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Aus und vorbei: Wie Unternehmen mit dem Tod von Mitarbeitern umgehen

02/12/2017 16:04 CET | Aktualisiert 02/12/2017 16:04 CET
PeopleImages via Getty Images

Die Kölnerin Angela Vogt hat 15 Jahre in der Erwachsenenbildung eines Großkonzerns gearbeitet, bevor sie sich 2015 entschlossen hat, dem Ruf ihres Herzens zu folgen und Unternehmen beim Thema Tod professionell zu begleiten. Sie hat eine Ausbildung als psychologische Beraterin, Mediatorin und Business Coach. Seit 2017 arbeitet sie von Augsburg aus in Deutschland, Österreich und der Schweiz.

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Aus und vorbei: Wie Unternehmen mit dem Tod von Mitarbeitern umgehen

Interview mit Angela Vogt

Frau Vogt, was war der Auslöser für Sie, sich mit dem Thema Tod und Unternehmen zu beschäftigen?

Es war meine Begegnung in einem Kaffee, an das mich der Facebook-Post eines Freundes erinnerte. Es ist die Geschichte vom Tod auf der Autobahn: Ich sitze in einem Café in Bonn vor etwa zehn Jahren, höre das Klappern der Tassen, schmecke meinen Kaffee und sehe den verzweifelten jungen Mann namens Simon vor mir. Er erzählt mir wütend, dass er den Job, den er seit über zehn Jahren mit viel Spaß und Leidenschaft macht, heute Nachmittag gekündigt hat. Er zieht einen zerknautschten Zeitungsartikel aus der Hose. Der Artikel berichtet von einem Unfall auf der A3 irgendwo bei Frankfurt:

Ein 42-jähriger LKW-Fahrer fährt nachts ungebremst in eine Baustelle und schiebt drei Autos zusammen. Der LKW-Fahrer Mike S. und drei Menschen verstarben vor Ort. Vier Schwerverletzte wurden in die umliegenden Kliniken gebracht. Ich hatte davon morgens im Radio gehört. Innerlich zog sich mir damals alles zusammen. Ich fahre oft nachts diese Strecke und war auch in der letzten Nacht durch diese Baustelle gefahren.

Simon berichtete mir, dass alle Kollegen gestern in einer kurzen Mail von seinem Chef über den Tod des Kollegen informiert wurden. Dass er schnell alle Touren auf andere Fahrer verschieben sollte, da ja jetzt einer verstorben sei und ein LKW-Schrott ist. Ich konnte Simons Schmerz nicht nur in seinen Augen sehen, sondern auch spüren. Er hatte die Tour für Mike geplant, morgens mit ihm über seine Scheidung gesprochen, ihm eine zügige Fahrt gewünscht... Damals konnte ich einem Fremden nur zuhören. Ich will immer noch vor Wut schreien, wenn ich Firmen erlebe, die so mit ihren Mitarbeitern umgehen.

Welche Fragen schienen Ihnen damals besonders dringlich?

Verdient der Tod eines Menschen nicht mehr Würdigung? Darf der Tod nur für die Kollegen eine Randnotiz sein? Warum gehen Menschen so mit dem Tod um? Weshalb werden die Kollegen alleine gelassen mit dem Thema?

Was haben Sie dagegen getan?

Heute arbeite ich mit Unternehmen daran, dass sie wissen, was der Tod eines Mitarbeiters bedeutet und welche Aufgaben bewältigt werden müssen. Dazu gehört als erster Schritt die richtige Kommunikation zu Mitarbeitern, Kunden und den Angehörigen des Verstorbenen. Ich erarbeite mit Unternehmern eine Checkliste für das, was sofort und was später wichtig ist. Das bringt die benötigte Zeit, um dem Menschen und seinem Bedürfnis nach Trauer, Zusammenhalt und Antworten, Raum zu geben. Auch um der Führungsverantwortung nachzukommen und zu sehen, wer gegebenenfalls Notfallhilfe braucht. Der Tod hinterlässt viele Lücken, die meisten lassen sich nur über Annahme, Verständnis und Zeit füllen.

Der Chef dieses Transportunternehmens hat sicher nicht böswillig gehandelt...

Das hat er sicherlich nicht, doch durch meine Erfahrung weiß ich, dass jeder Gedanke an den Tod im Vorfeld weit weg geschoben wird. Viele Menschen wollen sich damit nicht beschäftigen und werden überrollt, sobald ein Todesfall im Umfeld eintritt. Das führt teilweise zu planlosem Verhalten, das Wichtiges unberücksichtigt lässt und Menschen verletzt. Ich habe aus eigenem Interesse angefangen, mich mit dem Thema Tod im Unternehmen zu beschäftigen.

Welche persönlichen Erfahrungen haben Sie gemacht?

Während meiner Ausbildung zur Psychologischen Beraterin ist mein damaliger Chef verstorben. Wir wurden von unserem Hauptabteilungsleiter darüber via Mail informiert. Ich war schockiert, dass es seitens des Unternehmens keine Unterstützung gab, kein Gespräch mit uns als Abteilung, kein Kondolenzbuch, keine Anfrage, wer zur Beerdigung will und oder gehen darf. Viele Kollegen waren während dieser Zeit krank.

Die Gespräche auf den Fluren waren sehr intensiv, und einiges an Arbeit blieb liegen. Auch nach Wochen begleitete das Thema Tod und die fehlende Wertschätzung unseren Arbeitsalltag. Das Arbeitspensum von früher wurde nicht geschafft, da die Motivation fehlte und viele Fragen Seitens der kommissarischen Leitung offen blieben.

Was dieses Verhalten seitens der Führungsebene mit uns machte, konnte ich sehen, als einige Monate später ein Nachfolger für die Stelle gefunden wurde. Aus einem starken Team, waren traurige, müde Einzelkämpfer geworden, die nicht mehr so leistungsstark waren.

Einige Jahre später verstarb ein angesehener Bereichsleiter in jungen Jahren. Die Unternehmenskommunikation verfasste eine nüchterne Mail in der alle Angestellten informiert wurden. Der Betriebsrat hatte sich einige Stunden später dieser Mail angeschlossen.

Der Schock, das Entsetzen der Mitarbeiter war kein Thema. So wurde zwar auf den Fluren geredet, doch keine Führungskraft beantwortete Fragen oder ging auf die emotional aufgewühlten Kollegen und Ihre Bedürfnisse nach Führung ein.

Als ein lieber Kollege aus den eigenen Reihen verstarb, erarbeitete meine Führungskraft mit mir gemeinsam Wege für den Umgang mit dieser Nachricht. Dadurch war die Trauer zwar nicht weniger, aber die Abteilung trauerte gemeinsam und half sich gegenseitig bei den anstehenden Aufgaben. So wurde die Trauer schneller von allen bewältigt und das Teamgefüge gestärkt. Führung ist in solchen Krisensituationen der einzige Gangbare weg.

Was ist Ihnen während der Recherchen noch aufgefallen?

Mir fiel auf, dass die wenigsten klare Vorstellungen haben, was im Fall eines Todes auf sie zukommt. Welche Anforderungen an Führung, psychologische Kenntnisse, Kommunikation, prozessuale Wege und technische Herausforderungen gestellt werden. Ich erlebte Abteilungen in Ohnmacht und Hilflosigkeit. Dagegen wollte ich etwas tun.

Welches Verhältnis haben Sie zum Tod?

Der Tod gehört für mich zum Leben dazu. Ich finde es wichtig, dass Unternehmer ihre Mitarbeiter auch in solchen Krisen führen können. Gerade, wenn eine Führungskraft selbst emotional betroffen ist, brauchen Sie eine genaue Vorgehensweise. Damit jeder die Zeit bekommt die er braucht um den Schock zu verarbeiten.

Wie unterstützen Sie konkret?

Ich hoffe, dass der Tod nie Routine für ein Unternehmen wird. Doch um Zeit zu gewinnen benötigen wir routiniertes und durchdachtes Vorgehen. Ich biete einen auf das Unternehmen angepassten Leitfaden mit den entscheidenden ersten Anforderungen zu Kommunikation, Nachfolgeregelung, Trauerritualen und Notfallbetreuung an. Außerdem biete ich psychologische Hintergründe zur Trauerarbeit an:

Welche Phasen gibt es, und wie führe ich als Führungskraft während dieser Phasen? Hinzu kommt eine telefonische Betreuung im Ernstfall, um den Unternehmer/Betriebsrat/Abteilungsleiter zu unterstützen und bei aufkommenden Fragen mit kühlem Kopf zu helfen - besonders in den ersten Tagen, wird dieses gerne genutzt. Speziell in kleinen Familienunternehmen ist der Tod ein sehr emotionales Thema, das bei falschen Entscheidungen oft das Ende des Unternehmens bedeutet.

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