude der Gast völlig entspannt am Ziel ankommt.

Vielen Dank für das Gespräch.

Auf der DIGICON, die am 23. und 24. November 2017 in München stattfindet, kommen Weltkonzerne, Hidden Champions und Start-ups zusammen, um gemeinsam über die Chancen und Herausforderungen der Business Intelligence im Kontext der Digitalisierung zu diskutieren und die Zukunft aktiv mitzugestalten. Die DIGICON ist gleichzeitig auch das exklusive Jahresevent des DIGITALE WELT Magazins in Kooperation mit dem Digitale Stadt München e.V.. Ziel ist es, einmal im Jahr Unternehmen aus den verschiedensten Branchen live zusammenzuführen und den persönlichen Austausch über Digitalisierungsthemen anzuregen.

Weiterführende Informationen:

CSR und Digitalisierung. Der digitale Wandel als Chance und Herausforderung für Wirtschaft und Gesellschaft. Hg. von Alexandra Hildebrandt und Werner Landhäußer. SpringerGabler Verlag, Heidelberg Berlin 2017.