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Bootshäuser 2.0: Kult(ur) der neuen Sommerfrische

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BOATHOUSE
Hemera Technologies via Getty Images
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Nah am Wasser gebaut

Bootshäuser sind heute ein Symbol für Lebenskunst, die Kunst des gelingenden Lebens, das inhaltsvoll und authentisch ist und zahlreiche Bedeutungen hervorbringt.

Bei einem Bootshaus ist Nähe von Ferne umspielt. Wer dort Einzug hält, ist anwesend und gleichzeitig weit weg. Es zieht vor allem jene an, die das Draußensein suchen - aber gleichzeitig auch einen ruhenden Pol, einen stabilen Standpunkt in der Welt und in sich selbst.

Das Bootshaus gewährt gleichermaßen einen achtsamen Blick nach innen und nach außen. In der Krise - eigentlich ein Ausnahmezustand, der heute zum Dauerzustand geworden ist - erlebt es einen besonderen Boom. Dabei handelt es sich um keine Rückkehr, denn das Bootshaus verschwand ja nie - vielmehr geht es um eine neue Form seines Erscheinens, die zugleich Umrisse einer Kultur der Nachhaltigkeit sichtbar werden lässt.

Sie ist geprägt von der Sehnsucht nach Gelassenheit und Entschleunigung, von der Suche nach Einfachheit, Gemeinschaft und Sinn.

Die Bootshäuser 2.0 sind allerdings keine leidlich zusammengezimmerten Holzverschläge mehr mit null Komfort, vielmehr passen sie gut zum ökologisch orientierten Architekturtrend.

Es sind moderne Häuser, die wie gediegene Öko-Häuser aussehen, sie haben eine Wohnküche, sind beheizbar, haben ein Bad, eine Terrasse und alle Annehmlichkeiten des Alltags.

„Der Trend geht zu besser ausgestatteten Bootshäusern aus Holz, die zugleich das Bedürfnis nach Natürlichkeit stillen", sagt Alexandra Pöllmann, Inhaberin des Hotel Zimmerbräu in St. Wolfgang, zu dem auch ein Bootshaus gehört, das vor Jahrzehnten lediglich der Anlieferung von Waren diente und nur eine „Herberge" für Boote war.

Seit 1997 ist das Zimmerbräu im Besitz von Johann und Alexandra Pöllmann, die das Gasthaus ab 1999 in ein Vier-Sterne-Hotel umgewandelt haben.

Das Bootshaus mit eigenem Zugang zum Wolfgangsee und Blick auf die Pfarrkirche ist ein Kleinod nur ein paar Gehminuten davon entfernt. Sobald man es betritt, ist man in der „Sommerfrische" im Salzkammergut.

Der Begriff hat hier zu jeder Jahreszeit Tradition und ist keineswegs veraltet. Der Ausdruck Sommerfrische verbreitete sich im 19. Jahrhundert. Im Wörterbuch der Brüder Grimm wird er definiert als „Erholungsaufenthalt der Städter auf dem Lande zur Sommerzeit" oder „Landlust der Städter im Sommer".

Das Wort selbst soll dem Italienischen entstammen: „prendere il fresco" (Kühlung nehmen). Bekannte österreichische Sommerfrischen waren das Salzkammergut, die Regionen um Semmering und Rax, das oststeirische Joglland. Der Wienerwald und das Kamptal galten und gelten als Wiener Naherholungsräume. Diese Regionen sind zum Teil Zentren des Sommertourismus geblieben.

Die neue Holzklasse

Auch wenn sich die Sommerfrische des Fin de Siècle über mehrere Monate erstreckte (für die, die es sich leisten konnten), so entsteht doch im modernen Bootshaus in St. Wolfgang der Eindruck, dass sich die Zeit dehnt und Tage zu Wochen oder Monaten werden. Sommerfrische statt Urlaub.

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Copyright: Dr. Alexandra Hildebrandt

Im oberen Stockwerk findet sich der große Wohn-Ess-Bereich, dem eine große Sonnenterrasse vorgelagert ist. Direkt vor den bodenhohen Fenstern kräuselt sich der Wolfgangsee. Enten und Dampfer ziehen vorbei. Und wenn man im Bett liegt, hört man, wie die Wellen gegen die Wände schwappen. Diese Atmosphäre inspiriert auch zahlreiche Künstler.

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Illustration und Gestaltung: Raimund Frey

Die neue „Holzklasse" ist natürlich und nachhaltig, sie vermittelt den Bewohnern auch an weniger sonnigen Tagen Heimeligkeit und das Gefühl, unterwegs und zugleich angekommen zu sein.

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Copyright: Dr. Alexandra Hildebrandt

„Die Nachfrage ist enorm", sagt Alexandra Pöllmann, die außerdem bemerkt, dass Individualität als Megatrend längst auch in der Tourismusbranche angekommen ist:

Viele Menschen wollen keinen Massentourismus mehr und in der Sommerfrische auch keine Konventionen befolgen, keine Kleiderordnung einhalten oder die Mahlzeiten nicht zu vorgeschrieben Zeiten einnehmen. Sie wollen sein wie sie sind. Und in Zeiten der Krise das Gefühl erleben, an einem Ort geborgen zu sein.

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