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Aus dem Rahmen: Wie Richard Branson auch in Deutschland angestaubte Karrierebilder verändert

Veröffentlicht: Aktualisiert:
RICHARD BRANSON
Joe Penney / Reuters
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"Die wirklich großen Helden der Weltgeschichte haben kein Verhaltensprofil erstellt, kein Assessment-Center durchlaufen, keine Motivanalyse gemacht." (Cristián Gálvez)

Anfänge und Zufälle

Das Leben ist die Summe all unserer Entscheidungen, wusste schon Albert Camus. Um es zu meistern, brauchen wir nicht immer Erklärungen - es genügt, sich auf seine Intuition - deren Fundament gesammeltes Erfahrungswissen ist - zu verlassen und auf das zu vertrauen, was uns „zufällt", schreibt der britische Unternehmer Sir Richard Branson in seiner Autobiographie „Business ist wie Rock ‚n' Roll". Das bedeutet für ihn nicht, Anzüge zu tragen oder Aktionäre zufrieden zu stellen, sondern sich selbst und seinen Ideen treu zu bleiben, anzufangen und (aus sich selbst etwas) zu machen.

Der folgende Text trifft auf ihn und auf alle Visionäre zu, die vollkommen in ihrer Aufgabe aufgehen, sie nennen die Dinge beim Namen und packen sie an, auch wenn sie zuerst belächelt werden. Es gibt keinen Nachweis, dass dieser Goethe zugeschriebene Text wirklich von Goethe stammt. Tatsächlich liegt ihm ein Passus des schottischen Bergsteigers und Schriftstellers William Hutchison Murray (1913-1996) zugrunde, der noch immer für alle Bransons dieser Welt gilt:

In dem Augenblick,
in dem man sich endgültig einer Aufgabe verschreibt,
bewegt sich die Vorsehung auch.
Alle möglichen Dinge,
die sonst nie geschehen wären, geschehen
um einem zu helfen.
Ein ganzer Strom von Ereignissen wird in Gang gesetzt
durch diese Entscheidung
und sie sorgt zu den eigenen Gunsten
für zahlreiche unvorhergesehene Zufälle (!),
Begegnungen und materielle Hilfen,
die sich kein Mensch vorher je erträumt haben könnte.
Was immer du kannst oder Dir vorstellst,
dass Du es kannst,
beginne es.
Kühnheit trägt Genie,
Macht und Magie in sich.
Beginne jetzt!

Von Musik hat Branson in jungen Jahren nicht viel verstanden und schuf dennoch eines der größten Plattenlabels der Welt, als Legastheniker schrieb er eine der bedeutendsten Erfolgsgeschichten des modernen Unternehmertums.

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Virgin und Branson sind eine Einheit: fröhlich, leger und unkonventionell. Bereits mit 16 Jahren gründete er seine erste Firma, mit 24 Jahren war er Millionär. Sein Imperium erstreckt sich über Hotels, Platten- und Bekleidungsfirmen, Radiosender und Reisegesellschaften, Virgin Galactic bietet Pauschalreisen in den Weltraum an. Elon Musk will 2018 den Mond mit Weltraumtouristen umrunden, auch Jeff Bezos und Richard Branson planen private Weltraumflüge.

Gewinnerzielung war allerdings niemals das Hauptmotiv seiner Aktivitäten. Branson gehört zu jenen, die von ihren Geschäften persönlich berührt werden wollen. Ende 2010 wurde die Non-Profit-Organisation Carbon War Room (CWR) im Freundeskreis von Branson gegründet. Dem Klimagas erklärte er 2012 im Tagesspiegel-Interview den Krieg: „Sie werden den Ausstoß nur senken, mit der Aussicht, damit einmal Geld zu verdienen. So ist die Welt nun mal", sagte er. Der Milliardär ist von der Klimarettung als Geschäftsmodell überzeugt.

Die Haltung von US-Präsident Donald Trump zur Energiebranche hält er für "naiv". Es sei unmöglich, die amerikanische Wirtschaft durch schmutzige Energieträger wie Kohle beleben zu können, bemerkte er Anfang Juni anlässlich der UN-Konferenz zum Schutz der Meere in New York.

Schritt ins Ungewisse

Was ihn beruflich und privat antreibt, sind nicht nur Beharrlichkeit und Entschlossenheit, sondern auch der Drang, ständig Neues zu lernen, keine Angst vor Fehlern zu haben und experimentierfreudig zu sein. Abwechslung und Neugier haben ihn zu ungewöhnlichen Wegen und außergewöhnlichen Menschen geführt.

Wann immer er ein neues Projekt begonnen hatte, so war es ein Schritt ins Ungewisse, ins Komplexe, Instabile. Auf ihn trifft zu, was die Sportmanagementexperten Karin Helle und Claus-Peter Niem in ihrem Buch „One touch" großen Führungspersönlichkeiten zuschreiben: Sie leben ihre Bestimmung, ja „leben das, was sie aus der Masse heraushebt und bewegen gleichzeitig Massen".

Das „ganz Andere" hat Branson auch als Ausgleich gewählt, um Distanz zu seinem üblichen Tun zu erhalten: So unternahm er zwei Anläufe, mit dem Heißluftballon um den Globus zu fliegen. Körperliche Grenzgänge empfindet er als „Bereicherung" (nicht das Ansammeln von Kapital), denn erst sie ermöglichen die Freude und den Spaß an seinen geschäftlichen Aktivitäten.

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Lange bevor die Generation Y und das „Spaßhaben-Wollen" im Fokus der öffentlichen Aufmerksamkeit stand, war dies ein wichtiger Aspekt in Bransons Leben, der immer wie ein Athlet in Höchstform auflief (auch sie beschreiben dabei Gefühle von Mühelosigkeit, Herausforderung und Spaß!), wenn er im Tun war.

Indem er für Neues offen ist, eröffnen sich ihm auch viele Chancen. Glaube, Möglichkeitssinn und Wirklichkeitsinn spielen für Branson eine wichtige Rolle. Sie stärken die persönliche Bewusstheit. Narzisstisch, wirklichkeitsfremd, gleichgültig und uneinsichtig sind nur jene Menschen, denen es daran mangelt. Daraus resultiert ein mangelndes Verständnis seiner selbst.

Branson und Bildung

Bransons Geschichte zeigt, dass Erfolg nicht auf uniformen Tabellen beruht, die seit Jahrzehnten als Lebenslauf Karriere machen. Fähigkeiten und Talente lassen sich damit kaum entschlüsseln. „Nicht jeder, der einen Auslandsaufenthalt vorweist, hat sich ausgetobt, nicht jeder, der mehrmals das Studienfach gewechselt hat, weiß jetzt wirklich, was er will. Ein Durchmarsch in Schule und Uni, drei Fremdsprachen und erste Berufserfahrungen lassen nicht wirklich erkennen, ob man nur auswendig lernen oder auch selbst Probleme lösen kann", bemerkt Philipp Riederle in seinem aktuellen Buch „Wie wir arbeiten und was wir fordern". Er ist eine wichtige Stimme der Generation Y, die betont, dass es auf die individuelle Betrachtung der Lebensläufe und das intensive Gespräch ankommt:

• Was hat der Kandidat aus dem Auslandsaufenthalt mitgenommen?
• Was ist dem Bewerber wichtig?
• Wo sieht er seine Stärken?
• Wie gut passt er zum jeweiligen Unternehmen?

Professionelles Recruiting zahlt sich nach seiner Ansicht aus - wenn es produktiv und am Puls der Zeit ist. In der Zukunft der Arbeit werden jene zu den Gewinnern gehören, „die nicht aufhören, sich zu verändern und weiter zu entwickeln".

Doch richtiges Recruiting braucht Recruiter, die das erkennen, die nachhaltig agieren und nicht nur auf Abkürzungen aufbauen, die den ganzen Weg gehen, um die Aufgaben des Recruitings, zu denen auch professionelle Strukturen und Prozesse gehören, richtig zu erfüllen.

Als sich Werner Neumüller mit seiner Frau Regina 2003 in Nürnberg selbstständig machte, war beiden bewusst, dass sie sich auf keinen Fall auf den Verdrängungswettbewerb und den damit verbundenen Preiskampf im so genannten „Massengeschäft" einlassen wollten. Deshalb stand eine qualitative Orientierung im Vordergrund.

Kerngeschäft ist die Rekrutierungsunterstützung über die Personaldienstleistung vor allem im akademischen Umfeld und bezüglich Ingenieurqualifikationen. „Ich suche den Menschen" ist ein Leitsatz der Geschäftsführung, der zugleich ausdrückt, wie wichtig es ist, die richtigen Menschen für Unternehmen zu finden und rechtzeitig zu fördern. Die Unterstützung von außen ist deshalb wichtig, um die möglichst besten Kandidaten zu finden.

Die Neumüller-Gruppe beschäftigt mehr als 300 MitarbeiterInnen. Etwa 90 Prozent "ihrer" Ingenieure werden nach ihrem Einsatz von 12 bis 18 Monaten von den Kunden in den Bereichen Forschung und Entwicklung übernommen, schreibt der Autor und Geschäftsführer der Neumüller Ingenieurbüro GmbH in seinem Buch „Tun statt reden".

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Mit Richard Branson verbindet ihn nicht nur das anpackende, pragmatische, leidenschaftliche Wesen, sondern auch das Engagement für ein besseres Business und eine bessere Welt, denn wer seine Möglichkeiten und Chancen ungenutzt lässt, wird die Herausforderungen unserer Zeit nicht meistern können und als Unternehmer lediglich in der Welt „hantieren".

Im November 2016 schrieb Branson in seinem Blogbeitrag „Why we all need growth mindsets", dass ein „growth mindset" deshalb eine wesentliche Voraussetzung für jeden aufstrebenden Entrepreneur sei (letztlich sind wir alle Lebensunternehmer).

Vor allem junge Menschen würden ihr Talent häufig aufgrund mangelnder Bereitschaft verschwenden, indem sie Veränderung und Weiterentwicklung in ihrem Leben nicht zulassen.

Das Projekt Big Change, das von seinen Kindern und Neffen ins Leben gerufen wurde, damit junge Menschen in Großbritannien die Chance auf einen positiven Lebenswandel haben und somit einen „growth" mindset" entwickeln können, liegt ihm - wie auch Werner Neumüller, der sich ebenfalls für Bildungsprojekte engagiert - deshalb besonders am Herzen.

Große Unternehmer haben immer auch die Kleinen im Blick, fördern ihre Fertigkeiten und damit ihr entschlossenes Denken und Verhalten - und vermitteln das Prinzip der Nachhaltigkeit auf eine Weise, die sich sehr gut mit Business und Rock ‚n' Roll verträgt.

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