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Handgreifliche Anteilnahme: Warum uns Briefe überdauern

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Laurence Mouton via Getty Images
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Eine Liebeserklärung


Was wird von uns überdauern? Es ist die Liebe. Diese Prophezeiung "erfüllen und garantieren" Briefe. Weil sie nicht nur ein freundlicher Schubs sind wie E-Mails oder SMS, sondern eine "Liebkosung", die stets auf eine Neuentdeckung wartet. Auch und gerade im digitalen Zeitalter, in der die alte Briefkultur zurückkehrt.

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Sie wird vor allem von Nachhaltigkeitsunternehmen gefördert, die noch an die Kraft der guten alten Dinge glauben. Zu ihnen gehören beispielsweise Manufactum oder die memo AG, denen es nicht nur um das Bewahren einer Kulturtechnik geht, sondern auch um das, was ein nachhaltiges Briefprodukt ausmacht.

"Direktrecycling"


"Direktrecycling" heißt zum Beispiel das innovative Verfahren, bei dem der Rohstoff Altpapier sofort zu neuen Produkten verarbeitet wird. Die memo AG führt Direkt Recycelte Produkte (DRP) bereits seit Anfang der 2000er Jahre.

Claudia Silber, die hier die Unternehmenskommunikation leitet, freut sich immer, wenn sie im Büro Post erhält und sieht, dass auch andere ihre Korrespondenz damit verschicken und Wert auf die Geschichte "dahinter" legen. So waren die Briefumschläge und Versandhüllen einmal Plakate, Kalender, Industriepapiere oder Landkarten:

• Im Gegensatz zum herkömmlichen Papierrecycling entfällt der Verbrauch von Wasser, Energie und weiteren Aufbereitungsstoffen.
• Die Briefumschläge sind aus Recyclingpapier mit 100 % Altpapiereinsatz hergestellt und mit dem "Blauen Engel" ausgezeichnet.
• Die Fenster sind aus Pergamin und zusammen mit dem Kuvert recycelbar. Das Papier für die grauen Recyclingkuverts wird ohne Bleichung, Färbung oder Entfärbung (De-Inking) hergestellt.
• Die Fensterfolie ist auf Basis nachwachsender Rohstoffe hergestellt und von der Deutschen Post AG für die maschinelle Kuvertierbarkeit zertifiziert.
• Für den Innendruck kommt die Ökofarbe "EcoRecyColor" zum Einsatz. Sie lässt sich im Recyclingprozess vollständig von der Papierfaser trennen.
• Die bei der Papierherstellung selbst anfallenden CO2-Emissionen werden ebenso wie die Emissionen aus dem Produktionsprozess durch die Investition in ökologisch hochwertige Klimaschutzprojekte kompensiert.

Zum Sortiment gehören auch hochwertige Motivpapiere, die sich auch zum Schreiben von Briefen oder Grußkarten eignen.

Das Internet als Freund der analogen Post


Dem Trend zur Onlinekommunikation zum Trotz steigt die Zahl der Menschen, die beim Schreiben buchstäblich Hand anlegen und die Briefkultur am Leben erhalten möchten. Es ist ausgerechnet das Internet, der einst erklärte Feind der "analogen Post", das dazu beiträgt, dass sich immer mehr Gleichgesinnte finden.

Etliche Beispiele dafür finden sich im wunderbaren Buch über die Liebe in Worten: "Briefe! Ein Buch über die Liebe in Worten, wundersame Postwege und den Mann, der sich selbst verschickte" (Konrad Theiss Verlag 2015) von Simon Garfield.

Geschichte und Geschichten aus 2000 Jahren sind hier auf schönste Weise miteinander verbunden.

Handgeschriebene Briefe...


• machen unser Leben innerlich reicher, denn sie vertiefen unser Weltverständnis
• stärken unser Wohlbefinden
• schärfen den Blick für unsere Geschichte
• wecken unsere Achtsamkeit
• stehen für Individualität und Authentizität
• haben eine Form von Integrität, die anderen Arten der schriftlichen Kommunikation fehlt
• sind augenblickgenau und gedankenvoll
• sind Beweisstücke der Zuwendung
• sind wichtig für unser Selbstverständnis und Selbstwertgefühl
• haben (bis auf einige Ausnahmen) ein unbegrenztes Haltbarkeitsdatum.

Mit Brief und Siegel


Briefe schaffen nicht nur eine nachhaltige Verbindung zwischen Menschen, sondern sind auch "Überlebensmittel", weil sie Halt und Trost geben in schweren Zeiten.

Die Gladbacher Fußballlegende Rainer Bonhof hat Uli Hoeneß viele handgeschriebene Briefe ins Gefängnis geschickt. "Ich habe beim Lesen mit Tränen in den Augen in meinem Bett gesessen", sagte Hoeneß nach seiner Haftentlassung zu Beginn seiner kürzlich gehaltenen Laudatio (seine "Nicht-mehr-schlafen-können-Rede") anlässlich der Verleihung des Ehrenrings der Stadt Mönchengladbach an seinen langjährigen Freund Jupp Heynckes.

Virginia Woolf verstand unter Briefeschreiben "die humane Kunst, die ihren Ursprung der Freundesliebe verdankt". Nicholson, der Sohn von Harold Nicholson und Vita Sackville-West, sagte über Woolf:

"Ein Brief war ein Weinglas, das ihre Wonnen fasste, oder auch ein Sumpf für ihre Verzweiflung."

Auch diese Aussage ist heute anschlussfähig: So ist das Thema Wein im Buch "Freundschaft. Geschichten von Nähe und Distanz" (S. Fischer Verlag, 2014) von Katja Kraus nicht nur Bestandteil vieler Gespräche mit Prominenten, sondern findet sich schon auf dem Titelblatt.

Die Welt der Freundschaft ist auch die Welt der Briefe, wie das Buch eindrucksvoll belegt:

So erhielt Egon Bahr nach dem Tod von Willy Brandt einen Brief von einem seiner Söhne, in dem von seiner letzten Begegnung mit seinem Vater berichtet. Der Sohn habe den Vater gefragt: "Wer waren deine Freunde? Willy Brandt antwortete nur: Der Egon." Diesen Brief bezeichnet er als "die höchste Auszeichnung", die er je im Leben erhalten hat.

Die Moderatorin Bettina Böttinger berichtet von einem berührenden Brief einer verstorbenen Freundin. Und Claudia Roth erzählt, dass sie gerade zur Weihnachtszeit, wenn sie hunderte Briefe schreibt, sehr aufmerksam am Posteingang wahrnimmt, wer ihr wirklich zugewandt ist.

Der Publizist Manfred Bissinger steckt seinen Lebensfreunden regelmäßig etwas in einen Briefumschlag: Oft reißt er Zeitungsseiten aus und versieht sie mit einem postalischen Gruß. An jedem Wochenende kommt er so auf zehn bis zwanzig Karten und kleine Briefe.

Auch die Autorin dieses Freundschaftsbuches mag den Weg zu ihrem Briefkasten nun noch ein bisschen lieber, weil sie dort regelmäßig ein Konvolut aus Zeitungsartikeln oder eine literarische Leseempfehlung erwartet.

Am schönsten findet sie die dazugehörigen Briefe, die ihr in "bemerkenswerter Schönschrift erklären, warum diese Geschichte, jenes Buch lesenswert" für sie sind.

Nostalgie als Sehnsucht nach innerer Verbindung


All diese Beispiele sind getragen vom nostalgischen Wunsch nach Verbindung. Dies findet ihren Ausdruck in den Markttrends unserer Zeit, wie auch der internationale Marketing- und Innovationsexperte Tim Leberecht in seinem Buch "Business-Romantik" (Droemer Verlag, 2015) nachweist:

Die Sehnsucht (Nostalgie) nach einer vergangenen Zeit, in der "alle weltlichen Dinge mit Bedeutung aufgeladen waren" bezeichnet für ihn auch eine nachhaltigere und existenzielle Empfindung.

Sie steht im Mittelpunkt des Aufstiegs alles traditionell und handwerklich Gemachten. Dahinter steht der Drang nach einer handfesten Erfahrung von Arbeit, die die Entfremdung zwischen dem Hersteller und seinem Produkt überwindet.

Handfest - das bedeutet: begreifbar und zupackend. Das "Problem" ist nur, dass unsere komplexe Gesellschaft heute vielfach wie ein kompliziertes System behandelt wird - vorhersehbar und kontrollierbar. Ein gravierender Denkfehler!

Der Organisationsexperte Niels Pfläging verweist zu Recht darauf, dass nur der Mensch auf dieser Welt in der Lage ist, mit Komplexität umzugehen. Dabei geht es nicht darum, wie ein Problem gelöst wird, sondern wer es kann: "Menschen mit Können und Ideen."

Können hat mit der menschlichen Fähigkeit zu tun, bislang unbekannte Probleme zu lösen. Dies kann allerdings nur durch "disziplinierte Praxis" (Üben) entwickelt werden.

Dazu gehört auch das Schreiben mit der Hand, das ein Training des Denkens ist. Ein guter Autor hört damit niemals auf, weil er den täglichen Akt des Schreibens braucht.

Der 2013 verstorbene Schweizer Schriftsteller Jörg Steiner schrieb wie viele seiner Kollegen mit der Hand - meist auf weiße Briefkarten. Ein Jahr nach seinem Tod führte Hanne Kulessa die Karten, die er ihr geschrieben hatte, zusammen. In dem von ihr herausgegebenen Kartenpost-Buch "Im Sessel von Robert Walser" wurde daraus eine handgreifliche Anteilnahme:

"Wo sonst denn hat das Abschiednehmen Platz, wenn nicht auf einer Briefkarte?"

Die neue Heimat


Seit mehr als 150 Jahren schreiben Menschen Postkarten an ihre Lieben in der "Heimat". Der Begriff findet sich auch im Wort Nostalgie, das aus dem altgriechischen nóstos (Heimat) und álgos (Schmerz) zusammengesetzt ist.

Heimat setzte sich für den verstorbenen Publizisten Roger Willemsen aus lauter verlorenen und verschwundenen Dingen zusammen. Tim Leberecht verweist in diesem Zusammenhang darauf, dass wir unsere Zeit "das Zeitalter der Konnektivität" nennen, das auch das "Zeitalter der Rückverbindung" heißen könnte:

"Wir wollen uns gern an etwas anhängen, das wir intuitiv einmal wussten, aber im Laufe der Zeit vergessen haben: an die Integrität der Person, die wir sein wollen, und derjenigen, die wir wirklich sind, an die Integrität der linken und der rechten Gehirnhälfte, von Wissenschaft und Kunst, von Verstand und Herz."

Das Aufkommen Handschriftlichkeit im Web


In der virtuellen Welt wird diese Proustsche "Erinnerung an vergangene Dinge" multipliziert und verstärkt: "Nichts ist nostalgischer als das Aufkommen der Handschriftlichkeit im Web."

Die Schrift eines Menschen sagt viel über das Wesen eines Menschen aus, das wir in einer Zeit, in der das meiste nur noch digital kommuniziert wird, immer weniger auf dem Papier erkennen können.

Deshalb verbindet die nicht-kommerzielle Website Gesichter der Nachhaltigkeit umfangreiche Texte zum Thema mit einem handschriftlichen Kernsatz des jeweiligen Autors, der sich auf den Porträtfotos findet:

Die eigene Haltung ist buchstäblich ins Gesicht geschrieben. So ist jedes Bekenntnis zugleich wie ein Brief an sich selbst, der vielleicht das eigene Leben überdauert.

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