BLOG

Eine offene Plattform für kontroverse Meinungen und aktuelle Analysen aus dem HuffPost-Gastautorennetzwerk

Dr. Alexandra Hildebrandt Headshot

„Aufmüpfigkeit" im Ehrenamt: Warum die Generation Y nicht allein ist

Veröffentlicht: Aktualisiert:
GENERATION Y
Thinkstock
Drucken

Es gibt sie noch: „bewanderte" und „erfahrene" Menschen, reife Persönlichkeiten, die Freude daran haben, „Unreifes" werden zu lassen, die junge Menschen fördern und Neues in bereits Bestehendes integrieren, damit es besser wird. Wolfgang Watzke (63), den ich 2010 in der DFB-Kommission Nachhaltigkeit kennenlernte, gehört dazu. Er war einer der wenigen, der erkannte, dass sich auch geschlossene Systeme immer wieder erneuern müssen, weil sie sonst nicht überlebensfähig sind.

Geschäftsführer der DFB-Stiftung

Er ist nicht nur Geschäftsführer der DFB-Stiftung Sepp-Herberger und der DFB-Stiftung Egidius-Braun, sondern auch ein „Gesicht der Nachhaltigkeit".

Nach seinem Studium 1980 begann er als Jugendbildungsreferent beim Fußball-Verband Mittelrhein und entwickelte das Konzept der „Vertreter der jungen Generation" in allen FV-M- und Kreisgremien, das noch heute bundesweit Vorbildcharakter hat. Zudem engagierte er sich lange Jahre als Vorsitzender der Kreisspruchkammer Bonn.

Dass ein Vertreter der Generation Y, Tobias Wrzesinski (ebenfalls ein „Gesicht der Nachhaltigkeit"), stellvertretender Geschäftsführer der DFB-Stiftung Sepp Herberger ist, verdankt sich der eigenen Leistung und dem enormen gesellschaftlichen Engagement des Anfang 30-Jährigen.

Aber auch er hatte einen Mentor, der ihm zur Seite stand - ohne ihm im Weg zu stehen: Wolfgang Watzke.

Das folgende Gespräch, das Wolfram Kämpf mit Wolfgang Watzke und Dominik Jolk (26) geführt hat, ist nicht nur wegweisend für die Generation Y, sondern zugleich eine Brücke zwischen den Generationen, die dorthin führt, wo das Machbare liegt: direkt vor uns.

Mit 13 Jahren Jungschiedsrichter

Dominik Jolk begann bereits mit 13 Jahren, sich als Jungschiedsrichter im Fußballkreis Berg zu engagieren, mit 18 Jahren nahm der Bergisch Gladbacher dann eine Tätigkeit im Kreisschiedsrichterausschuss auf.

Zudem absolvierte er ein Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ) im Fußballkreis. Seit 2013 ist der Jura-Student im Präsidium des Fußball-Verbands Mittelrhein als Vertreter der jungen Generation für die Arbeit und Einbindung junger Ehrenamtler verantwortlich.

Das folgende, leicht gekürzte Interview erschien zuerst unter dem Titel: „Aufmüpfigkeit ist unerlässlich" im Kölner Stadt-Anzeiger (11.11.2015, S. 33). Der Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.
_________

Wolfram Kämpf im Gespräch mit Wolfgang Watzke und Dominik Jolk

Herr Watzke, seit Sie in den 1980er-Jahren als Jugendbildungsreferent im Fußball-Verband Mittelrhein begonnen haben, sich für die Mitbestimmung junger Ehrenamtler einzusetzen, ist viel passiert. Wie bewerten Sie heute die Entscheidung des FVM aus dem Jahr 2001, sich per Satzung zur Einbindung junger Menschen in Gremien zu verpflichten?

WATZKE: Die Entscheidung von 2001 war nach über zehn Jahren Diskussion und Vorarbeit eine bedeutsame, aber auch folgerichtige. Mit ihr wurde der FVM in der Zusammenarbeit der Generationen und der Einbindung junger Menschen deutschlandweit zum Vorreiter.

Meines Wissens konnte sich zu so entscheidenden Schritten bis heute kein weiterer Landesverband entschließen. Zu meinem Bedauern hat nicht einmal der DFB-Jugendausschuss diesen Anstoß aufgenommen, geschweige denn eigene Anstöße gegeben. Der Tag des jungen Ehrenamts ist ein Beleg dafür, dass am Mittelrhein nicht nur über Jugendliche geredet wird, sondern mit ihnen.

Wo sehen Sie noch Nachholbedarf?

WATZKE: Es wird nicht reichen, alles beim Status quo zu belassen und damit zufrieden zu sein. Stillstand wäre Rückschritt. Ich würde mir wünschen, dass die älteren Verantwortlichen überall die Souveränität entwickeln, Jüngeren vermehrt Chancen zu verschaffen, sich zu beweisen und Einfluss zu nehmen. Die Jugend muss ihrerseits den Mut und den Elan haben, sich am Bestehenden zu reiben, Strukturen und Entscheidungen zu hinterfragen.

Nur so entsteht ein ehrlicher Dialog mit offenem Ausgang, und nur so beweisen sich die Menschen, die später in den höchsten Positionen Verantwortung tragen. In Verbänden ist es ja nicht anders als in der Nationalmannschaft: die Generation 2030 ist gewissermaßen schon am Werk.

Was hat sich aus Ihrer Sicht bei der Mentalität junger Leute verändert?Ist die Bereitschaft, sich zu engagieren, heute eine andere?

WATZKE: In erster Linie hat sich die Mentalität der älteren Generation geändert. Früher gab es eine größere Distanz zur Jugend, einen wohlwollenden, manchmal gönnerhaften Umgang, der zeitweise beinahe herablassend wirkte.

Die Jugend hatte es schwer, sich gegen diese Widerstände durchzusetzen. Heute sind die älteren Verantwortlichen offener, bieten damit vielleicht weniger Angriffsfläche, aber die jungen Leute sind auch schneller zufrieden und angepasst. Aufmüpfigkeit und kreative Unruhe für das Vorankommen unerlässlich.

Herr Jolk, glauben Sie auch, dass Ihre Altersgenossen kritischer und aufmüpfiger sein könnten?

JOLK: Mir fehlt natürlich der Vergleich zu früheren Generationen. Man darf nicht vergessen, dass sich die Rahmenbedingungen verändert haben. Heute müssen junge Menschen recht schnell ihren Weg machen, Schule, Ausbildung und Studium absolvieren. Da bleibt sicherlich einiges auf der Strecke. Ich denke da vor allem an die Chance, Erfahrungen zu sammeln und als Persönlichkeit zu reifen.

Erfahren junge Ehrenamtler denn ausreichend gesellschaftliche Anerkennung und Unterstützung?

WATZKE: Ich denke, dass die nötige Anerkennung vorhanden ist. Aber es fehlen manchmal passende Betätigungsfelder und konkrete Aufgaben, die junge Menschen bewerkstelligen können.

JOLK: Im Verband fühle ich mich und mein Engagement als Vertreter der jungen Generation im Präsidium auf jeden Fall wertgeschätzt. Die älteren Kollegen schätzen den Dialog mit jüngeren Menschen, weil er für Impulse sorgen kann und neue Perspektiven eröffnet.

An einigen Stellen ist die Akzeptanz aber noch ausbaufähig, zum Beispiel im Job oder in der Schule: Nicht immer erkennen Arbeitgeber oder Schulen die Bedeutung des ehrenamtlichen Engagements ihrer Azubis, Mitarbeiter oder Schüler. Gewisse Ausnahmeregelungen oder Freiheiten wären hilfreich, damit man sich engagieren kann.

Nicht alle jungen Ehrenamtler bleiben Vereinen, Kreisen und dem Verband dauerhaft treu. Was muss passieren, um die Zahl der Aussteiger zu verringern?

WATZKE: Ich sehe da kein grundsätzliches Problem. Es ist doch verständlich, dass es Phasen im Erwachsenwerden gibt, in denen die private Orientierung und berufliche Findung im Mittelpunkt stehen. Die Menschen, die Freude an ihrem Engagement im Sport empfunden haben, aber aus persönlichen Gründen vorübergehend aussteigen, kommen oftmals wieder.

Dabei gilt es, ein breites Spektrum an Aufgaben und Einsatzbereichen zu offerieren. Anders steht es um diejenigen, die ihr Engagement frustriert und desillusioniert beendet haben. Diese Menschen werden wohl nicht zu Vereinen und Verbänden zurückkommen. Wir müssen also Freude am Ehrenamt wecken und aufrecht erhalten.

Inwieweit prägt ehrenamtliches Engagement den Werdegang junger Menschen?

WATZKE: Ganz erheblich. Denn im Sport kann man im Gegensatz zur Schule Dinge in einem unverbindlichen Umfeld ausprobieren und erlernen. Junge Leute, die beispielsweise als Schiedsrichter oder Trainer tätig sind, sammeln Erfahrungen, die den Horizont ungemein erweitern.

Sie lernen mit Verantwortung umzugehen, vor größeren Gruppen zu sprechen, sich im Miteinander zu behaupten und Respekt vor Mitstreitern und Gegnern zu haben. Vor allem aber erfährt man, wie viel man gemeinsam erreichen kann.

JOLK: Das kann ich nur bestätigen. Durch meine Tätigkeit im Fußballkreis, im Verband und als Schiedsrichter habe ich gelernt, Verantwortung zu übernehmen. Ich habe viel Selbstvertrauen aufbauen können und mir Durchsetzungsvermögen angeeignet.

Außerdem habe ich die Möglichkeit bekommen, im Fußball hinter die Kulissen zu schauen und viele Menschen kennenzulernen. Das begeistert mich unheimlich, auch wenn manche Tage stressig sind.

Viele Schüler sehen sich heutzutage einem enormen Leistungsdruck ausgesetzt. „Turbo-Abitur" und Ganztagsschule stellen für viele eine Herausforderung dar. Ist es nicht sinnvoller, sich auf schulische Leistungen zu konzentrieren, statt die Freizeit Vereinen oder Verbänden zu widmen?

WATZKE: Natürlich ist in dieser Phase des Lebens ordentlich Dampf drin. Aber ich glaube nicht, dass es wirklich an Freiraum fehlt. Es ist ein anderes Haushalten mit Zeit erforderlich. Und selbstverständlich birgt ein Engagement beispielsweise als Nachwuchstrainer auch Anstrengung, aber eben auch Ausgleich und Abwechslung.

Wenn es nur eine Last ist, stimmt etwas nicht. Die Menschen meiner Generation müssen dafür sorgen, dass jungen Leuten ihr ehrenamtliches Engagement in erster Linie Freude macht.

JOLK: Das ist wie bei jedem Hobby: Man muss lernen, sich seine Zeit gut einzuteilen - und man muss Spaß an der Sache haben.

Aktuelles:

Fußball Verbindet Menschen - Connect You beim Tag des jungen Ehrenamts 2015

Lesenswert:

Ihr habt auch ein spannendes Thema?

Die Huffington Post ist eine Debattenplattform für alle Perspektiven. Wenn ihr die Diskussion zu politischen oder gesellschaftlichen Themen vorantreiben wollt, schickt eure Idee an unser Blogteam unter
blog@huffingtonpost.de
.

Steuer-Fahnder stürmen DFB-Zentrale und Niersbachs Haus - Gefängnisstrafen drohen

Hier geht es zurück zur Startseite