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Was Nachhaltigkeit im Bestattungswesen bedeutet

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CEMETERY
peter zelei via Getty Images
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Die Bestattungs- und Friedhofskultur befindet sich heute wie viele andere Branchen in einem Transformationsprozess. Der Diplom-Ingenieur Timothy C. Vincent spricht von einer „Schwelle", weil es sich um einen Übergang handelt.

Er beschäftigte sich schon früh mit Grabmal-Recycling, erfand ein zukunftsweisendes Bestattungskonzept und gehört zu den Pionieren in Deutschland, die sich dem Thema QR-Code auf Grabmalen verschrieben haben.

Kerngeschäft seiner 2003 in Wetter (NRW) gegründeten Steinbildhauerei ist die handwerkliche Fertigung von Grabmalen. Natursteine sind der Grundstoff, aus denen der Steinbildhauer und Gestalter handwerkliche Unikate in hochwertiger Qualität schafft, exklusiv nach eigenen Entwürfen oder in gemeinschaftlicher Erarbeitung mit den Hinterbliebenen. Verwendet wird ausschließlich nachhaltiges Natursteinmaterial.

Zu seiner Arbeit gehören auch Beschriftungen, Reparaturen und Restaurierungen von Grabmalen. Zudem gestaltet er Kunstobjekte aus Naturstein.

2014 gründete Timothy C. Vincent die Initiative Handwerk mit Verantwortung (Vereinsgründung November 2015) und rief das gemeinnützige Projekt Andenken www.im.andenken-verbleiben.de ins Leben. Darüber hinaus verkauft er Steinmetzwerkzeug, das seit 1638 in Frankreich hergestellt wird und von einem Unternehmen stammt, das ISO 14001 zertifiziert ist, über einen eigenen Internetshop.

2016 gründete er eine GWÖ-Regionalgruppe und schreibt derzeit an meiner Gemeinwohl-Ökonomie-Bilanz.

In seinem Gastbeitrag erläutert wer, was Nachhaltigkeit im Bestattungswesen bedeutet, und worauf wir im modernen „Steinzeitalter" achten sollten

Gastbeitrag von Timothy C. Vincent:

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Wir lassen heute hinter uns, was im Zuge des kulturellen Fortschreitens "nicht mehr benötigt" wird:

Dazu gehören u.a. große Gruften mit großen Grabmalen, vererbte Gräber mit langen Pflegezyklen, tradierte Friedhofsgänge. Das hatte vor allem damit zu tun, dass ein Grab früher zum Besitzstand gehörte, was heute kaum mehr der Fall ist. Trauer hat sich in private Räume zurückgezogen, ist nicht mehr öffentlich.

Mit dieser Entwicklung verbunden sind auch alternative Bestattungsformen wie Baumbestattungen, Tier-Mensch-Bestattungen, anonyme Bestattungen auf Wiesen, Gemeinschaftsgräber, Kolumbarien, aber auch Obskures wie Verstreuungen der Asche aus dem Heißluftballon oder das Schießen der Urne ins Weltall.

Durch die zunehmende Nachfrage nach Einäscherung des Leichnams ist der Platzbedarf für die Bestattung von Urnen geringer gegenüber der Körperbestattung, die Gräber werden in der Fläche kleiner. Dies bedingt kleinere Grabgestaltungen aus Stein, oder die Beisetzung geht in die Vertikale (Kolumbarien), wobei hier zu beachten ist, das diese Form eine reine Aufbewahrung ist.

Nach Ablauf der Ruhezeit müsste die Urne noch bestattet werden, dies geschieht im günstigsten Fall still irgendwo auf dem Friedhof. Da aber die Urnen nach Ablauf der Ruhezeit keinen postmortalen Würdeschutz mehr genießen, kann mit diesen auch nach Gutdünken verfahren werden. (Das war der Grundgedanke zur Erfindung des Ewigkeitsbrunnens. Als Weiterentwicklung dieses Gedankens ist es natürlich sinnvoll, die Bestattung der Urnenasche direkt im Ewigkeitsbrunnen vorzunehmen.)

Ein "nachhaltiges" Grabmal gestalten

Um bei den verbleibenden Grabstellen, für die noch ein Grabmal nachgefragt wird (Einzelgrab, Doppelgrab, Gräber ohne Gestaltung bzw. sogenannte "Halbanonyme", Urnengemeinschaftsgräber), eine Beschriftung vorzunehmen, ist es sinnvoll, ein "nachhaltiges" Grabmal zu gestalten, das unter sozialen, ökologischen und ökonomischen Gesichtspunkten hergestellt wurde.

Dazu gehören beispielsweise die Einhaltung der Menschenrechte, Vermeidung von umweltschädlichen Emissionen, kurze Lieferwege, gerechte Löhne oder gesetzeskonforme Arbeitsbedingungen. Und hier liegt der Hase im Pfeffer:

Der Preis für ein Grabmal, gefertigt in Fernost (China, Indien, Vietnam) liegt weit unter dem eines in Europa oder gar in Deutschland aus regionalem Gestein hergestellten. Wenn man ganz gehässig formuliert, werden in die deutschen Preise neben dem tariflichen Verdienst sämtliche gesetzlichen Auflagen eingepreist. Im Umkehrschluss werden in die Natursteinprodukte aus Fernost keine Standards eingerechnet, z.B. der Transport per Containerfrachter (265 kg CO2/to Naturstein, Quelle: DNV).

Hierbei entstehen hohe SO2-Emissionen: Die Frachter fahren mit Bunkeröl, dem Abfallprodukt der Raffinerien - dieses muss auf ca. 100° C erhitzt werden, damit es fließfähig ist. Ein Frachter emittiert so viel SO2 wie 50 Millionen Fahrzeuge, 20 Frachter so viel wie alle Fahrzeuge auf dieser Welt, es fahren 60.000 Frachter auf unseren Weltmeeren. Weitere Daten und Fakten finden sich in der ARD-Reportage "Seeblind" (auf youtube heißt die Dokumentation "Der sterbende Planet").

Auf dem Weg der Nachhaltigkeit

Man kann sich vorstellen, dass in einem Land wie Indien, welches weder Mindestalter (ILO 138) noch die schlimmste Form von Kinderarbeit (ILO182) ratifiziert hat, die Arbeitskosten entsprechend gering ausfallen.

Diese Zustände sollen hier nur exemplarisch für die tolerierte Verantwortungslosigkeit stehen, die uns begegnet, wenn wir über den Kauf eines Grabmales nachdenken.

Daraus folgt, dass ein nachhaltiges Grabmal nicht Teil einer solchen Wertschöpfungskette ist. Und ja, nachhaltige Grabmale werden verkauft, aber weniger nachgefragt, denn um diese beschriebenen Implikationen weiß der Konsument oft nichts. Mitunter hat er mal von Kinderarbeit gehört. Aber das war es auch schon.

Es ist leider so, dass der Steinverkäufer (ich sage hier extra Händler, denn ca. 70-80 % der Grabmale auf den Friedhöfen stammen fertig aus dem Handel, aus dem Import) nur noch den Stein beschriftet und ausliefert. Sandstrahlen oder Schrift aufdübeln ist allerdings keine Kerntätigkeit eines Steinmetzes!

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Jedem Interessierten möchte ich die Leitprinzipien des Vereines Handwerk mit Verantwortung e.V. empfehlen. Sie geben die Gewähr dafür, dass ein Kunde ein nachhaltiges Grabmal erhält.

Die Motivation, weder mittelbar noch unmittelbar an Menschenrechtsverletzungen beteiligt zu sein und zudem die Umwelt zu schützen, gehört durchgängig zur Grundlage aller betrieblichen Entscheidungen und für die Strategieplanung.

Inzwischen haben sich viele Unternehmen und Organisationen freiwillig auf den Weg der Nachhaltigkeit gemacht. Dazu beigetragen hat auch der DNK, mit dem der Rat für Nachhaltige Entwicklung seit 2011 für eine freiwillige Berichterstattung gemäß seiner 20 Prinzipien wirbt.

Gegenüber den umfangreichen Leitlinien zur Nachhaltigkeitsberichterstattung der Global Reporting Initiative (GRI) bietet der DNK mit seinem Raster ein verständliches und kompaktes Rahmenwerk auch für kleine Firmen. Als erstes Unternehmen aus dem Steinmetz- und Steinbildhauerhandwerk haben wir den Deutschen Nachhaltigkeitskodex (DNK) unterzeichnet.

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