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Bildung forever: Warum der Rohstoff unserer Zukunft so wertvoll ist

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Programmieren braucht Könner

In einer durchrationalisierten Gesellschaft, in der Roboter die Arbeitswelt prägen, wird immer wieder von der Notwendigkeit von Aus- und Weiterbildung gesprochen, weil hochqualifizierte und digitalaffine Mitarbeiter gebraucht werden. Das greift allerdings nicht weit genug, denn Fachwissen veraltet heute immer schneller. Was im Gegensatz zu Aus- und Weiterbildung bleibt, ist nachhaltige Bildung. Panoramablick und Überblickswissen, richtige Rahmenbedingungen für Persönlichkeitsbildung, Kompetenz- und Wissenserwerb sowie Werteerziehung im Humboldtschen Sinne sind in der Komplexitätsgesellschaft unabdingbar.

Bildung hat mit Hervorbringen zu tun, sie ist etwas Schöpferisches, keine Pflicht - und schon gar kein standardisiertes Prüfverfahren. Es geht vor allem darum, Inhalte und Prozesse zu verstehen und sich dadurch Fähigkeiten anzueignen, innerlich zu wachsen und sich selbst und die Welt besser zu verstehen.

Das deutsche Schulsystem, vielfach in der Fabrikgesellschaft steckengeblieben, ist darauf nicht ausreichend vorbereitet - das Versagen ist buchstäblich vorprogrammiert. Die Gründe dafür liegen in der Kleinstaaterei, Konzeptlosigkeit und Unterfinanzierung. Der Unternehmens- und Politikberater Roland Berger äußerte kürzlich gegenüber der Süddeutschen Zeitung, dass er gern eine grundlegende Bildungsreform angehen würde, denn es sei unerträglich, „dass Akademikerkinder eine dreimal so hohe Chance haben, an die Universität zu kommen wie Nichtakademikerkinder. Das ist moralisch nicht vertretbar und bedeutet einen riesigen Talentverlust für unsere Gesellschaft."

Zudem plädierte er dafür, dass jeder Schulabgänger codieren können und eine Programmiersprache beherrschen sollte, „um für die digitale Welt gerüstet zu sein." (Süddeutsche Zeitung 4.9.2017) Wer sie nicht lernt, gehört heute nach Ansicht der Medienwissenschaftlerin Miriam Meckel zu den „neuen Analphabeten". Bildung ist für sie ein Rohstoff, der über die Zukunft Deutschlands entscheidet. Und Douglas Roushkoff betitelte seine „Zehn Gebote des Digitalen Zeitalters": „Programmiere oder werde programmiert".

Zwangsdigitalisierung ist allerdings auch keine Lösung. Im Zentrum sollte immer die Entwicklung von Kompetenzen stehen, weil sie die Anwendbarkeit von Wissen beinhaltet. Programmieren kann wie Wissen nicht eingetrichtert, sondern muss handelnd und übend selbst aufgebaut werden.

Wissen ist nach Ansicht des Managementvordenkers Niels Pfläging ein Kind der Vergangenheit. In einer stetig sich wandelnden Welt kann es die Zukunft nicht sichern. Vielmehr braucht es Können (!), „um mit gänzlichen neuen Problemen umzugehen. Das wiederum haben nur Könner - also geübte Menschen mit Ideen". Wissen entsteht durch Büffeln - Können nur durch Üben.

Wenn damit bei den Jüngsten nicht begonnen wird, wird nicht nur ihre Urteilsfähigkeit verkümmern, sie werden auch zu bloßen Konsumenten digitaler Techniken. Deshalb ist es wichtig, so früh wie möglich ein Grundverständnis davon zu erhalten, wie sie theoretisch und praktisch funktionieren. Wer richtig programmieren gelernt hat, wird auch die Möglichkeiten und Grenzen dieser Technik besser verstehen.

Die frühe Auseinandersetzung mit dem Thema nimmt zugleich die diffuse Furcht vor allem Technischen. Programmieren kann durchaus kreativ sein. Das bestätigt auch Florian Leibert, einer der erfolgreichsten deutschen Gründer im Silicon Valley: Man kann damit „sehr schnell etwas kreieren, ohne dass man auf andere Leute angewiesen ist. Ein Architekt zum Beispiel entwirft ein Haus, es wird aber von jemand anderem gebaut. Als Programmierer kann man das alles selbst umsetzen" (Süddeutsche Zeitung, 14./15.8.2017).

Was wir heute brauchen, sind Könner, „geübte Menschen mit Ideen" (Niels Pfläging), für die nicht nur Bildung eine wertvolle Ressource ist, sondern auch das Scheitern und der offene und konstruktive Umgang mit Fehlern. Leider muss in Deutschland - wo der Misserfolg oft mehr betont wird als die kleinen Schritte des Fortschritts - von Anfang an alles perfekt sein, in vielen Unternehmen und Organisationen sind Fehler sogar unerwünscht. Wer dennoch einen begeht, dem droht Ärger, was dazu führt, dass Mitarbeiter schnell die Lust an Neuem verlieren.

Ideenfriedhöfe und Bildung forever

Der Innovationsexperte Jens-Uwe Meyer, ehemaliger Chefreporter von Pro Sieben und Programmdirektor von Antenne Thüringen, empfiehlt Unternehmen, keine Angst vor „Innovationsfriedhöfen" zu haben, weil es erlaubt sein muss, mit Experimenten zu scheitern. Für die Meister ihres Fachs, zu denen auch der österreichische Chocolatier Josef Zotter gehört, sind Ideenfriedhöfe etwas Selbstverständliches.

Seit 2012 begräbt er seine Ex-Schokosorten und Ideen auf dem Ideenfriedhof in einem Essbaren Tiergarten, wo er für Transparenz und Wertschätzung von Lebensmitteln wirbt. Da Ideen ständig hervorgebracht („geboren") werden und irgendwann sterben, wollte er diesen Prozess sichtbar machen und zeigen, dass dies ein wichtiger Teil seiner Geschichte ist. Auf dem Ideenfriedhof liegen Ideen, die nie umgesetzt wurden, aber auch Kreationen, die der Unternehmer irgendwann begraben hat. Schoko-Grabsteine erinnern an Ideen und Schokosorten, die nicht mehr erhältlich sind. Da viele Besucher den alten Schoko-Sorten nachtrauern, lässt er einige für kurze Zeit als Revival wieder aufleben. Die Kreationen werden dann buchstäblich „exhumiert". Dadurch wird Vergänglichkeit bewusst genossen.

Wer einfach macht, kalkuliert auch Fehler und das Scheitern mit ein. Am wichtigsten ist es für den Unternehmer, sich dazu zu bekennen und daraus zu lernen, um neue Wege einzuschlagen und sich weiterzuentwickeln: „Die ganze Natur, die Evolution und der Mensch basiert auf dem Trail-and-error-Prinzip. Ohne Fehler keine Entwicklung!"

Die renommierte Innovationsforscherin Univ.-Prof. Dr. Marion A Weissenberger-Eibl ist bis heute von Menschen fasziniert, die wie er Ideen schnell in marktfähige Produkte verwandeln und Dinge mutig verwirklichen - trotz bestehender Unsicherheiten. Seit 2007 leitet sie das Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung ISI in Karlsruhe und ist Inhaberin des Lehrstuhls Innovations- und TechnologieManagement am Karlsruher Institut für Technologie (KIT).

Um in Unternehmen heute einen Strom von neuen Ideen zu produzieren, muss nach Ansicht der Wissenschaftlerin die gesamte Organisation konsequent auf Innovation ausgerichtet werden. Wichtig sei das schrittweise und systematische Vorgehen. Allerdings lässt sich Kreativität nicht befehlen oder erzwingen, sondern muss entsprechende Rahmenbedingungen schaffen.

„Oft haben Mitarbeiter in Unternehmen oder in Forschungseinrichtungen relativ konkrete Vorstellungen darüber, wie man Prozesse oder Produkte verbessern kann. Die werden allerdings nicht immer umgesetzt - vielleicht auch, weil sie unbekannt bleiben. Ein gutes Ideenmanagement strukturiert die Generierung, Sammlung und Auswahl geeigneter Ideen für Verbesserungen und Neuerungen."

Dem Ideenmanagement folgt dann das Innovationsmanagement, was eine Art Brückenschlag zwischen Kreativität und Innovation darstellt. Ein nachhaltig ausgerichtetes Innovationsmanagement betrachtet die unternehmensinterne sowie -externe Perspektive und ermöglicht einen dauerhaften Kreativitätsprozess im Unternehmen, in dem auch Fehler gemacht werden können und Ideen sterben dürfen.

Bildung forever.

Themen wie Wissenschaft, Forschung, Innovation und Bildung im kamen in den TV-Duellen zum Bundestagswahlkampf fast gar nicht zur Sprache. Selbst die Partei-Programme zur Bundestagswahl bieten wenig Konkretes zu Themen mit wissenschaftlichem Bezug. Die Organisatoren des „March for Science" Berlin haben deshalb 15 Thesen aus dem Bereich Wissenschaft und Forschung aufgestellt und die Parteien Bündnis90/Die Grünen, CDU/CSU, SPD, Linke, FDP, Piratenpartei sowie AfD zu deren jeweiligen Positionen befragt. Wie sie geantwortet haben, und welche Partei in Sachen Wissenschaft ähnlich denkt, lässt sich nun mit dem „Science-O-Mat" herausfinden. Das Tool basiert allein auf den von den Parteien zur Verfügung gestellten Informationen. Der Science-O-Mat soll lediglich als Hilfsmittel dienen und stellt keine Wahlempfehlung dar.

Weiterführende Informationen:

Marion A. Weissenberger-Eibl: Der immerwährende Neuanfang - Lebens- und Arbeitswelten der Zukunft. In: Endlich! Leben und Überleben. In: Jahrbuch der Salzburger Hochschulwochen. Hg. von Gregor Maria Hoff. Tyrolia Verlag, Innsbruck, Wien 2010, S. 144-159.

Niels Pfläging, Silke Hermann: Komplexithoden. Clevere Wege zur (Wieder)Belebung von Unternehmen und Arbeit in Komplexität. Redline Verlag, München 2015.

CSR und Digitalisierung. Der digitale Wandel als Chance und Herausforderung für Wirtschaft und Gesellschaft. Hg. von Alexandra Hildebrandt und Werner Landhäußer. SpringerGabler, Heidelberg Berlin 2017.

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