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Brexit - Lehren aus dem britischen Modell

Veröffentlicht: Aktualisiert:
BREXIT LONDON
JUSTIN TALLIS via Getty Images
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Manager in den Dienstleistungsinstitutionen der öffentlichen Verwaltung sollten sich ihrer originären Aufgabe stellen, die eigene Institution der öffentlichen Verwaltung effektiv und leistungsfähig zu machen, um zukunftsfähig sein. Wie das funktioniert, und welche Probleme noch zu lösen sind, beschreibt Adrian Vogler in seinem folgenden Gastbeitrag.

Von Adrian Vogler

„In der Krise liegt die Kraft"

Im aktuellen SPIEGEL-Essay von Nils Minkmar zum Thema Brexit findet sich eine interessante Zeile, die beschreibt, wie Großbritannien mit den Dienstleistungsinstitutionen der öffentlichen Verwaltung umgegangen ist. Um zukunftsfähig zu sein, müssen sie von ihren Managern effektiv gemacht werden im Sinne ihrer Aufgabe, die eine enorme Herausforderung ist.

Großbritannien ist den folgenden Weg gegangen:

„Es waren die britischen Parteien beider Lager, die diesen Kurs verfolgt haben, indem sie Industrie durch Dienstleistungen, den öffentlichen Dienst durch Billigfirmen und Politik durch PR ersetzten."

Egal, um welchen Bereich es geht (sei es Politik, Wirtschaft oder Verwaltung) - Großbritannien hat die falschen Entscheidungen getroffen, um den jeweiligen Bereich effektiv zu machen. Oder um in einem Bereich überhaupt etwas zu tun.

Die moderne Gesellschaft ist eine Dienstleistungsgesellschaft. Ein wesentliches Merkmal, das Dienstleistungsinstitutionen der öffentlichen Verwaltung von einem Wirtschaftsunternehmen unterscheidet, ist die Tatsache, dass sie ihre Dienstleistung nicht an einem freien Markt an den Kunden verkaufen müssen.

Der Wettbewerb an einem freien Markt zwingt die Wirtschaftsunternehmen, sich auf die Wünsche des Kunden zu konzentrieren und zu fokussieren. Nur das, wofür der Kunde bereit ist zu bezahlen, weil es für ihn einen Nutzen hat, hat in einem freien Markt Aussicht auf Erfolg.

Zur Vorgehensweise in Großbritannien:

Da die Dienstleistungsinstitution der öffentlichen Verwaltung nicht leistungsfähig und effektiv genug ist, werden diese Aufgaben von Wirtschaftsunternehmen ausgeführt. Das Instrument, so etwas zu tun, existiert ja mit der Ausschreibung.

Wenn Nils Minkmar mit seiner Aussage Recht hat, dann hat das wohl nicht so funktioniert, wie es sich die Beteiligten der öffentlichen Verwaltung gewünscht hätten.

Wenn eine Aufgabe der öffentlichen Verwaltung über eine Ausschreibung, die von der öffentlichen Verwaltung durchgeführt wird, an Unternehmen der Wirtschaft übertragen wird, dann unterliegt die Auswahl des Unternehmens, das im Zuge dieser Ausschreibung den Auftrag erhält, den Regularien des Ausschreibungswesens.

Unternehmen der Wirtschaft, die sich im Rahmen der Ausschreibung um die Aufgabe bewerben, konkurrieren nicht mit ihren Produkten am freien Markt miteinander, und es ist nicht der Kunde, der Geld in die Hand nimmt, um das Produkt zu erwerben.

Beim Ausschreibungsverfahren zählen einerseits die Leistung und andererseits der Preis. Die Leistung wird dabei von demjenigen bewertet, der die Ausschreibung durchführt.

Die öffentliche Verwaltung tritt hier als Bedarfsträger auf, stellt Kriterien auf, über die theoretisch im Rahmen des Ausschreibungsverfahrens dann die Leistung eines entsprechenden Unternehmens bewertet wird.

Es ist die Verwaltung, die über ein Budget verfügt. Und einen Anteil des Budgets dann dafür hernimmt, um einen Teil der Aufgaben, für die sie eigentlich verantwortlich ist, an ein Wirtschaftsunternehmen zu delegieren.

Die Leistung wurde nicht vom Kunden bewertet, sondern vom Bedarfsträger, der öffentlichen Verwaltung selbst, die Kriterien aufstellt, nach denen die entsprechenden im Rahmen der Ausschreibung eingereichten Angebote bewertet werden.

Darüber ergibt sich dann ein Ranking. Dabei wird nicht automatisch derjenige beauftragt, der in diesem Ranking auf Platz 1 steht, denn alle Unternehmen haben ja ein Angebot für die gleiche einnehmende Aufgabe abgegeben.

Es wird also bezüglich des Rankings eine Punktegrenze definiert, die bestimmt, wie viele Unternehmen prinzipiell als leistungsfähig genug angesehen werden, um die Aufgabe zu übernehmen.

Diejenigen, die über diese Punktegrenze sind, werden dann daraufhin umsortiert. Und bei dieser letzten Sortierung spielt dann der Preis die entscheidende Rolle

Das Ausschreibungsverfahren kennt natürlich auch noch andere Modelle. Diese sind im Extremfall allerdings noch schlechter dazu geeignet, den wirklich leistungsfähigsten Bieter zu ermitteln. Was, wenn zum Beispiel in einem ersten Durchgang nicht die Leistung, sondern der Preis die entscheidende Rolle spielen würde?

Hier zeigt sich das Instrumentarium der Ausschreibung, das einer öffentlichen Verwaltung zur Verfügung steht, um Aufgaben an Wirtschaftsunternehmen zu delegieren. Dann wird beim Einkauf tatsächlich oft zu Billigfirmen tendiert, wie es im SPIEGEL- Essay formuliert wird.

Ich möchte einen weiteren Schritt zurücktreten, um auf das größere Bild zu blicken. Dann wird klar, warum wir uns in einer Art Null-Summen-Spiel bewegen.

Was heißt das für den freien Markt, wenn der Kunde direkt beteiligt ist und von Wirtschaftsunternehmen etwas einkauft, was für ihn von Nutzen ist?

Der Kunde kauft bei dem Unternehmen ein, das ihm den Nutzen zu einem Preis, den er bereit ist zu zahlen, bietet. Das Geld fließt von A nach B. In seine Nutzenüberlegungen bezieht der Kunde natürlich auch wirtschaftliche Aspekte ein:

Er stellt sich die Frage, was er sich tatsächlich leisten kann. Deshalb können Wirtschaftsunternehmen ihre Produkte und Dienstleistungen nicht zu einem willkürlichen Preis anbieten. Sie können nicht einfach hergehen und dem Kunden die Kosten ihres Produktionsprozesses zahlen lassen. Da die Wirtschaftsunternehmen an einem freien Markt miteinander konkurrieren, müssen sie versuchen, die Leistung, für die der Kunde bereit ist zu zahlen, so effizient und kostengünstig wie möglich anzubieten.

Bei den Aufgaben, die die öffentliche Verwaltung auszuführen hat, gibt es die direkte Beziehung zwischen der öffentlichen Verwaltung, die die Aufgabe für die Gemeinschaft übernimmt. Und auf der anderen Seite die öffentliche Gemeinschaft, die der Kunde der öffentlichen Verwaltung ist.

Die öffentliche Verwaltung hat ein Budget, mit dem sie eine bestimmte Aufgabe, die im Sinne des Gemeinwohls ist, erledigen soll. Dieses Geld muss nicht erwirtschaftet werden, sondern steht zur Verfügung. Und in dieser komfortablen Ausgangsposition kommt es nun zu einem Denkfehler:

Um die Aufgabe besser zu erledigen, möchte die öffentliche Verwaltung die Aufgabe nicht mit meinen eigenen Mitarbeitern, sondern von einem Wirtschaftsunternehmen erledigen lassen. Die Mitarbeiter werden lediglich damit beauftragt, eine Ausschreibung durchzuführen.

All das führt zu dem, was Nils Minkmar als „Einkauf von Billigfirmen" beschrieben hat -
letztendlich muss dieses System ja drei Beteiligte finanzieren: die öffentliche Verwaltung, dass Wirtschaftsunternehmen, das von der öffentlichen Verwaltung im Rahmen einer Ausschreibung beauftragt wird, und am Ende dann auch den Kunden. Er zahlt nicht dafür, wovon er sich einen Nutzen verspricht, sondern zahlt Steuern und Abgaben.

Die öffentliche Verwaltung delegiert Aufgaben, die eigentlich originär ihre Aufgaben sind, zumindest in Teilen wieder an Wirtschaftsunternehmen. Wenn sie tatsächlich für die Aufgabenerledigung besser geeignet sind, wozu braucht es dann überhaupt noch eine öffentliche Verwaltung?

Dieser Kostenfaktor in der Gleichung könnte eliminiert werden. Dabei würde die öffentliche Verwaltung auch von der Aufgabe entlastet, für den Kunden stellvertretend im Rahmen der öffentlichen Ausschreibung zu bewerten, mit welchem Angebot der größte Kundennutzen erzielt wird.

Wenn davon ausgegangen wird, dass es gute Gründe gibt, bestimmte Aufgaben von Wirtschaftsunternehmen erledigen zu lassen und andere Aufgaben, das Gemeinwohl betreffend, an eine öffentliche Verwaltung zu übertragen, dann darf es nicht sein, dass auf dem Weg der Ausschreibung eine Delegation von substantiellen Aufgabenanteilen quasi ein Aufgaben-Outsourcing der öffentlichen Verwaltung erfolgt.

Hier machen sich es die Manager in den Dienstleistungsinstitutionen der öffentlichen Verwaltung zu leicht. Auf diesem Weg erzielen sie nicht den Kundennutzen, den sich die öffentliche Gemeinschaft von ihnen verspricht.

Hier muss genauer hingeschaut werden, welche Anteile eine öffentliche Verwaltung im Rahmen einer Ausschreibung wieder an ein Wirtschaftsunternehmen delegieren möchte. Die prinzipielle Gleichung, dass Wirtschaftsunternehmen besser wissen, was einen Kundennutzen erzielt und wie diese Kundennutzen zu erzielen ist, geht in diesem System nicht auf.

Eine Verwaltung, die das Geld, das ihr von der öffentlichen Gemeinschaft zur Aufgabenerledigung zur Verfügung gestellt wurde, hernimmt, um sich von Teilen dieser Aufgabe wiederum durch Ausschreibung zu entlasten, sollte verpflichtet werden, den Kunden in den Prozess der Aufstellung der Ausschreibungskriterien, sowie die Bewertung der entsprechenden Angebote, einzubeziehen.

Die heutigen Instrumentarien, die über das Internet zur Verfügung stehen (Crowdsourcing, Social Forecasting, usw.), ermöglichen das.

Weitere Informationen:

Scheitert der digitale Wandel in Deutschland an der Bürokratie?

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