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Astro to go: Wie die Digitalisierung die moderne Astrologie beeinflusst

06/04/2017 19:22 CEST | Aktualisiert 06/04/2017 19:22 CEST
monsitj via Getty Images

Interview mit Thomas Otto Schneider

Herr Schneider, welche Rolle spielt die Digitalisierung heute in der Astrologie, und wie wichtig ist sie für Ihre Arbeit?

Früher musste man Horoskope händisch stellen und brauchte dazu Gestirnstandstabellen, sogenannte Ephemeriden. Das dauerte Stunden, und man konnte sich verrechnen. Heute funktioniert das mit der Berechnung in Sekunden und fehlerfrei. Horoskope können von jedem Punkt der Welt aus per Mobile und Internet berechnet und abgerufen werden.

Können Sie ein Beispiel geben?

Im letzten Jahr war ich bei einem Aufenthalt auf Ibiza mit einem bekannten deutschen Rap-Musiker im Auto unterwegs. Weil er seine Geburtsstunde auswendig wusste, konnten wir während der Fahrt einen Blick in sein Horoskop werfen, und es entwickelte sich ein spontanes Deutungs- und Beratungsgespräch. Astro to go!

Glücklicherweise saß sein Manager am Steuer, so dass wir uns gefahrlos in den Deutungsprozess vertiefen konnten. Solche spontanen Momente hat es nie zuvor in der Geschichte der Astrologie gegeben. Ich gehöre außerdem zu einer Generation von Astrologen, die aufgrund der Einfachheit des Berechnungsvorgangs so viele Horoskope stellen konnten wie noch nie. Es geht dabei keineswegs um Masse. Doch die Kenntnis der Vielfalt an Horoskopen, die ich bislang in meiner Laufbahn gesehen habe, hat mir sehr viel Deutungssicherheit gegeben.

Auch Facebook macht vor der Astrologie bekanntlich nicht halt...

Da ist natürlich viel Schrott und esoterisch verbrämter Müll dabei. Aber es gibt zum Beispiel dort seit zehn Jahren eine Gruppe, die mir ausnehmend gut gefällt, die heißt „Zodiac Photo Project", gehostet von dem amerikanischen Astrologen Russel Ohlhausen. Die Gruppe widmet sich der Suche nach Fotos von Architektur, Kunstwerken und Buchbildern der westlichen und östlichen Tierkreis-Ikonographie. Wenn man die Seite eine Zeitlang verfolgt, freut man sich als ein von der Astrologie begeisterter Mensch, dass man offenbar doch in der richtigen Zeit lebt.

Wie hilfreich ist das Internet bei der Vermittlung der Astrologie?

Das Internet ist auch für die Astrologie Segen und Fluch zugleich. Wenn ich mir das Horoskop des World Wide Web ansehe (das Horoskop auf den Moment, wo das Internet als öffentliche Dienstleistung erstmalig angewandt wurde), dann sehe ich, dass es im Wesentlichen um den Austausch von Informationen geht. Doch es geht eben in der Astrologie nicht nur um die Übertragung von Information, sondern, ähnlich wie in der Philosophie, um Weisheit, die von Erfahrung getragen ist. Deswegen gibt es auch keinen guten Astrologie-Unterricht im Netz.

Der Astrologe Wolfgang Döbereiner erkannte schon früh, dass ein Unterricht im Internet, selbst wenn er interaktiv stattfindet, nur ein funktionaler Abklatsch dessen sein könne, was ein lebendiger und leibhaftiger Unterricht bewirken kann. So werde, seiner Ansicht nach, ein Begreifen von Inhalten so gut wie unmöglich. Ich stimme dem zu und habe deshalb alle Überlegungen, im Netz Unterricht zu halten, verworfen.

War 2016 ein besonderes Schicksalsjahr?

Nein, das sehe ich nicht. Durch die Digitalisierung und die zunehmende Zahl der Prominenten scheint es uns nur so. Todesnachrichten von bekannten Persönlichkeiten verbreiten sich zudem heutzutage über die sozialen Netzwerke rasend schnell. Dort wird der Tod eines Prominenten kollektiv betrauert und das erhöht die Intensität der Wahrnehmung.

Sie sprechen immer wieder von Sinnfindung. Wie erklären Sie sich, dass in diesen Zeiten auch die Generation Y wieder Viktor Frankl entdeckt? Warum wird jedoch die Astrologie ausgeblendet?

In Frankls Werken geht es auch immer wieder um die Frage nach dem Sinn des Lebens. Die Frage ist existenziell. Die Generation Y bzw. Digital Natives hat da offenbar im Moment großen Bedarf. Astrologisch hat das auch mit der sogenannten Saturn-Rückkehr im Horoskop zu tun, die im Lebenslauf nach 29 bis 30 Jahren stattfindet. Es geht dabei darum, worauf man sich in Zukunft konzentriert und welche Wege man einschlägt. Und wissen Sie: Die Astrologie wird ja nicht nur hier ausgeblendet, sondern aus dem ganzen gesellschaftlichen Diskurs um relevanten Themen rausgehalten.

Vielen Dank für das Gespräch.

Zur Person:

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(Foto: Dinah Frank)

Thomas Otto Schneider, Jahrgang 1958, arbeitete viele Jahre als Texter und Konzeptioner für internationale Werbeagenturen und als Autor und Co-Moderator für RTL („Guten Morgen Deutschland") sowie RTL Plus. Nach der anfänglich hobbymäßigen Beschäftigung mit der Astrologie begann er eine 7-jährige Ausbildung an der Münchner Schule für Astrologie (Wolfgang Döbereiner) und eröffnete Ende der 1980er Jahre eine astrologische Praxis in Köln. Hier berät er heute Klienten aus dem In-und Ausland. Schneider ist Vater von zwei Söhnen.

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