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Botschaften von unterwegs: Zwei Lebensrückblicke und kein Schlussstrich

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Was Grenzgänger können

Vermutlich kennen sich diese beiden Männer nicht, aber dennoch sind sie innerlich verwandt, weil sie zur Familie der Könner gehören, die ihr Leben innerlich unabhängig gestalten und schon früh erkannt haben, was ihre Bestimmung ist.

Der deutsche Kunsthistoriker, Autor, Herausgeber und Essayist Elmar Jansen, Jahrgang 1931, hat mit seinem aktuellen Essayband „Ein Luftwechsel der Empfänglichkeit" zugleich einen persönlichen Lebensrückblick vorgelegt.

Auch die Biographie des deutschen Zoologen, Evolutionsbiologen und Ökologen Josef H. Reichholf, Jahrgang 1945, „Mein Leben für die Natur", ist ein Lebensrückblick.

Bis 2010 war er Leiter der Wirbeltierabteilung der Zoologischen Staatssammlung München und lehrte an beiden Münchner Universitäten. Zahlreiche Bücher, Fachpublikationen und Fernsehauftritte machten ihn einem breiten Publikum bekannt.

Beide Biographien überlagern sich in wunderbarer Weise, ja es scheint, als würden sich beim Lesen ihrer aktuellen Bücher Fäden zusammenfügen, die als Botschaften von unterwegs lose in den Büchern liegen.

Dabei scheint es sich zunächst um gegensätzliche Lebensgeschichten zu handeln: der eine lebte und arbeitete bis zur Wende im Osten Deutschlands und der andere im Westen. Doch an keiner Stelle der Bücher ist das spürbar, denn Grenzgänger haben eine ganz eigene Sprache, die alle Zeiten überdauert und ins Offene geht.

Davon zeugt auch ihre Liebe zum Essay, zum Unfertigen, das über Grenzen hinausweist und weitergedacht werden will. Beide Bücher sind also „anschlussfähig". Sie zählen nicht Lebensdaten und Fakten auf, sondern reflektieren und kommentieren, die Autoren drehen sich nicht eitel um sich selbst, sondern nähern sich in ihren Schilderungen mosaikartig dem Kern des Lebens, der doch unerreichbar bleibt bis zum Schluss.

Ihre (Text-)Auswahl drückt persönliche Vorlieben aus. „Es ist gesiebt für den Zweck, den dieses Buch erfüllen soll. Worin besteht er? Was möchte ich damit vermitteln?
Hauptzweck ist das Persönliche, das Erleben von Natur. Für mich war und ist dies das Wichtigste. Wer sich versenkt hat in die Vielfalt der Natur, wird zum Entdecker, der nicht mehr aufhören kann. Unablässig gibt es Neues, spannendes, Überraschendes." Schreibt Josef Reichholf in seiner Biographie.

Warum man Können beweisen muss

Besonders berührend ist das Nachwort von Josef H. Reichholf, in dem er all jenen dankt, die seinem Lebensweg verbunden waren und sind. Er statte ihn allgemein ab, „weil jede Benennung eine Bevorzugung darstellte". Das wollte er vermeiden, weil sich niemand, „der beteiligt war oder sich als beteiligt empfinden darf", zurückgesetzt fühlen soll, „gleichgültig wie groß oder klein der Beitrag war".

Auch Elmar Jansen bedankt sich bei seinen Freunden, ohne eine Priorisierung vorzunehmen. Ihr Zuspruch hat das Vorhaben seines Buches in Gang gehalten. Es umfasst Lebensbilder von Ost-West-Verhältnissen, wie der Autor sie erlebte.

Vor allem auch die Zäsuren der Jahre 1945 und 1961, kommen zur Sprache, gedacht als Anregung, als Annäherung an große Themen.

Beide Bücher ziehen keinen Schlussstrich - überwiegend enthalten sie Botschaften von unterwegs. Seinen Freunden glaubt Elmar Jansen am besten danken zu können, indem er weiterarbeitet, solange es seine Kräfte zulassen.

Bekannt wurde er vor allem durch Veröffentlichungen zu Carl Gustav Carus, Käthe Kollwitz und Ernst Barlach. Er studierte bei Richard Hamann (1879-1961):

Der Kunsthistoriker und Begründer des Bildarchivs Foto Marburg übernahm 1947 neben seiner Marburger Professur auch eine Gastprofessur (ab 1948 Lehrstuhlvertretung) an der Humboldt-Universität in Berlin, bis er dort - gegen seinen Willen - 1958 entlassen wurde.

Sein handschriftlicher Protest hing eine Zeit lang am Schwarzen Brett. Er enthielt nachhaltige Sätze: „Es gibt keinen Sozialismus des Parteibuchs ... Gesinnung kann man heucheln, Können (!) muss man beweisen."

Seine Lebenshaltung spiegelt auch eine im Buch zitierte Stelle in Rilkes Dichterbriefen (1902), die Jansen nach Hamanns Tod entdeckte. Von Rodin ermutigt, schreibt Rilke hier: „Man soll arbeiten und Geduld haben. Nicht rechts, nicht links schauen. Das ganze Leben in diesen Kreis hineinziehen, nichts haben außerhalb dieses Lebens." Diese Wegleitung trug auch Elmar Jansen (wie Josef Reichholf) „einigermaßen getrost nach Hause".

Jansen, der Andersdenkende, der dies auch in seiner Personalakte bestätigt fand, arbeitete zwar in eingeschränkten Betätigungsfeldern (so war er langjähriger Mitarbeiter der Ost-Berliner Akademie der Wissenschaften, ab 1971 Akademie der Künste, die ihn 1989 zum Professor berief), was aber seine „freischwebende Intelligenz" nicht einschränkte.

Sie zeichnet sich durch unabhängiges Denken und Handeln aus und rebelliert unerschrocken gegen Bevormundung.

Bemüht um einen vorurteilsfreien Blick, erhielt er oft Prädikate wie „mangelnder Ehrgeiz" oder „Thema verfehlt". Auf Nebenschauplätzen wurden ihm Lehrjahre zuteil, die sein Leben wesentlich geprägt haben.

Wer gängige Pfade verlässt und sich durch das Dickicht des Zweifels schlägt, muss auf der Hut sein und mit bitteren Erkenntnissen rechnen.

Dort, wo sich die strebsamen Aufsteiger oder auch Anpasser trafen, „begehrte der Eleve keinen Zutritt. Auch bei Abweichlern, die ketzerische Bemerkungen vom Stapel ließen, schien ihm Vorsicht erlaubt."

Auch der Naturforscher Josef H. Reichholf machte im Westen - wenn auch in anderen Kontexten - ähnliche Erfahrungen: zum Beispiel, dass Forschungen in der Natur nicht frei von Zeitströmungen sind.

Das musste er erst lernen zu akzeptieren. Dazu gehörten auch die Anfeindungen, „denen man ausgesetzt ist, wenn man sich die kritische Distanz bewahrt und nicht mit dem Strom schwimmt".

Ihre freischwebende Intelligenz hat die beiden aus Grenzgebieten hinausgetragen. Für Reichholf wirkte der Eiserne Vorhang wie ein riesiges Naturschutzgebiet, „zu dem alles Verfolgte Zugang hatte und Schutz fand, was nicht wie ein Mensch aussah". Und Jansen fand sich aufgehoben in Kunst und Literatur.

Davon zeugt seine in Ostdeutschland entstandene Essayistik, die das westliche Publikum leider nur sporadisch erreichte. Der Stil seiner Essays ist wie bei Reichholf nicht akademisch, sondern durchdrungen von der Liebe zum jeweiligen Thema.

Viele seiner vor Jahrzehnten entstandenen Texte lesen sich „frisch wie eine Zeitung" (Goethe über Wielands Cicero-Übersetzungen): Sie sind unverbraucht und gegenwärtig.

Beide Bücher zeugen von echter Könnerschaft im Sinne des Philosophen und Essayisten Paul Valéry, dessen Haltung Parallelen zum ästhetischen Imperativ des österreichischen Biokybernetikers Heinz von Foerster aufweist:

„Willst du erkennen, lerne zu handeln!"

Wie stark Valéry am Können und am Möglichen orientiert war, zeigt sein Satz, der für den Kunsthistoriker Elmar Jansen und den Naturforscher Josef H. Reichholf genauso gilt:

„Ich KANN tun, handeln, ändern - das ist die Bedeutung von Fähigkeit - und der Aspekt des Handelns."

Um die aktuellen Probleme und Herausforderungen „anzupacken" und nicht nur darüber zu reden, brauchen wir Könner wie diese wahrlich glänzenden Essayisten, die den äußeren Schein meiden, aber deren Werke umso heller strahlen und eine leuchtende Wegbegleitung sind - wenn wir es wollen.

Literatur:

Elmar Jansen: Ein Luftwechsel der Empfänglichkeit. Baal, Barlach, Benjamin und andere Essays. Wallstein Verlag, Göttingen 2016.

Josef H. Reichholf: Mein Leben für die Natur. Auf den Spuren von Evolution und Ökologie. S. Fischer Verlag GmbH, Frankfurt am Main 2015.

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