BLOG

Baumeister der Natur: Warum die Generation Y den Weg des Bibers geht

01/03/2017 16:38 CET | Aktualisiert 01/03/2017 16:38 CET
Thinkstock

Die Generation Y (1980 bis 1994) ist sich bewusst, dass sie immer wieder vor neue Anfänge gestellt wird und ihr Leben weniger planbar ist. Sie weiß, dass es vor allem auf sie selbst ankommt, wenn es darum geht, die Chancen, die das Leben bietet, zu nutzen. Das von ihr verinnerlichte uralte Wissen brachte der japanische Zenmeister Shunryu Suzuki in den 1960er-Jahren nach Nordkalifornien: Anfängergeist. Der Autor immigrierte in die USA und lehrte bis zu seinem Tod im Jahr 1971 in Kalifornien. „Der Geist des Anfängers ist leer", schreibt er in seinem Buch, „Zen-Meister":

Wenn unser Geist leer ist,

ist er für alles bereit,

ist er für alles offen.

Im Anfängergeist liegen

Viele Möglichkeiten,

in dem des Experten wenige."

Diese Feststellung unterstreicht den Wert des von ihm propagierten Denkens für einen potenziellen Innovator. Zusammen mit anderen Prinzipien des Zen-Buddhismus wie Achtsamkeit, tiefes Denken, Zuhören und Fragen gewann der Anfängergeist im Silicon Valley allmählich auch über Steve Jobs und Apple hinaus nachhaltigen Einfluss.

Wie tief das Thema bei der Generation Y in Deutschland verankert ist, zeigt sich am Beispiel von Daniel G. Bieber (Jahrgang 1981), der 2013 die StrategieMentoren GmbH gründete und das Konzept zur Systemischen Positionierung entwickelte.

Der Weg des Bi(e)bers

Interview mit Daniel G. Bieber

2017-02-28-1488294018-7308787-DanielGBieberMUI.jpg

Foto und Copyright: Daniel G. Bieber

Herr Bieber, die Buddhisten sagen: „Wenn der Schüler bereit ist, wird der Lehrer erscheinen." Was bedeutet Ihnen dieser Satz?

Für mich bedeutet er, dass alles eine Frage der eigenen Offenheit ist: Dinge können nur geschehen, wenn man sie zulässt. Doch oft sind Menschen in ihren Konzepten, wie etwas zu sein hat, gefangen. Das gibt wenig Raum für Offenheit. Dann steht da vielleicht ein hoch „verwirklichter", buddhistischer Lama in Lederjacke vor einem, und man denkt: „Was will dieser Rocker hier". Buddhismus zu praktizieren, habe ich in Deutschland begonnen: Ich bin damals voller Erwartungen, Tibeter anzutreffen, in ein Buddhistisches Zentrum gegangen und wurde gnadenlos enttäuscht. Zunächst öffnete mir ein Mann, der aussah wie ein Elektriker, die Tür. Ich dachte mir: „Ah, da ist noch ein Handwerker im Haus". Als ich dann wenige Minuten später erfahren habe, dass dieser Mann seit bereits fünf Jahren Buddhismus praktiziert und auch eine wichtige Person in der Organisation des Zentrums ist, fiel mir die Kinnlade runter. Doch es kam für mich noch „viel schlimmer": Vor der Meditation gab es einen Kurzvortrag über ein buddhistisches Thema.

Die Frau, die den Vortrag hielt, war auch keine Tibeterin. Sie kam aus Ungarn. Ungarn und Buddhismus? Bitte was? Wenn ich nicht schon im Vorfeld die Entscheidung getroffen hätte, in jedem Fall Meditation lernen zu wollen, wäre ich an diesem Abend sofort wieder rückwärts rausgelaufen. Doch während der Meditation konnte ich meine Konzepte alle auflösen. Vielleicht auch, weil die Menschen in diesem Zentrum - von denen kein einziger Tibeter oder Asiate war - mir unglaublich viele Fragen über den Buddhismus beantworten konnten. Das beeindruckte mich. So lernte ich an dem Abend auch, dass Buddhismus wie Wasser ist und sich der jeweiligen Kultur anpasst, sofern es das politische oder religiöse System des Landes zulässt.

Biber sind bekannt für ihre Dammbauten, mit denen sie Bäche aufstauen und sogar künstliche Teiche anlegen. Sie können ihren Damm öffnen, um Hochwasser rascher ablaufen zu lassen und ihren Damm so zu schützen. In ihrem Buch "Gung Ho" erläutern die Autoren Ken Blanchard und Sheldon Bowles den Ausdruck "Biberfleiss" und loben die Unermüdlichkeit und erstaunliche Energie. Was motiviert Sie, sich von Rückschlägen nicht entmutigen zu lassen und sich immer wieder auf den Weg zu machen?

Ich bin davon überzeugt, dass echte Entwicklung nur außerhalb der Komfortzone stattfinden kann. Da ist „Hinfallen" ganz normal. In diesem Zusammenhang glaube ich, dass wir eine komplett falsche Sichtweise über Rückschläge im Leben haben.

Warum?

Wir sehen sie meistens als negativ an. Aber wer kann denn wirklich sagen, dass ein Rückschlag tatsächlich negativ ist? Vielleicht passieren durch diese „Erfahrungen" (mein Vokabular für einen Rückschlag) im späteren Verlauf Dinge, die einen entscheidend voranbringen, ja ohne den Rückschlag erst gar nicht passiert wären. Deshalb sollten wir vorsichtig sein, mit schnellen Beurteilungen. Mir wurde vor einiger Zeit eine fiktive Geschichte von einem armen, alten Mann erzählt: Er hatte nur ein Pferd und einen Sohn, der die Feldarbeit übernommen hat. Eines Tages fiel der Sohn vom Pferd und brach sich dabei ein Bein. Er musste ins Krankenhaus und konnte für mehrere Wochen keine Feldarbeit verrichten. Die Bewohner des Dorfes sagten zu dem alten Mann: „Oh, dass ist ja so schlimm". Er antwortete: „Wer weiß." Im Krankenhaus lernte der Sohn die Tochter eines reichen Kaufmanns kennen. Die beiden verliebten sich und heirateten. Die Menschen im Dorf sagten zu dem alten Mann: „Oh, Du hast ja so ein Glück". Der alte Mann antwortete: „Wer weiß." Die Geschichte könnte unendlich weitererzählt werden.

Worauf möchten Sie hinaus?

Die einzigen Probleme, die wir mit sogenannten „Rückschlägen" haben, sind unsere ständigen Beurteilungen, denn sie verursachen schnell ein unangenehmes Gedankenkarussell.

Was tun Sie, um das zu vermeiden?

Ich versuche stets, Probleme „natürlich", ohne große Beurteilungen, anzunehmen und mich auf die vorhandenen Chancen zu konzentrieren. Dabei helfen mir entsprechende Mentaltechniken, die ich mir im Laufe meiner 13-jährigen Erfahrungen als Buddhist angeeignet habe und auch an andere Menschen weitergebe. Dadurch suche ich die Konfrontation mit Herausforderungen. Dazu gehören beispielsweise schwierige Menschen und unangenehme Situationen. Statt sie als unangenehm zu erleben, ist es für mich mehr und mehr eine reine Freude, mich mit ihnen zu beschäftigen.

Der Weg des Bibers wird von Ken Blanchard und Sheldon Bowles so beschrieben: "Selbst bestimmen, wie das Ziel zu erreichen ist". Gilt das auch für Sie?

Ja, absolut. Ich bin ein hundertprozentiger Querdenker, der gerne aus sich herausgeht und dabei das Scheitern bzw. Lernen nicht scheut. „Stützräder" wären einer solchen Mentalität nur hinderlich.

Was ist in Unternehmen die Grundlage dafür, dass Mitarbeiter und Führungskräfte ihre Arbeit auf richtige Art und Weise durchführen können?

Das lässt sich in einem Wort auf den Punkt bringen: Freude! Und davon haben wir in unserer Gesellschaft leider viel zu wenig. Es fängt schon in der Schule an. Immer wieder habe ich gehört: „Die Schule soll keinen Spaß machen, sie soll auf den Ernst des Lebens vorbereiten". Meiner Meinung nach ist diese Aussage Gift für unser Unterbewusstsein und sicherlich auch ein wesentlicher Grund, warum so viele Menschen im späteren Verlauf ihres Lebens nur wenig emotionalen Abstand haben. Doch gerade das ist signifikant wichtig, um mit dem steigenden Erwartungs- und Leistungsdruck umgehen zu können und seine Arbeit erfolgreich auszuführen.

Um die eigene innere Widerstandskraft zu stärken, ist Freude ihrer Erfahrung nach das beste Tool. Warum?

Freude öffnet und gibt Raum. Dabei rede ich nicht von einer bedingten Freude, die beispielsweise an eine bestimmte Situation gebunden ist. Ich meine eine innere Freude, die entsteht, wenn man in den auftretenden Situationen stets die vorhandenen Potenziale realisiert.

Weshalb ist es wichtig, Verantwortung für sein eigenes Handeln zu übernehmen?

Die Frage ist, ob man weiser und klüger werden möchte oder einfach nur älter werden will. Das geht nur, wenn der kleine Junge nicht ständig auf die Mama wartet.

Welche Ziele und Werte bestimmen Ihr Handeln?

Mein oberstes Ziel ist es, in sämtlichen Situationen stets die vorhandenen Potenziale zu erleben. Dadurch fühle ich mich in den Momenten wohl, und es entsteht eine natürliche, innere Freude. Da ich in diesem Bereich sehr viel Erfahrung gesammelt habe ist mein privates als auch berufliches Handeln davon bestimmt, andere Menschen bei diesen Prozess zu begleiten und zu befähigen, Potenziale zu realisieren, statt in Problemen zu stagnieren.

Vielen Dank für das Gespräch.

Daniel G. Bieber in der Huffington Post

Weitere Informationen:

Alexandra Hildebrandt: Generationenwechsel @: Fragmente und Momente einer Gesellschaft im Übergang. Amazon Media EU S.à r.l. Kindle Edition 2017.

2017-02-28-1488294215-3231334-Cover.PNG

Das Buch widmet sich den fließenden Übergängen und Zwischentönen der Generationen X, Y und Z. Im Mittelpunkt steht nicht das Trennende, sondern das, was sie verbindet: das Provisorische und Nachhaltige, aber auch der Blick ins Offene, denn alles kann immer auch ganz anders kommen. Damit sollten wir rechnen, denn dann können wir die Chancen für das Unvorhergesehene am besten erkennen und sinnvoll nutzen. Wir brauchen dafür einen weiten Blick, der Sein und Zeit ganzheitlich umfasst.

Lesenswert:

Ihr habt auch ein spannendes Thema?

Die Huffington Post ist eine Debattenplattform für alle Perspektiven. Wenn ihr die Diskussion zu politischen oder gesellschaftlichen Themen vorantreiben wollt, schickt eure Idee an unser Blog-Team unter blog@huffingtonpost.de.

Sponsored by Trentino