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Betriebswirtschaft ist ein MUSS für Nachhaltigkeit: Interview mit Stephan Bongwald, Nachhaltigkeitsbeauftragter bei den Barmenia Versicherungen

04/03/2017 15:14 CET | Aktualisiert 04/03/2017 15:14 CET
Morsa Images via Getty Images

Stephan Bongwald ist seit 2012 Nachhaltigkeitsbeauftragter bei den Barmenia Versicherungen. Als gelernter Versicherungskaufmann und Diplom-Betriebswirt ist er seit 1989 nahezu unterbrechungsfrei bei den Barmenia Versicherungen. In den Wuppertaler Hauptverwaltungen absolvierte er seine Ausbildung und baute nach dem Studium seit 1998 den Bereich E-Marketing mit auf.

2005 wechselte er in den vorstandsnahen Bereich der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit, wo seine Haupttätigkeit in der Pressearbeit lag. In diesem Fachgebiet absolvierte er 2010 nebenberuflich noch den PZOK-Abschluss zum PR-Berater. Zu seinen weiteren Aufgaben der Öffentlichkeitsarbeit zählten das Spendenwesen, Sponsoringmaßnahmen sowie Veranstaltungsmanagement.

2008 war für Stephan Bongwald das Jahr, das den Weg ebnete für seine jetzige Funktion - den Nachhaltigkeitsbeauftragten. Der Barmenia-Vorstand beschloss, am erstmals durchgeführten Deutschen Nachhaltigkeitspreis teilzunehmen. Der damalige Pressereferent wurde mit der Aufgabe betraut, den umfangreichen Fragebogen im Hause zu koordinieren und zu beantworten.

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Copyright: Barmenia Versicherungen (Fotografin: Kristina Malis)

Herr Bongwald, war die Barmenia bereits in 2008 ein Unternehmen, in dem Nachhaltigkeit eine wichtige Rolle spielte?

Ehrlich gesagt mussten wir auch erst einmal den Nachhaltigkeitsbegriff in all seinen Facetten deuten. Auch heutzutage glauben noch viele Menschen, dass dieser Begriff nur die Umweltaspekte umfasst, aber ganz wichtig sind die Wirtschaftlichkeit und auch die soziale Verantwortung. Mit diesem Wissen habe ich die Informationen in allen Fachbereichen unseres Hauses zusammengetragen und den Fragebogen für den Deutschen Nachhaltigkeitspreis beantwortet. Wir haben uns natürlich sehr gefreut, dass wir direkt einen Sonderpreis gewonnen haben - und das in einem sehr renommierten Umfeld.

Sie haben direkt einen Sonderpreis erhalten, obwohl Nachhaltigkeit noch kein Bestandteil der Unternehmenskultur war?

Seit Ende der 90er Jahre haben wir bereits unser Leitbild, das unser Werteverständnis widerspiegelt und auch die Unternehmensziele sind für uns Eckpfeiler der Barmenia-Kultur. Nachhaltigkeit wird seit langer Zeit gelebt, aber der Begriff nicht verwendet. Nach dem Beginn des Sonderpreises haben wir uns zur Aufgabe gemacht, den Begriff stärker ins Haus zu kommunizieren und zu erklären, was sich dahinter verbirgt. Dies führte auch zur Veröffentlichung unseres ersten Nachhaltigkeitsberichts im Jahr 2009.

Wie wurden Sie Nachhaltigkeitsbeauftragter?

Ende 2010 haben unsere Vorstände beschlossen, dass wir bis zum Jahr 2016 CO2-neutral wirtschaften wollen. Dazu wurde zu Beginn des Jahres 2011 das Umweltmanagementteam gegründet, das aus Vertretern der Fachbereiche zusammengesetzt wurde, die zur CO2-Vermeidung oder -Kompensation beitragen konnten. Ein Vorstandsmitglied leitet das Team. Da ich mir - auch durch die Erstellung des Nachhaltigkeitsberichts 2009 inkl. GRI-Kennzahlen - umfangreiches (Nachhaltigkeits-)Wissen angeeignet hatte, wurde ich als Vertreter der Unternehmenskommunikation ins Team entsandt. In 2012 wurde ich mit der Koordination des Umweltmanagementteams betraut und zum Nachhaltigkeitsbeauftragten ernannt.

Nachhaltigkeitsbeauftragter gleich Umweltbeauftragter?

In meiner Tätigkeit gab es zwei Schwerpunkte. Der erste Schwerpunkt ist die Koordination und die Kommunikation von "vermeintlichen" Nachhaltigkeitsthemen. Dazu zählen u. a. die Erstellung von Nachhaltigkeitsberichten und die Unterstützung unserer Vorstände zum Beispiel bei der Vorbereitung der Sitzungen unseres Nachhaltigkeitsbeirats oder der Koordination von Forschungsstudien sowie Zertifizierungen. Gleichzeitig bin ich Ansprechpartner für unsere Stakeholder zu dieser Thematik. Der zweite Schwerpunkt meiner Aufgabe ist die Koordination unseres Umweltmanagementteams.

Wie haben Sie Ihre Aufgabe bezüglich der Umweltthemen bisher wahrgenommen?

In meiner Funktion und gelernter Betriebswirtschaftler war es mir immer wichtig, dass Maßnahmen wirtschaftlich bleiben und entsprechende Zahlen vorgewiesen werden können. Im Umweltmanagement haben wir gemerkt, dass wir uns intern nicht nur Freunde machen, wenn wir mit dem Umweltthema kommen. Wir hatten somit die Aufgabe, das Ziel CO2-Neutralität zu erklären und gleichzeitig zu zeigen, dass auch wir wirtschaftlich denken. Wir haben den internen kommunikativen Prozess von einem Doktoranden begleiten lassen, der uns seine Beobachtungen Mitte dieses Jahres vorstellen wird. Auch am Forschungsprojekt waren wir als Praxisbeispiel beteiligt. Ich bin Ansprechpartner, Interviewpartner und auch Koordinator.

Wie erklären Sie denn das Ziel CO2-Neutralität, wo die Versicherungsbranche doch nicht als Umweltsünder gesehen wird?

Tatsache ist, dass die Versicherungsbranche Schutz gegen Umweltschäden bietet und extreme Naturereignisse deshalb jedes Jahr in den Bilanzen erkennbar sind. Der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft veröffentlicht jedes Jahr den sogenannten Naturgefahrenreport , in dem er die finanziellen Auswirkungen der Naturgefahren aufzeigt. Nehmen Sie alleine die Sturm- und Hagelschäden. In 2015 wurden in der Sachversicherung 1,9 Mrd. Euro geleistet und in der Kfz-Versicherung 655 Mio. Euro. Hier hat man einen konkreten Ansatzpunkt für die Kommunikation.

Uns war es von Beginn an wichtig, dass wir nicht nur einfach Emissionszertifikate erwerben, sondern den Klimawandel direkt bekämpfen wollen. Deshalb war das Ergebnis in der ersten Diskussion im Umweltmanagementteam, dass wir bis zum Jahr 2016 Verbräuche und Emissionen reduzieren wollen. Verbrauchsreduktionen z. B. bei Strom, Heizenergie, Wasser und Abfall bringen Kostenvorteile und auch die Klimaschutzzertifikate gibt es nicht umsonst. Wir haben es in den Jahren geschafft, Verbräuche drastisch zu senken und auch die Emissionen um fast 2/3 zu reduzieren. Schön ist, dass wir mit unserem Ansinnen internationale und auch unsere nationalen Umweltziele damit unterstützen.

Inwieweit beeinflussen Sie persönlich die Entscheidungen in anderen Bereichen?

Wenn ich durch mein Netzwerk - u. a. durch die Mitgliedschaft bei B.A.U.M. e. V. - neue Themen in Erfahrung bringe, gebe ich sie in die zuständigen Bereiche. Hier suche ich den Dialog und sehe mich in einer Beraterfunktion. Die Umsetzung liegt aber in der Fachkompetenz der jeweiligen Bereiche. Ich berichte dann wiederum über Maßnahmen beispielsweise in unseren Nachhaltigkeitsberichten. Bei Vorträgen und auch als Mentor des Deutschen Nachhaltigkeitskodex zeige ich aber die gesamte Bandbreite von Barmenia-Themen auf, die der Unternehmensverantwortung zugeschrieben werden. Unser Vorstand steht aber hier auch natürlich an vorderster Stelle und hält auch Vorträge zu diesen Themen.

Was sehen Sie als wesentliche Meilensteine der Barmenia an, und wie haben Sie diese unterstützt?

Als Versicherung ist uns besonders wichtig, dass die Kundengelder sicher angelegt sind und eine gute Rendite erzielt wird. In 2014 hat der Barmenia-Vorstand beschlossen, dass wir uns zu den Grundsätzen für nachhaltiges Investieren der Vereinten Nationen bekennen. Hier habe ich den Kapitalanlagebereich unterstützt und die Internetseiten kommunikativ aufgebaut. Seitdem gibt es einen regelmäßigen Austausch mit Vertretern des Bereiches, wo wir auch über zukünftige Entwicklungen diskutieren. Ein weiterer Meilenstein war sicherlich auch die Zertifizierung vom TÜV Rheinland zur Nachhaltigen Unternehmensführung. In 2015 haben uns drei Auditoren neun Tage geprüft, ob wir den Anforderungen entsprechen. Es hat uns sehr gefreut, dass wir im ersten Anlauf das Zertifikat erhalten haben. Dies war eine tolle Bestätigung für alle.

Ist Nachhaltigkeit zu dem Begriff in der Barmenia geworden?

Der Begriff hat einen Bekanntheitswert erlangt und die Mitarbeiter wissen, was darunter zu verstehen ist. Durch die omnipräsente Verwendung des Begriffs in den Medien und in der Politik hat er leider nicht mehr diesen Stellenwert, den wir eigentlich erhofft hatten. Mittlerweile kann man sagen, dass er inflationär eingesetzt wird. Deshalb haben wir unsere Kommunikation in 2014 bereits geändert. Das Unternehmensziel Nachhaltigkeit haben wir deshalb in Verantwortungsbewusstsein umbenannt. Dort heißt es: "Wir sind uns unserer Verantwortung für das Unternehmen, unsere Kunden und Mitarbeiter, die Mitmenschen und für die Umwelt bewusst. Deshalb sind uns wirtschaftliches Wachstum, gesellschaftliches Engagement sowie Umweltschutz wichtige Anliegen."

Sprechen Sie jetzt gar nicht mehr von Nachhaltigkeit?

Natürlich gibt es feststehende Begriffe wie Nachhaltigkeitsbericht und auch in der Gesellschaft wird dieser Begriff häufig verwendet. Wir setzen ihn noch bewusster ein, man kann sagen zielgruppenspezifisch. Zudem wird die CSR-Berichtspflicht sicherlich auch noch einmal etwas ändern.

Was raten Sie Unternehmen, die sich auf den Weg zu mehr Verantwortung begeben?

Der Vorstand muss voll und ganz dahinter stehen und das Thema in all seinen Facetten prozessmäßig und kommunikativ vorantreiben. Funktionen darunter können nur unterstützend tätig sein. Aus meiner Erfahrung kann ich sagen, dass wenn Sie sich einmal auf den Weg gemacht haben, ziehen alle an einem Strang. Man soll aber nicht glauben, dass man irgendwann 100 Prozent erreicht hat. Es handelt sich um einen kontinuierlichen Verbesserungsprozess.

Welchen Vorteil sehen Sie für Unternehmen?

Wenn Sie Ihre Unternehmensverantwortung richtig wahrnehmen, haben Sie ein Risiko- und Reputationsmanagement aufgebaut, das ihr Unternehmen grundsolide darstellt. Gleichzeitig kann man mit diesem insgesamt positiv besetzten Thema kommunikativ punkten. Es lohnt sich also, sich mit dem Thema Unternehmensverantwortung bis ins letzte Detail auseinanderzusetzen.

Können Sie dem jungen Nachwuchs Tipps geben?

Wichtig ist, dass man frühzeitig den Kontakt zu Unternehmen sucht, die - aus welchen Gründen auch immer - nachhaltig handeln wollen oder auch müssen. Dies kann über Ferienjobs oder Praktika geschehen, aber auch Studienveranstaltungen können helfen. In Wuppertal gab es in den letzten Jahren beispielsweise "Sustainable Insights", wo interdisziplinär an Case Studies von Unternehmen gearbeitet wurde.

Weitere Informationen

Weitere Informationen:

Alexandra Hildebrandt: CSR-Manager gesucht! Ein Berufsbild zwischen Wunsch und Wirklichkeit von Amazon Media EU S.à r.l. Kindle Edition 2017.

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