BLOG

Eine offene Plattform für kontroverse Meinungen und aktuelle Analysen aus dem HuffPost-Gastautorennetzwerk

Dr. Alexandra Hildebrandt Headshot

Arbeitswelt 2.0: Welche Jobprofile künftig überflüssig sind und welche neu geschaffen werden müssen

Veröffentlicht: Aktualisiert:
Drucken

Interview mit Werner Neumüller, Geschäftsführer der Neumüller Ingenieurbüro GmbH & Neumüller Personalberatung.

Herr Neumüller, geht uns in der Ära der Hochtechnologie bald die Arbeit aus?

Nein, natürlich nicht. Voraussetzung ist allerdings, dass wir zusätzlich in die Ausbildung und Qualifikation unserer Kinder, jungen Menschen und Qualifizierungswilligen investieren, damit der Standort Deutschland weiter sein gutes Image: „Made in Germany" erhalten kann. Unternehmen müssen zukünftig über Innovationen, Grundlagenforschung und Entwicklung, über Zukunftstechnologien und deren Produktion und Service ihre Marktpositionen halten und ausbauen, unter Umständen sogar zusätzliche erarbeiten können.

Nanosensoren für den Einsatz im Körper, neue Generationen von Batterien für Elektrofahrzeuge und „Blockchain" als neue Internetarchitektur seien hier nur beispielhaft genannt für anstehende Herausforderungen.

Wie verändert die Digitalisierung unsere Arbeitsweisen und -formen sowie den Charakter der Arbeit?

Die Digitalisierung hat Auswirkungen auf Arbeitsplätze, auf die Art und die Verteilung der Arbeit sowie auf den Wettbewerb. Bedingt durch die Digitalisierung werden sich zunehmend weitere Arbeitsplätze in die Welt der EDV und IT verschieben. Zukünftig werden noch mehr Computerkenntnisse und Programmiersprachen gefragt sein, damit immer komplexer werdende Systeme in Betrieb gehalten werden können.

Der Charakter der Arbeit wird sich weiter von der tatsächlichen Wertschöpfung z.B. eines Handwerkers hin verschieben zur Überwachung oder dem Service und Wartung von ganzen Produktionssystemen und -Ketten.

Wie muss das Arbeitsrecht reagieren, wenn sich die Arbeitswelt von Grund auf ändert?

Das zukünftige Arbeitsrecht „4.0" muss z.B. den erhöhten Systemanforderungen Rechnung tragen: So muss es zukünftig u.a. möglich sein, die Wertschöpfungsketten innerhalb von großzügigeren Arbeitszeitregelungen und -grenzen in Betrieb zu halten oder wieder möglichst schnell in Betrieb zu bringen, damit nicht (nun für viele am Supply Chain systembeteiligte Firmen und Stakeholder) der Schaden zu groß wird.

Das Arbeitsrecht muss systemrelevante Interessen und Bedürfnisse mehr berücksichtigen. Demgegenüber müssen für die so zusätzlich belasteten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zusätzliche sicher zu realisierenden Ausgleichsmöglichkeiten geschaffen und deren Einhaltung auch verbindlicher überwacht werden.

Welche neuen Ausbildungsberufe werden für das Gelingen des digitalen Wandels benötigt?

Es werden neue Tätigkeits- und Kompetenzprofile entstehen. Vor diesem Hintergrund ist es wichtig, dass sich die Hochschul- und betriebliche Ausbildung auf die veränderte Bedarfssituation anpassen. So steht die Hochschulausbildung vor der Herausforderung, Personal für Entwicklung, Management und Überwachung von Industrie 4.0-Systemen auszubilden.

Die betriebliche Ausbildung muss ihren Fokus mehr auf die Schaffung weitergehender IT-Kompetenzen richten. Künftig werden immer mehr qualifizierte und hochqualifizierte Arbeitnehmer/innen wie Akademiker im Allgemeinen gebraucht und Ingenieure und High Tech-Spezialisten im Speziellen: Berater, Logistiker, Planer, Projekteure, IT-ler, Mechatroniker, Programmierer und hoch flexible High Tech Service Mitarbeiter.

Wird es künftig weniger Facharbeiter geben?

Natürlich wird es zukünftig weiter auch Facharbeiter geben. Vor allem über das Duale Ausbildungssystem in Deutschland - praktisch und parallel dazu schulisch sehr gut ausgebildete. Nur die Anzahl und die Schwerpunkte bzw. die Inhalte der Ausbildung werden sich sehr verändern - hin zum Prozessdenken, der Automatisierungstechnik und IT.

Wie steht es um den Ingenieurnachweis?

Spezialisten für Entwicklung und Programmierung oder interdisziplinäre ausgebildete Ingenieure und Techniker für Prozesse und Management wie z.B. Wirtschaftsingenieure bis hin zu Diplomierten mit mehreren Abschlüssen in unterschiedlichen Disziplinen werden zunehmen, wenngleich die die Passfähigkeit des (Aus-) Bildungssystems auf die Anforderungen der modernen Lebens- und Arbeitswelt auch hier optimiert werden muss.

Wie prägt Industrie 4.0 den Produktionsstandort Deutschland?

Deutschland wird verstärkt zu einem (produktbegleitenden) Dienstleister für Prozesse und Prozessinnovationen, Forschung und Entwicklung werden. Dafür sind Qualitätssicherung und Prozessorganisation von großer Bedeutung. Dabei spielen Vertrieb und Kundendienst eine wichtigste Rolle.

Es werden zunehmend primär High Tech-Produkte oder hoch- bis vollautomatisierte Produkte wirtschaftlich hergestellt werden, bei denen höchste Ansprüche an Qualität, Prozess, Mitarbeiterqualifikation, Logistik und Produktion bestehen.

Wichtig wird sein, dass ein möglichst hoher Automatisierungsgrad realisierbar ist und für das Produkt eine eher hochpreisige, aber vor allem hochqualitative Nachfrage besteht, damit es nicht an beliebiger Stelle auf der Welt reproduziert werden kann.

Der Schlüssel zu dieser Zukunft wird deutsche Motivation und Ausbildung und Studium sein. Von Bedeutung ist aber auch, dass nicht nur bestehende Produktionsverfahren durch Industrie 4.0 optimiert bzw. ersetzt werden, sondern auch neue Märkte, Geschäftsmodelle und Produktionsverfahren und Produkte entwickelt werden. Nur auf diese Weise ist es möglich, dass aus Industrie 4.0 neues und nachhaltiges Wachstum entstehen kann.

Welche Qualifizierungsbedarfe ergeben sich durch Industrie 4.0?

Für Unternehmen auf sachlicher Ebene heißt das, dass Fort-und Weiterbildung gelernt werden muss und eine demographiesensible Unternehmenskultur vorhanden ist. In Bezug auf Werte bedeutet dies mehr Rückbesinnung auf ethische und moralische Werte und weniger auf Gewinnmaximierung.
Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer sollten auf Sachebene Prozesse richtig beherrschen (z.B. IT, EDV), interdiziplinär denken können und lernbereit bleiben. Auf emotionaler Ebene sind u.a. Empathie, Kommunikation, Teamorientierung, Flexibilität und Zielstrebigkeit von Bedeutung. Alle gemeinsam sollte LOYALITÄT für- und zueinander sein.

Welche Rolle spielt Big Data im Personalwesen?

Big Date ist teilweise sinnvoll, teilweise kontraproduktiv. Je mehr Big Data, desto mehr auswertbares Volumen. Je mehr Auswertung, desto mehr stereotypisches Verhalten. Neuer Erfolg, Erfinder, Visionäre, Unternehmer und kreative Selbständige sind oft Untypische oder Seiteneinsteiger oder schlicht weg Glückliche, die nicht immer systematisch erfasst werden können.

Welche Jobprofile werden künftig überflüssig, und welche müssen neu geschaffen werden?

Eher überflüssig werden „anlernbare" produktionsintegrierte Qualifikationen wie Produktionshelfer oder z.B. Lagerarbeiter sein, die durch zunehmende Automatisierung ersetzt werden können. Zunehmend nachgefragt werden Entwickler und Inbetriebnehmer/Servicemitarbeiter wie Mechatroniker, die die immer komplexeren Systeme starten und warten. Neu oder zusätzlich geschaffen werden müssen Qualifikationen, die gerade z.B. Schnittstellen von Mensch zu Maschinen (HMI) entwickeln oder optimieren: Medieninformatiker, Ergonomiespezialisten, Computer Supported Cooperative oder Collabrative Work-Pioniere, die das Zusammenwirken und -Arbeiten von Mensch und Maschine weiter ausgestalten.

In Deutschland werden nicht nur sehr gute Aus- und Fortbildungsmöglichkeiten gebraucht, sondern auch Erfinder, Gründer, Selbständige und Unternehmer, die Visionen haben und diese verfolgen, die neue Chancen in der Welt für Deutschland suchen, gefundene überprüfen und diese zielstrebig, engagiert und nachhaltig in einem möglichst unbürokratischen Umfeld weiter verfolgen und ausbauen! So wie beim Druck, dem Dynamo, und dem Röntgen bis hin zum Fernsehen, dem Computer und dem Gummibärchen. Deutschland darf nicht alle neuen Technologien und Verfahren dem Silicon Valley der USA oder neuen/alten Schwellenländern überlassen.

Wie und wo können die richtigen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter identifiziert werden?

Je nach Bedarf an Spezialisten oder Generalisten und Individualisten über Computergestützte psychologische Auswahlverfahren, Creative Workshops, Studienbegleitung bis hin zu Bekannten aus dem Netzwerk und vielfältigen persönlichen Gesprächen primär über das Web, Social Media und spezielle Rekrutierungskanäle und -Veranstaltungen.

Vielen Dank für das Gespräch.

2017-04-24-1493044269-9908340-WN_Freigestellt.png

(Foto: Neumüller Ingenieurbüro GmbH)

Werner Neumüller in der Huffington Post

____

Lesenswert:

Leserumfrage: Wie fandet ihr uns heute?

2017-03-08-1488965563-6721107-iStock482232067.jpg

Ihr habt auch ein spannendes Thema?
Die Huffington Post ist eine Debattenplattform für alle Perspektiven. Wenn ihr die Diskussion zu politischen oder gesellschaftlichen Themen vorantreiben wollt, schickt eure Idee an unser Blog-Team unter blog@huffingtonpost.de.