BLOG

Eine offene Plattform für kontroverse Meinungen und aktuelle Analysen aus dem HuffPost-Gastautorennetzwerk

Dr. Alexandra Hildebrandt Headshot

Außergewöhnliches leisten: Warum der Schlüssel dazu nicht das Sein, sondern das Tun ist

Veröffentlicht: Aktualisiert:
Drucken

Interview mit Univ.-Prof. Dr. Marion A. Weissenberger-Eibl, Inhaberin des Lehrstuhls Innovations- und TechnologieManagement iTM am Karlsruher Institut für Technologie KIT und Leiterin des Fraunhofer-Instituts für System- und Innovationsforschung ISI in Karlsruhe

2017-11-03-1509724030-6963549-MWEfrHildebrandt_1_rot.jpg

Foto und Copyright: Univ.-Prof. Dr. Marion A. Weissenberger-Eibl

Frau Prof. Weissenberger-Eibl, warum ist der Schlüssel zu außergewöhnlichen Leistungen nicht der Plan, sondern die eigene Vorbereitung auf mögliche Ereignisse?

In meiner Forschung beschäftige ich mich sehr intensiv mit Foresight, mit dem möglichen Neuem, das uns in Wirtschaft, Politik und Gesellschaft vor neue Herausforderungen stellen könnte. Insofern ist für mich die eigene Vorbereitung auf mögliche Ereignisse nicht nur persönlich, sondern wissenschaftlich ein spannendes Unterfangen.

Um sich darauf einzulassen, ist es wichtig, sich seiner Umgebung und seiner selbst ganz bewusst zu sein und sich offen im Diskurs mit Personen, die unterschiedliche Interessen, Vorstellungen und Bedürfnisse haben, auszutauschen.

Wann gelingt dies am besten?

... je stärker das Tun im Mittelpunkt steht. Dies könnte umschrieben werden mit: „Vordenken zum Nachdenken und Handeln". Das Handeln ist wesentliche Voraussetzung und Prüfstein, Neues zu entdecken und für Wirkungen, Zusammenhänge und Konsequenzen sensibilisiert zu werden. Das Handeln, aber auch das Nicht-Handeln hat Folgen - positive und kritische - für das Zusammenleben, das gemeinsame Agieren von Wirtschaft und Politik, den Zusammenhalt in der Gesellschaft. Es ermöglicht, außergewöhnliche (nicht Mainstream-) Leistungen zu vollbringen.

Warum ist es im Management besonders wichtig herauszufinden, was der Einzelne kann, welche Stärken er hat - und ihn dort einzusetzen, wo er einen nachhaltigen Beitrag zu leisten vermag?

Die Fähigkeiten und das Können von Menschen zu erkennen, bedarf Empathie. Gelingt dieses Entdecken der Stärken, drückt sich dies in der Wertschätzung der Fähigkeiten des Einzelnen aus. Die Persönlichkeit wird in den Feldern seines Könnens sehr erfolgreich agieren können. Stärken einbringen zu können, Anerkennung dafür zu erfahren vermag zudem die Leidenschaft für spezifische Stärken zu fördern. Wer leidenschaftlich seinen Stärken nachgeht, sie in das Privat- aber auch Arbeitsleben einbringt, wird erfolgreich sein. Davon bin ich zu tiefst überzeugt.

Was bedeutet Ihnen in diesem Zusammenhang das Bergsteigen, warum ist es eine gute Lebens- und Führungsschule?

Als ich 2007 die Leitung des Fraunhofer-Instituts für System und Innovationsforschung ISI übernommen hatte, zeigte ich im Kuratoriumsbericht die strategischen Leitlinien für das Fraunhofer ISI auf und ging der Frage nach, wie sich die strategischen Leitlinien umsetzen lassen. Hierbei habe ich die organisatorische, methodische und personalpolitische Ebene beleuchtet. Die organisatorische Umsetzung stand und steht nach wie vor unter dem Leitspruch: „Balance von Individuen, Management und Controlling". Dies habe ich an einem Bild eines Orchesters verdeutlicht.

Die personalpolitische Perspektive umschrieb ich mit „Achtung, Offenheit und Handlungsspielraum zum nachdrücklichen Erfolg". Mein Bild hierfür war das Bergsteigen. Bergsteiger, die angeseilt auf einem steilen schneebedeckten Hang in luftiger Höhe die Herausforderungen des Berges meistern: gemeinsam, vertrauensvoll Schritt für Schritt das Ziel, den Gipfel erklimmen. In diesem Bild steckt eine Menge an personalpolitischer Überzeugung, die ich beispielsweise auf das Doktorandenprogramm und die Nachfolgeplanung des Fraunhofer ISI angewendet habe.

Herausforderungen lassen sich nicht 100 prozentig voraussehen oder gar vorausplanen, die Natur - der Berg - hat seine eigene „Vorstellung" und „Dynamik".

Was braucht es, um in einem Bergsteigerteam ans Ziel zu kommen?

Dies erfordert ein verlässliches, vertrauensvolles und gemeinsames Handeln. Sich auf veränderte Situationen einzulassen und abgestimmt mit der „Seilschaft" voranzugehen; bereit zu sein, sich für das Team einzusetzen, seinen vollen persönlichen Beitrag zum Gelingen zu leisten - das sind meiner Ansicht nach essentielle Erfolgsfaktoren. Sie gelten allerdings nicht nur für das Bergsteigen, sondern haben für personalpolitisches Handeln im Arbeitsleben eine hohe Bedeutung.

Was sind für Sie die Voraussetzungen für das Entdecken von Neuland?

Für mich steht an oberster Stelle: Neugier, Neugier, Neugier ... Wenn Neugier mit Aufgeschlossenheit für andere Sichtweisen und Anschauungen einhergeht, kann es gelingen, bekannte tradierte Wege zu verlassen. Die Begeisterung, Neuland zu betreten, gepaart mit Experimentiergeist und Risikobereitschaft, ermöglicht neue Entwicklungspfade zu erschließen.

Eine Expedition wird Erfolgreich versprechend und ermöglicht einen offenen Diskurs, wenn Interessen und Bedürfnisse anderer verstanden werden und diese weitergedacht werden. Weitergedacht im Sinne von „ja und" anstatt „ja, aber", Ansätze zu vernetzen und unterschiedlichen Perspektiven zu Lösungen zu verbinden, sind hervorragende Voraussetzungen Neuland nicht nur zu entdecken, sondern zu erforschen und erlebbar zu machen.

Warum ist es gerade jetzt dringlich, die Chancen der Zeit zu nutzen und sich auf echte Leister und auf echte Leistungen zu konzentrieren?

Die großen Herausforderungen („Grand Challenges") wie Digitalisierung, Energie- und Verkehrswende oder demografischer Wandel erfordern das Wissen, Können und Einbringen von verschiedenen Fachgebieten und Perspektiven, um Lösungen zu generieren und umzusetzen. Sie bedürfen eines systemischen Ansatzes, das große Ganze in den Blick zu nehmen und Auswirkungen von Handeln konsequent durch zu deklinieren. „Ein Weiter so" oder „mit angezogener Handbremse" die Fragestellungen anzugehen wird nicht zu adäquaten Lösungen führen. Deshalb braucht es Persönlichkeiten, die nicht nur bereit sind, ihre Leistung im vollem Umfang einzubringen, sondern deren Handeln weitere Menschen begeisternd ansteckt und motiviert, sich selbst und seine Stärken einzubringen.

Vielen Dank für das Gespräch.

____

Lesenswert:

Leserumfrage: Wie fandet ihr uns heute?

2017-03-08-1488965563-6721107-iStock482232067.jpg

Ihr habt auch ein spannendes Thema?
Die HuffPost ist eine Debattenplattform für alle Perspektiven. Wenn ihr die Diskussion zu politischen oder gesellschaftlichen Themen vorantreiben wollt, schickt eure Idee an unser Blog-Team unter blog@huffingtonpost.de.